Bayreuther Festspiele 2011 Tannhäuser Insz: Sebastian Baumgarten

Bayreuther Festspielhaus

Auf den Bret­tern, die die Wagner-Welt bedeuten

Einmal auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses stehen! Eine Einladung lässt den Traum wahr werden und Sebastian Baumgartens »Tannhäuser«-Inszenierung aus der Statisten-Perspektive erleben.

Für jeden Wagner-Sänger ist das ein Lebens­traum: Einmal auf der Bühne des Bayreu­ther Fest­spiel­hauses stehen, die Wagner für seinen Ring baute und 1876 eröff­nete – und knapp 2000 Menschen sehen zu. Als die Autorin dieser Zeilen in zarten Mädchen­jahren erst­mals faszi­niert (und noch im Rahmen einer Führung) im Bayreu­ther Fest­spiel­haus auf die mit Jean-Pierre Ponnelles Tristan-Bildern bestückte Bühne strahlte, träumte auch sie, wusste aber sehr bald, dass ihre Aufgabe eher darin bestehen würde, in Reihe 29 – einer der Bayreu­ther „Kriti­ker­reihen“ – den Höhen und Untiefen von Insze­nie­rungen nach­zu­for­schen und kritisch der Sanges­kunst zu lauschen. Bis im Wagner-Jahr 2013 plötz­lich eine unge­wöhn­liche Einla­dung kommt: die der TAFF, des Teams aktiver Fest­spiel­för­derer, als Zuschauer auf der Fest­spiel­bühne im Tann­häuser zu sitzen – was die aktu­elle Insze­nie­rung sogar fordert.

Die TAFF ist keine Konkur­renz zu den wich­tigen Spon­soren der Gesell­schaft der Freunde von , viel­mehr eine Ergän­zung. Menschen, die sich beson­dere Einblicke und Künst­ler­kon­takte ebenso wünschen wie den Austausch in der Pause beim schnell aufge­bauten Sekt-Imbiss im Fest­spiel­park. Türen werden sich mir öffnen, die bislang nur den Akteuren der Fest­spiele vorbe­halten waren. Eine einma­lige Chance, denn norma­ler­weise gehören die Zuschauer auch in Bayreuth in den Zuschau­er­raum. Regis­seur aber braucht im Biogas­an­lagen-Bühnen­bild seiner Produk­tion (Joep van Lies­hout) eine Hand­voll Stühle mit Zuschauern, die das Bühnen­bild vervoll­stän­digen, wenn­gleich sie nicht mitspielen (dürfen). Vorab erhalten wir eine detail­lierte Einwei­sung: Keine Schleppen und kost­baren Roben, keine Jacken und Taschen, nur Balle­rinas. Auch Kaugummis und Bonbons sind ebenso tabu wie Sitz­kissen. Den kleinen blauen Fleck am Rücken (auch auf der Bühne gibt es aus akus­ti­schen Gründen Holz­stühle) aber ist die Sache wert. Ein Bühnen­meister geleitet unser Grüpp­chen, das auf der West­seite der Bühne sitzen wird, durch die Kata­komben des Hauses. Zwei Japaner (zwölf Stunden Flug für Richard) sind meine härtesten Konkur­renten um die Plätze ganz vorne, von denen man einmalig sehen soll. Dann haben wir es geschafft: gemeinsam in Reihe eins.

Nach synchronem Schließen der Türen verlö­schen langsam die Lichter. Und dann ist – Stille. Andäch­tige Stille.

Der Vorhang ist schon offen, denn in der Bühnen-Minia­tur­welt wird schon gear­beitet und gelebt. Von echten Statisten im Kostüm. Der Blick schweift über die riesige Bühne, die bis hinten offen ist und zurück in den Zuschau­er­raum, der seine Sitz­reihen elegant nach dem Vorbild eines Amphi­thea­ters nach oben schwingt. Seltsam klein sieht er aus, der Raum, der mir sonst so riesig groß, so mächtig erscheint. Das Ehepaar aus lächelt in Reihe zwei, wo ein Freund verstohlen Fotos macht. Winken ist nicht erlaubt. Es wird zuse­hends voller da draußen im Publikum, auch die Musiker sitzen schon drunten im Graben. Pardon: im mysti­schen Abgrund, dem einzig­ar­tigen Bayreu­ther Orches­ter­graben, der trep­pen­förmig sehr weit unter die Bühne reicht. Man sieht von der Bühne aus nur die ersten Geigen, um den Diri­genten herum grup­piert. , im normalen Leben GMD der Deut­schen Oper am Rhein, erscheint im Polo­shirt, lacht, witzelt mit seinem Konzert­meister. Fröh­liche Musi­ker­ge­sichter blicken uns an. Frei­willig verbringen sie Sommer für Sommer ihre Thea­ter­fe­rien hier im Bayreu­ther Abgrund, wenn andere auf Mallorca schmoren. Geschmort wird in Sachen Tempe­ratur auch hier – aus Gründen der Unsicht­bar­keit in leichtem Alltags­ge­wand, denn eine Schall­mu­schel verhin­dert den Blick des einfa­chen Publi­kums aufs Orchester. Wir oben auf der Bühne sind erwählt und dürfen sehen.

