Kiewer Oper

Eine wechselvolle Geschichte, die zum Frieden mahnt

von Ruth Renée Reif

28. März 2022

Die Kiewer Oper wurde 1889 bis 1901 errichtet und erhielt den Namen von Taras Schewtschenko, dem Schöpfer der ukrainischen Literatursprache. 1992 wurde sie zur Nationaloper der Ukraine.

Kiew ist eine der ältesten Städte Ost­eu­ropas. Über Jahr­hun­derte hinweg spielte es eine füh­rende Rolle im kul­tu­rellen Leben des ost­sla­wi­schen Raumes. Kiewer Opern­haus wurde 1803 bis 1807 auf dem heu­tigen Europa-Platz errichtet. Der Platz, an dem seit der Kiewer Rus die Straßen der drei Stadt­teile Obere Stadt, Podol und Pet­schersk zusam­men­liefen, hieß zu dieser Zeit Theater-Platz. Die Musik­wis­sen­schaft­lerin Sie­grid Neef beschreibt die Kiewer Rus als gemein­same Wiege der rus­si­schen, bela­ru­si­schen und ukrai­ni­schen Kultur. Die drei ost­sla­wi­schen Völker seien im 13. Jahr­hun­dert aus­ein­an­der­ge­rissen worden, als der durch feu­dale Fehden geschwächte Staat zer­split­terte. Im Kiewer Opern­haus traten pol­ni­sche und rus­si­sche Thea­ter­truppen auf, die Opern und Schau­spiele zeigten.

Kiewer Opernhaus 1856
Das 1856 errich­tete Städ­ti­sche Theater, in dem Opern­auf­füh­rungen stattfanden

1851 wurde das Haus wegen Bau­fäl­lig­keit abge­rissen und 1856 auf Befehl des Zaren Niko­laus I. west­lich des Zen­trums an der heu­tigen Kreu­zung der Bohdan-Chmel­nyzkyj-Straße und der Volo­do­mirska-Straße das neue Städ­ti­sche Theater mit 849 Sitzen erbaut. 1861 hob Zar Alex­ander II. im Rus­si­schen Reich die Leib­ei­gen­schaft auf, eine Reform, die auch das Kul­tur­leben beein­flusste. Hatten zuvor Leib­ei­gene­n­en­sem­bles fürst­li­cher Guts­be­sitzer die Musik­szene bestimmt, bil­deten sich jetzt kom­mer­zi­elle Opern­truppen. So bestand das Orchester des Kiewer Opern­hauses lange Zeit aus Musi­kern des ehe­ma­ligen Leib­ei­ge­nen­or­ches­ters des Grafen Piotr Lopuchin.

Das erste ständige Opernensemble

Auch im neuen Opern­haus traten zunächst Wan­der­truppen auf. 1863 wurde die ita­lie­ni­sche Opern­truppe des Impressa­rios Fer­di­nand Berger ein­ge­laden. Sie gas­tierte drei Spiel­zeiten lang, wobei sie bereits in der ersten Saison 14 Pro­duk­tionen zeigte. Ihr Erfolg war so groß, dass sie 1865 sogar den Sommer über spielte. 1867 aber wurde von der 1863 eröff­neten Abtei­lung der rus­si­schen Musik­ge­sell­schaft ein stän­diges Opern­en­semble gebildet. Es war das erste offi­zi­elle Theater, das in einer Pro­vinz orga­ni­siert wurde. Nur zwei Opern­theater im Rus­si­schen Reich exis­tierten zu der Zeit, das in und das in Moskau.

Das Operntheater – eine Erfolgsgeschichte

Die Eröff­nung fand mit Alexei Wers­tow­skis Oper Askolds Grab statt. Wers­towski hatte für diese Oper nach einem Roman von Michail Sagoskin den Frei­schütz von zum Vor­bild genommen, mit dem Ziel, „in die euro­päi­sche Form den Cha­rakter einer natio­nalen rus­si­schen Musik ein­zu­bringen“. Die Hand­lung spielt im mit­tel­al­ter­li­chen Russ­land zur Zeit des Fürsten Swa­to­slaw Igor­je­witsch. Die Geschichte dieses stän­digen Opern­thea­ters war eine Erfolgs­ge­schichte. äußerte sich als Kri­tiker begeis­tert über den gut orga­ni­sierten Chor und die Bal­lett­truppe. Gezeigt wurden Werke von , , , , Alex­ander Serow, Alex­ander Dar­go­mys­chki, Pjotr Tschai­kowski, Niko­laus Rimski-Kor­sakow u.a. 1893 diri­gierte Sergej Rach­ma­ninow seine Oper Aleko. Zu den Sän­gern, die damals am Opern­haus auf­traten, gehörten Fjodor Schal­japin und Fjodor Stra­winsky, der Vater des Kom­po­nisten .

