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Der Ritter des tiefen C“ (Merkur), die Stimme „Gottvaters“ oder „Mozarts Götterbass“ (FAZ): Kein Superlativ schien auszureichen, um Kurt Molls warmen, runden, samt-dunklen Bass zu beschreiben. Doch Moll war keiner jener Stimmnarzissten, die den Beruf wählen, um im Applaus zu baden. Der Versuchung, sich an der bloßen Schönheit des eigenen Gesangs zu berauschen, erlag er nicht. Intuitiv verstand er es, jede Opernfigur in ihrem Charakter zu formen, wahrhaftig und oft sehr berührend.

Die Grundlage allen Singens hatte der 1938 im rheinischen Buir nahe Köln geborene Sänger von Emmy Müller gelernt, die er als „Geschenk Gottes“ bezeichnete. Klug lenkte sie seine Entwicklung, umsichtig und mit großem Verantwortungsgefühl, stärkte die Selbsteinschätzung und den Mut, „gefährlichen“ Angeboten zu widerstehen. Als Herbert von Karajan, der die Proben mit Moll „eher als Vergnügen denn als Arbeit“ bezeichnete, ihm die Partie von Wagners Hans Sachs anbot („Sagen Sie mir fünf Minuten vorher Bescheid“), lehnte Moll ab: „Da brauchen Sie nicht zu warten“, ließ er dem Maestro ausrichten. „Schon heute sage ich Ihnen, dass ich diese Rolle nicht singen werde.“ Karajan, der mit großen Stimmen herrisch-verschwenderisch umging – Nachschub war ja immer in Sicht –, war gewiss nicht ‚amused‘ über die Absage. Moll aber wusste, dass er gut daran tat, seine Stimme nicht mit der hohen und langen Partie zu strapazieren.

Seine Konsequenz zahlte sich aus. Mit 60 Jahren war sein Bass noch in voller Reife, ohne Verschleißerscheinungen, von erstaunlicher Flexibilität und Ausdruck: sei es als Seneca in Monteverdis Poppea, in komischen Rollen von Lortzing und Nicolai bis hin zu Verdis Sparafucile, Padre Guardiano und Filippo; als Mussorgskis Boris, Webers Kaspar und Wagners Daland, Pogner, Hunding und König Marke. Zu großen Paraderollen wurden Gralsritter Gurnemanz aus „Parsifal“ und der Baron Ochs auf Lerchenau aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss sowie Mozarts Sarastro.

Es passte zu diesem Mann, dass er sich mit der kleinen Rolle des Nachtwächters in „Die Meistersinger von Nürnberg“ 2006 von seinem Publikum verabschiedete. Nach 47 Jahren. Nun ist er mit 78 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Doch er lebt weiter. Nicht nur in seinen CDs, sondern auch in der Künstlerahnengalerie der Bayerischen Staatsoper, auf einem Gemälde von Jänis Avotins.

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„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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