Moritz Eggert über Siegfried MauserDarf ein Künstler alles?

aria Bengtsson als Armida an der Komischen Oper Berlin
Calixto Bietos Inszenierung von "Armida" an der Komischen Oper Berlin

Muss es einem egal sein, was ein Künst­ler so zu Leb­zei­ten treibt? Dür­fen die alles?
Vor weni­gen Tagen wur­de – unter gro­ßem Medi­en­echo – Sieg­fried Mau­ser in zwei­ter Instanz wegen sexu­el­ler Nöti­gung ver­ur­teilt. Wer die­sen kom­ple­xen und meist falsch kol­por­tier­ten Fall wirk­lich ver­ste­hen will, dem lege ich sehr den her­vor­ra­gen­den und sach­kun­di­gen Arti­kel von Patrick Bahn­ers ans Herz, der am Frei­tag in der FAZ (Feuil­le­ton) erschien, und hier als zah­lungs­pflich­ti­ger Arti­kel zu fin­den ist. Bezeich­nend an dem Arti­kel aller­dings ist, dass hier über­haupt so viel erklärt wer­den muss.

In dem Arti­kel wen­det sich Bahn­ers näm­lich auch an die vie­len pro­mi­nen­ten Künst­ler, die sich nach dem ers­ten Pro­zess meist sehr despek­tier­lich über die kla­gen­den Frau­en äußer­ten, dar­un­ter natür­lich auch Enzens­ber­ger mit sei­nen viel­fach zitier­ten „ver­sto­ße­nen Frau­en als tücki­schen Tell­er­mi­nen“ . Auch ein Peter Slo­ter­di­jk beklag­te nach dem ers­ten Pro­zess, dass wir uns angeb­lich einer neu­en Pha­se der sexu­el­len Repres­si­on annä­hern wür­den, ähn­li­ches hör­te man auch von Micha­el Krü­ger, der die von ihm gelei­te­te Baye­ri­sche Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te als kom­plett „soli­da­risch“ zu Sieg­fried Mau­ser bezeich­ne­te, dabei aller­dings dezent ver­gaß, auch deren Mit­glie­der zu fra­gen. Fuß­no­te: Nach­dem sich der Unmut eini­ger Mit­glie­der reg­te – dar­un­ter auch von mir – bezeich­net er sie inzwi­schen wenigs­tens als zu „99%“ soli­da­risch zu Mau­ser, was wohl als Fort­schritt ver­stan­den wer­den muss.

„Sexua­li­tät ist in unse­rem Kul­tur­raum qua­si all­ge­gen­wär­tig“

Immer wie­der wur­de auf die gro­ßen Leis­tun­gen Mau­sers hin­ge­wie­sen, und dass es doch gar nicht angin­ge, dass man so jeman­den anzei­ge. Hier­bei steht immer unaus­ge­spro­chen im Raum, dass man als Künst­ler irgend­wie „über den Din­gen“ steht, und dass für einen „Künst­ler“ kei­ne Geset­ze gel­ten. Woher kommt die­se selt­sa­me Annah­me? Zum funk­tio­nie­ren­den sozia­len Zusam­men­le­ben einer grö­ße­rer Grup­pe von Men­schen gehört das Befol­gen bestimm­ter Regeln, die auf Rück­sicht­nah­me und Respekt gegen­über ande­ren Men­schen fußen. Der Künst­ler hat zwar durch­aus – hier­bei dem Hof­narr ver­wandt – das Recht, die­se Rück­sicht zumin­dest vir­tu­ell aus­zu­rei­zen, durch ver­ba­le, visu­el­le oder auch akus­ti­sche Pro­vo­ka­tio­nen, aber das berech­tigt ihn kei­nes­wegs dazu, tat­säch­li­che Ver­bre­chen zu bege­hen. Wenn alle Men­schen vor dem Gesetz gleich sein sol­len, soll­ten sich alle auch gleich gut beneh­men, zumin­dest in der Theo­rie.

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Nun zur angeb­lich sexu­el­len Repres­si­on. Gibt es die­se über­haupt? Ist unse­re Zeit so spie­ßig, dass Kör­per­kon­tak­te ver­pönt sind, Zärt­lich­kei­ten nur noch heim­lich statt­fin­den und alle unglaub­lich ver­klemmt sind? Man muss gar nicht sub­jek­tiv wer­den, es gibt sehr objek­ti­ve Anzei­chen, dass dem nicht so ist. Was sich aber durch­aus ver­än­dert hat ist das Bewusst­sein gegen­über Unge­rech­tig­kei­ten und der Anwen­dung von psy­chi­scher oder phy­si­scher Gewalt.

Sexua­li­tät ist in unse­rem Kul­tur­raum qua­si all­ge­gen­wär­tig. 10-Jäh­ri­ge bekom­men ihre Auf­klä­rung über you­porn, aller­dings sind ihre Eltern meis­tens schnel­ler und reden auch nicht lan­ge um den hei­ßen Brei her­um. Hinz und Kunz las­sen uns detail­liert und exhi­bi­tio­nis­tisch in zahl­lo­sen Medi­en an ihren sexu­el­len Vor­lie­ben teil­ha­ben. Stand-Up Come­di­ans rei­ßen der­be Kalau­er über alle Aspek­te der mensch­li­chen Zwei­sam­keit, Nackt­heit in Film und Fern­se­hen wird nicht als pro­ble­ma­tisch oder „sho­cking“ emp­fun­den, bei „Big Bro­ther“ gab es (wer erin­nert sich?) sogar schon Blow Jobs und eini­ges mehr. Natür­lich ist mir bewusst, dass das alles noch nicht das Para­dies ist (viel­leicht ist auch die­se auf­ge­zwun­ge­ne Frei­zü­gig­keit unpa­ra­die­sisch), es gibt nach wie vor Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung, aber wohl kaum jemand wür­de die Uhr ger­ne wie­der in die 50er Jah­re zurück­dre­hen, als das das sexu­ell Anre­gends­te was man zu hören bekam ein Kalau­er von Heinz Erhardt war (nichts gegen Heinz Erhardt übri­gens).

