Große Französische OperWonneschauer mit Suchtfaktor

Fantasio
Foto: Pierre Grosbois

Die französische Oper hatte über viele Jahrhunderte hinweg in Deutschland keinen leichten Stand, die „Erbfeindschaft“ wurde auch hier geschürt. Nun feiern diese zeitlosen Werke eine gigantische Renaissance.

Süß­lich, äußer­lich, flach! So lau­te­te noch vor 50 Jah­ren das „Experten­urteil“ über das wei­te Feld fran­zö­si­scher Opern. Damals, als Charles Goun­ods kürz­lich von der Opé­ra Genè­ve als „‚Icône“ gelob­ter Faust in Deutsch­land noch Mar­ga­re­te hieß. Man schäm­te sich für die Freu­de über die vie­len Schla­ger die­ser Par­ti­tur, die ver­meint­lich tri­vi­al an Goe­thes Faust I kratzt. Als kul­tur­fä­hig gal­ten im deut­schen Sprech­raum nur Offen­bachs Les con­tes d’Hoffmann und natür­lich Car­men. Im Reper­toire der Met ver­an­ker­te Juwe­len wie Goun­ods Roméo et Juli­et­te oder Jules Mas­sen­ets wun­der­ba­re Kur­ti­sa­nen­oper Thaïs kann­te man nur von Plat­ten­auf­nah­men mit einer ras­si­gen Anna Moffo auf der Pos­ter­bei­ga­be oder Fern­seh­über­tra­gun­gen.

Das änder­te sich erst mit der Mas­sen­et-Ein­spie­lungs­wel­le kurz vor Erfin­dung der CD und einer eis­bre­chen­den Pro­duk­ti­on: Nach Mas­sen­ets Wert­her im Natio­nal­thea­ter Mün­chen 1977 mit der auf­re­gen­den Bri­git­te Fass­ba­en­der und Pláci­do Dom­in­go über­roll­te eine Wert­her-Wel­le das Land. Charles de Gaulles und Kon­rad Ade­nau­ers deutsch-fran­zö­si­scher Freund­schafts­ver­trag (1963) hat­te doch noch einen för­der­li­chen Ein­fluss auf das nach dem Jahr 2000 end­lich in vol­ler Üppig­keit gedei­hen­de Orchi­de­en­re­per­toire aus Frank­reich.

Den Höhe­punkt bil­det die Edi­ti­on Palaz­zet­to Bru Zane mit Auf­nah­men und wis­sen­schaft­lich ver­läss­li­chen Note­nedi­tio­nen: Gera­de räum­ten Ulf Schir­mer und das Münch­ner Rund­funk­or­ches­ter mit der Welt­er­steinspie­lung von Camil­le Saint-Saëns’ Pro­ser­pi­ne den begehr­ten Inter­na­tio­nal Clas­si­cal Music Award 2018 ab. Über­haupt ist Ulf Schir­mer bei den Sonn­tags­kon­zer­ten des Baye­ri­schen Rund­funks für Pala­zet­to Bru Zane ein pas­sio­nier­ter Wie­der­ho­lungs­tä­ter mit Ben­ja­min Godards Dan­te und Goun­ods Man­tel-und-Degen-Oper Cinq-Mars, die er 2017 an der Oper Leip­zig mit einer umju­bel­ten Pro­duk­ti­on hin­ter­her­schick­te. Ein Spit­zen­werk wie Halé­vys La jui­ve (jüngst erst in Mann­heim, Mün­chen, Nürn­berg) ist ein wich­ti­ges Bei­spiel für die Spie­ge­lung anti­se­mi­ti­scher Ten­den­zen in urba­nen Kul­tur­for­men und gehört seit Neil Shi­coffs rück­halt­lo­ser Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Juden Eléa­zar fast wie­der zum Stan­dard­re­per­toire. In Stutt­gart dau­er­te der Abend mit nur einer kur­zen Pau­se fünf­ein­halb Stun­den.

