Woher kommt eigentlich... Die Weltmusik?

Gold­zün­gi­ge Sän­ger und wohl­klin­gen­de Musi­ker san­gen und spiel­ten zu Moti­ven im per­si­schen Stil auf ara­bi­sche Melo­di­en nach tür­ki­scher Wei­se und mit mon­go­li­schen Stim­men, den chi­ne­si­schen Geset­zen und der alta­i­schen Metrik fol­gend“, bezeug­te ein Ken­ner im 14. Jahr­hun­dert die Fest­mu­sik am Hofe Timurs, des Lah­men in Samar­kand, dem heu­ti­gen Usbe­ki­stan. Das klingt nach Welt­mu­sik. Die Fra­ge also, woher die Welt­mu­sik kommt, lie­ße sich ein­fach beant­wor­ten: Welt­mu­sik ist Musik aus der gan­zen Welt, die zuein­an­der fin­det. In jedem Unglei­chen fin­det sich ein Glei­ches. Oder, um es mit Nova­lis zu sagen:

Jedes in Allen dar sich stellt
Indem es sich mit ihnen ver­mi­schet …
Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt“

Ob frei­wil­lig, gewalt­sam oder gezwun­gen, durch Völ­ker­wan­de­rung, Ver­schlep­pung, Flucht oder Migra­ti­on – unter­schied­li­che Kul­tu­ren tref­fen auf­ein­an­der und ver­mi­schen sich. Der Tan­go ist eine Melan­ge aus Lie­dern der Gau­chos, der Musik spa­ni­scher und ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer, pol­ni­scher Pol­ka, afri­ka­ni­scher Ein­flüs­se und einer Erfin­dung aus Kre­feld, dem Ban­do­ne­on von Hein­rich Band. Im 15. Jahr­hun­dert erreich­ten Gita­nos, die ursprüng­lich aus Indi­en kamen, das 700 Jah­re von Mau­ren beherrsch­te Anda­lu­si­en, der Fla­men­co lebt von die­sen Ein­flüs­sen. Die Musik der in Nord­ame­ri­ka ver­sklav­ten Afri­ka­ner mün­de­te in Gos­pel und Blues, ohne die kein Jazz, kein Rock, kein Pop denk­bar wäre. Musik als Uni­ver­sal­spra­che ist Welt­mu­sik, ist die Spra­che, mit der sich jeder auf der Welt mit jedem ver­stän­di­gen kann. Es ist die Spra­che des Ver­ste­hens und Befrie­dens.

Die Exis­tenz einer eben­bür­tig gleich­zei­ti­gen Welt­mu­sik wur­de aller­dings auch geleug­net, indem eine Respekt­lo­sig­keit vor frem­den Kul­tu­ren pro­pa­giert wur­de, die befrem­den­der ist als frem­de Kul­tu­ren über­haupt fremd sein kön­nen. Stell­ver­tre­tend für ein Musik­ver­ständ­nis die­ser Art schreibt 1965 Kurt Pah­len, ein sei­ner­zeit viel gefrag­ter Musi­ker und Musik­wis­sen­schaft­ler, der einem brei­ten Publi­kum Musik ver­mit­teln durf­te: „Es gibt eine Fül­le von Musik, zu deren Schaf­fen es kei­ner Syn­the­se aus Kunst und Wis­sen­schaft bedarf. Den­ken wir an die pri­mi­ti­ve Musik exo­ti­scher Völ­ker, aber auch an folk­lo­ris­ti­sche Äuße­run­gen ein­fa­cher Art. Zum Tanz­lied eines afri­ka­ni­schen Stam­mes, zur ein­sa­men Melo­die eines India­ners in den Anden ist kein Kön­nen, kei­ne Tech­nik von­nö­ten, son­dern nur Inspi­ra­ti­on, das heißt, die see­li­sche Kom­po­nen­te. (…) Natür­li­cher­wei­se beschäf­tigt unser Buch („Musik“) sich in ers­ter Linie mit der Kunst­mu­sik, denn ledig­lich die­se muss gleich­zei­tig ‚ver­stan­den‘ und ‚erfühlt‘ wer­den. Hier sind es Genie und Kön­nen, Form und Inhalt, see­lisch-geis­ti­ge Kräf­te, die die Mate­rie bewe­gen.“ Ein­lei­tend hat­te Pah­len sei­ne The­se mit All­ge­mein­plät­zen wie „Kunst kommt von Kön­nen“ und Kunst ist „1 % Inspi­ra­ti­on und 99 % Tran­spi­ra­ti­on“ gespickt.

„Durch die Ver­mäh­lung von Ori­ent und Okzi­dent gelan­gen wir zu dem neu­en Musik­stil“

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1906 ahn­te der Musik­for­scher Georg Capel­len: „Durch die Ver­mäh­lung von Ori­ent und Okzi­dent gelan­gen wir zu dem neu­en Musik­stil, zur ‚Welt­mu­sik‘, die je nach der natio­na­len und indi­vi­du­el­len Ver­an­la­gung des Schaf­fen­den in den ver­schie­dens­ten Nuan­cen schil­lern wird.“ Karl­heinz Stock­hau­sen woll­te 1966 mit sei­ner Visi­on von Welt­mu­sik, der „Tele­mu­sik für Ton­band“, „einem alten und immer wie­der­keh­ren­den Traum näherkommen: einen Schritt wei­ter­zu­ge­hen in die Rich­tung, nicht ‚mei­ne‘ Musik zu schrei­ben, son­dern eine Musik der gan­zen Erde, aller Länder und Ras­sen“.

Stock­hau­sen folg­te fast schon einer didak­ti­schen Idee, die Ohren zu öff­nen für die Ein­zig­ar­tig­keit in der Viel­sei­tig­keit der Musik. So zählt er alle, die in „Tele­mu­sik“ zu hören sind, auf: die „mysteriösen Besu­cher vom japa­ni­schen Kai­ser­hof, die Gagaku-Spie­ler, von der glücklichen Insel Bali, aus der südlichen Saha­ra, von einem spa­ni­schen Dorf­fest aus Ungarn, von den Shipi­bos des Ama­zo­nas, von der Omi­zu­to­ri-Zere­mo­ni in Nara, an der ich drei Tage und Nächte lang teil­nahm, aus dem fan­tas­tisch-vir­tuo­sen Chi­na, vom Kohya­san-Tem­pel, von den Bewoh­nern des Hoch­ge­bir­ges in Viet­nam, (…) und wie­der aus Viet­nam, und noch mehr Zau­ber­haf­tes aus Viet­nam (welch wun­der­ba­res Volk!) … Von den bud­dhis­ti­schen Pries­tern des Jakus­hi­ji-Tem­pels, aus dem Nô-Drama Hô sho riu und was weiß ich wo sonst noch her.“ Stock­hau­sens Wunsch war, alle soll­ten sich „‚zu Hau­se‘ fühlen, nicht ‚inte­griert‘ durch einen admi­nis­tra­ti­ven Akt, son­dern wirk­lich ver­bun­den in frei­er Begeg­nung ihres Geis­tes“. Die Musik der Welt ist Welt­mu­sik – ein Spiel ohne Gren­zen!

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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