Ilona Schmiel

Zürich – wandeln in einer Mélange aus Kultur

von Corina Kolbe

5. Dezember 2021

Ilona Schmiel ist Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich. Im gar nicht verflixten siebten Jahr ihrer Intendanz konnte sie das Tonhalle-Orchester Zürich in einen prunkvoll restaurierten Konzertsaal zurückbegleiten.

Stolz blickt zu den hohen Glas­fens­tern im Foyer der Tonhalle . Hinter einer groß­zügig geschnit­tenen Terrasse blitzt und blinkt das inten­sive Blau des Zürich­sees und weiter in der Ferne die Alpen­gipfel.

Großer Saal, Tonhalle Zürich
Konzert im reno­vierten Konzert­saal der Tonhalle Zürich mit dem Tonhalle Orchester unter der Leitung seines Chef­di­ri­genten Paavo Jaervi am 15. September 2021
(Foto: © Gaëtan Bally)

Vom Foyer aus sind es nur wenige Schritte zu dem präch­tigen Konzert­saal von 1895, der jetzt nach vier­jäh­riger Reno­vie­rungs­zeit in neuem Glanz erstrahlt. In diesem Haus Gustav Mahlers Dritte Sinfonie unter Leitung von Musik­di­rektor zu erleben, sei über­wäl­ti­gend gewesen, sagt Schmiel, die seit 2014 Inten­dantin der Tonhalle-Gesell­schaft ist. Erst am Abend zuvor war das Orchester in großer Beset­zung in sein altes Stamm­haus zurück­ge­kehrt, rund 1.300 Zuschauer waren dabei. Auf viele Konzert­gänger hatte der histo­ri­sche Saal zum Schluss etwas muffig gewirkt.

Die neue Konzertorgel in der Tonhalle Zürich
Chris­tian Schmitt durfte am 24. September 2021 die neue Konzert­orgel der Tonhalle einweihen
(Foto: © Joseph Khak­s­hour­igel)

Bei der denk­mal­ge­rechten Sanie­rung durch die Archi­tek­ten­büros Boesch und Diener wurden vergol­dete Stuck­ele­mente und Decken­ge­mälde gründ­lich entstaubt. Grau über­stri­chene Säulen aus Stuck­marmor präsen­tieren sich nun wieder im origi­nalen Zart­rosa. Nicht nur von der neuen Optik, auch von der Akustik ist Ilona Schmiel rundum begeis­tert: „Der Raum hat eine sehr warme Atmo­sphäre. Man hört jetzt mehr Bass­fre­quenzen und auch mehr Ober­töne, die Klang­mi­schung ist insge­samt trans­pa­renter geworden.“

Die historische Tonhalle Zürich
Die histo­ri­sche Tonhalle, erbaut nach dem Vorbild des Pariser Palais du Troca­déro
(Foto: © Archiv der Stadt Zürich)

Das nüch­tern und klar gestal­tete Foyer lohnt eben­falls eine Besich­ti­gung. Ursprüng­lich wurde die Tonhalle nach dem Vorbild des Pariser Palais du Troca­déro erbaut. Nur einen Stein­wurf entfernt entwarfen die Archi­tekten Ferdi­nand Fellner und Hermann Helmer auch das Zürcher Opern­haus. Der Pavillon der Tonhalle, zwei seit­liche Türme und der Garten zum See, mussten dann in den 1930er-Jahren einem Kongress­haus im Stil der Moderne weichen.

Das Blumenfenster im Foyer
Das Blumen­fenster auf der Galerie des Foyers des Kongress­hauses Zürich
(Foto: © Gaëtan Bally)

Schmiel zeigt auf ein großes läng­li­ches Blumen­fenster oben auf einer Galerie, das beide Epochen gewis­ser­maßen mitein­ander verbindet. Hinter Glas wuchern üppige exoti­sche Grün­pflanzen, wie einst in einer Oran­gerie der Belle Époque. Man denkt auch spontan an die verti­kalen Gärten, die heute in vielen Städten für Klima­schutz stehen. Solch eine grüne Oase wurde hier schon für die Schwei­ze­ri­sche Landes­aus­stel­lung 1939 geschaffen. Auch das bei der Sanie­rung aufge­frischte Foyer werde künftig bespielt, verspricht Schmiel. An den „tonhalleLATE“-Abenden mischt sich dann klas­si­sche Musik mit Elec­tronic Beats. Und nach allen Konzerten, die bis auf wenige Ausnahmen ohne Pausen statt­finden sollen, sind dort Begeg­nungen zwischen Publikum und Solisten, Diri­genten und Orches­ter­mu­si­kern geplant.

