News | 18.10.2020

Zölibat-Kritik mit Pergo­lesi – Geteiltes Echo an Oper Frank­furt

von Redaktion Nachrichten

18. Oktober 2020

Die Regisseurin Katharina Thoma hat "La serva padrona" und "Stabat mater" zu einem Doppelabend kombiniert, der Diskussionen auslöste. Musikalisch überzeugend, aber umstritten.

Lob und Kritik erntete Regis­seurin Katha­rina Thoma, die am Sonn­tag­abend zwei Werke Giovanni Battista Pergo­lesis, „La serva padrona“ und „Stabat mater“ zu einem pausen­losen Doppel­abend zusam­men­fügte, der erst­mals an der Frank­furter Oper zu sehen war.

"Stabat mater"

„Stabat mater“

Dass am Ende neben viel Beifall auch ein paar vernehm­liche Buhs zu hören waren, hatte sicher­lich mit Thomas Deutung des humor­vollen Buffa-Teils „La serva padrona“ („Die Magd als Herrin“, 1733) zu tun, indem sie die Rolle des heirats­un­wil­ligen, alten Haus­herrn Uberto in einen jungen, katho­li­schen Würden­träger umdeu­tete, der mit seiner Dienst­magd Serpina nicht nur die Wohnung, sondern auch das Ehebett teilt. Ganz im Sinne von „Maria 2.0“ fordert Serpina, die bereits Nach­wuchs von ihm erwartet, ihre Aner­ken­nung als Ehefrau. Dass Uberto am Ende für Serpina sogar seine Pries­ter­robe an den Nagel hängt und sich zu ihr und dem Kind bekennt, schien für einige Besu­cher zumin­dest diskus­si­ons­würdig. Das auch im echten Leben verhei­ra­tete kana­di­sche Paar – Sopra­nistin Simone Osborne und Bass­ba­riton Gordon Bintner – über­zeugten mit gewitztem Hinter­sinn, natür­li­cher Spiel­freude und ihren makel­losen Stimmen.

Im sich anschlie­ßenden, viel bekann­teren „Stabat mater“ Pergo­lesis (1736), weitete sich das von Etienne Pluss gestal­tete Pries­ter­zimmer zum sakralen Groß­raum. Um die beiden Mitglieder des Ensem­bles, (Sopran) und Kelsey Lauri­tano (Mezzo­so­pran), die ergrei­fend von den Schmerzen der Gottes­mutter Maria für ihren ster­benden Sohn sangen, versam­melte Thoma eine Gruppe stummer Versehrter: Eine Prosti­tu­ierte, einen Flücht­ling, Obdach­lose, ball­spie­lende Kinder und das Paar Serpina-Uberto samt Nach­wuchs aus dem ersten Teil. Dem stummen Diener Vespone (Schau­spieler Frank Albrecht, der im ersten Teil mit panto­mi­mi­schem Geschick das Liebes­durch­ein­ander kommen­tiert), kommt im „Stabat mater“ als freie Asso­zia­tion die Rolle des Gekreu­zigten zu.

Viel Applaus erhielt auch der musi­ka­li­sche Leiter Karsten Januschke, der beide so unter­schied­liche Werke mit federnder Präzi­sion diri­gierte. So wusste er die vorklas­si­sche Psycho­logie der „Serva Padrona“ ebenso stil­si­cher zu inter­pre­tieren wie die litur­gi­sche Inbrunst des „Stabat mater“.

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