Siemens Arts Program Zukunftsmusik

Kunst inspiriert Technik? Ganz sicher. Ein Interview mit Professor Dr. Stephan Frucht, Leiter des Siemens Arts Program, über bislang nie dagewesene 3-D-Klangerlebnisse.

Auf­nah­men mit ech­tem 3-D-Klang, soge­nann­tes Immer­si­ve Audio, ist in aller Mun­de. Und die da-zuge­hö­ri­ge Tech­nik mitt­ler­wei­le erschwing­lich, aber die Musik­in­dus­trie wagt sich nur sehr zag­haft an die neu­en Mög­lich­kei­ten. Nun hat das Sie­mens Arts Pro­gram mit einer Art Mach­bar­keits­stu­die ein audio-visu­el­les Aus­ru­fe­zei­chen gesetzt und Cel­lo-­Kon-zer­te von Tschai­kow­sky und Gul­da in einer noch nie dage­we­se­nen Form auf­ge­zeich­net. Ziel: das The­ma 3-D-Klang zu beflü­geln.

Das Pro­jekt war auf­wen­dig, zeigt aber auf, wie das Musik­hö­ren und -erle­ben in der Zukunft aus­se­hen könn­te. CRESCENDO sprach mit Dr. Ste­phan Frucht, dem Lei­ter des Sie­mens Arts Pro­gram, über den Sinn von Leucht­turm­pro­jek­ten, den Ein­fluss von Musik auf Tech­nik und dar­über, wie kom­ple­xe Tech­nik leicht zu den Hörern kommt.

CRESCENDO: Was genau macht das Siemens Arts Program?

Ste­phan Frucht: Das Sie­mens Arts Pro­gram wur­de 1987 gegrün­det und ist bei Sie­mens ein zen­tra­les Ele­ment der Kul­tur­för­de­rung. Initi­iert und geför­dert wer­den zeit­ge­nös­si­sche und expe­ri­men­tel­le Pro­jek­te und Künst­ler, deren Wir­ken auch einen Ein­fluss auf Tech­no­lo­gi­en oder gesell­schaft­li­chen Fra­gen der Zeit hat.
Unse­re gro­ße Affi­ni­tät zu Kunst geht schon auf die Fami­lie von Sie­mens zurück, die nur zu genau wuss­te, dass Kunst auch immer die Tech­nik inspi­riert. Der Kon­zern hat­te ja eini­ge Jah­re Antei­le an der Deut­schen Gram­mo­phon, hat aber auch star­ke Impul­se in der elek­tro­ni­schen Musik gesetzt. Ernst von Sie­mens unter­hielt zudem eine gro­ße Nähe zu Her­bert von Kara­jan – ein wei­te­rer Grund, war­um Sie­mens Kara­jans Idee von orches­t­er­ei­ge­nen Aka­de­mi­en auch heu­te wei­ter beför­dert.

Sie­mens ver­steht sich als Inno­va­ti­ons­kon­zern“

Sie selbst haben als gelernter Geiger und Dirigent eine große Nähe zur klassischen Musik und mit den großen Orchester­akademien in Berlin und München auch einige Aufnahmen eingespielt, kürzlich Cellokonzerte von Gulda im 3-D-Sound. Wie kamen Sie auf die Idee, hier ein solches digitales Leuchtturmprojekt aufzusetzen?

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Sie­mens ver­steht sich als Inno­va­ti­ons­kon­zern. Unter die­sem Gesichts­punkt haben wir ein gro­ßes Inter­es­se, die Digi­ta­li­sie­rung des Lebens vor­an­zu­brin­gen. Die Kunst bezie­hungs­wei­se die Musik drängt sich als Trä­ger die­ser Idee gera­de­zu auf.

Immersive Audio gibt es ja schon vergleichsweise lange. Warum erst jetzt diese Initiative?

