Bernard Haitink Jubel für Mahlers Neunte

Eine Sin­fo­nie von Gus­tav Mah­ler unter Ber­nard Hai­tink zu spie­len, ist selbst für ein Spit­zen­or­ches­ter wie die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker eine Aus­nah­me­er­fah­rung. Der nie­der­län­di­sche Diri­gent, mitt­ler­wei­le 88 Jah­re alt, hat­te als lang­jäh­ri­ger Chef des Roy­al Con­cert­ge­bouw Orches­tra maß­geb­li­chen Anteil an der Mah­ler-Renais­sance nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Auch am Pult ande­rer erst­klas­si­ger Klang­kör­per hat Hai­tink in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten Maß­stä­be gesetzt. Nach Ber­lin ist er jetzt mit der Neun­ten Sin­fo­nie zurück­ge­kehrt, die er bei den Phil­har­mo­ni­kern zuletzt im Febru­ar 1997 diri­giert hat­te.

Die erwar­tungs­vol­le Span­nung im aus­ver­kauf­ten Saal der Phil­har­mo­nie ist deut­lich spür­bar, als der ers­te Satz Andan­te Como­do mit dem Cel­lo im pia­nis­si­mo und dem „Leb wohl“-Motiv der Har­fe beginnt. „Todes Glo­cken“ und „Lei­se Trä­nen“ steht an die­ser Stel­le in der Diri­gier­par­ti­tur von Wil­lem Men­gel­berg, einem Freund des Kom­po­nis­ten und Vor­gän­ger Hai­tinks in Ams­ter­dam. Sach­te und ver­hal­ten neh­men die Strei­cher das melan­cho­li­sche Motiv auf, bevor das Horn und dann die ande­ren Blä­ser und die Pau­ken hin­zu­kom­men.

Mit zurück­hal­ten­den, prä­zi­sen Ges­ten lei­tet Hai­tink das Orches­ter hoch­kon­zen­triert durch Mah­lers letz­te voll­ende­te Sin­fo­nie, in der die Abschieds­the­ma­tik, die sein gesam­tes Werk durch­zieht, beson­ders ein­drück­lich erscheint. Die Urauf­füh­rung durch die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker unter Bru­no Wal­ter 1912 soll­te der Kom­po­nist nicht mehr erle­ben. In dem Kopf­satz mit sei­nen Höhe­punk­ten und Zusam­men­brü­chen ist an die­sem Abend in Ber­lin wie­der ein­mal zu erle­ben, wie uner­hört kom­pakt und zugleich trans­pa­rent die phil­har­mo­ni­schen Strei­cher musi­zie­ren. Kon­zert­meis­ter Noah Ben­dix-Bal­gley führt die ers­ten Vio­li­nen sou­ve­rän und berührt die Zuhö­rer durch äußerst emo­tio­nal vor­ge­tra­ge­ne Solo­pas­sa­gen.

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Nach dem geheim­nis­voll und träu­me­risch anmu­ten­den Ende des Andan­te como­do schlägt die Stim­mung in den bei­den Mit­tel­sät­zen ins Gro­tes­ke um. Im Scher­zo par­odiert Mah­ler tra­di­tio­nel­le Tän­ze wie Länd­ler und Wal­zer, die durch Dis­so­nan­zen, Ein­schü­be melo­diö­ser Flos­keln und rhyth­mi­sche Ver­schie­bun­gen bis zur Unkennt­lich­keit ent­stellt wer­den. Holz-und Blech­blä­ser tre­ten in dem von Mah­ler insze­nier­ten Cha­os als bril­lan­te Solis­ten her­vor. Selbst kleins­te Details sind trenn­scharf zu hören. Wüst geht es auch im drit­ten Satz zu, der mit einem beab­sich­tig­ten schie­fen Trom­pe­ten­ein­satz beginnt. In der „Ron­do-Bur­les­ke“ wer­den stel­len­wei­se die Gren­zen der Tona­li­tät gesprengt, wes­we­gen die­se Sin­fo­nie bereits auf die musi­ka­li­sche Moder­ne vor­aus­deu­tet. Zusam­men­hang­lo­se musi­ka­li­sche Ein­spreng­sel kon­tras­tie­ren mit medi­ta­ti­ven Cho­ral­pas­sa­gen, die einen Ruhe­pol bil­den und tröst­lich wir­ken.

Die Sin­fo­nie endet mit dem lan­gen „Ada­gio“, einem der ein­dring­lichs­ten Sin­fo­nie­sät­ze Mah­lers. Der war­me Tut­ti-Klang der Phil­har­mo­ni­ker schwingt weit aus, Hai­tink lässt das Orches­ter atmen. Nach und nach sinkt die Musik in sich zusam­men und bäumt sich wie­der auf, bevor sie sich schließ­lich im Nichts auf­löst. Als das „Ada­gis­si­mo“ im pia­nis­si­mo ver­ebbt ist, hält Hai­tink inne, um dem Klang nach­zu­lau­schen. Viel zu rasch set­zen Hus­ten und Bei­fall ein und zer­rei­ßen die Stil­le. Den­noch ist die Ergrif­fen­heit im Saal groß. Hai­tink und das Orches­ter wer­den mit nicht enden wol­len­dem Applaus im Ste­hen ver­ab­schie­det.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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