Paula Bosch

Auf denn zum Feste

von Paula Bosch

16. Dezember 2021

CRESCENDO-Weinkolumnistin Paula Bosch stellt Winzerchampagner vor, die, in kleinen Mengen handwerklich hergestellt, die Freude aller Champagnerliebhaber sind.

Der Cham­pa­gner ist der König aller Weine. Kein anderes Getränk vermag Menschen in einen derar­tigen Rausch zu versetzen. Cham­pa­gner gehöre zu einem aufwen­digen Diner, erklärt Gustave Flau­bert in seinem Wörter­buch der Gemein­plätze. Dabei gibt er die snobis­ti­sche Empfeh­lung, so zu tun, als ob man ihn verab­scheue, indem man sage, das sei kein Wein. „Wenn die Korken knallen, geraten die Gäste außer sich.“ Wie man den Cham­pa­gner kunst­voll oder noch snobis­ti­scher öffnet, damit die Korken nicht knallen, gibt es am Ende des Beitrags zu sehen.

DAS WEINGUT R. POUILLON & FILS

Das Weingut R. Pouillon
Fabrice Pouillon mit seinem Vater James, dessen Vater Roger 1947 Cham­pagne R. Pouillon grün­dete

Pouillon kenne ich erst zwei Jahre, möchte aber ihre Cham­pa­gner nicht mehr missen. Begonnen hat diese Liebelei mit einer Spezia­lität Pouil­lons, mit seinem Cham­pagne Solera. Er wird quasi nach dem glei­chen Prinzip herge­stellt, wie man im spani­schen Jerez seit Jahr­hun­derten Sherry produ­ziert. Ein überaus rarer und span­nender, schnell ausver­kaufter Cham­pa­gner. Was bei einer Betriebs­größe von 6,5 Hektar und nur 60.000 Flaschen pro Jahr ebenso schnell mit den anderen Flaschen passiert.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut R. Pouillon & fils unter: cham​pagne​-pouillon​.com

Cham­pagne R. Pouillon brut premier cru rosé

Sein Rosé ist beson­ders auffal­lend: Strah­lend rot, wie frisch gepresster Johan­nis­beer­saft leuchtet er im Glas. Und tatsäch­lich erin­nert seine rotbee­rige Aromatik auch daran. Daneben frische Erdbeeren, Himbeeren, Granat­ap­fel­saft. Die erstaun­lich feine Perlage fließt seidig durch den Mund, weckt jede Papille der Zunge auf, regt an, stillt den anfäng­li­chen Durst, hinter­lässt mit frischer Säure und ganz leichtem Tannin ein mund­wäs­serndes Gefühl, das zum zügigen Weiter­trinken verführt. Was für ein Gaumen­fest!

Zu beziehen u.a: www​.cham​pagne​-charac​ters​.com

DAS WEINGUT JACQUES LASSAIGNE MONT­GUEUX

Der Winzer Emmanuel Lassaigne
Emma­nuel Lassaigne, der Sohn des Grün­ders Jacques, leitet seit 1999 das Weingut.

Ein Cham­pa­gner mit dem Hinweis auf bone dry? Verkauft werden sie in der Regel unter „Dosage Zero“ – sie enthalten weniger als drei Gramm Rest­zu­cker, das heißt bei Schaum­weinen: ohne Zucker­zu­satz. Dafür muss bei der Wein­lese – Lassaigne hat ausschließ­lich Char­don­nayt­rauben – aber alles stimmen, nur tadel­lose Trauben. Und am Ende wird jede einzelne Flasche von Hand degor­giert, heißt, die Hefe vom Flaschen­hals entfernen – eine inzwi­schen längst durch Maschinen ersetzte Praxis. Entspre­chend präzise präsen­tieren sich die Meis­ter­werke von Emma­nuel Lassaigne, der als Vorreiter im sepa­raten Ausbau seiner einzelnen Wein­berg­lagen gilt. So wird auch sein „Les Vignes de Mont­gueux“ aus neun unter­schied­li­chen Wein­lagen kunst­voll zusam­men­ge­setzt.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Jacques Lassaigne Mont­gueux: www​.mont​gueux​.com

Cham­pagne Jacques Lassaigne Les Vignes de Mont­gueux blanc de blancs extra brut

Viel Zeit wird den Weinen für die erste und später die zweite Gärung auf der Flasche geschenkt. In diesem Fall knapp sieben Jahre. Auch deshalb ist dieser Cham­pa­gner sorg­fältig gereift, die Frische im Duft und Gaumen wirkt ange­passt, harmo­nisch balan­ciert. Apri­kosen, Mira­bellen und Karam­bole domi­nieren den Duft. Leicht stei­nige, kalkige, krei­dige Töne füllen den Mund, erregen präzise die Zunge, bevor sie lang anhal­tend verschwinden. Großes Cham­pa­gner­kino!

Zu beziehen u.a: www​.cham​pagne​-charac​ters​.com

DAS WEINGUT DOYARD

Guil­laume und Yannick Doyard, der das Weingut seit 1979 in der 11. Genera­tionen führt.

