Theater HagenBestsellerroman auf der Opernbühne

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Uraufführung

Es ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen: Mehr als 2,2 Millionen Mal wurde der Roman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf verkauft und in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Mit 52 Inszenierungen und 1.156 Aufführungen überholte der Ausreißerroman, der die Geschichte der beiden ungleichen Teenager Maik und Tschick als Roadmovie erzählt, sogar die „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart in der Theaterstatistik der Spielzeit 2014/15. Und auch die Kino-Bilanz kann sich mehr als nur sehen lassen: 735.568 Besucher haben die Filmfassung von Fatih Akin laut den statistischen Daten der Filmförderungsanstalt bislang gesehen.

Da nimmt es eigentlich nicht wunder, dass der Stoff irgendwann auch mal auf der Opernbühne landen musste, das ist so gesehen nur die nächste logische Station der künstlerischen Verwertungskette. Zumal wenn es Komponisten wie Ludger Vollmer gibt. Mit seinen Opern zu „Gegen die Wand“ und „Lola rennt“ hat sich der äußerst produktive Musiker und Komponist geradezu als Spezialist für solche, schon in ihrer dramaturgischen Konzeption sehr filmaffin gedachte Genres etabliert. Und auch die erst im Januar 2017 in Freiburg uraufgeführte Oper „Crusades“ bestätigte seinen Hang zu aktuellen, temporeichen, brisanten und nicht zuletzt publikumswirksamen Stoffen. Sein nächster Streich ist schon in Arbeit: für das Deutsche Nationaltheater Weimar arbeitet Vollmer gerade an einer Opernversion von Dave Eggers Google-Paraphrase „The Circle“.

Vollmer hat seine zeitgeistige Nische also gefunden und sich komfortabel darin eingerichtet. Eigentlich ist es aber auch für einen genregestählten Spezialisten wie ihn fast ein Ding der Unmöglichkeit, einen Text wie Herrndorfs „Tschick“ mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Witz und Dreistigkeit in ein Genre wie die Oper zu pressen. Das dramaturgische Tempo ist atemberaubend, die Probleme auf der Opernbühne gewaltig. Da drängt sich förmlich die Frage auf, ob das überhaupt gut gehen, oder am Ende doch nur – ganz anders als bei der kammerspielartigen Theaterversion des Textes von Robert Koall – eine halbgare Version eines unbestrittenen Meisterwerkes dabei herauskommen kann.

Am Theater Hagen versucht man es dennoch. Das Libretto von Tiina Hartmann komprimiert den dramaturgischen Bogen des Romans mit sprachlicher Konsequenz. Das wirkt zweifelsohne kurzweilig, überzeugt aber nicht immer. Denn statt krampfhaft zu versuchen, möglichst viel von den Inhalten des Romans auf die Opernbühne hinüberzuretten, hätte man lieber einen eigenständigeren Ansatz wählen sollen, etwa das dramaturgische Geschehen noch viel radikaler zu entkernen und noch weiter auf die absolut wesentlichsten Stränge zu konzentrieren oder eben genaue das Gegenteil: alles so weit zu verdichten und zu potenzieren, dass auch dem Opernpublikum angesichts der Geschehnisse auf der Bühne unweigerlich der Atem stockt, es von den Geschehnissen mit der gleichen Wucht überrollt wird wie die beiden Protagonisten. Bei Vollmer hat man allerdings ständig das Gefühl, dass die Opernversion dem Roman verzweifelt hinterher hechelt. Hier wird in einem Affenzahn Szene um Szene abgespult – sage und schreibe 29 in gut zwei Stunden Spieldauer, manche dauern nur wenige Sekunden. Auch das ist rekordverdächtig, aber sicher noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Jack Bauer und „24“ lassen schon grüßen.

Immerhin, in Hagen dirigiert Roman Hovenbitzer, der Regisseur des Abends, das temporeiche Bühnengeschehen mit routinierter Hand. Er findet oft originelle und bühnentechnisch gut umsetzbare Lösungen für die vielfältigen szenischen Herausforderungen dieses Stoffes. Auf der reduzierten Bühne (Jan Bammes) wird viel mit Comic-inspirierten Projektionen (Krista Burger) gearbeitet, mit Lichteffekten und szenischen Andeutungen. Ludger Vollmer gibt dem Libretto ein gefälliges Klanggewand: atmosphärisch polyglott, musikalisch ungeheuer vielseitig, stilistisch anpassungsfähig. Das ist mitunter sehr eingängig und immer abwechslungsreich, nur selten jedoch vermag die Musik die Atmosphäre in einer derart kongenialen Art und Weise zu verdichten, die den Genrewechsel zur Oper rechtfertigen würde. Dafür passiert letztendlich zu viel gleichzeitig, dafür will auch der Komponist zu viel auf einmal. Überspringen tut der Funke deshalb nur selten.

Sängerisch und im Hinblick auf das Hagener Orchester lohnt sich der Besuch indes: Andrew Finden als Maik und Karl Huml als Tschick sowie Kristine Larissa Funkhauser als Isa leisten Großartiges, ebenso wie die zahlreichen gut besetzten Nebenrollen und der Chor nebst Extrachor des Theaters Hagen. Das Philharmonische Orchester Hagen geht unter der formidablen Leitung von Florian Ludwig mit Schmackes ans Werk und erweist sich als überaus versatiler Klangkörper, der das ganze musikalische Spektrum von gut gemeinten Pop-Anklängen bis hin zu knackig-modernistischen Attacken gekonnt zu bedienen weiß.

 

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Guido Krawinkel schreibt über alles, was mit Musik zu tun hat. Dem Studium der Musikwissenschaften in Bonn folgten Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, beim Radio und im Verlagswesen sowie eine Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker. Als freier Journalist arbeitet Guido Krawinkel für Zeitungen, Zeitschriften und Konzerthäuser, schreibt Rezensionen, CD-Booklets und Programmeinführungen und ist Mitglied in der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Der begeisterte Chorsänger hält es mit Loriot: Ein Leben ohne Chor ist möglich, aber sinnlos.

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