Am Sonntag, den 31. Mai 2020, beginnt ein dreitägiges Audiokunstprojekt mit dem Titel This Evening’s Performance has not been cancelled. Die Künstlerin Zoë Irvine ließ sich dazu von der Erfindung des Théâtrophones inspirieren. Auf Initiative der Nationaloper Bergen schuf sie ein Projekt, das Einblicke in Inszenierungen vermittelt, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht gezeigt werden konnten.

Die Oper Der Mordfall Halit Yozgat von Ben Frost basiert auf einem bis heute ungeklärten Umstand um den Mord der rechtsextremen Terrorgruppe NSU. Am 6. April 2006 geschah in einem Internet-Café in Kassel ein grausamer Mord. Zwei gezielte Kopfschüsse streckten den 21-jährigen Halit Yozgat nieder, der damit zum neunten von zehn Opfern der rechtsextremen Terrorgruppe NSU wurde. Fünf Zeugen befanden sich zur Tatzeit im Café, darunter Andreas Temme, ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Er behauptete, weder den Mord, noch den Toten bemerkt zu haben. Der Fall ist bis heute ungeklärt.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Probenfoto zur Oper Der Mordfall Halit Yozgat mit Hubert Zapiór, Yannick Spanier, Nicolas Matthews
Probenfoto zur Oper Der Mordfall Halit Yozgat mit Hubert Zapiór, Yannick Spanier, Nicolas Matthews
(Foto: © Kerstin Schomburg)

Die Kunst- und Rechercheagentur Forensic Architecture rekonstruierte für die documenta 14 in Kassel 2017 den Tathergang und stellte Unstimmigkeiten zu den Aussagen Temmes fest. Ben Frost, der in seinen Arbeiten nach neuen Verbindungen von Musik, Körper, Performance und Tanz sucht, entwickelte aus den Rechercheergebnissen die Oper Der Mordfall Halit Yozgat. Daniela Danz verfasste ein Libretto, in dem sie die widersprüchlichen Zeugenaussagen nebeneinanderstellt. Ben Frost hätte das Werk mit Mitgliedern des Opern- und Schauspielensembles Hannover in Szene wollen. Doch die Corona-Pandemie verhinderte dies. Mehr Informationen zum Stück: www.staatstheater-hannover.de

Lässt sich für ihr Audiokunstprojekt von der Erfindung des Théâtrophones inspirieren: die Künstlerin Zoë Irvine
Lässt sich für ihr Audiokunstprojekt von der Erfindung des Théâtrophones inspirieren: die Künstlerin Zoë Irvine

Ein Audiokunstprojekt vermittelt nun Eindrücke des Werks. Das Projekt trägt den Titel This Evening’s Performance has not been cancelled – Die Vorstellung dieses Abends wurde nicht abgesagt. Es wurde auf Initiative der Nationaloper im norwegischen Bergen mit der Künstlerin Zoë Irvine ins Leben gerufen und verbindet das Publikum mit europäischen Opernhäusern und Festivals via Telefon.

Eine Erfindung aus dem Ende des 19. Jahrhundert

Zuhörer des Theatrophons an Münzapparaten, 1892
Die Erfindung des Theatrophons stieß im 19. Jahrhundert auf große Begeisterung.
(Foto: Quelle: Illustration aus La Nature, Nachdruck in Dieter Daniels: Kunst als Sendung, Verlag C. M. Beck, 2002, S.87. / Wikipedia. Und Foto oben: Quelle: A lithograph from Les Maitre de L’Affiches series. Printed by Imprimerie Chaix, Paris. Found at A. Lange’s Histoire de la télévision/ Wikipedia)

Die Künstlerin und Sounddesignerin Zoë Irvine setzt sich in ihren Arbeiten vor allem mit dem Klang, der Stimme und der Beziehung von Klang und Bild auseinander. Für das Audiokunstprojekt greift sie auf eine Erfindung aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zurück. 1881 wurde in Paris erstmals das Théâtrophone vorgestellt. Erfunden von Clément Ader, ermöglichte es die stereofone Übertragung von Opern- und Theateraufführungen per Telefon. Die Erfindung stieß auf begeisterten Zuspruch und fand rasche Verbreitung. Victor Hugo war entzückt. Mehr über das Theatrophon auf Wikipedia.

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Anrufen im Callcenter und sich mit der Oper verbinden lassen

Bei Zoë Irvines Projekt This Evening’s Performance has not been cancelled können Interessierte sich mit den einzelnen Häusern und Festivals verbinden lassen. Sie erhalten Einblicke in Inszenierungen, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht gezeigt werden konnten und werden durch das aufgezeichnete Material der Callcenters geführt. Anschließend können sie mehr von der jeweiligen Oper hören oder zu einer weiteren Inszenierung springen. Als Sprache dient die jeweilige Landessprache und Englisch.

