Traditionen und TrendsWo stecken die echten Operetten-Fans?

Foto: Ida Zenner

Eine Suche zwischen Traditionen und Trends.

Frü­her waren sie ein­fach zu fin­den: Ehr­li­che Ope­ret­ten­an­hän­ger saßen meist an Orten mit Stadt­thea­tern, die oft meh­re­re Rei­ßer im Reper­toire hat­ten, vor allem aufs Kas­sen­klin­geln kal­ku­lier­te Titel. Aber nach mehr Geis­tes­tie­fe und dem gewis­sen Etwas ver­lan­gen­de Lieb­ha­ber konn­ten in Groß­städ­ten zu Ope­ret­ten­has­sern wer­den, weil sie dort zu oft eine eben­so spie­ßi­ge Mache mit grö­ße­rer Opu­lenz erdul­den muss­ten. Der teils schon im Natio­nal­so­zia­lis­mus auf­ok­troy­ier­te Klein­bür­ger­geist schlug im Wirt­schafts­wun­der erst rich­tig zu, gip­fel­te in gro­ßen Fil­men und Anne­lie­se-Rothen­ber­ger-Schall­plat­ten. So para­dox es klingt: Erst in den letz­ten Jah­ren, als Musi­cals Ope­ret­ten von den Spiel­plä­nen zu ver­drän­gen droh­ten, wur­de die Gat­tung exklu­siv wie in der Wei­ma­rer Repu­blik. Par­al­lel ziel­ten die Geschwis­ter Pfis­ter mit ihrem Wei­ßen Rössl in der Ber­li­ner Bar jeder Ver­nunft auf jene Grup­pen, die heu­te Bar­rie Kos­ky mit Die Per­len der Cleo­pa­tra oder Cli­via in die Komi­sche Oper Ber­lin lockt. Das hat Erfolg, denn er sprengt die Ope­ret­ten­kon­zep­ti­on alter Hoch­bur­gen wie des Gärtnerplatzthea­ters Mün­chen oder der Volks­oper Wien: Bei Bar­rie Kos­ky gibt es nicht nur den höchs­ten Gla­mour, er rich­tet Ope­ret­te auch als eige­ne fri­vol-frech-fas­zi­nie­ren­de Säu­le auf und reißt sie aus der pau­schal beschwo­re­nen Viel­sei­tig­keit des gesam­ten Spiel­plans. Ope­ret­te wird wie­der zur Explo­si­on sexu­el­ler Dop­pel­deu­tig­kei­ten, die zu lan­ge unter Ball­ro­ben und Blu­men­sträu­ßen ver­steckt wur­den. Das macht Ein­druck und erklärt, war­um Initia­ti­ven zum Bei­spiel des Thea­ters Erfurt mit Kál­máns Baja­de­re und Leon­ca­val­los La regi­net­ta del­le rose schon jetzt fast ver­ges­sen sind.

Arro­ganz gegen­über der Ope­ret­te gehört aber noch immer zum guten Ton. Dabei ist, gemes­sen an der Zahl von Neu­ein­spie­lun­gen – so vie­le gab es seit den 50er-Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts nicht mehr! – das Inter­es­se an unbe­kann­ten Titeln rie­sig. Doch wer hört und sieht das? Opern­en­thu­si­as­ten prah­len mit ent­le­ge­nen Fun­den. Aber ech­te Ope­ret­ten­lieb­ha­ber schwei­gen, weil sie für die­se Schwä­che belä­chelt wer­den. Das gilt nicht mehr für die Wis­sen­schaft, da gibt es so vie­le Inter­es­sen­ten wie noch nie. So ging es im Frei­bur­ger Zen­trum für popu­lä­re Kul­tur und Musik jüngst um Ope­ret­te im Ost­block. Als Grün­der einer Bewe­gung, die Ope­ret­te vor 1933 als ewi­ge Rie­sen­par­ty poly­se­xu­el­ler Codes fei­ert, tritt Kevin Clar­ke nicht nur in LGBT-Grup­pen auf. Die­se gewinnt unter pfif­fi­gen Inten­dan­zen und Off-Büh­nen neue Anhän­ger – an der Neu­köll­ner Oper etwa, wo das „Pari­ser“ ein „Ber­li­ner Leben“ war. Doch dem tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Publi­kum in Dres­den, Leip­zig und Mün­chen ist das egal. Am Gärt­ner­platz­thea­ter erfreut eine Lus­ti­ge Wit­we mit Welt­un­ter­gangs­stim­mung, aber sonst wie gehabt. An der Musi­ka­li­schen Komö­die Leip­zig wird Edu­ard Kün­ne­kes Die gro­ße Sün­de­rin von der Kri­tik als „Nazi-Ope­ret­te“ ver­nich­tet. Die­se Ent­de­ckung im Span­nungs­feld von unge­wöhn­li­cher Musik und ideo­lo­gisch zwei­fel­haf­ter Ent­ste­hung erhielt also kei­ne Wür­di­gung mit för­dern­der Objek­ti­vi­tät. Das könn­te man auch als Signal zur ernst­haf­te­ren Auf­wer­tung neh­men: Leich­te Muse als „Kriegstreiber“-Fanal … Auch weil Die gro­ße Sün­de­rin nicht mit jener geschärf­ten Dia­lek­tik vor­ge­stellt wur­de, die das Werk für heu­te erträg­lich macht, zeigt sich wie­der ein­mal: Ope­ret­te ist viel schwe­rer als Oper. Sie wird auch nicht ein­fa­cher, wenn Bal­lett­her­ren in roten Röcken bei den Gri­set­ten vom Maxim mitro­cken und die Diva den Tod küsst. Genuss ohne Reue oder mit? Das ist die aktu­el­le Fra­ge an die Ope­ret­te, die ganz sicher mehr ist als eine mon­dä­ne Fun-Apo­ka­lyp­se. Mit der Neu­be­wer­tung wan­delt sich das Publi­kum, die Ansät­ze sind spür­bar.

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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