Blick auf das Kongresshaus und die Tonhalle Zürich von oben
Blick auf das Kongress­haus, die Tonhalle und den Zürichsee von oben
(Foto: © Droh­nen­flug Keystone, Chris­tian Beutler)

Über die Treppen, die von der Terrasse hinun­ter­führen, kommt man direkt zum See. Schmiel genießt es nach wie vor, ausgiebig am Ufer entlang­zu­spa­zieren. „Die zentrale Lage der Tonhalle ist einzig­artig“, meint sie. Als eine der kleinsten Metro­polen Europas ist Zürich sowieso wie geschaffen für Erkun­dungen zu Fuß. Museen, Oper und Schau­spiel­haus liegen nicht mehr als bequeme zehn Minuten ausein­ander. „Man kann in einer Mélange aus Kultur wandeln und zwischen­durch in Bars und Cafés Pause machen“, schwärmt sie. Und die Nähe zur Natur ist überall spürbar.

Blick ins Kunsthaus Zürich
Blick ins Kunst­haus Zürich mit Gemälden und der Plastik Hostess (Mitte) von Willem de Kooning sowie den Plas­tiken Socket Grey (links im Bild) und Archaic Stooge von John Cham­ber­lain (rechts im Bild)
(Foto: Kunst­haus Zürich, Samm­lung Looser: Willem de Kooning, Hostess, 1973, Unti­tled XI, 1982, Unti­tled IX, 1977, © The Willem de Kooning Foundation/​2021 ProLit­teris, Zurich; John Cham­ber­lain, Archaic Stooge, 1991, Socket Grey, 1977, © Fair­wea­ther & Fair­wea­ther LTD/2021 ProLit­teris, Zurich Foto: Franca Candrian, Kunst­haus Zürich)

Zu ihren Lieb­lings­orten gehört das Kunst­haus, wo sich eine der wich­tigen Kunst­samm­lungen der befindet. Gemälde etwa von Rembrandt, Monet, Picasso und Beck­mann sind dort zu sehen, außerdem Werke von Warhol, Beuys und Baselitz oder Video­in­stal­la­tionen aus der unmit­tel­baren Gegen­wart.

Kunsthaus Zürich: der Chipperfield-Bau
Der Chip­per­field-Bau am Kunst­haus Zürich
(Foto: © Juliet Haller, Amt für Städ­tebau, Zürich)

Einen Teil der Kunst­werke kann man jetzt in einem lichten Erwei­te­rungsbau des preis­ge­krönten Archi­tekten David Chip­per­field bewun­dern. Wer danach von Kunst noch nicht genug hat, dem empfiehlt Schmiel einen Abste­cher zur tradi­ti­ons­rei­chen Bras­serie Kronen­halle an der Rämi­straße. Dort hängen echte Chagalls und Mirós, die der Sammler Gustav Zumsteg dem Lokal vermachte. Dazu werden typi­sche Lecker­bissen wie Zürcher Geschnet­zeltes mit Rösti serviert. Die vegane Version dieses beliebten Kalbs­ge­richts steht übri­gens auf der Spei­se­karte von Hiltl, nach eigenen Angaben das älteste vege­ta­ri­sche Restau­rant der Welt.