Die teilnehmenden Häuser und Festivals

Bergen Nasjonale Opera, Norwegen

Die Sopranistin Lauren Fagan
Lauren Fagan sollte in Mozarts letzter Oper La clemenza di Tito singen.
(Foto: © Victoria Cadisch)

Rodula Gaitanou wollte Wolfgang Amadeus Mozarts letzte Oper La clemenza di Tito mit Charles Workman, Lauren Fagan und unter der musikalischen Leitung von Jan Willem de Vriend in Szene setzen. Mehr Informationen: www.bno.no

Gasington Oper, Großbritannien

Die Aufführung von Mozarts Oper Le nozze di Figaro im englischen Wormsley Park
Sollte wieder gezeigt werden: John Cox‘ Inszenierung Mozarts Oper Le nozze di Figaro im englischen Wormsley Park

Das englische Opernfestival Garsington Opera in Wormsley Park in den Chiltern Hills von Buckinghamshire wollte die erste Oper zeigen die in Garsington Manor, wo das Festival 1989 gegründet wurde, zur Aufführung kam. Der für seine Mozart-Inszenierungen bekannte Regisseur John Cox hatte damals Le nozze di Figaro in Szene gesetzt. Mit Joshua Bloom in der Titelpartie, Jennifer France als Susanne und Douglas Boyd am Pult sollte sie wiedererstehen. Mehr Informationen: www.garsingtonopera.org

The Airport Society, Belgien

Das in Brüssel ansässige Opernkooperativ hatte zwei musikalische Ikonen des 20. Jahrhunderts aufs Programm gesetzt: Sinfonia von Luciano Berio und Erwartung von Arnold Schönberg. Mehr Informationen: www.theairportsociety.com

Muziektheater Transparant, Belgien

Ola Eliasson sollte Roderick Usher spielen, und Alexandra Büchel sollte Lady Madeline sein
Ola Eliasson sollte Roderick Usher spielen, und Alexandra Büchel sollte Lady Madeline sein.
(Foto: © Mats Backer)

Das Musiktheater Produktionsunternehmen in Antwerpen wollte Usher in der Regie von Philippe Quesne mit Marit Strindlund am Pult zeigen. In diesem Musiktheaterstück bringen Annelies Van Parys und Gaea Schoeters die unvollendete Oper La chute de la maison Usher von Claude Debussy in einen Dialog mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen. Mehr Informationen: www.transparant.be

Teatro Real Madrid, Spanien

Am Opernhaus in Madrid sollte von Mariame Clement und mit Ivor Bolton am Pult eine Neuinszenierung der Barockoper Achille in Sciro von Francesco Corselli erfolgen. Mehr Informationen: www.teatroreal.es

De Nationale Opera, Niederlande

Die Opernkompanie wollte im Rahmen des jährlichen Holland Festivals für Kunst und Musik in Amsterdam die Oper Rusalka von Antonín Dvořák zeigen. Das Koninklijk Concertgebouworkest sollte von Jakub Hrůša geleitet werden, und die Regie sollte Philipp Stölzl übernehmen. Als Rusalka sollte Eleonora Buratto auf der Bühne stehen. Mehr Informationen: www.operaballet.nl

Grand Théâtre de Genève, Schweiz

Geplant war eine Oper nach dem Film Reise der Hoffnung.
Geplant war eine Oper nach dem Film Reise der Hoffnung.

Das Opernhaus hatte die Uraufführung der Oper Voyage vers l’espoir (Reise der Hoffnung) von Christian Jost geplant. Das Werk basiert auf dem gleichnamigen Film von Xavier Koller und erzählt die Geschichte einer kurdischen Familie, die ihr Land verlässt, um ins Paradies zu gelangen. Das vermeintliche Paradies Schweiz erweist sich jedoch als eine wilde Welt, die alle Hoffnungen der Familie auf den Kopf stellt. Die Familie, die durch den Weggang ihre Vergangenheit verloren hat, verliert durch den Verlust des Sohnes auch noch ihre Zukunft. Kornél Mundruczó hätte die Oper unter der musikalischen Leitung von Gabriel Feltz in Szene setzen sollen. Mehr Informationen: www.gtg.ch

Wuppertaler Bühnen, Deutschland

Die Wuppertaler Bühnen planten eine Inszenierung von Puccninis La Bohème
Unter der Regie von Immo Karaman, der auch das Bühnenbild entwarf, sollte eine Neuinszenierung von Puccinis La Bohème gezeigt werden.

Immo Karaman hatte unter der musikalischen Leitung von Julia Jones, mit Li Kweng als Mimí und Sangmin Jeon als Rodolfo die Oper La Bohème von Giacomo Puccini in Szene gesetzt, die jedoch nicht gezeigt werden konnte. Mehr Informationen: www.oper-wuppertal.de

Die Anrufzeiten an den drei Abenden:
Sonntag, 31. Mai 2020
Dienstag, 2. Juni 2020
Freitag, 12. Juni 2020
19:30 Uhr bis 21:30 Uhr CEST (Zentraleuropäische Sommerzeit)
Telefonnummer aus Deutschland: +49 (0) 202 7169 9414 (zu deutschen Festnetzkosten)
Telefonnummern aus weiteren Ländern und weitere Informationen: www.harmonien.no

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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