Nachruf: Hans-Klaus Jungheinrich Ein Mensch, der die Musik liebte

Hans-Klaus Jung­hein­rich ist tot. Für vie­le war er der Musik­kri­ti­ker der „Frank­fur­ter Rund­schau“, der Mann, der mit Peter Iden Ende der 60er, Anfang der 70er, ein neu­es, poli­ti­sches, kri­ti­sches Feuil­le­ton erfand. Ein gro­ßer, wenn nicht einer der größ­ten Musik­kri­ti­ker. Ein ein­zig­ar­ti­ger Buch­au­tor. Ein Mann, für den die Musik, die Neue Musik alle­mal, ein Lebens­eli­xier war, ein Kri­ti­ker, dem es nie um das Kri­ti­sie­ren an sich ging, son­dern dar­um, den Aggre­gat­zu­stand eines Abends, das Ich (nein, das „Wir alle“) im Gro­ßen und Gan­zen auf­zu­stö­bern und gleich­zei­tig das eige­ne Ego im Spie­gel der Musik zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len. Für mich per­sön­lich ist das anders: Es gibt es kei­nen ande­ren Men­schen, dem ich beruf­lich so viel ver­dan­ke wie Hans-Klaus Jung­hein­rich. Er war, viel­leicht ahn­te er das nie, so etwas wie der Anlass und die Ursa­che, dass ich ange­fan­gen habe und noch heu­te über Musik schrei­be.

Ein Mensch, der die Musik lieb­te

Es war ein grau­er Tag, ich kam mit dem IC aus Frei­burg in Frank­furt an – end­lo­se Stra­ßen, eine neue Stadt, ich war ner­vös … “ Viel­leicht hät­te so der Text ange­fan­gen, den Hans-Klaus Jung­hein­rich geschrie­ben hät­te, wenn er als Ich von unse­rer ers­ten Begeg­nung geschrie­ben hät­te. Er war ein Meis­ter dar­in, das Äuße­re zum Bild des Inne­ren zu erhe­ben. Und wenn er ich gewe­sen wäre, wür­de er ahnen, wie unend­lich groß und wich­tig und vor­bild­lich er, die­ser wei­se, älte­re Mann, auf mich, den jun­gen Stu­den­ten, gewirkt hat: Ein Meis­ter, ein Lieb­ha­ber der Musik – und, wie ich ler­nen soll­te: ein ein­zig­ar­ti­ger Mensch.

Zum ers­ten Mal habe ich Herrn Jung­hein­rich – ich habe ihn nie geduzt, zu viel Ehr­furcht, immer! – am Tele­fon gehört, nach­dem er einen mei­ner Tex­te, ohne dass ich es ahn­te, ver­öf­fent­licht hat­te. Ich war damals Stu­dent. Er längst eine der wich­tigs­ten Stim­men des deut­schen Musik­jour­na­lis­mus. Ich saß als Stu­dent in Frei­burg, er auf dem Thron der auf­müp­fig-ehr­wür­di­gen „Frank­fur­ter Rund­schau“, „mei­ner“ Zei­tung! 

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Die Anschaf­fung eines Fax-Gerä­tes war damals eine der größ­ten Inves­ti­tio­nen für mich. Eines Nachts schrieb ich einen Kom­men­tar, es ging um ziem­lich absur­de Spe­ku­la­tio­nen, um die Nach­fol­ge der Bay­reu­ther Fest­spie­le. Ich schick­te sie – zuge­ge­ben etwas rot­wein­se­lig – an alle Zei­tungs-Fax­num­mern, derer ich hab­haft wur­de. Aber nix pas­sier­te. Zwei Tage spä­ter hör­te ich eher zufäl­lig ein Gespräch mit Wolf­gang Wag­ner im Deutsch­land­funk. Das The­ma: Eine „Spe­ku­la­ti­on“ in der „Frank­fur­ter Rund­schau“ über Nach­fol­ge­ge­rüch­te. „Die haben mei­nen Text geklaut“, dach­te ich, war wütend, kauf­te ein Exem­plar der Zei­tung und sah, dass sie mei­nen Text tat­säch­lich gedruckt hat­te, mit mei­nem Namen, eine Spal­te lang – ein­fach so, ohne Rück­fra­ge.

