Moritz Eggert über eine Mozart'sche Sauerei

Mozart schämte sich nie!

von Moritz Eggert

6. Juli 2018

Unser Kolumnist Moritz Eggert hat in der Mozart-Forschung einen blinden Fleck der prüden Musikwissenschaft aufgespürt…

Neu­lich sang ich bei einer Auf­füh­rung von Mozart wun­der­barem Kanon „Dif­fi­cile lectu mihi mars et jonicu dif­fi­cile“ mit. Ein klei­neres Gele­gen­heits­werk des Meis­ters, K 559, nicht ganz so bekannt wie der ähn­lich inten­dierte Kanon „Bona Nox, bist ein alter Ochs“.

Man muss kein Latein­ex­perte sein, um fest­zu­stellen, dass es sich hier um eine Art Küchen­la­tein han­delt, das keinen wirk­li­chen Sinn ergibt. Ähn­lich wie „Sit a us vi late in, iste sabernet“ oder „Dicu­rante bis syphilum“. Der Sinn ergibt sich erst, wenn der Text mit einem gewissen Dia­lekt (näm­lich dem Baye­ri­schen) gesungen wird. Der Legende nach schrieb Mozart den Kanon für den stark baye­risch spre­chenden Sänger Johann Nepomuk Peyerl, um ihn bei der Urauf­füh­rung zu verspotten.

Die Asso­zia­tion an Götz von Ber­li­chingen wir klar
Die Musik­wis­sen­schaft spricht, man höre und staune, von zwei ver­bor­genen Saue­reien Mozarts. Die erste ist ziem­lich offen­sicht­lich, selbst ein Sachse würde beim Aus­spre­chen der Folge „Lectu mihi Mars“ sofort Asso­zia­tionen an Götz von Ber­li­chingen wach­rufen. Die zweite Sauerei ist etwas für Roma­nisten: das Wort „jonicu“ wird im Kanon so oft wie­der­holt, dass man irgend­wann statt­dessen „cujoni“ hört (ein inter­es­santes Bei­spiel einer „akus­ti­schen Täu­schung“ übri­gens), und das heißt auf Ita­lie­nisch schlicht und ein­fach „Eier“, „Nüsse“ oder „Hoden“. Wer Spa­nier reden hört, wird auch oft den ver­wandten Aus­druck „cojones“ her­aus­hören, zusammen mit „corazon“ das meist­ver­wen­dete Wort im Spanischen.

Soweit, so Wiki­pedia. Aber es bleibt den­noch eine Frage übrig. Warum eigent­lich nur ZWEI Saue­reien? Warum werden in allen Wiki­pedia-Arti­keln und musik­wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lungen immer nur diese beiden Saue­reien erklärt, und zwar meis­tens so behäbig und bieder, dass man auf keinen Fall dar­über lachen darf?

„Die Musik­wis­sen­schaft rät­selte jahr­hun­der­te­lang über eine mys­te­riöse Zah­len­folge… Es waren die Lot­to­zahlen, die Mozart gerade getippt hatte.“

Was mir an Mozart immer so gefällt, ist seine Welt­ver­bun­den­heit. Bei all der über­lie­ferten Exzen­trik und den Eigen­heiten, die angeb­lich aus seiner schwie­rigen Kind­heit oder einem ver­steckten Tourette-Syn­drom resul­tierten, je nachdem, wel­cher Quelle man Glauben schenkt: Mozart stand auf jedem Fall mitten im Leben. Er war ein lei­den­schaft­li­cher Spieler und kom­po­nierte tat­säch­lich par­allel zu Bil­lard­par­tien. Eine beson­dere Lieb­lings­ge­schichte von mir ist in dem Buch „Mozart der Spieler“ ver­zeichnet: So rät­selte die Musik­wis­sen­schaft jahr­hun­der­te­lang über eine mys­te­riöse Zah­len­folge auf einem Mozart-Auto­graph. Waren es geheime Berech­nungen? Frühe 12-Ton­reihen? Frei­maurer-Codes? Nein, es waren die Lot­to­zahlen, die Mozart gerade getippt hatte.

Mozart kom­po­nierte beim Billiard-Spielen
Wenn man sich Mozart also als Men­schen ver­ge­gen­wär­tigt, so hätte er durchaus Spaß an Mozart­ku­geln gehabt, weniger Spaß aber an Göt­zen­ver­eh­rungen, Hei­lig­spre­chungen, unkri­ti­schen Genie­ver­eh­rungen, kit­schigen Büsten und Behaup­tungen, er sei psy­chisch krank gewesen. War er näm­lich nicht, er war ein­fach ein nor­maler Mensch mit Spaß an Vul­ga­rität, Exzess und derben Scherzen. Und das war der Musik­wis­sen­schaft schon immer beson­ders unheimlich.

Warum sollte also ein Mozart so gemä­ßigt gewesen sein, und in diesem Kanon nur zwei Scherze gemacht haben? Es ist bekannt, dass der Mann keine halben Sachen machte, weder in der Kunst noch in seinem Leben, also warum so bescheiden, aus­ge­rechnet hier?

Der Kanon ist noch viel derber als bisher vermutet!
Beim Singen wurde es mir plötz­lich klar. Das Geheimnis liegt natür­lich im ersten Wort. Selbst Auf­füh­rungen in authen­ti­schem Wiener Dia­lekt (so zum Bei­spiel hier) nehmen Wort des Kanons immer sehr brav neu-ita­lie­nisch, also „di-fi-tschi-le“. Nun wird aber im Latei­ni­schen – alter Streit, den man als huma­nis­ti­sches-Gym­na­sium-Geschä­digter sicher kennt – das „c“ ent­weder als „c“ oder als „k“ aus­ge­spro­chen. Und letz­teres erscheint mir hier wesent­lich wahr­schein­li­cher, gerade wenn es sich bei dem Sänger um einen handelte.

Und plötz­lich ergibt der Text einen wun­der­baren Sinn, noch wesent­lich derber als bisher offi­ziell von der hohen Warte der Musik­wis­sen­schaft ver­laut­bart. Warum aber wird dies in allen Arti­keln über diesen Kanon ver­schwiegen? Ist es Prü­derie? Ist man „g’schamt“, wie der Bayer sagt? Mozart auf jeden Fall schämte sich nicht, NIE, NIE­MALS!, und plat­zierte diesen Kanon frech in einer Samm­lung reli­giöser Werke, auch dies ein sehr sym­pa­thi­scher Zug , wie ich finde.

Ich prä­sen­tiere also hier die erste offi­zi­elle Neu­deu­tung dieses Mozart­schen Werkes. Zuerst auf Bayerisch:

Di Fick I! Le-Leck Du mi im Oarsch (und) Eiern, Di Fick I (le)!

Und ins Hoch­deut­sche übersetzt:

Ich fick dich! Leck mich am Arsch und an den Eiern! Ich fick dich!

Da habt ihr ihn, euren Mozart, liebe Bildungsbürger.