Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

dieses Mal mit einer politischen Debatte über Valery Gergiev, mit ersten Eindrücken von den Salzburger Festspielen und allerhand Zoff um Leonard Bernstein und beim Maggio Musicale.

WAS IST

Anna Netrebko wurde bei der Salzburg-Premiere gefeiert – als sie erkrankte, tobte der Mob.

SALZBURGER PUBLIKUMS-MOB

Die Premiere war ein Fest der Stimme: Anna Netrebko mit „Buttercrème und Pathos“ in der konzertanten Aufführung von Adriana Lecouvreur bei den Salzburger Festspielen. Dann kam ein Schnupfen, und das eigentliche Drama nahm seinen Lauf: Als der kaufmännische Direktor der Festspiele, Lukas Crepaz, Netrebkos Absage bei der zweiten Aufführung bekannt gab und dann auch noch erklärte, dass Ehemann Yusif Eyvazov indisponiert sei, drehte der Salzburger Goldketten-Mob vollkommen durch: „Es begann ein heftiges, laut brüllendes Buh-Konzert, mit deutlichen Verbalinjurien“, die Leute schimpften, schrien, zerrissen provokant ihre Eintrittskarten und ließen ihre Enttäuschung an Eyvazov aus. Man mag davon halten, was man will, dass die Netrebko am liebsten mit ihrem Mann auftritt. Aber wer sich eine Opernkarte allein für einen Namen kauft und am Ende sauer ist, dass der Name Husten hat, sollte den Sinn der Institution Oper einfach mal überdenken. Besonders bei Netrebko, die nun wirklich nicht als Absagerin bekannt ist. Vor allen Dingen aber könnte man vor lauter Wut die Entdeckung eines neuen Stars verpassen – in diesem Falle der chinesischen Sopranistin Hui He, die ihre Sache besser als gut erledigte.

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe in der letzten Woche fast täglich ein Video der Salzburger Festspiele in meiner Facebook Timeline angezeigt bekommen, die mich fast schon  penetrant angebettelt hat, doch bitteschön Karten für das Konzert von Igor Levit mit Werken von Beethoven und Mahler im Haus für Mozart zu kaufen. Es wird immer klarer: Selbst die Salzburger Festspiele sind längst kein Selbstläufer mehr. Und das liegt nicht am Programm. Es ist ein eher strukturelles Problem: Auch andere Sommermusikfestivals haben es immer schwerer. Der Grund: Die Konkurrenz wird größer, selbst in kleinen Orten steht inzwischen Sommer-Klassik auf dem Programm – die Kosten für einen Besuch in Salzburg oder Bayreuth lassen viele zwei Mal nachdenken. Es beginnt eine neue Nervosität unter den Intendanten. Die österreichische Zeitschrift News berichtete (in der Print-Ausgabe), wie Salzburg-Intendant Markus Hinterhäuser Orchestern, die in Salzburg auftreten, inzwischen verbietet, bei anderen Festivals aufzutreten – ob das dem Markt hilft, ist fraglich.

BAYREUTH BIBBERT VOR EGGERT 

Der Komponist Moritz Eggert wurde vor einiger Zeit gebeten, einen Essay für den Almanach 2019 zu den Bayreuther Festspielen zu schreiben. Die Aufgabenstellung war: „Wie sieht Bayreuth im Jahre 2049 aus?“ Also machte er sich an die Arbeit: Eine virtuelle Bayreuth-Führung aus der Retorte. In seinem Text steckt sehr viel lustige Wut, ein bisschen Absurdität und allerhand Wagner-Hass … war das der Grund, dass der Almanach beschloss, Eggerts Artikel dann lieber doch nicht zu drucken? Klar, die Angriffe auf Eggerts Lieblingsfeindin, Nike Wagner, sitzen. Nun ist sein verbaler Rundgang über und unter der Bayreuther Gürtellinie eben hier nachzulesen. Wer es ernsthafter mag, dem sei der Essay über Bayreuth und die Verarbeitung des Nationalsozialismus von Udo Bermbach in der NZZ empfohlen.

