Freemuse Zensiert, verfolgt, getötet – Kunst(un)freiheit heute

Die Organisation Freemuse kämpft um die internationale Freiheit der Kunst. Ist ein Sieg möglich?

Sie sind zu zwölft, bald sogar zu fünf­zehnt. Sie kom­men aus Däne­mark, sit­zen inzwi­schen aber auch in Ser­bi­en, Marok­ko und Nige­ria. Unter­stüt­zer und Kon­takt­per­so­nen haben sie auf der gan­zen Welt. Und sie haben ein gro­ßes Ziel: Kunst­frei­heit mit allen Mit­teln zu ver­tei­di­gen und Ver­stö­ße gegen sie zu doku­men­tie­ren und öffent­lich zu machen. Das ist Fre­e­mu­se, eine 1998 gegrün­de­te inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on. Ich spre­che mit Geschäfts­füh­rer Sri­rak Pli­pat. 

Zwei Drit­tel aller Ver­stö­ße gegen die musi­ka­li­sche Frei­heit wur­den von Regie­run­gen began­gen. 

Pli­pat  beginnt mit einer düs­te­ren Ein­schät­zung: Welt­weit habe sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der Zustand der Kunst­frei­heit ver­schlech­tert. Es gebe eine regel­rech­te Kul­tur des Zum-Schwei­gen-Brin­gens, der glo­ba­len Into­le­ranz gegen­über Anders­den­ken­den. Grund dafür sei­en kon­kur­rie­ren­de Wer­te­sys­te­me, ins­be­son­de­re rech­tes Gedan­ken­gut, wie etwa das von Prä­si­dent Trump in den USA. Statt mit Anders­den­ken­den zu dis­ku­tie­ren, wür­den die­se scharf ver­ur­teilt. In Euro­pa sei mit der Flücht­lings­kri­se die Immi­gran­ten­feind­lich­keit gewach­sen: „Sobald Macht­ha­ber Men­schen mit ande­rer Iden­ti­tät als >die Ande­ren< als >Die, die nicht zu uns gehö­ren< dif­fa­mie­ren, Metho­den der Ruhig­stel­lung legi­ti­mie­ren und dies an die brei­te Gesell­schaft, die Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen und die unte­ren Ver­wal­tungs­ebe­nen wei­ter­ge­ben, ist das extrem alar­mie­rend.“

Im Jahr 2017 wur­den

63 Musi­ker Opfer von Zen­sur

2 getö­tet

4 ent­führt

22 ange­grif­fen

31 ver­haf­tet

Wann immer die freie Mei­nungs­äu­ße­rung beschnit­ten wird, trifft es meist gleich­zei­tig auch die Musik. Den Unter­su­chun­gen von Fre­e­mu­se zufol­ge waren in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Musi­ker am stärks­ten von Zen­sur betrof­fen, gefolgt von Fil­me­ma­chern und Bil­den­den Künst­lern. „Musik ist ein mäch­ti­ges Kom­mu­ni­ka­ti­ons­werk­zeug. Und sie kom­mu­ni­ziert über die Gefühls­ebe­ne. Sie lässt den Hörer direkt teil­ha­ben, wäh­rend man zum Bei­spiel beim Film als Betrach­ter doch etwas außer­halb bleibt“, beob­ach­tet Pri­pat. Des­halb gebe Musik so oft Anlass zur Ver­fol­gung. 

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Aktu­el­le Bei­spie­le sei­en etwa der kur­di­sche Musi­ker Fer­hat Tunç, der immer wie­der über sein Ide­al einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft singt. Er ist Mit­glied der Par­tei DBP, die sich für die Inter­es­sen der kur­di­schen Min­der­heit ein­setzt. Des­halb wur­de er im Sep­tem­ber in Istan­bul wegen „Ter­ror­pro­pa­gan­da“ zu einem Jahr und elf Mona­ten Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. „Das ist unver­ein­bar mit inter­na­tio­na­len Men­schen­rech­ten!“ pro­kla­miert Pri­pat. 

Dann wäre da noch der rus­si­sche Rap­per Hus­ky – weil sei­ne Tex­te angeb­lich zu Kan­ni­ba­lis­mus auf­ru­fen zu elf Tagen Haft ver­ur­teilt. [Im Rap sieht Prä­si­dent Vla­di­mir Putin ins­ge­samt einen bekämp­fungs­wür­di­gen Mix aus „Sex, Dro­gen und Pro­test“, Anm. d. Red.]. Oder der ägyp­ti­sche Künst­ler Ramy Essam, der aus sei­nem Hei­mat­land flie­hen muss­te und nun nicht zurück kann, weil er ein Gedicht für sei­ne Lied­tex­te benut­ze, das für eine offe­ne­re Gesell­schaft plä­diert. [2011 trat er außer­dem wäh­rend der ägyp­ti­schen Revo­lu­ti­on auf dem Tahr­ir-Platz in Kai­ro auf, Anm. d. Red]

 „Etwa 90 Pro­zent der Musik wird wegen ihres Tex­tes zen­siert“, ana­ly­siert Pri­pat. Manch­mal rei­che aber auch der rei­ne Gebrauch einer bestimm­ten Spra­che zur Zen­sur, so etwa die Ver­wen­dung der Spra­che Nde­be­le in Zim­bab­we wegen Stam­mes­kon­flik­ten, aber auch des Joik-Gesangs – einer Art Jod­ler der Samen – in Nor­we­gen, weil er angeb­lich Unglück bringt.