Die Meis­te­rung sti­lis­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen sind heu­te Stan­dard“

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Regis­seu­re wie Chris­tof Loy und Peter Kon­wit­sch­ny nut­zen die­se fran­zö­si­schen Opern­pan­ora­men für bezwin­gen­de Sze­ne­ri­en und Men­schen­bil­der. Es hat also Grün­de, wenn sich stri­chlo­se Auf­füh­run­gen von Ver­dis fran­zö­si­scher Don Car­los-Fas­sung, Les vêp­res Sici­li­en­nes (in Genf, Lon­don und Ams­ter­dam mit der kurz­wei­lig 27-minü­ti­gen Bal­lett­ein­la­ge) oder Ros­si­nis Guil­lau­me Tell häu­fen und Wag­ners ver­meint­li­che Rekord­län­gen läs­sig über­trump­fen.

Fantasio
Foto: Pierre Gros­bo­is

Die­se fran­zö­si­schen Fun­de bewei­sen ihre auch für die heu­ti­ge Zeit ästhe­ti­sche und qua­li­ta­ti­ve Rele­vanz. Das liegt auch dar­an, dass die Mus­ter der fran­zö­si­schen Oper bereits seit den baro­cken Spit­zen­kom­po­nis­ten Rameau und Lul­ly weit­aus mul­ti­pler waren als jene der „lyri­schen Dra­men“ Ita­li­ens, die sich wie die deut­sche Oper und auch Tschai­kow­sky an fran­zö­si­schen Vor­bil­dern ori­en­tiert hat­ten. Bis zum Auf­stieg Bay­reuths war Paris mit der Aca­dé­mie natio­na­le und der Opé­ra-Comi­que das Vor­bild für Euro­pa, Ame­ri­ka, den Nahen Osten. Oscar Bie erklär­te die geschmei­di­ge Opé­ra-Comi­que mit ihren gespro­che­nen Dia­lo­gen in sei­ner Basis­schrift Die Oper (1913) noch auf dem Höhe­punkt des Wag­ner­kults zur idea­len, weil dra­ma­tisch fle­xi­bels­ten Opern­form. Paul Bek­ker wies in Wand­lun­gen der Oper (1934) aus Zürich der deut­schen Oper als wesent­li­chen Para­me­ter die Dekla­ma­ti­on zu, der ita­lie­ni­schen das Melos und der fran­zö­si­schen Oper den Tanz. Also umge­kehrt zu den spä­te­ren Aus­re­den: Da wur­de die Schwie­rig­keit der Über­set­zung in ande­re Spra­chen oder einer kor­rek­ten Dik­ti­on genannt, um fran­zö­si­sche Opern zu mei­den. Teils berech­tigt, hört man heu­te zum Bei­spiel May­er­beers Gli uge­not­ti von der Mai­län­der Sca­la mit Fran­co Corel­li oder Peter Maags ent­stel­len­de Ein­rich­tung von Mas­sen­ets Manon. Die Meis­te­rung sti­lis­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen sind heu­te Stan­dard auch klei­ne­rer Thea­ter, so nach­zu­hö­ren auf dem Album mit der sen­sa­tio­nel­len Wie­der­ent­de­ckung von Goun­ods Schau­er­oper Die blu­ten­de Non­ne am Thea­ter Osna­brück.

End­lich fin­den die gro­ßen Wer­ke des Ber­li­ners Gia­co­mo Mey­er­beer, mög­lich durch die kri­ti­sche Werk­aus­ga­be, ihren Weg zurück auf die Büh­nen, zum Bei­spiel im Kraft­akt eines vier­tei­li­gen Zyklus an der Deut­schen Oper Ber­lin. Span­nend ist das sogar bei der lei­der nicht ganz über­zeu­gen­den Pro­duk­ti­on Le pro­p­hè­te 2017. Zu einer atem­be­rau­ben­den Aktua­li­sie­rung des Wie­der­täu­fer-Dra­mas wur­de die­ser aller­dings 2015 durch den Regis­seur Tobi­as Krat­zer und das Ensem­ble des Badi­schen Staats­thea­ters Karls­ru­he.