Brand im Opernhaus
Brand im Opern­haus 1896

1896 brannte das Opern­haus ab. 1889 bis 1901 wurde an seiner Stelle im Neo-Renais­sance-Stil ein neues gebaut. Der Archi­tekt war Viktor Schröter, ein Deut­scher aus St. Peters­burg. Die Ein­wei­hung erfolgte mit dem eigens für diesen Anlass geschrie­benen Ora­to­rium Kiew des schwe­di­schen Kom­po­nisten Wil­helm Har­te­veId und der Oper Ein Leben für den Zaren von Michail Glinka. 1911 brachte die Opern­truppe von Nikolai Sadowski aus Jeli­sa­we­ta­grad, der mit seinen Akti­vi­täten der natio­nalen ukrai­ni­schen Oper einen Platz zu erobern suchte, die musi­ka­li­sche Komödie Aeneas des rus­sisch-ukrai­ni­schen Kom­po­nisten Mykola Lys­senko zur Auf­füh­rung. Lys­senko gilt als der Begründer der modernen ukrai­ni­schen Musik­kultur. Sein Denkmal steht heute vor dem Operntheater.

Das Opernhaus als Schauplatz vorrevolutionärer Ereignisse

Am 1. Sep­tember 1911 wurde das Opern­haus Schau­platz vor­re­vo­lu­tio­närer Ereig­nisse. Auf dem Pro­gramm stand an diesem Abend Rimski-Kor­sa­kows Mär­chen vom Zaren Saltan. Der Vor­stel­lung wohnten hohe Ver­treter des zaris­ti­schen Russ­lands bei, die zur Ent­hül­lung eines Denk­mals von Alex­ander II. nach Kiew gekommen waren. Zar Niko­laus saß mit seinen Töch­tern Olga und Tat­jana und begleitet vom Kron­prinzen Boris von in der kai­ser­li­chen Loge, und der Minis­ter­prä­si­dent Pjotr Sto­lypin, der zu diesem Zeit­punkt beim Zaren bereits in Ungnade gefallen war, saß in einer der ersten Reihen des Par­ketts. Wäh­rend der Pause stand Sto­lypin im Gespräch mit den Grafen Potocki und Fre­de­ricks vor dem Orches­ter­graben, als sich ein junger Mann im Frack näherte. Er zog eine Brow­ning­pis­tole, die er unter einem Pro­gramm­heft ver­steckt gehalten hatte, und gab zwei Schüsse auf Sto­lypin ab. Der Atten­täter Dimitri Bogrow war ein Dop­pel­agent. Er hatte zuvor vor einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­schwö­rung gewarnt und sich erboten, den Atten­täter auf­zu­halten, wenn er auch eine Ein­tritts­karte erhalte.

Innenansicht des Kiewer Opernhauses
Blick von der Bühne über den Orches­ter­graben in den Zuschau­er­raum der Kiewer Oper

Nach dem Bericht eines Augen­zeugen schien Sto­lypin zunächst nicht zu begreifen, was vor­ge­gangen war: „Er senkte den Kopf und starrte auf seinen weißen Uni­form­rock, der sich auf der rechten Seite, unter­halb der Brust, rot zu färben begann. Mit lang­samen und sicheren Bewe­gungen legte er seinen Amtshut und seine Hand­schuhe vor sich auf die Brüs­tung, knöpfte den Rock auf und als er sah, dass seine Weste völlig blut­durch­tränkt war, machte er eine Gebärde, als wollte er sagen: ‚Es ist vollbracht.‘ 

Glücklich, für den Zaren zu sterben

Dann sank er auf einen Stuhl und sagte laut und deut­lich, mit einer für alle Umste­henden ver­nehm­baren Stimme: ‚Ich bin glück­lich, für den Zaren zu sterben.‘“ Niko­laus, der das Geräusch der Schüsse gehört hatte, wusste eben­falls nicht, was geschehen war: „Ich dachte, viel­leicht ist jemandem ein Opern­glas auf den Kopf gefallen“, berich­tete er später seiner Mutter. „Frauen kreischten und direkt vor mir im Rang stand Sto­lypin … Langsam glitt er auf seinen Sitz und begann, seinen Rock auf­zu­knöpfen…“ Als Sto­lypin den Zaren sah, seg­nete er ihn mit einem weit aus­ho­lenden Kreuzzeichen.

Innenansicht der Kiewer Oper
Innen­an­sicht des Kiewer Opernhauses

Nach dem Zaren­sturz im Februar 1917 und der Okto­ber­re­vo­lu­tion wütete in Kiew von 1918 bis 1920 ein Bür­ger­krieg, in dessen Ver­lauf 18-mal die Macht wech­selte. Und aber­mals wurde im Opern­haus nicht nur auf der Bühne gemordet. Fanny Kaplan, die durch ihr geschei­tertes Attentat auf Lenin Berühmt­heit erlangte, ver­suchte, den Poli­zei­haupt­mann umzu­bringen. Am Ende der Kämpfe blieb die Rote Armee in Kiew sieg­reich und mit der Grün­dung der UdSSR 1922 erhielt die den Status einer Uni­ons­re­pu­blik. Haupt­stadt war jedoch zunächst Charkiw. Erst 1934 wurde Kiew die Haupt­stadt der Ukrai­ni­schen Sowjetrepublik. 

