CRESCENDO-Weinkolumnistin Paula Bosch stellt koschere Weine aus Katalonien vor und erkennt aufschlussreiche Parallelen mit biologischen, biodynamisch erzeugten Weinen. 

Unter den bedeutenden religiösen Gemeinschaften ist Alkoholkonsum nur den Juden und Christen gestattet. Sie aber haben Wein als solchen sogar in ihren religiösen Zeremonien als rituellen Bestandteil integriert. Dabei müssen allerdings bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden, um die „Reinheit“ des Weines zu garantieren. Im Judentum ist Wein generell – nicht nur bei religiösen Ritualen – nur dann erlaubt, wenn er koscher, sprich: rituell rein ist. Er muss also eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen, um sich als koscher qualifizieren zu können. Streng überwacht wird dies von einem dafür bestimmten Rabbi.

Jürgen Wagner im Weinberg
Der Kellermeister Jürgen Wagner in den Weinbergen der katalonische Winzerkooperative „Celler de Capçanes“

So sind zum Beispiel für den Anbau alle Rebsorten zugelassen, eine Mischkultur mit Obst oder Gemüse im Weinberg ist verboten. Es dürfen nur Trauben nach dem vierten Jahr der Anpflanzung verwendet werden. Die organische Düngung muss zwei Monate vor Erntebeginn beendet sein. Alle Geräte (auch technische) sowie Fuhrpark, Behälter, Tanks, Fässer oder Schläuche müssen unter Aufsicht des Rabbis vor der Verwendung peinlich genau gereinigt werden. Die Traubengärung hat spontan mit deren eigenen Hefen zu verlaufen. Enzyme oder Bakterien dürfen nicht zugefügt werden, ebenso wenig Gelatine oder Kasein. Zur Klärung ist nur das Weinschönungsmittel Bentonit, zur Filtration nur Papier zulässig.

Jürgen Wagner und der Rabbiner David Libersohn
Der Oberrabbiner David Libersohn der jüdischen Gemeinde von Barcelona prüft die Trauben
(Foto: © Ricardo Cases)

Schließlich ist bei der Abfüllung Vorschrift, dass nur neue Flaschen verwendet werden, und im siebten Jahr, dem Sabbatjahr, werden die Trauben nicht geerntet. In der Kellerei dürfen nur Personen arbeiten, die den Sabbat ehren, anderen ist der Zutritt untersagt. Von der Ernte muss ein Prozent an Arme abgegeben, darf also nicht verkauft werden. Dabei spielt es keine Rolle, in welchem Land produziert wird, es kommt nur auf die Beachtung der Regeln für die koschere Herstellung an.

Weinherstellung
Koscher oder treife – alles wird versiegelt, und nur ein Rabbiner darf die Siegel erbrechen.

Außerhalb Israels gibt es einige Kellereien, die koscher produzieren. Die beste unter ihnen, viel gelobt und international ausgezeichnet, ist die spanische Winzergenossenschaft Celler de Capçanes aus Capçanes in der Region Monsant. Einige Weine kenne ich seit 20 Jahren. Die Produktion dieser Mini-Genossenschaft wird quasi von den 400 Einwohnern des Bergdorfes verantwortet, denn alle sind an diesem Projekt beteiligt. Über die Jahre hat man sich stets verbessert, mit der folgenreichen Industrialisierung die Anbauflächen verkleinert und 1.000 Hektar auf 200 geschrumpft. Interessant dabei dürfte für alle Weinfreunde der Vergleich mit biologisch, biodynamisch erzeugten Weinen sein, weil es bei deren Erzeugung im Weinberg wie im Keller einige wichtige Parallelen gibt.

Ana Rovira im Weinkeller
Kellermeisterin Ana Rovira in ihrem Reich

Der für Marketing und Önologie zuständige, aus Deutschland stammende Jürgen Wagner wird inzwischen von der jungen Katalanin Ana Rovira unterstützt. Er reagierte schon 1995 auf eine Anfrage der jüdischen Gemeinde Barcelonas und produzierte hier zum Erfolg aller Beteiligten den ersten koscheren Wein „Peraj Ha’abib“, eine Rotwein-Cuvée, die seither sehr erfolgreich ist. Dass aber auch mit nicht koscheren Weinen im Hause Furore gemacht wird, beweist der erstklassige rote Cabrida aus über 100-jährigen Reben, die auf einer Höhe bis 550 Meter wachsen. Zwei Awards von vielen 2021 – „Beste spanische Kellerei des Jahres“, drittbeste weltweit – sprechen für sich und die hier genannten koscheren Weine.