Im Publikum tritt jetzt der Moment ein, den ich so liebe: Nach synchronem Schließen der Türen verlö­schen langsam die Lichter. Und dann ist – Stille. Andäch­tige Stille. Gebannt wartet das Publikum auf den ersten Ton, die Erlö­sung aus dem mysti­schen Abgrund. Dort steht lächelnd und gar nicht mystisch Maestro Kober und wartet. Dann leuchten rote Lichter am Diri­gen­ten­pult auf, damit auch der Bläser weit unten im Abgrund sieht: Es geht los. Und dann geht es los. Die Musik flutet auf die Bühne, brandet auf. Glas­klar liegen die ersten Geigen über allem, etwas gedämpft klingt das schwere Blech. Der typi­sche Bayreuth-Klang mischt sich erst im Publikum optimal, dennoch ist der Eindruck über­wäl­ti­gend.

Die Funken sprühen zwischen den Prot­ago­nisten, unsicht­bare Bänder scheinen sie zu verbinden.

Kein Video lenkt ab und das Bühnen­bild ist im dritten Auffüh­rungs­jahr dieses Tann­häuser schon lange kein Schock mehr. Vor allem, wenn man mitten drin sitzt. Plötz­lich wird direkt vor meinen Füßen gespielt. Mit einer Leiden­schaft, die ich so aus Reihe 29 trotz Opern­glas bislang nicht erspüren durfte. Die Funken sprühen zwischen den Prot­ago­nisten, unsicht­bare Bänder scheinen sie zu verbinden. Bänder, die sich unbe­merkt auch um uns Bühnen-Zuschauer legen: Plötz­lich ist es da, das Wir-Gefühl. Ja, wir geben unser Bestes, in jeder kleinsten Partie! Und meine erklärten Lieb­linge der Produk­tion sind nicht mehr nur Stars, sondern Teil des Ganzen. Als dann noch der Chor auftritt, ist das Bühnen­wunder perfekt. Und plötz­lich ist es nicht mehr so inter­es­sant, wie und wann die Souf­fleuse Texte vorfor­mu­liert und Einsätze für die Sänger gibt, plötz­lich sind auch die roten Licht­chen an den Stäben der Co-Diri­genten für den Chor nicht mehr so aufre­gend – denn es geht nur noch um das Mitten­drin sein im Meer der Musik, unter Menschen, die aus vollem Herzen für die Sache Wagner da sind. Gerade noch recht­zeitig ziehe ich meine Beine ein, als Wolfram von Eschen­bach direkt neben mir nach vorne huscht.

Als vor Beginn des dritten Aufzugs Buhs für die Insze­nie­rung auf die Bühne schallen, empfinden wir sie wie eine Ohrfeige. Ein paar Statisten zele­brieren, bevor die Musik beginnt, eine Messe. Regis­seur Baum­garten will es so. Der Text ist span­nend – irgendwo zwischen Parsifal und Schöner neuer Welt. Wie unfair ist das von „denen da draußen“, unsere Statisten-Kollegen auszu­buhen, die nicht wie wir nur zusehen dürfen, sondern agieren müssen! Ein Buh auf die Bühne trifft ins Mark – ebenso aber wirkt der Schluss­bei­fall wie ein Orkan, der sich über den Graben auf die Bühne wälzt. Gerade noch recht­zeitig schließt sich der Vorhang, bevor die Tann­häuser-Crew umge­pustet werden kann. Da sind auch sie: Eva Wagner-Pasquier und , die Fest­spiel­lei­te­rinnen. Den ganzen Abend waren sie hoch konzen­triert präsent, jetzt sind sie bei den Sängern, umarmen, gratu­lieren, strahlen. Das ist echtes Fest­spiel­f­lair, weit entfernt von alltäg­li­cher Thea­ter­rou­tine. Richard wäre glück­lich gewesen. Und ich bin es auch, Denn das war Oper, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe.

Fotos: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele