Die bildende Künstlerin Aja von Loeper ist Erfinderin. Das Wesen solcher genialen Entdecker ist gekennzeichnet von Neugierde, explorativer Sehnsucht und Beharrlichkeit. Ein Porträt von Nora Gomringer.

Und tatsächlich! All diese Eigenschaften begrüßen einen mit freundlichem Lächeln, wenn man die Künstlerin in ihrer Wohn- und Arbeitswelt in Nürnbergs Winkelgassen aufsucht. Der Titel eines Textes, den Eugen Gomringer einst für Günther Uecker schrieb, lautet: „wie weiss ist, wissen die weisen“. Weis(s)heit hat von Loeper längst verstanden. Seit Jahrzehnten bearbeitet und kennt ihre Expertise den Werkstoff Papier und seine stärkere Variante: den Karton.

In den wegsuchenden Jahren in der Kunstakademie und denen danach war ihr ein Ort existenziell, der ständige Wiederkehr erlaubte: ein Baum, genauer eine Birke, nahe dem Gelände der Akademie. Tagein, tagaus suchte von Loeper die Nähe dieser Birke, saß an ihrem Stamm, beobachtete, lernte, wurde Zeugin. Mit den Veränderungen des Baumes über die Jahre änderte sich von Loepers Sicht auf die Abläufe in der Natur, fand, verfeinerte und erweiterte sich ihre Technik, festigte sich diese letzten Endes zur Erschaffung der großformatigen Arbeiten, mit denen die Künstlerin lebt. Sie alle zeigen dem staunenden Betrachter Strukturkataloge. Pathetisch könnte man sich zu der Annahme hinreißen lassen, dass, würde jemals eine offizielle Stelle ein Inventar der Strukturen und Fähigkeiten von Schnee, Papier, Gletschern oder Fell in Auftrag geben, Aja von Loeper umgehend Auskunft erteilen könnte, da sie seit Jahrzehnten an einem solchen Inventar arbeitet, es so verstanden und verfeinert hat, dass alle Phänomene der Natur hier in die Kunst übersetzt werden. Das hat etwas Gewaltiges. Und wie vieles Mächtige ist es gleichzeitig zart. Mithilfe von kleinen Kolben aus Buchenholz, die die Künstlerin selbst bearbeitet, damit sie ihr als Griffel zum Streichen und Schaben dienen und gut in der Hand liegen, den Fingergelenken Spiel und doch direkte Kraftübertragung garantieren, arbeitet sie die Oberfläche und die Schichten des Kartons in einer Weise auf, dass das Papier sich zu ergeben scheint.

Aja von Loeper scheint das weiße Blatt direkt zu besprechen.

Ein „Noch-viel-Mehr“ an Weiß gibt es preis und während es im wahrsten Sinne durch Reibung und Druck gereizt, aufgeht, offenbart es sich uns. Von Loeper hat über Jahre herausgefunden, was die Eigenschaften des Materials an Nuancen für ihr Werk bedeuten. Sie kann Aussagen über Papier treffen, die man in ihrer Präzision und Verehrung selten hört. Dichter reden über Blätter und Bäume als Bilder in der Gedankenwelt. Von Loeper scheint das weiße Blatt direkt zu besprechen und es aus seiner Starre und Bündigkeit zu lösen durch einen Akt der „Überredung“, der auch eine Überwindung von materialgegebenen Grenzen ist. Was man in der Kunst ein Werk nennt, ist bei von Loeper das Ergebnis langer, körperlich intensiver Arbeit am Blatt. Meist ist es auf den Boden gestreckt und bietet ihrem leichten Körper, der darauf kniet, lehnt, wenn nicht liegt, genug Gegenspiel, biegt sich; knittert oder reißt aber nicht. Mit Ausdauer raut die Künstlerin mithilfe ihrer Buchenkolben große Flächen ihrer Kartons auf. Ungläubige Betrachter sind allzu schnell bei der Beurteilung und sprechen von Prägungen. Das Gegenteil ist der Fall.

Aja von Loepers Arbeitsweise erlaubt Erstaunliches: Ein dreidimensionaler Körper scheint sich aus der Fläche zu erheben.

