Willi Sitte war einer der bekanntesten Künstler der DDR. 2021 jährte sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober 2021, eröffnet im Museum Moritzburg in Halle an der Saale die Retrospektive Sittes Welt. 

Willi Sitte gehörte zu den international bekanntesten Künstlern der DDR. Anlässlich seines 100. Geburtstages zeigt das Kunstmuseum Moritzburg in Halle, wo Sitte viele Jahre lang wirkte, erstmals seit 1989/90 eine Retrospektive seines Œuvres. Es will damit zur Aufarbeitung des als Staatskunst bezeichneten Werks beitragen. Sitte entstammte einer kommunistischen Familie aus Kratzau und trat 1936 dem Kommunistischen Jugendverband bei.

Selbstmordversuche und Parteiverfahren

Während des Zweiten Weltkriegs suchte er nach seiner Desertion Verbindung zu Partisanen in Italien. Da er nach dem Krieg nicht nach Kratzau zurückkonnte, zog er nach Halle, wo er der SED beitrat. Er wurde Mitglied der Volkskammer und des Volkskomitees der SED und damit einer der einflussreichsten Kulturpolitiker der DDR. Aber er war auch Künstler, der mit der geforderten Unterwerfung unter die Normen des Sozialistischen Realismus zu ringen hatte und auf dessen Weg auch zwei Selbstmordversuche und Parteiverfahren standen.

Willi Sitte: Raub der Sabinerinnen
Auf der Suche nach dem eigenem Ausdruck: Willi Sitte: Raub der Sabinerinnen, 1953
(Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders © VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Die Ausstellung zeigt jene Werke aus den 1940er-Jahren, die sowohl künstlerisch als auch im Verhältnis zum Staat und zur Partei wichtige Entwicklungsjahre für Sitte markieren, sowie großformatige Gemälde aus den 1950er- bis 1980er-Jahren. Auf der Suche nach einer Formensprache, die aus der Wirklichkeit abstrahiert, malte Sitte zunächst religiöse Themen. Sein Leitbild in diesen Jahren waren Pablo Picasso und dessen Antikriegsgemälde Guernica und Massaker in Korea, was ihm den Vorwurf „spätbürgerlicher Dekadenz“ einbrachte.

Das Bild der Zukunft

Was Sitte anstrebte, war „das Bild der Zukunft“. 1958 fand er unter dem Einfluss von Renato Guttuso, dessen theoretische Ausführungen ihn beeindruckten, zu den großformatigen Ereignis- und Historiengemälden. So entstand Der Kampf der Thälmann-Brigade in Spanien, gefolgt von Memento-Stalingrad. Leuna 1921 erinnerte 1965 an den Generalstreik im Mansfelder Bergbaurevier, der in blutigen Kämpfen zwischen preußischen Truppen und den Arbeitern mündete.

Willi Sitte: Leuna
Der schöpferische Mensch in der sozialistisch bestimmten Zukunft: Willi Sitte: Leuna 1969
(Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Klaus Göken © VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Mit der Form des Arbeitertriptychons stellte Sitte die Berufung der Arbeiterklasse zur Überwindung von Ausbeutung und Unterdrückung von Individuen und Völkern dar. In Leuna 1969 (Bild) zeigte er den schöpferischen Menschen in der sozialistisch bestimmten Zukunft, die die Arbeiterklasse erkämpft hatte. Sitte hielt auch über das Ende der DDR hinaus an seinen Überzeugungen fest. So untersagte er eine Ausstellung seiner Bilder im Westen. Seine Arbeiten aus den letzten Jahren wie etwa das Selbstbildnis mit Totenkopf zeugen zunehmend von Enttäuschung und Resignation. Begleitend zur Ausstellung erscheint der Katalog.

Weitere Informationen zur Retrospektive Sittes Welt im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale unter: www.kunstmuseum-moritzburg.de

Thomas Beuer-Friedrich und Paul Kaiser (Hrsg.): „Sittes Welt. Willi Sitte: Die Retrospektive“ (Seemann Henschel)

Fotos: Willi Sitte: Selbstbildnis, 1980, Öl auf Hartfaser, 76 x 63 cm, Leihgabe aus Privatbesitz, Foto: Volker Naumann Fotografie © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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