Mykola Lyssenkos historische Oper Taras Bulba

Am Opern­haus, das seit 1919 den Namen Ukrai­nisch-Sowje­ti­sches Karl-Lieb­knecht-Opern­haus trug, wurden neben dem klas­si­schen Reper­toire in den späten 20er-Jahren auch moderne Opern gespielt wie Eugen d’Alberts Tief­land, Alban Bergs Wozzeck oder Ernst Kreneks Johnny spielt auf. 1927 kam Mykola Lys­senkos his­to­ri­sche Oper Taras Bulba nach einer Erzäh­lung von Nikolai Gogol über den Befrei­ungs­kampf des ukrai­ni­schen Volkes gegen die pol­ni­sche Herr­schaft zur Aufführung.

Blick vom obersten Rang auf die Bühne der Kiewer Oper

In den 30er-Jahren legte der tota­li­täre Terror der Stalin-Herr­schaft mit seinen Säu­be­rungen und Hin­rich­tungen das kul­tu­relle Leben weit­ge­hend lahm. Bis 1937 ging Stalin gegen füh­rende ukrai­ni­sche Funk­tio­näre vor, nachdem diese wegen der künst­lich insze­nierten Hun­gersnot von 193233 mit rund sechs bis acht Mil­lionen Toten auf­be­gehrt hatten. Zu den Werken ukrai­ni­scher Kom­po­nisten, die in den späten 30er-Jahren am Opern­haus zu sehen waren, zählten u.a. Natalka Pol­tawka von Lys­senko, Georg und Der Gol­dene Ring von Boris Lja­to­schinski sowie Der Sapo­ro­scher hinter der Donau von Semjon Gulak-Arte­mowski, die, 1863 ent­standen, als die erste ukrai­ni­sche Oper der Neu­zeit gilt. 1939 nahm das Opern­haus den Namen des ukrai­ni­schen Frei­heits­dich­ters und Schöp­fers der ukrai­ni­schen Lite­ra­tur­sprache Taras Schewt­schenko an, dessen Büste über dem Haupt­ein­gang ange­bracht ist.

Evakuiert in Irkutsk

Am 22. Juli 1941 wurde Kiew von der deut­schen Wehr­macht bom­bar­diert. Bis 1943 ließen die Natio­nal­so­zia­listen 100.000 Men­schen – vor­wie­gend Juden – am Babij Jar erschießen. Wei­tere 100.000 Kiewer wurden zur Zwangs­ar­beit nach ver­schleppt. Nach dem Rückzug der Wehr­macht am 6. November 1943 lag die Stadt in Schutt und Asche. Die Oper war wäh­rend des Krieges nach Irkutsk evakuiert.

Die erste ukrai­ni­sche Oper nach dem Krieg mit dem Titel Die junge Garde schuf 1947 Julij Mejtus in Anleh­nung an den Roman von Alex­ander Fadejew. Sie wurde im glei­chen Jahr am Kiewer Opern­haus urauf­ge­führt. Die meisten ukrai­ni­schen Kom­po­nisten wandten sich in diesen Jahren dem Befrei­ungs­kampf zu. Auch Lys­senkos Taras Bulba wurde von dem Dichter Maxim Rylski und den Kom­po­nisten Boris Lja­to­schinski und Lewko Rewuzkyi zu einer Parabel auf den Sieg über den Natio­nal­so­zia­lismus umgestaltet.

Kiewer Opernhaus heute
Kiewer Opern­hausDas Kiewer Opern­haus heute

Wäh­rend der fol­genden Jahr­zehnte standen nicht viele ukrai­ni­sche Opern auf dem Spiel­plan. Nur Taras Bulba tauchte immer wieder auf. Das Opern­haus strebte nach inter­na­tio­naler Repu­ta­tion und ent­spre­chend domi­nierte das klas­si­sche Reper­toire. Vor allem Verdis Opern erfreuten sich großer Beliebt­heit. 1965 wurde Dmitri Schosta­ko­witschs Oper Kate­rina Ismailowa gespielt. Schosta­ko­witsch war bei der Pre­mière anwe­send und offenbar so begeis­tert, dass er die Kiewer Oper auch für die Ver­fil­mung seiner Oper wählte. Bereits im selben Jahr über­rollte die Ukraine eine neue Welle poli­ti­scher Ver­fol­gungen, der in den 1970er-Jahren eine Periode kul­tu­reller Sta­gna­tion folgte.

1988 wurde das Opern­haus umge­baut und die Bühne ver­grö­ßert. 1991 erlangte die Ukraine staat­liche Selbst­stän­dig­keit, und im Jahr darauf wurde die Kiewer Oper zur Natio­nal­oper der Ukraine.

Fotos: Taras Shev­chenko National Opera and Ballet Theatre of Ukraine / Публічна оферта

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Weitere Informationen über die Geschichte der Kiewer Oper unter: opera.com.ua