Van-Cliburn-KlavierwettbewerbPianistischer Achttausender

Cliburn International Piano Competition
Foto: Carolyn Cruz

Er gilt als einer der gewichtigsten und anspruchsvollsten Klavier-Wettbewerbe weltweit und wird in einem Atemzug mit dem Tschaikowsky- oder Chopin-Wettbewerb genannt. Alle vier Jahre findet der Van-Cliburn-Wettbewerb in Texas statt, ein pianistischer Achttausender, dessen Erklimmern zumeist eine erfolgreiche Karriere bevorsteht.

Dabei ist die „Van Cliburn Inter­na­tio­nal Pia­no Com­pe­ti­ti­on“ expli­zit kein Wett­be­werb mit Meis­ter­klas­sen-Atmo­sphä­re, aus­führ­li­chen Bera­tungs­ge­sprä­chen und gemein­schaft­li­chen Begeg­nun­gen der Teil­neh­mer. „Im Zen­trum der Cliburn Com­pe­ti­ti­on steht die Kar­rie­re­för­de­rung“, sagt der aktu­el­le Prä­si­dent des Wett­be­werbs, der Kana­di­er Jac­ques Mar­qis schlicht. Das heißt? „Bei uns wird all das ver­langt, was wich­tig ist, um auf dem Markt zu bestehen. Dazu brau­chen die Teil­neh­mer ein gewal­ti­ges Gepäck.“ Jen­seits des rein pia­nis­ti­schen Ver­mö­gens, bril­lan­ter Tech­nik, berüh­ren­der Musi­ka­li­tät und schlüs­si­ger Inter­pre­ta­ti­ons­ga­be, benö­ti­gen Pia­nis­ten für den Auf­stieg nach oben noch ganz ande­re Res­sour­cen. Sie müs­sen über ein enor­mes Reper­toire ver­fü­gen und die­ses jeder­zeit auf höchs­tem Niveau abruf­be­reit haben. Sie müs­sen in der Lage sein, sich an immer wie­der neue Büh­nen, Instru­men­te und Set­tings anzu­pas­sen. Ist all das gege­ben, brau­chen sie schluss­end­lich vor allem eines: Star­ke Ner­ven. Ist das nicht eigent­lich unmensch­lich, der gan­ze Druck, der Kon­kur­renz­kampf, das stän­di­ge Mes­sen? „That’s life“, sagt Jac­ques Mar­quis nur, zuckt mit den Schul­tern und lacht. Schließ­lich geht es beim Van Cliburn-Wett­be­werb nicht um eine künst­lich behü­ten­de Aura, son­dern um die Vor­be­rei­tung auf eine Welt­kar­rie­re. Und für eine sol­che muss man gewapp­net sein.

Wenn die­ser Tage der 15. Van Cliburn Kla­vier-Wett­be­werb star­tet, haben Pia­nis­ten aus aller Welt die ers­ten Hür­den im Ren­nen um den Sieg längst hin­ter sich gebracht. Schon zu Beginn des Jah­res fan­den an ins­ge­samt sie­ben Orten soge­nann­te „Scree­ning Audi­tions“ statt, in denen sich Musi­ker für die Teil­nah­me am Haupt­wett­be­werb qua­li­fi­zie­ren konn­ten. Ins­ge­samt 290 Pia­nis­ten im Alter von 18 bis 30 Jah­ren haben sich in die­sem Jahr für die Audi­tions bewor­ben, unter ihnen wur­den 146 aus­ge­wählt, die in 40-minü­ti­gen Reci­tals einen Ein­druck von ihrem Kön­nen ver­mit­teln konn­ten. Das Beson­de­re – nicht nur in die­ser Vor­run­de, son­dern auch in nahe­zu allen wei­te­ren Run­den: Die Musi­ker wäh­len ihr Pro­gramm eigen­stän­dig und ohne jeg­li­che Vor­ga­ben aus. „Das ist hoch­in­ter­es­sant, wie die ein­zel­nen Teil­neh­mer ihre Pro­gramm gestal­ten“, so Mar­quis. Man sehe hier bereits sehr viel und erle­be ganz unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten.

