Leichtfertige Sicherheitsvorkehrungen haben dazu geführt, dass ein Teil des „Tannhäuser“-Ensembles mit Covid-19 infiziert ist. 

Von Axel Brüggemann

Die Welt wird auf Berlin schauen und auf die Normandie“, hieß es letzte Woche noch bei den Proben an der Opéra de Rouen. An beiden Orten sollten spektakuläre Wagner-Produktionen unter weitgehend normalen Bedingungen über die Bühne gehen. Doch während über Stefan Herheims Berliner „Walküre“ bereits ästhetisch gestritten wird, wurde der „Tannhäuser“ in der Normandie kurzfristig abgesagt. Inzwischen tobt an der Opéra de Rouen ein heilloses Corona-Chaos, und Ensemble-Mitglieder erheben schwere Vorwürfe gegen Intendant Loïc Lachenal, der es mit den Covid-Regeln wohl nicht ganz so ernst genommen hat. Er wollte um jeden Preis, dass sich der Vorhang zur „Tannhäuser“-Vorstellung an seinem Haus hebt.

Während die Proben für die Berliner „Walküre“ nur angesetzt wurden, wenn ein Gurgeltest bei allen Beteiligten negativ ausgefallen war, fanden Covid-Tests in Rouen lediglich auf freiwilliger Basis statt (es bestand ein Mal pro Woche die Möglichkeit zum Test). Eine Sängerin ließ sich erst testen, nachdem ihr bereits schwere Symptome zu schaffen machten. Zu spät für andere Mitwirkende der „Tannhäuser“-Produktion. Tenor Stefan Vinke (er sollte die Titelrolle singen) hat sich wahrscheinlich bereits während der Proben bei einer Kollegin infiziert. Auf Nachfrage von CRESCENDO hat er bestätigt, dass er inzwischen positiv getestet wurde. 

Es wurde viel zu spät getestet

All das war für den Intendanten in Rouen allerdings noch kein Grund, die Handbremse zu ziehen. Statt die Vorstellung abzusagen, fragte das künstlerische Betriebsbüro auch weiterhin Einspringerinnen für die erkrankte Sängerin an, ohne diese über die Covid-Fälle an der Oper zu informieren. 

Auf Anfrage von CRESCENDO dementierte Intendant Loïc Lachenal die Vorwürfe nicht. Er erklärte lediglich, dass er sich zu jeder Zeit an französisches Recht gehalten habe, und dass er gelernt habe, dass man nirgendwo sicher vor dem Virus sein könne. Außerdem schrieb er, dass man sich beim Sicherheitskonzept am Modell der Salzburger Festspiele orientiert habe. Das allerdings ist falsch, denn in Salzburg waren Tests für Musiker und Künstler verpflichtend. Tatsächlich hat auch die „Walküre“ in Berlin gezeigt, dass ein Sicherheitskonzept, das diesen Namen verdient, Oper durchaus möglich machen kann. In Rouen mangelte es einfach an einem vernünftigen Konzept und an Verantwortung.

Rouen gefährdet alle Theater

Auf der Homepage der Oper in der Normandie ist derzeit noch immer von „einem Corona-Fall“ die Rede, dabei sind inzwischen wohl tatsächlich mindestens fünf Mitwirkende des „Tannhäuser“-Ensembles positiv getestet. Auch das unterscheidet den französischen Weg im Umgang mit Corona in der Kulturszene vom deutschen: Während in Deutschland vollkommene Transparenz herrscht, wird in Frankreich viel hinter verschlossenen Türen geregelt. 

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

2 Kommentare

  1. Die deutschen Theater scheinen auch nur nach außen transparent.
    Was hinter verschlossenen Türen und in den Proberäumen statt findet ist ein ganz anderes Thema.
    Immer wieder müssen die von dem Festensemble dazugezogenenen Betriebsärzte eingreifen, um im “ künstlerischen Schaffen“ Vernunft rein zu bringen.
    Es ist nur eine Frage der Zeit bis sich auch an einem deutschen Opernhaus/ Theater die Bühnenschaffenden auf Grund des Drucks von der Leitung während Proben gegenseitig anstecken.

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