Gegen­fra­ge: Wie vie­le klas­si­sche Auf­nah­men in 3-D gibt es bereits? Sehr weni­ge. Hier ist mir die Musik- und Gerä­te­in­dus­trie zu vor­sich­tig. Gera­de in der Klas­sik brau­chen wir viel Inno­va­ti­on – weil das Reper­toire begrenzt ist.

Und Sie sehen die 3-D-Aufnahme beziehungsweise 3-D-Wiedergabe als einen so großen Fortschritt?

Ja. In den letz­ten 30 bis 40 Jah­ren gab es zwei gro­ße Inno­va­ti­ons­schü­be in der klas­si­schen Musik. Der eine war die Ein­füh­rung der CD, die Kara­jan und Sony stark vor­an­ge­trie­ben haben. Der zwei­te war die Wie­der­ent­de­ckung der Werk­treue, die soge­nann­te „his­to­risch infor­mier­te Auf­füh­rungs­pra­xis“. Diri­gen­ten wie Har­non­court oder Gar­di­ner haben dafür gesorgt, dass gro­ße Tei­le des Welt­re­per­toires noch ein­mal unter zeit­ge­nös­si­schen Aspek­ten und mit Instru­men­ten aus jener Zeit ein­ge­spielt wer­den konn­ten und muss­ten. Immer­si­ve Audio könn­te einen wei­te­ren Inno­va­ti­ons­schub aus­lö­sen. Mit unse­rem Enga­ge­ment wol­len wir die Musik­in­dus­trie inspi­rie­ren, das klas­si­sche Reper­toire mit den fan­tas­ti­schen 3-D-Mög­lich­kei­ten von heu­te noch ein­mal ein­zu­spie­len. Das wür­de allen hel­fen: den Künst­lern, den Musik­lieb­ha­bern, aber auch der Musik­in­dus­trie und dem Han­del.

Immer­si­ve Audio könn­te einen wei­te­ren Inno­va­ti­ons­schub aus­lö­sen“

Wir halten hier die Aufnahme „Cellokonzerte“ in der Hand. Es ist ein Doppelalbum, bestehend aus einer CD und einer Blu-ray. Beides sind nicht gerade Medien, denen die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) noch Zuwächse zutraut. Wäre hier eine Download-Lösung nicht zeitgemäßer?

Die Strea­ming-Lösung bie­tet bei die­sem Daten­vo­lu­men lei­der noch nicht die gefor­der­te Band­brei­te. Bis das pas­siert – und das wird sicher­lich noch eini­ge Jah­re dau­ern –, wird die Blu-ray als Ton­trä­ger noch einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten. Daten­qua­li­tät und Daten­vo­lu­men müs­sen hier­zu aller­dings her­vor­ra­gend sein und auf eine ent­spre­chen­de Hard­ware tref­fen.

Und damit sind wir bei einem elementaren Thema. Wieder mit Blick auf die Zahlen der GfK kann man ja sagen, dass der Verkauf von hochwertigen Mehrkanalanlagen deutlich einbricht. Wie soll die von Ihnen aufgenommene und angestrebte 3-D-Klangqualität zu den Hörern kommen?

Das wird natür­lich nur funk­tio­nie­ren, wenn es uns gelingt, die­se kom­ple­xe Tech­nik auf ein­fachs­tem Weg zu den Men­schen zu brin­gen. Tat­säch­lich den­ke ich eher an 3-D-fähi­ge Sound­bars als an Mehr­ka­nal­an­la­gen mit elf oder mehr Laut­spre­chern.

Aber ist das nicht ein Widerspruch? Hier die aufwendigste Aufnahmetechnik und dort ein Soundbar, der, weil ja alles in einer vergleichsweise kleinen Box untergebracht sein muss, immer nur ein Kompromiss sein kann?