Top 5 der Län­der mit Musik­zen­sur 2017 (nach Anzahl der Fäl­le)

1. Spa­ni­en

2. Ägyp­ten

3. Chi­na

4. Mexi­ko

5. Iran und USA

Neben die­sen offen­kun­di­gen For­men von Zen­sur gibt es etli­che Grau­zo­nen, die Fre­e­mu­se eben­falls ver­sucht zu erfas­sen. „Natür­lich haben Poli­tik und Insti­tu­tio­nen das Recht, Kunst­pro­jek­te aus­zu­wäh­len, die sie finan­zi­ell unter­stüt­zen wol­len, solan­ge nicht nach­ge­wie­sen wer­den kann, dass Ent­schei­dun­gen nach Partei‑, Ras­sen- oder Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit getrof­fen wer­den“, erklärt Pri­pat. „In der Ver­gan­gen­heit konn­te Fre­e­mu­se aber zum Bei­spiel in Ost­eu­ro­pa beob­ach­ten, wie Poli­ti­ker ihren Ein­fluss nutz­ten, um Füh­rungs­per­so­nal in Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen zu kün­di­gen und durch Per­so­nen auf ihrer poli­ti­schen Linie zu erset­zen.“ 

Und natür­lich kön­ne man auch durch finan­zi­el­le Unter­stüt­zung bezie­hungs­wei­se Nicht-Unter­stüt­zung poli­tisch uner­wünsch­te Pro­jek­te aus­boo­ten – eine gefähr­li­che Form der Zen­sur, weil sie schwer auf­zu­spü­ren ist. Auch in Deutsch­land herrscht nach Pri­pats Beob­ach­tun­gen bei den Insti­tu­tio­nen Zurück­hal­tung bei­spiels­wei­se dabei, regie­rungs­kri­ti­sche Kunst zu unter­stüt­zen.

Grün­de für Musik­zen­sur welt­weit

48% poli­tisch

23% wegen „Unan­stän­dig­keit“

14% reli­gi­ös

8% Hass­re­de

Grund­sätz­lich haben die meis­ten Fäl­le von Kunst­zen­sur in Deutsch­land etwas mit Anti­se­mi­tis­mus oder Anti­is­rae­lis­mus zu tun, was auf­grund der Geschich­te nach­voll­zieh­bar ist“, erläu­tert Pri­pat. Letz­tes Jahr wur­de die schot­ti­sche Erfolgs­band Young Fathers bei der Ruhr­tri­en­na­le aus­ge­la­den, da die­se sich nicht von der israel­kri­ti­schen soge­nann­ten BDS-Kam­pa­gne distan­zie­ren woll­te. „Musi­ker auf­grund ihrer poli­ti­schen Hal­tung Auf­tritts­ver­bot zu ertei­len ist gegen inter­na­tio­na­le Men­schen­rechts­stan­dards“, betont Pli­pat.

Aber was, wenn bei­spiels­wei­se anti­se­mi­ti­sche oder ras­sis­ti­sche Inhal­te in der Kunst ver­mit­telt wer­den? Gibt es posi­ti­ve For­men von Zen­sur? Pli­pat defi­niert die Gren­ze der Kunst­frei­heit mit der soge­nann­ten „Hass­re­de“, die drei Kom­po­nen­ten hat: 1. Sie rich­tet ihren Hass gegen eine ganz bestimm­te Grup­pe (z.B. Reli­gi­on, Ras­se, sexu­el­le Ori­en­tie­rung oder sons­ti­ge Min­der­heit); 2. Die­se Grup­pe muss gezielt dis­kri­mi­niert wer­den; 3. Es wird meist direkt zu Gewalt ermu­tigt. „Wenn wir zum Bei­spiel einen schlech­ten Film anschau­en und – auch mit wirk­lich star­ken Wor­ten – sagen, wie grau­en­voll er war, ist das noch kei­ne Hass­re­de. Oft sin­gen Men­schen Tex­te, mit denen wir uneins sind. Aber wir müs­sen die­se Men­schen schüt­zen, auch wenn wir deren Mei­nung nicht tei­len“, so Pli­pats Über­zeu­gung.

In Sau­di Ara­bi­en dür­fen Frau­en nicht öffent­lich vor Män­nern auf­tre­ten, im Iran dür­fen sie über­haupt nicht vor Män­nern auf­tre­ten.

In Euro­pa, wo die Zen­sur­la­ge ins­ge­samt etwas bes­ser sei, hapert es in Sachen Gen­der-Gleich­heit. Pli­pat prä­zi­siert: „Frau­en wird der Weg zur künst­le­ri­schen Frei­heit noch immer ver­wehrt! Sei es durch Chan­cen-Ungleich­heit oder sexu­el­le Beläs­ti­gung. Selbst in der klas­si­schen Musik: In der 150-jäh­ri­gen Geschich­te der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker gab es gera­de mal eine Diri­gen­tin.“

Und Sri­rak Pli­pats Blick in die Zukunft? „Es wird noch schlech­ter wer­den, bevor es bes­ser wird!“ In Nord­ame­ri­ka und in min­des­tens 13 Län­dern Euro­pas sind rech­te Grup­pie­run­gen im Auf­stieg begrif­fen, wäh­rend der Zustand in den tra­di­tio­nell repres­si­ven Län­dern wie Iran, Chi­na und Russ­land unver­än­dert bleibt. In libe­ra­len Län­dern wie Frank­reich oder Spa­ni­en hat sich die Situa­ti­on in den letz­ten zwei Jah­ren mas­siv ver­schlech­tert. Pli­pat bleibt den­noch opti­mis­tisch: „Wir wer­den noch viel här­ter arbei­ten müs­sen, bevor es wie­der bes­ser wird!“

Sta­tis­ti­ken und Zah­len ent­stam­men dem Bericht „The Sta­te of Artis­tic Free­dom 2018“ von Fre­e­mu­se. Der Bericht 2019 ist der­zeit im Ent­ste­hen und erscheint vor­aus­sicht­lich im April auf www.freemuse.org.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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