Doyard-Cham­pa­gner zählt zu einer anderen Cham­pa­gner­liga, als mir bis dato bekannt war. Diese Weine (so nennen die Winzer hier ihre Produkte) sind eindeutig anders als alle mir bekannten Cham­pa­gner. Eine neue Dimen­sion, die von der Reber­zie­hung, der strengen Selek­tion des Rebma­te­rials, dem sepa­raten Ausbau jeder Parzelle und der Drei­tei­lung des Trau­ben­saftes beim Pressen herrührt. Vorlauf, Herz­stück und Nach­lauf sind pein­lichst getrennt. Für das harmo­ni­sche Ganze sind aber noch mehr Kompo­nenten wichtig. Die Reben wurden in dieser nur 0,5 Hektar kleinen Parzelle 1956 gepflanzt. Keine Chap­ta­li­sa­tion (Erhö­hung des Alko­hol­ge­halts durch Zucker), Ausbau im Holz­fass, kein biolo­gi­scher Säure­abbau.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Doyard unter: cham​pa​gne​doyard​.fr

Cham­pagne Doyard Clos de l’Appaye 2015 premier cru blanc de blancs extra brut

Und dann die Probe: Cham­pa­gner, nicht für jeder­mann, wohl aber für Puristen, Kenner und Lieb­haber prickelnder Beson­der­heiten. Zu meiner ersten Flasche von 2015 notierte ich: Dry, dry at its best. Straight and pur! Sein dezentes Bukett ist seiner Jugend geschuldet, scheu und verschlossen, dennoch konzen­triert und charak­ter­voll. Die seidige Eleganz im Mund wirkt kühl, pur, rein, mit salzigem, span­nungs­ge­la­denem Nach­hall. Ausge­wogen wirkt die weinig cremige Textur noch lange nach.

Zu beziehen u.a.: www​.cham​pagne​-charac​ters​.com

DAS WEINGUT J.L.VERGNON

Didier Vergnon leitet das Weingut J.L. Vergnon seit 1999. Clement Vergnon (links) verkör­pert bereits die vierte Genera­tion.

Mit dem Ort Le Mesnil-sur-Oger verband mich lange Zeit der edelste aller Cham­pa­gner, der „Clos de Mesnil“ von Krug. Später auch Gonet oder Gimonnnet. Und nun: J.L.Vergnon mit seinem MSNL, ein Extra Brut Blanc de Blancs – ein unver­gess­li­ches Erlebnis. Ein Cham­pa­gner der Extra­klasse, eine ganz eigen­stän­dige Persön­lich­keit aus zwei groß­ar­tigen Wein­lagen in Le Mesnil mit sehr alten Char­don­nay­reben. Die sage und schreibe 84 Monate Hefel­ager und mini­male Dosage spre­chen für sich.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut J.L. Vergnon unter: cham​pagne​-jl​-vergnon​.com

Cham­pagne J.L. Vergnon MSNL 2011 extra brut blanc de blancs

MSNL ist ein Wein, der sich nach so langer Hefe­zeit erst entwi­ckeln, finden muss. Zu Beginn wirkt er fast streng, aber präzise, klar, mit lupen­reiner, heller Aromatik, nicht karg, aber puris­tisch. Frucht und Mine­ra­lität kämpfen spie­le­risch mitein­ander. Vergleichbar ist nur ein Edel­stein, ein Diamant viel­leicht, glän­zend, tief und rein, eine große Anlage.

Zu beziehen u.a.: www​.gute​-weine​.de

DAS WEINGUT ANDRÉ CLOUET

Jean-Fran­çois Clouet im Wein­berg des Wein­gutes André Clouet, das sich seit 1492 im Fami­li­en­be­sitz befindet.

Der groß­ar­tige „Le Clos de Bouzy“, sorten­reiner Pinot Noir, wird aus nur einem halben Hektar alter Reben direkt im Hof der Clouets geerntet. Daraus werden ausschließ­lich max. 1.000 Magnums (1,5 Liter) abge­füllt. Die reife Trink­phase des 2007er startet erst jetzt. Der Holz­ausbau sowie das lange Hefel­ager haben aus dem Grund­wein einen groß­ar­tigen, unver­gess­li­chen Cham­pa­gner werden lassen.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut André Clouet unter: www​.andre​clouet​.com

Cham­pagne André Clouet Le Clos de Bouzy 2007 grand cru

Feinste Trauben, Apfel- und Birnen­noten. Die zarte Mousseux mit zahl­rei­chen feinen Perl­chen wirkt im Gaumen fest, dicht, kompakt, mund­fül­lend, mit einer nahezu sahnigen Konsis­tenz. Und doch schlägt die knackige Säure im Mund ein erfri­schendes Pfau­enrad. Helles Kara­mell, Brioche in brauner Butter neben reifen Apri­kosen und Pfir­sich­kom­pott. Salzig auf den Lippen, saftig mit tänzelnder Säure am Gaumen. Ein Wunder­brunnen an Kraft, Eleganz und Trin­kig­keit. Zukunft zehn Jahre plus!

Zu beziehen u.a.: www​.gute​-weine​.de

Cham­pa­gner stil­voll öffnen

Fotos: Vergnon Proposition