Woher kommt eigentlich... Der Himmel voller Geigen?

Und weil ihr so ger­ne an die­sem Rei­gen tanzt, dunkt euch der Him­mel hän­ge voll Gei­gen“, tönt es vor­wurfs­voll bei Luther. Im Him­mel waren es die Engel, die auf die­sem Instru­ment musi­zier­ten. Doch wie schnell ein Engel fal­len und zum Teu­fel wer­den konn­te, wuss­te auch Luther. Viel­leicht erwuchs hier­aus die Idee, die Gei­ge sei ein Instru­ment des Teu­fels. Den wie­der­um konn­te man laut Luther mit Musik ver­trei­ben: „Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Got­tes, die den Teu­fel ver­treibt und die Leu­te fröh­lich macht.“ Der Him­mel vol­ler Gei­gen – ein Ort gött­li­cher Glück­se­lig­keit.
Als Grim­mels­hau­sens „Sim­pli­ci­us sich in die zwei­te Ehe gibt“, hieß es: „Ich ließ treff­lich zur Hoch­zeit zurüs­ten, denn der Him­mel hing mir vol­ler Gei­gen.“ Arnims und Bren­ta­nos Lie­der­samm­lung Des Kna­ben Wun­der­horn ent­hält ein Gedicht mit dem Titel Der Him­mel hängt voll Gei­gen. In Shake­speare Was ihr wollt wird gefragt, ob ein Lie­bes­lied gesun­gen wer­den kann. Der Narr singt, und belo­bigt ob sei­ner „honig­sü­ßen Stim­me“, lau­tet die Ant­wort in Schle­gels Über­set­zung: „Ja, wenn man sie durch die Nase hört, süß bis zum Übel­wer­den. Aber sol­len wir den Him­mel voll Gei­gen hän­gen?“

1912 betrat in Ber­lin Leo Falls Der lie­be Augus­tin die Büh­ne. Und Der Him­mel hängt vol­ler Gei­gen wur­de zum Ope­ret­ten­hit. Der Dra­ma­turg, Regis­seur und Libret­tist Ernst Welisch, dank sei­ner zahl­rei­chen Stu­di­en mit der Her­kunft ste­hen­der Rede­wen­dun­gen ver­traut, hat­te gemein­sam mit Rudolf Ber­nau­er das Libret­to ver­fasst. Doch ursprüng­lich hieß die Ope­ret­te Der Rebell. Unter die­sem Titel fand sie zunächst ihr Publi­kum nicht.

Als Fünf­jäh­ri­ger hat­te Leo Fall bei sei­nem Vater Gei­ge spie­len gelernt. Wie der Vater von Franz Lehár war Falls Vater Kom­po­nist und Mili­tär­ka­pell­meis­ter. Mit 16 spiel­ten Leo und Franz zusam­men Gei­ge in der Kapel­le von Franz Lehár seni­or. Ob die bei­den dort himm­li­sche Töne geig­ten oder wie zwei Teu­fels­gei­ger spiel­ten, ist nicht über­lie­fert. Bei Lehár heißt es spä­ter: Lip­pen schwei­gen, ’s flüs­tern Gei­gen.  

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Lip­pen schwei­gen, ’s flüs­tern Gei­gen, das singt Dani­lo im Duett der Lus­ti­gen Wit­we zu. Lehárs Ope­ret­te lös­te 1905 Falls Rebell nach nur fünf Auf­füh­run­gen am Thea­ter an der Wien ab und trat ihren welt­wei­ten Sie­ges­zug an. Sie­ben Jah­re soll­te es dau­ern, bis Fall sei­ne Ope­ret­te mit Welisch und Ber­nau­er zu Der lie­be Augus­tin umar­bei­te­te. Nun war das Publi­kum begeis­tert.
Wie man eine miss­glück­te Ope­ret­te zu einem Erfolg macht, muss Lehár von Fall gelernt haben, denn als 1923 Lehárs Die gel­be Jacke flopp­te, in der doch im drit­ten Akt so schön duet­tiert wur­de Es hängt der Him­mel vol­ler Gei­gen, brauch­te er im Gegen­satz zu Fall nur sechs Jah­re, um mit der Neu­fas­sung zu tri­um­phie­ren: Das Land des Lächelns. In einem Inter­view soll Lehár ein­mal gefragt wor­den sein, ob er Kon­kur­ren­ten habe? Sei­ne lapi­da­re Ant­wort: „Das ist der Fall.“

Ob Luther oder Goe­thes Mut­ter, die im Janu­ar 1793 einen Brief an ihren Sohn endig­te: „dei­ne treue Mut­ter Goe­the. P. S.: Jetzt hangt hir der Him­mel vol­ler Gei­gen – alle Tage wird gedanzt!“, der Gei­gen­him­mel ist und bleibt eine schö­ne Vor­stel­lung, die auch die Puh­dys gern besan­gen: „Mal hängt der Him­mel vol­ler Gei­gen, mal sind die Ster­ne über­haupt nicht mehr zu seh’n.“

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Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

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