Ich rief in der Redak­ti­on an. Irgend­wann nahm tat­säch­lich Hans-Klaus Jung­hein­rich ab. „Ja, haben wir gedruckt, war gut.“ – PUNKT. „Wol­len Sie auch Mal was ande­res schrei­ben?“ – „Ja klar!“ – „Und, ach so, schi­cken Sie uns doch Ihre Kon­to­num­mer.“

Äh? Was? Die Zei­tung, die ich ver­ehr­te, der Kri­ti­ker, den ich ver­göt­ter­te, hat­te ein­fach so einen Text gedruckt? Von mir? Ohne mich zu ken­nen? Nein: Hans-Klaus Jung­hein­rich hat­te ihn gedruckt. Ein­fach so. Weil er es woll­te. Ohne Auf­se­hen. „Ja, äh …“, stot­ter­te ich am Tele­fon, „viel­leicht soll­ten wir uns erst ein­mal ken­nen­ler­nen?“. „Kom­men Sie ein­fach vor­bei“, hör­te ich ihn sagen. Dann leg­te er auf. Heu­te weiß ich, dass er dabei geschmun­zelt haben muss.

Sei­ne Stim­me war wie sei­ne Tex­te

Weni­ge Tage spä­ter saß ich im Zug. Die „Frank­fur­ter Rund­schau“ hat­te ihr Büro damals noch mit­ten in der Stadt. Vor­bei am Emp­fang, hin­auf mit dem Fahr­stuhl, durch lan­ge Gän­ge in ein Zim­mer, das über­zu­quel­len schien: Mit Büchern in jeder Ecke, bis unter die Decke, auf dem Fuß­bo­den, irgend­wo ein Schreib­tisch, eine Schreib­ma­schi­ne, dahin­ter die­se Mann mit dem grau­en Bart und den grau­en Haa­ren und die­ser unglaub­lich lei­sen Stim­me, die­sem Sing­sang, bei dem man nicht wuss­te, ob er mit sich sel­ber oder mit sei­nem Gegen­über sprach, mit die­ser Stim­me, die ihm sei­ne Bücher und sei­ne Arti­kel dik­tier­te, die­ser Stim­me, die sel­ber Musik war, kein gro­ßes Orches­ter, son­dern eher eine ein­sa­me Flö­te, ein Echo sei­ner selbst, eine Stim­me, die alles was sie sang, längst hin­ter­fragt hat­te und den­noch skep­tisch gegen­über ihren eige­nen Töne blieb und dabei genüss­lich an einer Zigar­re qualm­te und mir erklär­te, wie blö­de es doch sei, dass in der Dru­cke­rei gera­de die­se groß­ar­ti­gen Set­zer ersetzt wür­den, weil bald ja alles digi­tal lau­fen wür­de, mir aber ver­si­cher­te, dass die Gewerk­schaf­ten das schon irgend­wie regeln wür­den. Hans-Klaus Jung­hein­rich, einer, der die Moder­ne lieb­te, aber am Alten fest­hal­ten woll­te, wenn jemand unter dem Neu­en litt. Hans-Klaus Jung­hein­rich, der mir irgend­wann über sei­ne 68er, über das Lin­ke an sich, über Rän­ke­spie­le im Jour­na­lis­mus und das Ver­trau­en in die eig­ne Mei­nung so unend­lich viel erzähl­te. 

