Der Countertenor Yaniv d’Or ist ein feinsinniger Exot in der Welt der Klassik. Nun erscheint sein neues Album „Exaltation“ als Höhepunkt einer außergewöhnlichen Trilogie.

Yaniv d’Or hat lange nach seiner Heimat gesucht. Er hat sie in sich selbst gefunden. Und zählt heute zu den spannendsten, ungewöhnlichsten Künstlern seines Fachs. Der Countertenor kam 1975 in Holon in Israel auf die Welt und fand über das Klavier zur Musik. Später entdeckte er die polyfone Kirchenmusik für sich und die großen klassischen Komponisten. „Auf der Highschool hatte ich Musik als Schwerpunkt und habe Mahler kennengelernt, Wagner, Händel und Monteverdi … Es war eine Offenbarung“, erzählt er. Doch bald schon fiel seine außergewöhnliche Stimme auf: füllig, kraftvoll, ein Countertenor, der mit sattem Vibrato und eindringlicher Dynamik die ganze Gefühlspalette ausdeuten kann. D’Ors Stimme hat wenig gemein mit der schlanken, schwebenden Eleganz mancher seiner Stimmfachkollegen. Bei ihm ist immer der ganze Körper spürbar. Und bis heute schwingt eine gewisse Wildheit mit. Was ihm während seines Studiums an der Guildhall School of Music and Drama in London durchaus Probleme bereitete. „Ich war immer ein wenig Außenseiter“, sagt Yaniv d’Or. Harte Kämpfe habe er fechten müssen, um sich selbst treu zu bleiben. „Keiner wusste, in welche Schublade er mich stecken soll“, erinnert sich d’Or. „Für einen Opernsänger habe ich mich zu sehr für traditionelles Liedgut interessiert, für Barockmusik zu viel Vibrato genommen. Es war ein langer Weg. Heute aber fühle ich mich komplett und frei. Meine Stimme ist mein Zuhause.“

„Für einen Opernsänger habe ich mich zu sehr für traditionelles Liedgut interessiert, für Barockmusik zu viel Vibrato genommen“

Meist ist Yaniv d’Or auf den Opernbühnen dieser Welt zu erleben – als Rinaldo, Giulio Cesare, Orfeo. Auf seinen Alben spürt der 43-Jährige das musikalische Erbe seiner Vorfahren auf, mischt alte mit neuen Klängen und komponiert auch selbst. D’Or nennt diese Mixtur „Folk Barock“, und auch sein neuestes Album „Exaltation“ zeugt davon. Es ist nach „Liquefacta Est“ und „Latino-Ladino“ der Abschluss einer Trilogie, auf der er die unterschiedlichen musikalischen Traditionen der drei monotheistischen Religionen erkundet. Hier wird er zum Brückenbauer, der da Gemeinsamkeiten aufzeigt, wo andere Grenzen ziehen – musikalisch wie menschlich. „Ich will kein Klischee auftischen. Aber es gibt so viel Tumult, Ausgrenzung und Angst in unserer Welt. Dabei ist für jeden Platz. Wir alle wollen gehört werden. Wir alle sehnen uns nach Liebe.“ Mit seiner Musik deutet Yaniv d’Or dieses urmenschliche Streben klangsinnlich aus, begleitet von seinem Ensemble NAYA, das mit klassischen und orientalischen Instrumenten aus Ost und West Klangfarben mischt.

Unter „Exaltation“ versteht d’Or einen Zustand vollkommener Einheit. „Momente, in denen man sich verbunden fühlt mit der Welt, entspannt, ruhig, friedfertig, ganz bei sich und zugleich weit weg.“ Er selbst erreiche diesen Zustand immer wieder auf der Bühne: „Ich schlüpfe komplett in eine Rolle, ich werde die Person, die ich singe. Distanziert singen kann ich nicht“, stellt er fest. Es müsse auch gar nicht alles korrekt und exakt sein. Stattdessen sei das Singen für ihn ein Zustand, „der Körper und Seele gleichermaßen packt“. Dann fühlt Yaniv d’Or sich ganz zu Hause.

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Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

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