Die Villa Wesendonck
Blick vom Park auf die Villa Wesen­donck
(Foto: © Museum Riet­berg)

Von der Tonhalle aus ist es auch nur ein kurzer Weg zum Arbo­retum, einer präch­tigen Park­an­lage am See. In der Voliere Zürich, der meist­fre­quen­tierten Vogel­not­fall­sta­tion der Schweiz, kann man exoti­sches und heimi­sches Feder­vieh beob­achten. Von dort aus ist die im Renais­sance­stil erbaute Villa Wesen­donck eben­falls gut zu Fuß erreichbar. Dort lebte Richard Wagners Muse Mathilde Wesen­donck, der Kompo­nist wohnte zeit­weise in der Villa Schön­berg gleich nebenan. Heute beher­bergt die Villa Wesen­donck das Museum Riet­berg mit seiner beein­dru­ckenden Samm­lung von Kunst aus Asien, Afrika, und Ozea­nien.

Das Museum Rietberg in der Villa Wesendonck
Japa­ni­sche Masken aus dem Museum Riet­berg, das sich in der Villa Wesen­donck befindet
(Foto: © Museum Riet­berg)

Für Ilona Schmiel ist dieses Haus ein Ort, an dem sie immer wieder gern in andere Welten eintaucht. Nach dem Muse­ums­be­such kann man im Rieter­park, der die Villa umgibt, frische Luft schnappen und einen Blick auf die sonnen­ver­wöhnte „Gold­küste“ auf der anderen Seeseite werfen.

Smaragd, eines der Gebäude des Museums Rietberg
Smaragd, das neue Gebäude des Museums Riet­berg
(Foto: © Museum Riet­berg)

Wer am linken Ufer an der „Pfnü­se­lküste“ (auf Hoch­deutsch: Schnup­fen­küste) bleiben will und irgend­wann Hunger kriegt, der kommt über den Mythen­quai und die Seestraße zum Restau­rant Fischer’s Fritz. Schmiel schätzt die unge­zwun­gene Atmo­sphäre und die reich­hal­tige Auswahl an fang[1]frischen Spezia­li­täten, etwa die soge­nannten Fisch­k­nus­perli – kross ausge­ba­ckene Fisch­stück­chen.

Ausweichquarteier der Tonhalle Zürich
Remi­nis­zenzen an das Ausweich­quar­tier der Tonhalle Zürich in einer ehema­ligen Zahn­rad­fa­brik, die Tonhalle Maag
(Foto: © Hannes Henz)

Bei aller Freude über den Umzug in die histo­ri­sche Tonhalle erin­nert sich Ilona Schmiel auch noch gern an das ehema­lige Ausweich­quar­tier des Orches­ters. Die Tonhalle Maag in einer ehema­ligen Zahn­rad­fa­brik im hippen Westen Zürichs ist zwar inzwi­schen Geschichte, Bühne und Sitz­reihen sind längst entfernt, und bald folgt der komplette Abriss. Die Inten­dantin hofft aber, das neue Publikum, das von dieser alter­na­tiven Spiel­stätte ange­zogen wurde, bald in der Tonhalle am See wieder­zu­sehen. In das quir­lige Indus­trie­quar­tier kehrt sie immer wieder mal zurück, nicht zuletzt wegen des ange­sagten Lokals Frau Gerolds Garten hinter dem Hoch­haus Freitag-Tower. Das Gelände versprüht einen lässigen Charme, den man sonst eher aus kennt. Es gibt einen Nutz­garten, einen Markt und viele Kunst­ak­tionen. Im Winter verwan­delt sich die Sonnen­ter­rasse übri­gens in einen Winter­garten, in dem man am Lager­feuer gemüt­lich zusam­men­sitzen kann.

Die Dolderbahn in Zürich
Die Dolder­bahn, eine Zahn­rad­bahn auf die Berg­sta­tion Dolder zur Über­win­dung von 162 Höhen­me­tern auf einer 1,3 Kilo­meter langen Strecke
(Foto: © VBZ, Stadt Zürich)

Wer zum Abschluss in Zürich mal richtig Land­luft schnup­pern will, sollte mit der Dolder­bahn, einer rot lackierten Zahn­rad­bahn, auf den Adlis­berg fahren. „Man kommt an Pfer­de­weiden vorbei zu einem Restau­rant in einem Bauern­haus, wo man wunderbar kann“, erzählt Schmiel. „Und in der Ferne kann man ein biss­chen von der Stadt sehen, bis irgend­wann die Sonne unter­geht.“ 

Fotos: Jan Maybach / Pixabay