Hans-Klaus Jung­hein­rich hat stets geschrie­ben, wie er gespro­chen hat: lei­se. In sei­nem Pia­nis­si­mo war er beson­ders Auto­ri­tär – auto­ri­tär, weil er eine Auto­ri­tät war, eine Auto­ri­tät aus Wis­sen. In Wahr­heit war er der sanf­tes­te Mensch, den man sich den­ken kann. Auto­ri­tär, weil er jedes sei­ner Wor­te gewen­det und gedreht hat, weil er bei jeder Wer­tung nach Bil­dern such­te, nach Ver­gan­ge­nem und Gegen­wär­ti­gem, nach Neu­tra­li­tät und Mei­nung, nach Sinn und Sinn­lich­keit. Hans-Klaus Jung­hein­rich war kein Kri­ti­ker, der sei­nen Dau­men hob oder senk­te. Er sel­ber war es, der die Scha­blo­ne sei­ner Ästhe­tik immer wie­der in alle Rich­tun­gen aus­dehn­te, weil er so unend­lich neu­gie­rig war.

Nicht sel­ten began­nen sei­ne Rezen­sio­nen mit einer epi­schen Beschrei­bung sei­ner Anrei­se nach Bay­reuth oder einer Zug­fahrt in eines der vie­len, vie­len deut­schen Stadt­thea­ter, die er lei­den­schaft­lich besucht hat. Grund­la­ge all sei­ner Tex­te war eine Stim­mung, die zu einem Gemäl­de wuchs, zu einer Grun­die­rung sei­ner musi­ka­li­schen Ein­schät­zung. Mit Ver­laub: So sehr gro­ße, alte Kri­ti­ker-Kol­le­gen Genies dar­in waren, zu wer­ten, so sehr war Hans-Klaus Jung­hein­rich der Meis­ter dar­in, das Wer­ten im Rah­men der Mensch­lich­keit, der Lie­be, der Hin­ga­be zur Kunst zu hal­ten. Jeder Künst­ler war für ihn ein Gegen­über, und kei­nen straf­te er mit Ver­nich­tung son­dern ord­ne­te ihn ein, erhob ihn zu einem hel­di­schen oder tra­gi­schen Cha­rak­ter sei­ner roman­haf­ten Beob­ach­tun­gen. Hans-Klaus Jung­hein­rich war der Roman­cier der Kri­ti­ker. Empa­thisch. Mit kla­rem Kom­pass. Und den­noch offen.

Er stand über allem

Nach unse­rer ers­ten Begeg­nung in Frank­furt begann ich zu lesen, all sei­ne Bücher: Über Diri­gen­ten, über Neue Musik, spä­ter sei­nen Roman über die Sym­pho­nie. Und ich bekam nie zu viel von sei­nen Wor­ten, von sei­nen Aus­schwei­fun­gen, die nie aus­schwei­fend waren, son­dern poin­tier­te Gemäl­de, Atmo­sphä­ren, die mehr übe Musik erzähl­ten als neu­tra­le Kri­ti­ken im eigent­li­chen Sin­ne.

Und Hans-Klaus Jung­hein­rich war ein För­de­rer, der nie­mals um sei­nen eige­nen Rang zit­ter­te. Einer, der wuss­te, dass jun­ge Men­schen nicht geni­al sind, dass sie sich aus­pro­bie­ren müs­sen, dass nicht jeder ihrer Tex­te so 1A sein wird wie sei­ne Kri­ti­ken, der damit leb­te, dass die Imi­ta­ti­on sei­nes eige­nen Stil in die Hose ging, der lob­te, wenn man einen eige­nen Weg bestritt, auch wenn der sei­nem eige­nen ent­ge­gen stand. Einer, der kri­ti­sier­te, der sich die Zeit nahm anzu­ru­fen, ein­zu­stei­gen in den frem­den Text, der mich an die Hand nahm, ohne mich je ver­bie­gen zu wol­len, der akzep­tier­te, dass ich in ande­re Rich­tun­gen galop­pier­te als er, der mich beflü­gel­te, befrag­te, moti­vier­te, lob­te und kri­ti­sier­te, ohne, dass ich es ihm übel nahm.

