In Annaberg endet Flotows „Martha“ politischEqual Pay Day mit Happy End

(c) Christian Dageförde/BUR-Werbung

Nur in ganz wenigen Opern schlagen Hörerherzen so hoch, dass man die Hits bei laufender Vorstellung inbrünstig mitsummt. Einer dieser Evergreens ist „Martha“, die trotz aller skrupulösen Bedenken seit 1847 noch immer volle Häuser macht, obwohl Friedrich von Flotows Fetzer durchaus etwas gedankliches Schmieröl in den Versen Friedrich Wilhelm Rieses hätte vertragen können.

Zum 125-Jahre-Jubiläum des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz umschiffen Jasmin Solfaghari und ihre Ausstatterin Kristina Böcher alle Fallen dieses biedermeierlichen Rosenkriegs. Sie machen kein allzu großes Drama aus der Schmonzette vom gelangweilten königlichen Edelfräulein, das als vorgebliche Magd in prestige- und standesbedingten Verwicklungen Herz und Hand verliert. Und sie haben enormen Erfolg damit, indem sie jeden der vier Akte einem anderen Genre zuspielen.

Zuerst wirkt alles wie eine Reminiszenz an die seit Jahrzehnten von Theatern übernommene „Martha“-Inszenierung von Loriot. Doch dann wird alles ganz anders.

Die gerade Wagners „Ring“ in Odense inszenierende Jasmin Solfaghari kennt genauso alle Kniffe des Komödienmetiers. Im adeligen Boudoir, aus dem sich Lady Harriet mit ihrer ideenreichen Vertrauten Nancy in den alternativen Identitäten einer „Martha“ bzw. “Julia“ Richtung Markt von Richmond trollt, wirkt das erst wie eine Reminiszenz an die seit Jahrzehnten von mehreren Theatern übernommene „Martha“-Inszenierung von Loriot. Doch dann wird alles ganz anders. Die Gleichung „Mägdemarkt“ gleich „Heiratsmarkt“ gleich „Arbeitsmarkt“ wird gründlich auf die Faktoren Sympathie, Konfliktbewältigung und emotionale Zukunftsfähigkeit abgeklopft. Denn auf dem Markt, wo sich die Mägde verdingen, geht es nicht nur um Arbeit, sondern auch um Privates. Zum Beispiel bei den verwaisten Halbbrüdern Plumkett und Lyonel, die weltfremd und unerfahren genug sind, gerade die zwei etwas überzogen ausstaffierten Möchtegern-Mägde anzuwerben. Die Jungs wirken herzig progressiv und leben in einem liebenswerten Verhau aus Depot von selbstproduzierten Garnen und Wohnzimmer, was ihnen beim staksigen Anbandeln nicht recht weiterhilft.

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Nach dem dritten Akt, hier das opulente Intermezzo wie aus einem Adelsroman, zeigt das Edelfräulein Flagge. Wenn sie mit der Eins-zu-Eins Ablichtung der Dienstbotenbörse, dem Ort ihrer ersten Begegnung um ihren Lyonel kämpft, gewinnt sie dem Ganzen sogar eine politische Komponente ab. Die Kolleginnen, längst zu Ehefrauen (oder legitimen Hausangestellten) aufgestiegen, machen Druck und fordern, schöner Gruß vom „Equal Pay Day“, Lohngleichheit. Die Demo-Runde endet mit einem Vergleich, der die Beziehungen zwischen arbeitssuchenden Frauen und rattigen Arbeitgebern nicht ernstlich erschüttert.

Die Solisten profitieren allesamt davon, dass man sie listig von den szenischen Rollenklischees befreit

Herausgekommen ist ein spielintensiver Theaterabend, dem der aktionssüchtige und von Uwe Hanke treffsicher studierte Chor und Jason-Nandor Tomory als spleeniger Lord Tristan lustvoll mehrere Krönchen aufsetzen. GMD Naoshi Takahashi favorisiert mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue lieber die aufjubelnden als die schmelzenden Perlen der Partitur. Die Solisten profitieren allesamt davon, dass man sie listig von den szenischen Rollenklischees befreit. Bei den Damen fällt die eindimensionale Grenzlinie zwischen quirliger Freundin und der von Standesbewusstsein aufgeriebenen Lady: Von Anna Bineta Diouf hätte man auch gerne das gestrichene Jagdlied gehört und László Varga gehört als Plumkett ganz bestimmt nicht zu den Gutsherren, die ihre Feierbande mit Dosenbier vor der Glotze verbringen.

An der Entwicklung der Beziehungs- und Liebesfähigkeit des Hauptpaares zeigt sich der innere Gehalt dieser Aufführung am deutlichsten: Madelaine Vogt und Frank Unger liegt viel mehr an den Seelentönen unter Flotows dahinperlenden Komödientönen als am Klamauk. Hier wird deutlich, welcher Anstrengung es oft bedarf, sich aus den Fesseln des Altvertrauten zu befreien und seinem Glück eine echte Chance zu geben. Die schönen Melodien um die berühmte „Letzte Rose“ gewinnen also mehr Glaubhaftigkeit. Nach zwei unterhaltsamen Stunden kommen menschliche und wirtschaftliche Chancengleichheit in bestes Einvernehmen. Viel Applaus für ein mitreißendes Ensemble in Sonntagslaune.

Wieder am Mi 02.05. /19:30  – So 06.05./15:00 – Do 10.05./19:30 – So 13.05./15:00 – https://www.winterstein-theater.de – Telefon 03733-1407131

Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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