NACHKLAPP GERGIEV

Letzte Woche haben wir von den Verrissen für Valery Gergievs Bayreuther Tannhäuser berichtet. Nun sickerte durch: Die Festspiele werden sich im nächsten Jahr von dem russischen Dirigenten trennen. Gergiev wird durch Axel Kober ersetzt. By the way: ein hübscher Tipp-Fehler in einem Kommentar über Gergiev unterlief dem ehemaligen Welt-am-Sonntag-Chefredakteur Peter Huth, der Gergiev „homphonie“ unterstellte. Derweil fragte die Bild-Zeitung wieso Angela Merkel, Jens Spahn und Katrin Göring-Eckardt dem „homophoben“ Maestro, der gern die von Europa sanktionierte Ukraine-Politik Russlands verteidigt, überhaupt applaudieren. Die Antwort: Spahn und sein Ehemann applaudierten gar nicht, und Göring-Eckardt erklärte: „Das richtige politische Statement hat der Regisseur Tobias Kratzer gegeben: die Regenbogenfahne auf der Bühne und die Inszenierung, die frei und offen war, waren stark.“ Und Gergiev? Der erklärte einer russischen Zeitung, dass die kollektiven Verrisse in Europa nicht an seinem Dirigat gelegen hätten, sondern daran, dass es eben sei wie bei den pro-ukrainischen Demonstrationen in den USA: alles organisiert!

WAS WAR 

Hyperrealismus: Simon Stones Inszenierung der „Médée“ bei den Salzburger Festspielen.

ZOFF BEIM HESSISCHEN RUNDFUNK 

Große Resonanz gab es auf den letzten Newsletter – vor allen Dingen von Mitarbeitern des Hessischen Rundfunks, dessen Kultursender hr2-kultur in einen Klassik-Sender umgewandelt werden soll. Programmdirektor Heinz-Dieter Sommer und Wellenchefin Angelika Bierbaum, beide kurz vor der Pensionierung, ebenso wie Intendant Manfred Krupp, wollen das aufwändige Kulturradio zu einen Musik-Dudel-Sender umstrukturieren. Eine der Mails, die mich aus dem Haus erreichte, lautete wie folgt: „Der HR hat seit 15 Jahren keinen Musikredakteur (außer für Neue Musik – ohne rechte Sendezeit…) mehr eingestellt, das heißt: es gibt gar keine Redaktion, die ein solches Programm auch nur notdürftig stemmen könnte. BR-Klassik als Maßstab: die brauchen mindestens 50 feste und freie Mitarbeiter … Von France Musique und BBC3 ganz zu schweigen, aber mit denen muss sich der HR halt im Internet messen!

ZOFF BEIM MAGGIO MUSICALE

Nun ist der Dirigent Fabio Luisi sicherlich nicht der leichteste Maestro unter der Sonne. Dass er das Festival Maggio Musicale in Florenz quasi fristlos verlässt, hängt aber weniger mit seinem Temperament, sondern damit zusammen, dass sein Chef, der Gründer des Festivals, Cristiano Chiarot, geschasst wurde und in Zukunft vom einflussreichen Theatermanager Salvatore Nastasi ersetzt wird. „Ich kündige meinen Rücktritt mit extrem gemischten Gefühlen an und mit persönlichem Bedauern“, erklärte Luisi, „aber die für mich nicht nachvollziehbaren strategischen Entscheidungen sorgen bei mir dafür, dass mein Wille erlahmt ist, die neue Richtung für das von Chiarot gegründete Festival weiter zu unterstützen.“ 

ZOFF UM BERNSTEIN-FILM

Der Schauspieler und Musical-Darsteller Jake Gyllenhaal hatte erst kürzlich angekündigt, einen exklusiven Bio-Film über Leonard Bernstein zu drehen. Daraus wird nun wohl nichts! Denn gerade hat Bradley Cooper bekannt gegeben, er werde diesen Film drehen – und zwar mit Steven Spielberg als Produzenten. Spielberg wird von Paramount Pictures unterstützt, für die er gerade Bernsteins West Side Story neu verfilmt (wir haben berichtet). Und Hollywood ist hart. Bernsteins Kinder, Jamie, Alexander und Nina sind die Herren über die Komponisten-Rechte, und sie erklärten nun: „Wir sind von Paramount Pictures überzeugt. Sie verstehen unseren Vater und sind begeistert davon, seine Geschichte zu erzählen.“ Gyllenhaal hat inzwischen aufgegeben und sein Bernstein-Projekt begraben. 