Ein Tag Anfang Janu­ar an der Hoch­schu­le für Musik in Han­no­ver. Auch hier fin­den eben­so wie in Lon­don, Buda­pest, Mos­kau, Seo­ul, New York und Fort Worth die Scree­ning Audi­tions für die Van-Cliburn-Com­pe­ti­ti­on statt, auch hier herrscht eine gespann­te Atmo­sphä­re auf den Gän­gen, ver­zie­hen sich die Kan­di­da­ten mit kon­zen­trier­ter Mie­ne in die Übe­zim­mer und dreht sich alles um jene vier­zig Minu­ten, die jedem auf der kar­gen Büh­ne im Kon­zert­saal der Hoch­schu­le zur Ver­fü­gung ste­hen, um die Jury von sich zu über­zeu­gen. Einer der Teil­neh­mer ist Mario Häring. Er kennt den Auf­füh­rungs­ort schon lan­ge, schließ­lich ist er Stu­dent in Han­no­ver. „Das Eigen­ar­ti­ge an Wett­be­wer­ben ist, dass man spielt, um sich bewer­ten zu las­sen“, sagt der jun­ge Mann mit den fei­nen Gesichts­zü­gen und den dunk­len Haa­ren. Das sei ihm eigent­lich zuwi­der und auch der gan­ze Wett­be­werbs­ge­dan­ke wider­spre­che ihm. Und doch hat er sich hier bewor­ben – „um sich einer brei­te­ren Öffent­lich­keit zu prä­sen­tie­ren, Publi­kum zu gewin­nen und Erfah­rung zu sam­meln“. Und letzt­lich natür­lich, um nach Texas ein­ge­la­den zu wer­den. „Der Van-Cliburn-Wett­be­werb ist immer noch einer der größ­ten und bekann­tes­ten Wett­be­wer­be welt­weit“, sagt Häring und die­ses Re-nom­mee habe ihn dazu bewo­gen, hier teil­zu­neh­men.

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Erst­mals fand die Van-Cliburn-Com­pe­ti­ti­on im Jahr 1962 statt. Damals wur­de sie zu Ehren des Pia­nis­ten Van Cliburn ins Leben geru­fen, der 1958 den Tschai­kow­sky-Wett­be­werb gewon­nen hat­te und danach zum wah­ren Super­star der Musik­sze­ne mutier­te. Schon damals lau­te­te das erklär­te Ziel des Wett­be­werbs: „Kar­rie­ren zu för­dern und Musik zu ver­brei­ten“. Dar­an hat sich laut Jac­ques Mar­quis bis heu­te nichts geän­dert. „Unse­re Auf­ga­be ist es, die wirk­lich her­aus­ra­gen­den, ein­zig­ar­ti­gen Musi­ker zu fin­den und sie gezielt zu för­dern“, so Mar­quis. Ist ein ers­ter Preis­trä­ger gefun­den, so wird die­sem in den fol­gen­den drei Jah­ren nach Gewinn der Com­pe­ti­ti­on ein umfang­rei­ches För­der­pro­gramm zuteil. Über 300 orga­ni­sier­te Kon­zer­te ste­hen auf dem Pro­gramm, außer­dem wird der Gewin­ner in allen Berei­chen unter­stützt und beglei­tet, die für eine Kar­rie­re auf dem inter­na­tio­na­len Markt von Bedeu­tung sind. „Wir hel­fen den Musi­kern bei allem, was sie brau­chen, damit sie Erfolg haben. Wir küm­mern uns um Pro­mo­ti­on, um gute Fotos und eine attrak­ti­ve Home­page, wir ver­mit­teln den Künst­lern Exper­ten und musi­ka­li­sche Men­to­ren, hel­fen ihnen dabei, ihre Übe­zei­ten zu orga­ni­sie­ren und neu­es Reper­toire zu erar­bei­ten“, sagt Mar­quis. Dabei sei­en er und sei­ne Kol­le­gen „freund­li­che Agen­ten“, wie Mar­quis sagt – Weg­be­glei­ter für einen abge­steck­ten Zeit­raum, die dem Preis­trä­ger eben­so wach­sam wie erfah­ren und enga­giert zur Sei­te ste­hen.

