Barbara Hannigan

Mit Stimme, Haut und Haaren

von Anna Mareis

4. Oktober 2018

Preisträgerin in der Kategorie Solistische Einspielung / Gesang | Oratorien / Konzert / Lied: Barbara Hannigan stellt Bergs »Lulu« in ein Spiegelkabinett mit George Gershwin und Luciano Berio.

ist selbst so etwas wie ein „Crazy Girl Crazy“ – eine fast anar­chi­sche Sängerin, die ihre Charak­tere durch ihre Stimme bis auf die Knochen entkleidet. Für ihr gleich­na­miges Album hat Hannigan, die als exzes­sive Lulu überall auf der Welt Erfolge feiert, ein „Spie­gel­ka­bi­nett“ des Weibes in der Musik an sich vorge­legt: Visionen von Frau­en­cha­rak­teren am Abgrund der Exis­tenz, im andau­ernden Ausnah­me­zu­stand und in größt­mög­li­cher Eska­la­tion. Im Zentrum stehen dabei drei Werke: Teile aus Luciano Berios Sequenza III, natür­lich Alban Bergs Lulu-Suite und George Gershwins Girl Crazy-Suite.

Auf den ersten Blick scheint es nicht leicht, diese Werke in einen Bogen zu bringen. Auf den zweiten durchaus: Gemeinsam mit ihren Freunden aus dem Ludwig Orchester, das Hannigan diri­giert, während sie singt, entsteht ein Kalei­do­skop des Exis­ten­zi­ellen. Und musik­his­to­ri­sche Zusam­men­hänge sind durchaus erkennbar: So haben Gershwin und Berg einander nicht nur geschätzt, sondern auch gemeinsam Tennis gespielt, und Berios Stimme in Sequenza III erscheint plötz­lich als Wider­hall Lulus in unserer Zeit.

Hannigan selbst beschreibt die Lulu als „ulti­ma­tiven Frei­geist“, als „Frau, deren Präsenz über­wäl­ti­gend ist, die uns zu Stärke und Wagemut inspi­riert und gerade in ihrem Schmerz zu strahlen scheint.“ Das eigent­liche Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel ihrer Lulu ist für Hannigan weniger der Körper als viel­mehr ihre Stimme: Sie schreit, sie reibt die Konso­nanten, sie zischt – und atmet dann wieder unend­liche Legato­bögen. Vokal­akro­batik und Gesang als Seelen­spiegel.

Am Ende dreht sich in dieser Aufnahme alles um diese Lulu-Suite, zu der die anderen Werke wie Kommen­tare erscheinen, als Spie­gel­bilder eines der facet­ten­reichsten Opern­cha­rak­tere. Gemeinsam mit ihrem Co-Arran­geur Bill Elliott hat sie unter anderem George und Ira Gershwins Song But Not for Me zu einem fast wagner­haften Klang­rausch umge­schrieben. Im Gegen­über zur Lulu-Suite entsteht so ein wahn­sinnig erschei­nender Seelen­wandel, eine urei­gene Stim­mung wie in einer Nachtbar, in der das bene­belte Extrakt des Menschen irgend­wann allein an einer Bar sitzt und die Gespenster des Geistes Revue passieren lässt.
Es ist die Ambi­tion, die dieses Album (und eigent­lich jede Arbeit und Inter­pre­ta­tion von Hannigan) ausmacht. Der Mut, Musik voll­kommen neu zu denken und an jenen Rand zu treiben, an dem das alte Ideal der Schön­heit einem neuen weicht: der Schön­heit des Exis­ten­zi­ellen, des „So-und-nicht-anders“, eines „Mit-Haut-und-Haaren-Gefühls“.

Fotos: Elmar de Haas