Die­ser lie­bens­wer­te Hasar­deur ist pari­se­risch, münch­ne­risch“

Über­wun­den schei­nen jene Pole­mi­ken, die um 1770 mit Gott­scheds und Schil­lers Kri­tik an der klas­si­schen Tra­gö­die Frank­reichs began­nen, mit Richard Wag­ners nei­di­schen Invek­ti­ven ihren Höhe­punkt erreich­ten und in den weich­li­chen Kri­ti­ken der Nach­kriegs­zeit ver­san­de­ten. Ganz gewiss lag es nicht am gewan­del­ten Zeit­ge­schmack, dass nach 1914 Ros­si­nis Wil­helm Tell, Mey­er­beers Die Huge­not­ten und Der Pro­phet von den Büh­nen ver­schwan­den. Man woll­te nach der Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg und den Ver­trä­gen von Ver­sailles ein­fach kei­ne Wer­ke aus dem Lager des Erz­feinds auf den Spiel­plä­nen sehen. Spä­ter per­fek­tio­nier­te der eng­stir­ni­ge Pro­pa­gan­da­blick der Natio­nal­so­zia­lis­ten die­se Aus­gren­zung. Mit bekannt absur­den Aus­wir­kun­gen, die erst seit Beginn des fran­zö­si­schen Opern­booms durch deli­ziö­se Won­ne­schau­er gesühnt wer­den.

Ein beson­ders mar­kan­tes Opfer des deutsch-fran­zö­si­schen Opern­kamp­fes ist Jac­ques Offen­bachs Fan­ta­sio, der wie die stoff­ge­ben­de Komö­die Alfred de Mus­sets in Mün­chen spielt. Am Ori­gi­nal­schau­platz steht die Erst­auf­füh­rung die­ses ele­gisch-bezau­bern­den Werks übri­gens noch immer aus. Nach dem Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/71 war der gebür­ti­ge Köl­ner Offen­bach in Frank­reich als deutsch­stäm­mi­ger Thea­ter­lei­ter wirt­schaft­lich erle­digt – im Deut­schen Reich galt er, weil nach Paris umge­sie­delt, als Abtrün­ni­ger. Die Fan­ta­sio-Urauf­füh­rung an der Opé­ra-Comi­que konn­te 1872 so nur zum Ach­tungs­er­folg wer­den. Dank der kri­ti­schen Edi­ti­on von Jean-Chris­to­phe Keck trieb der Münch­ner Stu­dent, der Prin­zes­sin Eli­sa­beth von Bay­ern vor einer unsin­ni­gen Ver­lo­bung ret­tet, zuletzt 2017 in Paris und Genè­ve in der Dar­stel­lung durch die wun­der­ba­re Mari­an­ne Cre­bassa sein bit­ter­sü­ßes Unwe­sen. Die­ser lie­bens­wer­te Hasar­deur ist pari­se­risch, münch­ne­risch, fran­zö­sisch, deutsch und mit sei­nem Pazi­fis­mus inter­na­tio­nal. So inter­na­tio­nal wie die Viel­falt noch zu ent­de­cken­der Opern aus Frank­reich. Ein uner­schöpf­li­cher Sucht­fak­tor für Geist, Herz und Sin­ne. C’est ça!

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Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

1 Kommentar

  1. Und wo blei­ben Hec­tor Ber­li­oz heu­te über­all gespiel­te genia­len Tro­ja­ner, sein Ben­ven­uto Cel­li­ni und „La Dam­na­ti­on de Faust“, künst­le­risch Mey­er­beer und wohl auch ande­ren franz. Opern­kom­po­nis­ten weit über­le­gen?
    Hier hat der Bericht­erstat­ter wohl eine Gedächt­nis­lü­cke?

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