Von den Scree­ning Audi­tions zur Sie­ger­eh­rung in Texas ist es ein lan­ger Weg und je höher die Teil­neh­mer stei­gen, des­to dün­ner wird die Luft im Olymp der Kla­vier­welt. Im Kon­zert­saal in Han­no­ver betritt gera­de Ali­na Ber­cu die Büh­ne, eine rumä­ni­sche Pia­nis­tin, 26 Jah­re jung, die dunk­len Haa­re hat sie im Nacken zusam­men­ge­bun­den, die Augen kon­zen­triert auf den Flü­gel gerich­tet. Ein kur­zes Nicken in Rich­tung Publi­kum, dann setzt sie sich ans Instru­ment, atmet tief durch, schließt die Augen und beginnt. Erst erweckt sie die Par­ti­ta Nr. 4 in D-Dur von Bach zum Leben, trans­pa­rent und mit fun­keln­der Bril­lanz durch­leuch­tet, voll Vita­li­tät und sang­li­cher Melo­dik. Dann folgt das zwei­te Stück ihres Pro­gramms und Ber­cu betritt eine ganz ande­re Welt. Mit powern­der Vir­tuo­si­tät durch­dringt sie als agi­le Gestal­te­rin den ers­ten Satz von Pro­kof­jews Sona­te Nr. 7 in B- Dur, lässt die Musik klang­ge­wal­tig tri­um­phie­ren, bevor sie im zwei­ten Satz lyrisch schwe­bend inne­hält und anmu­tig tän­zelt, nur um sich zum furio­sen Fina­le noch ein­mal mehr zu stei­gern. Herrsch­te auf den Tri­bü­nen im Saal eben noch gebann­te Stil­le, so bran­det nun begeis­ter­ter Ap-plaus auf. Die Pia­nis­tin ver­beugt sich lächelnd, kur­ze Pau­se, dann fol­gen die nächs­ten Kan­di­da­ten von der Lis­te.

Geht das über­haupt? Eine musi­ka­li­sche Inter­pre­ta­ti­on jen­seits der tech­ni­schen Kri­te­ri­en abschlie­ßend zu beur­tei­len und zu ver­glei­chen? Ist eine objek­ti­ve Bewer­tung über­haupt mög­lich? Oder ver­bleibt nicht immer auch ein wesent­li­cher sub­jek­ti­ver Teil beim Ein­schät­zen einer Leis­tung? Für Jac­ques Mar­quis ist die Ant­wort klar: „Eine objek­ti­ve Ent­schei­dung ist abso­lut mög­lich.“ Wich­tig hier­für sei­en eine breit auf­ge­stell­te und kom­pe­ten­te Jury und ein mög­lichst viel­sei­ti­ges Anfor­de­rungs­spek­trum, das die Teil­neh­mer mit ver­schie­dens­ten Wer­ken, Set­tings und Ansprü­chen zeigt. Nur wer sich über einen lan­gen Zeit­raum und mit unter­schied­lichs­tem und umfang­rei­chem Reper­toire sta­bil und über­zeu­gend behaup­tet, der kommt auch wei­ter, so die Idee der Com­pe­ti­ti­on und Mar­quis ist über­zeugt, dass am Ende auch der Rich­ti­ge gewinnt. Ob die­ser dann tat­säch­lich eine Welt­kar­rie­re vor sich hat und ob er die­se nicht auch auf ande­rem Wege hät­te star­ten kön­nen, sind Fra­gen, die auch der Van-Cliburn-Wett­be­werb nicht abschlie­ßend beant­wor­ten kann. Oder in den Wor­ten von Jac­ques Mar­quis: „Ein Wett­be­werbs­er­folg ist sicher nicht der ein­zi­ge Weg, um eine Kar­rie­re zu star­ten. Aber es ist ein ziem­lich guter.“

Für die Pia­nis­tin Ber­cu hat sich der Weg nach Han­no­ver gelohnt. Sie gehört zu den 30 Aus­er­wähl­ten, die ab dem 25. Mai nun in Texas um den Sieg rin­gen und – je nach­dem, wie weit sie kom­men – in ins­ge­samt vier Run­den mit solis­ti­schen Reci­tals, einem Kam­mer­mu­sik-Pro­gramm und im Zusam­men­spiel mit dem Orches­ter zu erle­ben sein wer­den. Am 10. Juni wird fest­ste­hen, wer die nächs­ten drei Jah­re in den Genuss der inten­si­ven Kar­rie­re­för­de­rung durch das van-Cliburn-Team kommt. Er wird die inter­na­tio­na­len Büh­nen erobern, Publi­kum in aller Welt betö­ren und Schritt für Schritt sei­nen eige­nen künst­le­ri­schen Weg beschrei­ten. Und dann? „Dann ent­las­sen wir den Vogel aus dem Nest und kon­zen­trie­ren uns auf den nächs­ten Wett­be­werb“, sagt Jac­ques Mar­quis und lacht. Denn flie­gen muss der Vogel am Ende allei­ne.

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Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

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