KlassikWoche 07/2024

Alles Balla-Balla

von Axel Brüggemann

12. Februar 2024

Geschichts­stunde in München, Klavier-Krise in China, etwas Opern-Balla-Balla aus Wien, exqui­siten Presse-Auslese zum Disput bei den Wiener Fest­wo­chen.

Will­kommen in der Klassik-Woche,

heute mit einer Geschichts­stunde in München, der Klavier-Krise in China, etwas Opern-Balla-Balla aus Wien und einer exqui­siten Presse-Auslese zum Disput bei den Wiener Fest­wo­chen. 

Zwei Münchner Geschichts­stunden

Sie können es nicht lassen! Die Freunde von , dem ehema­ligen Präsi­denten der Musik­hoch­schule München, verstehen die Insti­tu­tion noch immer als Ort, an dem sie ihre Posi­tionen in Szene setzen wollen. Doch zum Glück wird das Haus an der Arcis­straße inzwi­schen von Lydia Grün geleitet. Sie ist eine stil­si­chere Balle­rina auf dem Grat von Geschichte und Zukunft. Was war passiert? Der Germa­nist und Wagne­rianer Dieter Borchmeyer wollte seltene Werke Wagners in der Musik­hoch­schule aufführen. Borchmeyer hatte einst Wagners Schriften heraus­ge­geben, aller­dings ohne den anti­se­mi­ti­schen Text „Das Judenthum in der Musik“. Grün lehnte sein Ansinnen nach Infor­ma­tionen von Robert Braun­müller in der Abend­zei­tung ab. Mit der Begrün­dung, dass ein derar­tiges Vorhaben ohne histo­ri­sche Einord­nung an der Musik­hoch­schule nur schwer möglich sei. Die Münchner Musik­hoch­schule galt als reprä­sen­ta­tiver „Führer-Bau“, in dem 1938 das „Münchner Abkommen“ unter­zeichnet wurde. Grün ließ Borchmeyer wissen: „Außerdem möchte und kann ich nicht verschweigen, dass Ihre öffent­liche persön­liche Posi­tio­nie­rung zugunsten des ehema­ligen Präsi­denten der HMTM, Dr. Sieg­fried Mauser, eben­falls in unsere Entschei­dung grund­le­gend einge­flossen ist.“ Grün spielt darauf an, dass Borchmeyer nicht nur Mither­aus­geber einer Fest­schrift für den umstrit­tenen Präsi­denten war (der wegen sexu­eller Über­griffe ange­klagt wurde und eine Haft­strafe absaß), sondern seine Taten öffent­lich herun­ter­spielte. Grün teilte ihm nun unmiss­ver­ständ­lich mit: „Posi­tionen, welche die Straf­taten von Herrn Dr. Mauser nicht als solche akzep­tieren oder diese baga­tel­li­sieren, sind an unserer Hoch­schule nicht will­kommen.“ Eine Mail und zwei Stunden Geschichts­un­ter­richt. Chapeau!

Klavier-Krise in China 

Der chine­si­sche Klavier-Boom hatte einen Namen: . Er war für das Klavier­spiel seiner Heimat, was Boris Becker für den deut­schen Tennis war: ein Vorbild. 2001 standen in 100 städ­ti­schen chine­si­schen Haus­halten durch­schnitt­lich nur 1,3 Klaviere. 2021 stieg die Zahl auf durch­schnitt­lich acht. Es gab Zeiten, als 40 Millionen Menschen in China Klavier lernten, und die Regie­rung förderte all das mit so genannten „Klavier­punkten“ an den Schulen. Das Instru­ment galt als Status­symbol, aber: die chine­si­sche Klavier­schule stand auch für über­eif­rige Eltern und strenge Erzie­hung. Das war irgend­wann selbst der chine­si­schen Regie­rung genug. Sie schaffte die Klavier­punkte wieder ab, und auch Eltern wollten ihren Kindern plötz­lich wieder eine unbe­schwer­tere Jugend gönnen. Hinzu kam die Wirt­schafts­krise. Inzwi­schen liegt die Klavier­in­dus­trie in China am Boden. Es hat sich ausge­klim­pert! 30 Prozent der Musik­schulen mussten schließen, die Klavier­pro­duk­tion verrin­gerte sich von 400.000 auf nur noch 190.000 Klaviere. „Tasten­trauma“ heißt der äußerst lesens­werte Artikel in der Süddeut­schen, in der Florian Müller all das berichtet.

