Kammeroper München

Frech, klug und brül­lend komisch

von Maria Goeth

3. September 2017

Sie haben es wieder getan! Zum zwölften Mal hat die Kammeroper München ihre ganz eigene Fassung eines Musiktheaterwerks herausgebracht: diesmal Joseph Haydns „Il mondo della luna“ in deutscher Übersetzung als „Die Welt auf dem Mond“.

Vor allem drei Ingre­di­en­zien sind es, die das freie Opern­en­semble seit Jahren so erfolg­reich machen: die stets neu geschaf­fene Text­fas­sung und Regie­ar­beit von , die verblüf­fenden und atem­be­rau­bend stim­migen musi­ka­li­schen Neu-Arran­ge­ments von Alex­ander Krampe und die ganz jungen, vor Spiel­freude und Energie schier bers­tenden Sänger, die sich hier an ihren ersten großen Rollen probieren können.

Der alte Herr von Gutglauben ist ein in sich selbst gefan­gener Mann. Seine Töchter versucht er krampf­haft über­zu­be­hüten, sie vor ihren beiden Lieb­ha­bern in den sprich­wört­li­chen goldenen Käfig zu sperren. Innere Frei­heit und Ruhe findet er nur in der Ster­ne­gu­ckerei. Also will eine List ersonnen sein: Er bekommt einen Schlaf­trunk verpasst, während sein Haus eine ausgie­bige Umde­ko­rie­rung erfährt. Ihm wird vorge­gau­kelt, auf den Mond trans­fe­riert worden zu sein. In dieser besseren Welt kann er endlich etwas lockerer sein, gesteht seinem maskierten Nach­wuchs allerlei zu, bevor der Betrug aufge­deckt wird und sein Tobsuchts­an­fall alles rück­gängig zu machen droht. Schließ­lich kapi­tu­liert er vor der Liebe, gibt die Töchter frei und beschließt, weiter in seiner glück­li­chen Mond­welt zu leben. Soweit die Hand­lung der zu Unrecht selten gespielten Hayd­noper.

Wilgenbus beherrscht das Hand­werk guter Komödie

Regis­seur Wilgenbus arbeitet nicht nur Charme und Humor des Werkes behutsam und voll Musi­ka­lität heraus, sondern ihm gelingt auch die Grat­wan­de­rung, nicht in haus­ba­ckenen Komö­di­en­ste­reo­typen verhaftet zu bleiben, sondern echte Charak­tere zu schaffen, die gerade dadurch umso komi­scher wirken – eine Prise Commedia dell’, eine Prise Screw­ball – und alles mit ordent­lich Tempo. Wilgenbus’ deut­sche Neuüber­set­zung arbeitet dem zu, die Reime sind fluffig und zugäng­lich, ohne platt zu wirken. Übri­gens lässt der Regis­seur nicht wie sonst üblich seine Arbeit nach dem Premie­ren­start­schuss alleine, sondern begleitet sie weiter, feilt, opti­miert und hält flam­mende Werk­ein­füh­rungen.

Ein weiteres Kunst­werk für sich sind die musi­ka­li­schen Arran­ge­ments von Alex­ander Krampe. Hier wird nicht etwa große Oper rau auf Kammer­mu­sik­ensemble herun­ter­ge­stutzt, wie leider oft bei klei­neren freien Ensem­bles zu erleben, sondern durch das Arran­ge­ment eine eigene, orga­ni­sche, neuar­tige Klang-Inter­pre­ta­tion des Werks geschaffen – und zwar genau auf das Ensemble maßge­schnei­dert, das der Kammer­oper für die jewei­lige Produk­tion zur Verfü­gung steht. Bei „Die Welt auf dem Mond“ sind das neben Strei­chern, Flöte und Fagott auch Akkor­deon, Gitarre, Celesta und Bass­kla­ri­nette. Die Rezi­ta­tive, die es übri­gens nur in der Mond­welt gibt – im Irdi­schen herr­schen gespro­chene Dialoge vor –, werden gerne mit der Kombi­na­tion aus Celesta und Bass­kla­ri­nette flan­kiert, was sie atmo­sphä­risch zwischen Tschai­kow­skys Nuss­kna­cker­welt und einer Art Spiel­uh­ren­aura mäan­dern lässt. Betö­rend!

Am Pult steht Nabil Shehata, der 2008 seine Stel­lung als erster Solo­kon­tra­bas­sist bei den Berliner Phil­har­mo­ni­kern an den Nagel hängte, um sich künftig nur noch dem Diri­gieren zu widmen.

Den Nach­wuchs­sän­gern dringt Enthu­si­asmus förm­lich aus jeder Pore. Da verzeiht man schnell, wenn es bei diesen jungen Stimmen das ein oder andere Mal noch etwas knirscht. Hervor­zu­heben ist Frie­de­rike Mauß als Helene mit klarem Kolo­ra­turs­o­pran, Henning Jendritza als Jakob mit weichem Tenor und Oliver Weidinger als – nicht mehr ganz so junger – Herr von Gutglauben mit sonorer Bass-Bariton-Stimme und verein­nah­mendem Schau­spiel. Leider kann Vanessa Fasoli als Zofe Liese schau­spie­le­risch wie sänge­risch nicht ganz mit dem Rest des Ensem­bles mithalten.

Fazit: Es lohnt sich, die Staats- und Stadt­theater auch mal zu verlassen und sich solche ganz anderen Produk­tionen mit eigener Dynamik und eigener szeni­scher wie musi­ka­li­scher Kraft anzu­sehen!

Fotos: Sabina Tuscany