Peraj Petita rosat 2020

Peraj Petita

Flamingofarben strahlt dieser feinfruchtig, blumig duftende Rosé, der vom ersten Moment des Einschenkens an tänzerisch wie eine Primaballerina in Tschaikowskis Schwanensee kleine Duft ‑Pirouetten im Glas dreht. Hibiskus, Himbeer, rosa Grapefruit, Teerosen. Im Mund glänzt er frisch wie saftige Erdbeeren mit Zitrusfrische. Angenehmer, köstlicher Trinkfluss nicht nur für den Sommer.

Zu beziehen unter: www.la-tienda.de

Peraj Ha’abib „Pinot Noir Edition“ 2019

Peraj Pinot noir

Das helle, glänzende Sauerkirschrot lässt vom ersten Eindruck auf einen leichten Typ Rotwein schließen, was durch die Probe auch gleich bestätigt wird. Faszinierend der Gewürznelkenduft, Pflaumenkompott, rote, saftige Melone. Reifes, feinkörnig edles Tannin, das pure Gaumen- und Trinkfreude auslöst. Ein ganz bemerkenswerter Pinot Noir außerhalb seiner Heimat Frankreich. Leicht gekühlt köstlich zu Lachs, Pizza, Pata Negra.

Zu beziehen unter: www.la-tienda.de

Peraj Ha’abib 2018

Peraj

Die je nach Jahrgang variierende Cuvée aus Cariñena, Cabernet Sauvignon und Garnacha ist im ersten Eindruck im Gaumen nicht selbstgefällig, sondern herausfordernd. Die rote, blaublumige und würzige Aromatik von Malventee, Lilie, Sauerkirsche bis hin zur Preiselbeere täuscht kurz darüber hinweg, aber nur kurz. Dann streut sie mit einer ausgesprochen rustikalen, frechen Art zahlreiche nicht ganz feinkörnige Tannine um sich und verlangt nach mehr Zeit zur Reife. Bodenständige, kraft volle Struktur mit viel Druck im Nachhall.

Zu beziehen unter: www.la-tienda.de

Weinlese
Weinlese von Hand in der katalonische Winzerkooperative „Celler de Capçanes“

La flor del flor de primavera Samsó (Carignan old vines) 2018

Flor del Flor

Die beiden Top-Weine der koscheren Serie kommen aus recht betagten Weinbergterrassen mit weit über 100-jährigen Buschreben, die auf Schiefer‑, Granit- und Tonböden stehen. Sehr viel extremer geht Weinbau nicht. Der Samsó, auch als Carignan bekannt, hat die etwas femininere Verkleidung und trägt dabei die dunklen Noten von Blaubeere, Cassis, Aronia bis Rote Bete – und das sowohl im Duft als auch im Geschmack. Dezente Holznoten ergänzen den säurefrischen Charakter. Die feingerippte Textur lässt im Abschluss an hauchfeine Seidenschals denken. Was für ein Wein zu dem Preis!

Zu beziehen unter: www.la-tienda.de

La flor del flor de primavera Garnacha (old vines) 2018

Flor del Flor Garnacha

Wem der Samsó zu charmant ist, der liegt hier richtig. Dunkle Beeren, Kirschsaft , rauchig, ledrig mit vielen mineralischen, erdigen Noten. Was für ein duftiger, vielschichtiger Auftritt, ständig im Wechsel mit Luft und Temperatur. Gewürznelken, Muskatnuss, schwarze Pfefferkörner und Speck vermitteln weitere Noten im Mund. Die noch jugendlichen Gerbstoffe verleihen dem Wein Biss und bleiben kompakt bis zum lang gezogenen, großartigen Finale. Als Messwein würde er ganze Kathedralen füllen.

Zu beziehen unter: www.la-tienda.de

Weitere Informationen zur spanischen Winzergenossenschaft Celler de Capçanes unter: www.cellercapcanes.com