Perso­na­lien der Woche I

wird seine Rück­kehr in den Klassik-Betrieb weiter verschieben. Gardiner hat seine Pläne abge­sagt, Monte­verdi-Chor und ‑Orchester auf einer Tour im Mai zu leiten. Gardiner geriet in die Schlag­zeilen, nachdem er einem Kollegen nach einer Auffüh­rung ins Gesicht geschlagen hatte. +++ wird ab der Saison 202425 Erster Gast­di­ri­gent der Tsche­chi­schen Phil­har­monie. Der Brite hat dazu einen Fünf­jah­res­ver­trag unter­schrieben. bleibt Chef­di­ri­gent und eben­falls Erster Gast­di­ri­gent. +++ , frei­ge­stellter Gene­ral­inten­dant des Thea­ters Erfurt, war als Regis­seur für die Oper „Wilhelm Tell“ am Theater St. Gallen unter Vertrag. „Um den Ruf des Hauses unbe­rührt zu lassen“ hat er sich nun dazu entschlossen, davon zurück­zu­treten. Montavon sieht sich mit Vorwürfen von sexu­ellen Über­griffen und Macht­miss­brauch konfron­tiert (hier ein ausführ­li­cher Podcast zum Thema). +++ Neue Recher­chen über die Russ­land-Auftritte von und Musi­cAe­terna gibt es hier im Bad Blog of Musick.

Opern-Balla-Balla

Es ist das große Lager­feuer der Öster­rei­cher: Der Wiener Opern­ball. Während der Ball der Wiener Phil­har­mo­niker weit­ge­hend Klassik-Spezia­listen anlockt, ist die Konkur­renz am Ring eher ein schrilles Gesell­schafts­phä­nomen. Dieses Mal auch dabei die halbe Dramatis Personae der „Bunte“: Oliver Pocher mit Ex Sandy Meyer-Wölden, Mörtel Lugner bezahlte Priscilla Presley für den Tanz, Heino war da, der Glööckler und DJ Ötzi. Am Ende des Abends ärgerte sich ein sicht­lich genervter Inten­dant Bogdan Roščić im ORF über das Benehmen der Gäste, die in die Gesangs-Einlagen geredet und geklatscht hätten („Daran müssen wir noch arbeiten“). Zu hören waren unter anderem (sie über­raschte mit einem urei­genen Offen­bach-Tempo) und (bemer­kens­wert, wie strah­lend, präsent und lust­voll sein Timbre nach immer ist). Für einen Eklat soll nach Infor­ma­tionen von OE24 gesorgt haben. In ihrer Loge soll sie abfäl­lige Gesten während Garančas Auftritt gemacht haben. Außerdem soll sie ein ORF-Inter­view abge­bro­chen haben, als das Thema Russ­land aufkam. Hier eine ausführ­liche Bilder­ga­lerie.

Klassik-Woche für die Ohren

Es ist wieder Zeit für aktu­ellen Klassik-Klatsch im Podcast „Alles klar, Klassik?“: Doro hat viele Themen auf dem Tisch, ich lache trotz gebro­chener Rippe. Es geht um Zwischen­rufe beim Opern­ball, die Alpha-Männer von Erfurt und Wies­baden, den Münchner Wagner-Eklat und aller­hand Perso­na­lien aus der Welt der Klassik. Außerdem ulti­ma­tive Lobhu­de­leien auf Andrea Ziet­sch­mann und Piotr Beczała. Hier für alle Player, für apple Podcast oder Spotify

Damrau vs. Regie­theater

Jetzt auch . In der Zeitung „Kurier“ beschwerte sie sich (ebenso wie zuvor schon ihr regel­mä­ßiger Gesang-Partner ) über das Regie­theater: „Ich will nicht ständig irgend­welche Dinge in etwas trans­for­mieren müssen, was nichts mehr mit Schön­heit zu tun hat und viel­leicht auch gar nichts mehr mit dem Stück. Es muss ja nicht immer nur alles gefallen müssen, darum geht es ja gar nicht. Eine Insze­nie­rung muss Tiefe haben und etwas über­mit­teln. (…) Es muss nicht immer häss­lich und oder gewalt­tätig sein, um irgendwas aus unserer Gesell­schaft zu spie­geln. Etwa ständig im Unter­hemd über die Bühne rennen: Das muss ich mir echt nicht geben!“ Damrau erklärt, man würde ja auch keinen Renoir über­malen. Aber ist die Oper nicht genau deshalb so span­nend? Weil sie – anders als ein Renoir – immer wieder neu geschaffen werden muss? 

Theater in Zahlen

Der Deut­sche Bühnen­verein hat die Zahlen für die Spiel­zeit 202122 veröf­fent­licht und dabei die lang­same Rück­kehr des Publi­kums nach der Corona-Pandemie doku­men­tiert. Rainer Glaap ordnet die Zahlen auf seiner Home­page ein. „Die Verän­de­rungen im Vergleich zur letzten vorpan­de­mi­schen Spiel­zeit sind natür­lich drama­tisch. 201920 konnte noch teil­weise gespielt werden, bis es zum ersten Lock­down im März kam. 202021 war von Schlie­ßungen, Ausfällen, Platz­be­schrän­kungen geprägt. Die Spiel­zeit 202122 konnte dann im Früh­jahr teil­weise wieder in die Norma­lität zurück­kehren, viele Besucher:innen waren aber zöger­lich, wieder Kultur­ver­an­stal­tungen zu besu­chen – und manche sind es heute noch.“ Eine bessere Antwort auf die Frage, ob das Publikum wieder zurück­kehrt, wird wohl erst die kommende Auswer­tung zeigen.

