Theater Hagen

Best­sel­ler­roman auf der Opern­bühne

von Guido Krawinkel

22. März 2017

Es ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen: Mehr als 2,2 Millionen Mal wurde der Roman "Tschick" von Wolfgang Herrndorf verkauft und in mehr als 25 Ländern veröffentlicht.

Es ist eine Erfolgs­ge­schichte sonder­glei­chen: Mehr als 2,2 Millionen Mal wurde der Roman „Tschick“ von Wolf­gang Herrn­dorf verkauft und in mehr als 25 Ländern veröf­fent­licht. Mit 52 Insze­nie­rungen und 1.156 Auffüh­rungen über­holte der Ausrei­ßer­roman, der die Geschichte der beiden unglei­chen Teen­ager Maik und Tschick als Road­movie erzählt, sogar die „Zauber­flöte“ von in der Thea­ter­sta­tistik der Spiel­zeit 201415. Und auch die Kino-Bilanz kann sich mehr als nur sehen lassen: 735.568 Besu­cher haben die Film­fas­sung von Fatih Akin laut den statis­ti­schen Daten der Film­för­de­rungs­an­stalt bislang gesehen.

Da nimmt es eigent­lich nicht wunder, dass der Stoff irgend­wann auch mal auf der Opern­bühne landen musste, das ist so gesehen nur die nächste logi­sche Station der künst­le­ri­schen Verwer­tungs­kette. Zumal wenn es Kompo­nisten wie Ludger Vollmer gibt. Mit seinen Opern zu „Gegen die Wand“ und „Lola rennt“ hat sich der äußerst produk­tive Musiker und Kompo­nist gera­dezu als Spezia­list für solche, schon in ihrer drama­tur­gi­schen Konzep­tion sehr filma­ffin gedachte Genres etabliert. Und auch die erst im Januar 2017 in urauf­ge­führte Oper „Crusades“ bestä­tigte seinen Hang zu aktu­ellen, tempo­rei­chen, brisanten und nicht zuletzt publi­kums­wirk­samen Stoffen. Sein nächster Streich ist schon in Arbeit: für das Deut­sche Natio­nal­theater arbeitet Vollmer gerade an einer Opern­ver­sion von Dave Eggers Google-Para­phrase „The Circle“.

Vollmer hat seine zeit­geis­tige Nische also gefunden und sich komfor­tabel darin einge­richtet. Eigent­lich ist es aber auch für einen genre­ge­stählten Spezia­listen wie ihn fast ein Ding der Unmög­lich­keit, einen Text wie Herrn­dorfs „Tschick“ mit seiner unnach­ahm­li­chen Mischung aus Witz und Dreis­tig­keit in ein Genre wie die Oper zu pressen. Das drama­tur­gi­sche Tempo ist atem­be­rau­bend, die Probleme auf der Opern­bühne gewaltig. Da drängt sich förm­lich die Frage auf, ob das über­haupt gut gehen, oder am Ende doch nur – ganz anders als bei der kammer­spiel­ar­tigen Thea­ter­ver­sion des Textes von Robert Koall – eine halb­gare Version eines unbe­strit­tenen Meis­ter­werkes dabei heraus­kommen kann.

Am Theater versucht man es dennoch. Das Libretto von Tiina Hart­mann kompri­miert den drama­tur­gi­schen Bogen des Romans mit sprach­li­cher Konse­quenz. Das wirkt zwei­fels­ohne kurz­weilig, über­zeugt aber nicht immer. Denn statt krampf­haft zu versu­chen, möglichst viel von den Inhalten des Romans auf die Opern­bühne hinüber­zu­retten, hätte man lieber einen eigen­stän­di­geren Ansatz wählen sollen, etwa das drama­tur­gi­sche Geschehen noch viel radi­kaler zu entkernen und noch weiter auf die absolut wesent­lichsten Stränge zu konzen­trieren oder eben genaue das Gegen­teil: alles so weit zu verdichten und zu poten­zieren, dass auch dem Opern­pu­blikum ange­sichts der Gescheh­nisse auf der Bühne unwei­ger­lich der Atem stockt, es von den Gescheh­nissen mit der glei­chen Wucht über­rollt wird wie die beiden Prot­ago­nisten. Bei Vollmer hat man aller­dings ständig das Gefühl, dass die Opern­ver­sion dem Roman verzwei­felt hinterher hechelt. Hier wird in einem Affen­zahn Szene um Szene abge­spult – sage und schreibe 29 in gut zwei Stunden Spiel­dauer, manche dauern nur wenige Sekunden. Auch das ist rekord­ver­dächtig, aber sicher noch lange nicht das Ende der Fahnen­stange. Jack Bauer und „24“ lassen schon grüßen.

Immerhin, in Hagen diri­giert Roman Hoven­bitzer, der Regis­seur des Abends, das tempo­reiche Bühnen­ge­schehen mit routi­nierter Hand. Er findet oft origi­nelle und bühnen­tech­nisch gut umsetz­bare Lösungen für die viel­fäl­tigen szeni­schen Heraus­for­de­rungen dieses Stoffes. Auf der redu­zierten Bühne (Jan Bammes) wird viel mit Comic-inspi­rierten Projek­tionen (Krista Burger) gear­beitet, mit Licht­ef­fekten und szeni­schen Andeu­tungen. Ludger Vollmer gibt dem Libretto ein gefäl­liges Klang­ge­wand: atmo­sphä­risch poly­glott, musi­ka­lisch unge­heuer viel­seitig, stilis­tisch anpas­sungs­fähig. Das ist mitunter sehr eingängig und immer abwechs­lungs­reich, nur selten jedoch vermag die Musik die Atmo­sphäre in einer derart konge­nialen Art und Weise zu verdichten, die den Genre­wechsel zur Oper recht­fer­tigen würde. Dafür passiert letzt­end­lich zu viel gleich­zeitig, dafür will auch der Kompo­nist zu viel auf einmal. Über­springen tut der Funke deshalb nur selten.

Sänge­risch und im Hinblick auf das Hagener Orchester lohnt sich der Besuch indes: Andrew Finden als Maik und Karl Huml als Tschick sowie Kris­tine Larissa Funk­hauser als Isa leisten Groß­ar­tiges, ebenso wie die zahl­rei­chen gut besetzten Neben­rollen und der Chor nebst Extrachor des Thea­ters Hagen. Das Phil­har­mo­ni­sche Orchester Hagen geht unter der formi­da­blen Leitung von Florian Ludwig mit Schma­ckes ans Werk und erweist sich als überaus versa­tiler Klang­körper, der das ganze musi­ka­li­sche Spek­trum von gut gemeinten Pop-Anklängen bis hin zu knackig-moder­nis­ti­schen Atta­cken gekonnt zu bedienen weiß.