AUF UNSEREN BÜHNEN

In seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele hat Peter Sellars den Umweltschutz beschworen – leider auch in seiner Idomeneo-Inszenierung, die einhellig als aufgestülpt verrissen wurde. Bleibt die Frage, warum Teodor Currentzis und Sellars die Oper Mozarts, die sie offensichtlich zusammengestrichen haben, da sie ihnen in großen Teilen nicht gefällt, überhaupt in Angriff genommen haben. +++ Salzburg-Intendant Markus Hinterhäuser, so hört man, bleibt Currentzis aber dennoch treu: Nächstes Jahr wird er die Festspiele wohl mit Don Giovanni eröffnen. – Regie soll Salome-Regisseur Romeo Castellucci führen. Außerdem wird es wohl eine Elektra mit Franz Welser-Möst geben und einen neuen Boris Godunow. +++ Simon Stone inszenierte in Salzburg Cherubinis Médée. Ähnlich wie Tobias Kratzer in Bayreuth ein Fan des Hyper-Realismus. Das Feuilleton findet: „Für dieses Stück braucht man einfach eine neue Callas“ (Christian Wildhagen in der NZZ) oder findet es einfach „Rumstehtheater mit Go-go-girls (Jan Brachmann in der FAZ). Die eigentliche Frage scheint mir: Gibt es eigentlich noch wirklich neue Regie-Perspektiven? Oder beobachten wir gerade Höhepunkt und Ende des so genannten Regietheaters? +++ Das Theater Hagen ist einer der Überraschungssieger in der Umfrage des Theatermagazins Die Deutsche Bühne. 60 Autorinnen und Autoren wählten die westfälische Bühne auf den Spitzenplatz in der Kategorie „Überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“.

PERSONALIEN DER WOCHE

Riccardo Muti will nicht mehr an der Mailänder Scala dirigieren – auch nicht unter dem neuen Direktor Dominique Meyer: „Ich schätze Meyer, er wird an der Scala eine großartige Arbeit leisten. Das Problem ist, dass ich das Scala-Orchester nicht mehr kenne und nicht weiß, wie es spielt“, so Muti im Interview mit der Tageszeitung Il Giornale. „Ich weiß nicht mehr, auf welchem Niveau das Orchester spielt, und ich habe keine Lust, mich an die Arbeit zu machen. Es gibt nicht viele Orchester, mit denen ich arbeite.“ +++ Der Landesrechnungshof Tirol übt Kritik am geschassten Dirigenten und Intendanten der Festspiele in Erl, Gustav Kuhn. Der soll seine Spesen „nicht nachvollziehbar dokumentiert“ haben. +++ Letzte Woche haben wir über das West-Eastern Divan Orchestra berichtet. Diese Woche hat Udo Badelt im Tagesspiegel ein sehr lesenswertes Porträt über den Pianisten Saleem Ashkar geschrieben – er hat ein Orchester für jüdische und palästinensische Israelis gegründet. 

WAS LOHNT

Lise Davidsen, die Elisabeth in Bayreuths „Tannhäuser“ hat eine Aufnahme mit Strauss und Wagner herausgebracht – hörenswert.

Sie war die große Entdeckung der Tannhäuser-Premiere der Bayreuther Festspiele. Nun kann man die Norwegerin auch zu Hause im Wohnzimmer die „teure Halle“ besingen lassen – Lise Davidsen hat die Vier letzten Lieder von Richard Strauss und Arien aus Tannhäuser und Ariadne aufgenommen: Strahlend, samtig und mit wunderbar geführter Dramatik, vollkommen ohne Kitsch. Begleitet wird sie vom zuweilen etwas schleppend auftretenden Philharmonia Orchestra unter Esa-Pekka Salonen.

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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