Die Künstlerin prägt nicht, sie hebt, regt die Oberfläche des 250-Gramm-Kartons an, sich zu wölben, ihrem Griffel noch mehr Fläche zu schenken, die dann in kleiner Geste, die einer Schraffurbewegung gleicht, aufgelöst wird. Diese Auflösung ist immer im Rahmen von Transformation, nicht Destruktion gehalten. Es entstehen keine „Wunden“ im Material. Seit Jahren überlegt von Loeper mit Patentanwälten und Kunsthistorikern im Bunde, wie ihre Arbeitsweise zu beschreiben, ja präzise zu benennen sei, um ihr den Status der Erfinderin ein für alle Mal zu sichern. Ihre Arbeitsweise erlaubt Erstaunliches: Ein dreidimensionaler Körper scheint sich aus der Fläche zu erheben. Er wird zunehmend ausdifferenziert, bietet dem Auge an der einen Stelle Glätte, an anderer Aufgerautheit. Diese Komplexitäten sind – man muss es wiederholen – nicht wie auf Schaulandkarten und ‑tafeln aus alten Schulzeiten bekannt durch Prägung, sondern durch eine intensive Reizung oder besser „Lockung“ des Materials selbst entstanden. Was die langen Fasern im Material erlauben in ihrer Festigkeit bei gleichzeitiger Flexibilität, nutzt von Loeper mit Kenntnis und Virtuosität, um kleinere – manchmal auch eingefärbte – und übergroße Arbeiten entstehen zu lassen.

Aja von Loeper schafft große Monumente der Zeit und Entropie, alle Kraft, die in die Arbeiten eingeht, tritt aus ihnen hervor, wird sichtbar, beinahe fühlbar.

Als Vorbilder und Grundlagen nennt die Künstlerin unter anderem den argentinischstämmigen Künstler Lucio Fontana, der die Leinwand letztlich zerschnitt oder punktierte, um das Dahinter hervortreten zu lassen, die Realitätsebenen aufzuzeigen, den künstlerischen Gestus zu bekräftigen, das Messer zum Pinsel werden zu lassen, das Schneiden dem Schneidenden von Technik oder Sujet entgegenzusetzen. „Spatial Art“ wurde in den 1950er-Jahren geboren und noch heute beschäftigt Künstlerinnen und Künstler die Kraft des weißen Blattes, der Imperativ, die Anklage, die Meditation und das Schweigen, die von ihm ausgehen. Auch mögen dies die Faktoren gewesen sein, die Aja von Loeper immer wieder zur Birke nahe dem Akademiegelände geführt haben. Jedem Anfang, somit auch dem unbeschriebenen Blatt, wohnt ein Zauber inne, doch ist es mit dem Zaubern so eine Sache. Die Mächte, die einen leiten und die, die man befreit, sind – so lehrt es schon die Erfahrung des Goethe’schen Zauberlehrlings– nahezu unbeherrschbar.

Das eingangs eröffnete Wortspiel mit den Begriffen „Weisheit“ und „Weissheit“ in Bezug auf den deutschen Bildhauer Günther Uecker greift auch hier. Fast scheint es, als bliebe dem Künstler neben der Addition und Applikation von Farbe auf die Leinwand nach Abschluss der philosophischen Betrachtung der ihm gebotenen Fläche nur mehr ein Angriff auf sie, ihre Erweiterung ins Dimensionale durch die direkte Arbeit an ihrer Materialität. Der Angriff wird als künstlerischer Gestus von Männern geprägt und beherrscht. Man möchte dagegen von Loepers Arbeitsweise als diplomatische Erweiterung verstehen, die sie mit Beharrlichkeit, strategisch-taktischem Geschick und Überlegungen der Ästhetik erschafft, addiert – nicht zerstört oder verletzt. Das Papier gibt seine Eigenschaften bereitwillig in die Verhandlungen der Künstlerin. Ausdruck, Gestalt und ästhetische Wirkung werden von beiden Partnern, der Künstlerin und ihrem Material, gleichwertig eingebracht. Die Künstlerin schafft so große Monumente der Zeit und Entropie, alle Kraft, die in die Arbeiten eingeht, tritt aus ihnen hervor, wird sichtbar, beinahe fühlbar, ohne sie zu verlassen. Aja von Loeper ist die Übersetzerin dieser Kraft, eine, die um das Weiß weiß – ohne Zweifel.

Zur digitalen Vernissage von Aja von Loeper unter: CRESCENDO.DE

Foto Titelbild: Aja von Loeper: Weißes Blatt L, Ausschnitt

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Nora Gomringer
Nora Gomringer wurde 1980 in Neunkirchen an der Saar geboren. Sie gilt als Galionsfigur des Poetry-Slams. „Ich bemühe mich um die Prosa, aber mein Zuhause ist das Gedicht“, bekannte sie einmal. Ihre Gedichtbände wurden in mehrere Sprachen übersetzt. In dem Band „Monster Poems“, der 2013 mit Collagen von Reimar Limmer erschien und 2019 wieder aufgelegt wurde, beschäftigt sich Gomringer mit den großen Monstern aus Literatur, Film und Populärkultur. Ebenfalls 2019 veröffentlichte sie „Gedichte aus / auf Netzhaut – vom Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen. Münchner Reden zur Poesie“. Und 2020 folgte der Gedichtband „Gottesanbieterin“. Für ihre Werke erhielt Gomringer zahlreiche Preise, darunter den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2011, den Joachim-Ringelnatz-Preis, die Europa-Medaille des Freistaats Bayern sowie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Gomringer ist Mitglied des deutschen PEN und seit 2010 ist sie Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg.