Kammeroper MünchenFrech, klug und brüllend komisch

Foto: Sabina Tuscany

Sie haben es wieder getan! Zum zwölften Mal hat die Kammeroper München ihre ganz eigene Fassung eines Musiktheaterwerks herausgebracht: diesmal Joseph Haydns Il mondo della luna in deutscher Übersetzung als Die Welt auf dem Mond.

Vor allem drei Ingredienzien sind es, die das freie Opernensemble seit Jahren so erfolgreich machen: die stets neu geschaffene Textfassung und Regiearbeit von Dominik Wilgenbus, die verblüffenden und atemberaubend stimmigen musikalischen Neu-Arrangements von Alexander Krampe und die ganz jungen, vor Spielfreude und Energie schier berstenden Sänger, die sich hier an ihren ersten großen Rollen probieren können.

Verkehrte Welt

Der alte Herr von Gutglauben ist ein in sich selbst gefangener Mann. Seine Töchter versucht er krampfhaft überzubehüten, sie vor ihren beiden Liebhabern in den sprichwörtlichen goldenen Käfig zu sperren. Innere Freiheit und Ruhe findet er nur in der Sterneguckerei. Also will eine List ersonnen sein: Er bekommt einen Schlaftrunk verpasst, während sein Haus eine ausgiebige Umdekorierung erfährt. Ihm wird vorgegaukelt, auf den Mond transferiert worden zu sein. In dieser besseren Welt kann er endlich etwas lockerer sein, gesteht seinem maskierten Nachwuchs allerlei zu, bevor der Betrug aufgedeckt wird und sein Tobsuchtsanfall alles rückgängig zu machen droht. Schließlich kapituliert er vor der Liebe, gibt die Töchter frei und beschließt, weiter in seiner glücklichen Mondwelt zu leben. Soweit die Handlung der zu Unrecht selten gespielten Haydnoper.

Wilgenbus beherrscht das Handwerk guter Komödie

Regisseur Wilgenbus arbeitet nicht nur Charme und Humor des Werkes behutsam und voll Musikalität heraus, sondern ihm gelingt auch die Gratwanderung, nicht in hausbackenen Komödienstereotypen verhaftet zu bleiben, sondern echte Charaktere zu schaffen, die gerade dadurch umso komischer wirken – eine Prise Commedia dell’arte, eine Prise Screwball – und alles mit ordentlich Tempo. Wilgenbus’ deutsche Neuübersetzung arbeitet dem zu, die Reime sind fluffig und zugänglich, ohne platt zu wirken. Übrigens lässt der Regisseur nicht wie sonst üblich seine Arbeit nach dem Premierenstartschuss alleine, sondern begleitet sie weiter, feilt, optimiert und hält flammende Werkeinführungen.

Individuelle Klangschöpfung

Ein weiteres Kunstwerk für sich sind die musikalischen Arrangements von Alexander Krampe. Hier wird nicht etwa große Oper rau auf Kammermusikensemble heruntergestutzt, wie leider oft bei kleineren freien Ensembles zu erleben, sondern durch das Arrangement eine eigene, organische, neuartige Klang-Interpretation des Werks geschaffen – und zwar genau auf das Ensemble maßgeschneidert, das der Kammeroper München für die jeweilige Produktion zur Verfügung steht. Bei „Die Welt auf dem Mond“ sind das neben Streichern, Flöte und Fagott auch Akkordeon, Gitarre, Celesta und Bassklarinette. Die Rezitative, die es übrigens nur in der Mondwelt gibt – im Irdischen herrschen gesprochene Dialoge vor –, werden gerne mit der Kombination aus Celesta und Bassklarinette flankiert, was sie atmosphärisch zwischen Tschaikowskys Nussknackerwelt und einer Art Spieluhrenaura mäandern lässt. Betörend!

Am Pult steht Nabil Shehata, der 2008 seine Stellung als erster Solokontrabassist bei den Berliner Philharmonikern an den Nagel hängte, um sich künftig nur noch dem Dirigieren zu widmen.

Den Nachwuchssängern dringt Enthusiasmus förmlich aus jeder Pore. Da verzeiht man schnell, wenn es bei diesen jungen Stimmen das ein oder andere Mal noch etwas knirscht. Hervorzuheben ist Friederike Mauß als Helene mit klarem Koloratursopran, Henning Jendritza als Jakob mit weichem Tenor und Oliver Weidinger als – nicht mehr ganz so junger – Herr von Gutglauben mit sonorer Bass-Bariton-Stimme und vereinnahmendem Schauspiel. Leider kann Vanessa Fasoli als Zofe Liese schauspielerisch wie sängerisch nicht ganz mit dem Rest des Ensembles mithalten.

Fazit: Es lohnt sich, die Staats- und Stadttheater auch mal zu verlassen und sich solche ganz anderen Produktionen mit eigener Dynamik und eigener szenischer wie musikalischer Kraft anzusehen!

Maria Goeth
Von Kindesbeinen an brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und hatte darin schon beinahe jede Position inne: Sie wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie die Leitende Redakteurin.

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