Hans-Klaus Jung­hein­rich war viel mehr als ein Musik­kri­ti­ker. Er war ein Mensch, der sich nicht fra­ter­ni­sier­te son­dern das Ande­re ste­hen­las­sen konn­te. Ein Jour­na­list mit gro­ßem Ego, dem es nie ein­fiel, das Ego des ande­ren zu beschnei­den. Hans-Klaus Jung­hein­rich war ein Frei­den­ker, der das Frei­den­ken, egal in wel­che Rich­tung, span­nend fand. Hans-Klaus Jung­hein­rich stand ein­fach über allem!

Unse­re gemein­sa­me Geschich­te ging übri­gens so wei­ter: Die BBC rief ihn an – woll­te über die Bay­reuth-Spe­ku­la­tio­nen berich­ten, er gab dem Sen­der mei­ne Num­mer. Ich durf­te spä­ter für die BBC über die Opern­land­schaft aus Deutsch­land berich­ten, die WELT fra­ge nach Tex­ten – aber ich schrieb wei­ter­hin für Hans-Klaus Jung­hein­rich und sei­ne „Frank­fur­ter Rund­schau“ – weil er mein Anfang war. Und weil er der Größ­te war!

Vor zwei Jah­ren habe ich ihn zum letz­ten Mal in Bay­reuth getrof­fen. Er frag­te mich über einen Elgar-Film, den ich gedreht hat­te, woll­te eine Kopie. Wenn wir uns tra­fen,  habe ich immer wie­der ver­sucht, ihm zu erklä­ren, wie wich­tig er für mich und mein Leben gewe­sen ist. Er hat das stets über­hört und mich gefragt, was ich gera­de trei­be. Wir haben über sei­ne Zei­tung gespro­chen, über den Wan­del des Print-Jour­na­lis­mus. Und ich glau­be, er ahn­te, dass er einer der Letz­ten sei­ner Art war. Aber er beklag­te das nie. Er mach­te ein­fach wei­ter. Wei­ter. Und wei­ter. Und lächel­te. Und sprach Lei­se über die Musik. Ach ja, und er trug immer unglaub­lich dicke Bücher – beson­ders gern Irving – in sei­nen Jackett-Tschen. Und er rauch­te wei­ter sei­ne Zigar­ren. Und schrieb – Wör­ter und Bil­der wie sie kei­ner von uns schrei­ben kann.

Im neb­li­gen Novem­ber sieht Mai­land nicht viel anders aus als Ham­burg.“ Ein typi­scher Jung­hein­rich-Ein­stieg. Sein letz­ter Text in der „Frank­fur­ter Rund­schau“ über Györ­gy Kur­tágs Beckett-Oper „Fin de par­tie“ an der Mai­län­der Sca­la vom 19. Novem­ber. Nun ist Hans-Klaus Jung­hein­rich gestor­ben. Wie gern hät­te ich ihn irgend­wann ein­mal in den Arm genom­men und gesagt: „Wis­sen Sie eigent­lich, dass ich so vie­les von dem, was ich bin, Ihnen zu ver­dan­ken habe, und Ihrer Art, und Ihren Tex­ten?“ 

So habe ich es ihm nie gesagt. Es hät­te ihn viel­leicht auch nicht inter­es­siert. Denn Hans-Klaus Jung­hein­rich hielt nicht viel von Pathos. Aber, lie­ber, ver­ehr­ter Herr Jung­hein­rich, jetzt, da ich weiß, dass ich Sie auf die­ser Erde, an unse­ren Opern­häu­sern nie­mals wie­der­se­hen wer­de, wird mir ganz anders. Ihre Zei­tung, die „Frank­fur­ter Rund­schau“ war schon lan­ge nicht mehr, was sie einst war – aber Sie waren noch da. Was soll denn nun wer­den? Ich wer­de still. Und den­ke. Und dan­ke. Dan­ke, lie­ber Herr Jung­hein­rich, für all Ihre Tex­te und dafür, dass Sie mir ein so unend­lich wich­ti­ger, mensch­li­cher Mensch waren.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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