Da haben Sie recht. Und genau dort sehen wir auch unse­re Auf­ga­be: als Kata­ly­sa­tor. Als Labor, das die Krea­ti­ven dazu bewegt, neue Lösun­gen zu ent­wi­ckeln; Lösun­gen, die hohe Anspü­che mit gro­ßer Brei­ten­wir­kung in Ein­klang brin­gen kön­nen. Das ist eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, aber mach­bar.

Moder­ner 3-D-Klang ist so viel erleb­nis­rei­cher als nor­ma­les Ste­reo“

Sie haben jetzt mit diesem Projekt ein Ausrufezeichen gesetzt, aber so etwas verpufft ja auch schnell. Gibt es Folgeprojekte?

Natür­lich. Das Wesen von Sie­mens Art Pro­gram ist immer auf Nach­hal­tig­keit aus­ge­rich­tet. Das heißt: Wir wer­den die nächs­te Zeit nut­zen, um auf die Mög­lich­kei­ten die­ser Tech­nik hin­zu­wei­sen. Gleich­zei­tig aber sind auch die nächs­ten Pro­jek­te schon in Pla­nung. Wir den­ken über ein sym­pho­ni­sches Werk nach, aber auch dar­über, wie man das Ver­fah­ren zu Bil­dungs­zwe­cken nut­zen kann. Es ist ja bei­spiels­wei­se sehr viel ein­fa­cher, Schü­lern zu zei­gen, wie ein Orches­ter auf­ge­baut ist, wenn man die künst­le­ri­schen Infor­ma­tio­nen mit prä­zi­sen audio-visu­el­len Ein­drü­cken unter­stützt.

Das Problem ist ja immer, die Leute von Neuem zu überzeugen. Wie wollen Sie dieses Thema angehen?

Im Grun­de ist es ganz ein­fach: Bei unse­ren Vor­füh­run­gen haben wir ledig­lich zwi­schen der Ste­reo- und der Immer­si­ve-Vari­an­te umge­schal­tet. Da gab es bei den Zuhö­rern kaum noch Fra­gen, weil moder­ner 3-D-Klang so viel erleb­nis­rei­cher ist als nor­ma­les Ste­reo.

Das Projekt

Auf Initia­ti­ve des Sie­mens Arts Pro­gram hat die Orches­ter­aka­de­mie des Baye­ri­schen Staats­or­ches­ters die Roko­ko-Varia­tio­nen von Peter Tschai­kow­sky und das Cel­lo­kon­zert von Fried­rich Gul­da ein­ge­spielt.
Die Auf­nah­men ent­stan­den unter der Lei­tung von Ste­phan Frucht unter ande­rem im Sie­mens ­Audi­to­ri­um in Mün­chen und der Baye­ri­schen Staats­oper. Den Spe­zia­lis­ten des Immer­si­ve Audio Net­works (IAN) gelang in den 3-D-Klang­ver­fah­ren Dol­by Atmos und Auro-3D ein sehr leben­di­ges, räum­lich glaub­haf­tes ­Gesamt­werk.

Das Pro­jekt endet aber nicht beim beein­dru­cken­den 3-D-Klang der Blu-ray. Da das Orches­ter die Stü­cke in soge­nann­ten Bewe­gungs­an­zü­gen auf­ge­nom­men hat und die Auf­nah­me auch noch visua­li­siert wur­de, kann man bei Sie­mens oder an vor­be­rei­te­ten Demo-Stän­den sie auch inter­ak­tiv erle­ben. Mit Tablet, Kopf­hö­rer und ent­spre­chen­dem Pro­gramm kann sich der Zuhörer/Zuschauer also direkt in das ani­mier­te Orches­ter bege­ben, neben jedes ein­zel­ne Instru­ment. Der Blick ver­än­dert sich, aber auch der Klang. Gut vor­stell­bar, dass die Men­schen künf­tig mit genau die­ser indi­vi­du­el­len Her­an­ge­hens­wei­se audio-visu­ell und inter­ak­tiv Musik hören wol­len.

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