Perso­na­lien der Woche II

Quo vadis Kultur­kritik? Diese Frage haben wir an dieser Stelle schon oft gestellt. Hier ein drin­gender Lese-Tipp: Johannes Franzen schreibt in seinem Essay für 54books unter anderem: „Hier liegen die eigent­li­chen Gründe für den Nieder­gang – eine Mischung aus ökono­mi­schen und kultu­rellen Faktoren. Die Digi­ta­li­sie­rung war für den Jour­na­lismus nicht deshalb eine Kata­strophe, weil sie viel mehr Menschen ermög­lichte, sich am öffent­li­chen Diskurs zu betei­ligen, sondern vor allem deshalb, weil die Werbe­ein­nahmen, die das Geschäfts­mo­dell der Presse finan­zierte, im Verlauf von zwei Jahr­zehnten verschwunden sind.“ +++ Andrea Zietz­schmann bleibt bis Sommer 2028 Inten­dantin der Stif­tung Berliner Phil­har­mo­niker. Der Stif­tungsrat stimmte der Vertrags­ver­län­ge­rung zu, dies gewähr­leistet Konti­nuität und Stabi­lität für das Orchester und die Spiel­stätten. +++ , Inten­dant des Staats­thea­ters am Gärt­ner­platz in München, hat die Verlän­ge­rung seines Vertrags für drei weitere Jahre unter­schrieben. Damit bleibt er nach einstim­migem Votum des Minis­ter­rats bis 2030 im Amt. +++ Brahms-Forscher Kurt Hofmann ist mit 92 Jahren in Lübeck gestorben: „Samm­lung, Kultur­erbe, Teil­habe, Nach­hal­tig­keit: Was wie ein Schlag­wort­ka­talog vergäng­li­cher Forschungs­för­de­rung klingt, ist das Selbst­ver­ständnis eines Mannes gewesen, der sein ganz persön­li­ches Inter­esse am Gegen­stand, seine Liebe zu Brahms’ Musik zum Anlass nahm, sie allen zu vermit­teln und zu hinter­lassen“, ruft Chris­tiane Wiesen­feldt ihm in der FAZ nach. +++ ist tot. Der Diri­gent starb mit 88 Jahren an Herz­ver­sagen. Ozawa hat Musik­ge­schichte geschrieben. Der Bern­stein-Schüler hat das Boston Symphony Orchestra fast 30 Jahre lang geleitet. Er machte das Orchester zum bril­lanten Spit­zen­en­semble. An der Wiener Staats­oper wurde der „Huntert­tau­send-Volt-Diri­gent“ () zum Erwei­terer des Reper­toires. Mit ihm hat sich ein leiser, leiden­schaft­li­cher Musiker verab­schiedet, der die Musik stets auf Hoch­glanz zu polieren wusste. 

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ja hier. Letzte Woche habe ich an dieser Stelle darüber berichtet, dass die ukrai­ni­sche Diri­gentin Bedenken hat, bei den Wiener Fest­wo­chen in einem Kontext mit dem russi­schen Diri­genten Teodor Curr­entzis aufzu­treten. Darauf hat sich eine ausführ­liche, in großen Teilen diffe­ren­zierte und kontro­verse Debatte entwi­ckelt. Der Pres­se­spre­cher des SWR, Matthias Claudi, erklärte der Badi­schen Zeitung indes, dass der Text eine „Boule­var­di­sie­rung des Kultur­jour­na­lismus“ sei. Tatsäch­lich hatte ich auch für das Deutsch­land­radio und in einem ausführ­li­chen Text für den Tages­spiegel berichtet. Das Thema wurde von zahl­rei­chen Medien aufge­nommen: Die Süddeut­sche analy­sierte die Lage aus ihrer Perspek­tive, das Magazin Profil sammelte neue Stimmen, der Deutsch­land­funk kommen­tierte, im NDR legte Fest­wo­chen-Inten­dant Milo Rau seine ausge­ruhten Gedanken dar, der WDR und der BR ordneten die Situa­tion ein, der öster­rei­chi­sche Falter befragte die Möglich­keiten der Kunst in Kriegs­zeiten, es berichten Zeitungen wie Die Presse, Der Kurier, Die Welt, und auch Der Stan­dard, ebenso wie das fran­zö­si­sche Diapas­sion, die italie­ni­sche Nach­rich­ten­agentur ANSA und aller­hand andere inter­na­tio­nale Medien. Nur der jour­na­lis­ti­sche Boule­vard, lieber SWR, der hat noch nicht berichtet. 

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif

Ihr

brueggemann@​crescendo.​de