„Es geht hier also kei­nes­wegs um Sex, es geht um Macht“

Die öffent­li­che Prä­senz von Sexua­li­tät ist aber nur Aus­druck eines ins­ge­samt im Ver­gleich zu frü­her doch wesent­lich tole­ran­te­ren Lebens­stils. Schwu­le und Les­ben kön­nen öffent­lich zärt­lich zuein­an­der sein, ohne dass es gleich einen Auf­stand gibt, sie kön­nen Hotel­zim­mer mie­ten, hei­ra­ten, Kin­der groß zie­hen und sogar gleich­zei­tig Schla­ger­sän­ger sein. All dies war in den 70er Jah­ren zum Bei­spiel nicht mög­lich, in denen Mau­ser (nach sei­nen eige­nen Wor­ten im Pro­zess) als „Hip­pie“ durch einem „liber­ti­nä­ren“ Lebens­stil geprägt wor­den sei (wobei man sich schon fragt, wie liber­ti­när die­ser Lebens­stil im Strau­bing der 70er gelebt wer­den konn­te). Auch in den Kom­men­ta­ren von Krü­ger, Enzens­ber­ger und Slo­ter­di­jk schwang eine gewis­se Nost­al­gie nach den „guten alten Zei­ten“ mit, als man noch frei sei­ne Sexua­li­tät zum Aus­druck brin­gen konn­te, oder viel­mehr: ein­fach mal unge­fragt an den Busen ran durf­te, ohne dass die Tus­si sich gleich auf­reg­te.

Aber halt: über wel­che Sexua­li­tät reden wir hier über­haupt? Über Sexua­li­tät an sich, oder über die Sexua­li­tät der Her­ren Enzens­ber­ger etc.? Wenn man näm­lich genau nach­schaut, geht es ganz gewiss nicht um die freie Sexua­li­tät von Jedermann/Jederfrau, son­dern nur um die Sexua­li­tät von ganz bestimm­ten Män­nern, meis­tens Macht­per­so­nen, die es gewohnt sind, ihre eige­ne Vor­stel­lung von Sexua­li­tät aus­zu­le­ben, ohne dass ihnen da jemand in die Que­re kommt. Nach der frei­en Sexua­li­tät von Stu­den­tin­nen, Mit­ar­bei­te­rin­nen, Sekre­tä­rin­nen wird übri­gens eher sel­ten gefragt. Was wenig über­rascht, denn wür­den sie die­se aus­le­ben, wären sie sofort „Schlam­pen“ , und damit noch viel mehr Frei­wild für die „liber­ti­nä­ren“ alten Her­ren.

Es geht hier also kei­nes­wegs um Sex, es geht um Macht. Denn natür­lich soll­te es jedem klar sein, dass die eige­ne Frei­heit da auf­hört, wo die Frei­heit des ande­ren anfängt. Nie­mand kann ja etwas gegen einen „liber­ti­nä­ren“ Lebens­stil ein­wen­den, denn es soll­ten sich heut­zu­ta­ge eigent­lich leicht genü­gend Men­schen fin­den las­sen, die die­sem Lebens­stil eben­so frö­nen und mit denen man sich dafür zusam­men­fin­den kann. Das Pro­blem beginnt da, wo ich mei­nen eige­nen „liber­ti­nä­ren“ Lebens­stil ande­ren auf­drän­ge, oder sie unge­fragt dazu ver­füh­ren will. Wer kei­nen Zun­gen­kuss bei einem rein beruf­li­chen Gespräch erwar­tet, wird davon scho­ckiert sein, so viel soll­te klar sein. Wer gera­de sein Diplom­kon­zert absol­vier­te, erwar­tet nicht unbe­dingt, dass man jetzt Sex mit dem Chef der Hoch­schu­le haben muss.

„Da wird man ja wohl noch grap­schen dür­fen“

All dies ist aber in der Musik­hoch­schu­le Mün­chen pas­siert, was man kaum glau­ben mag. Und über­haupt: die Musik­hoch­schu­le Mün­chen. Von Patrick Bahn­ers wie auch dem Mau­ser-Pro­zess­rich­ter Kop­pen­leit­ner wur­de sie scharf ins Gericht genom­men. Hät­te die Musik­hoch­schu­le nicht vie­les von dem, was zum Bei­spiel Mau­ser trieb, ver­hin­dern können/sollen/müssen? Ich fürch­te, die Fra­ge ist sehr berech­tigt. Es konn­te bei ihm kein Unrechts­be­wusst­sein für sol­che Hand­lun­gen ent­ste­hen, weil sie voll vom Betrieb getra­gen wur­den.

Auch bei der Urteils­ver­kün­di­gung fiel auf, dass die Musik­hoch­schu­le kei­ner­lei Ver­tre­ter geschickt hat­te. Das dünkt merk­wür­dig, hat­te doch Mau­ser – durch­aus auch mit Ver­diens­ten – das Haus zwölf Jah­re gelei­tet. Aber nein, weder Frau­en­be­auf­trag­te noch Hoch­schul­lei­tung waren anwe­send. Im Vor­feld des Pro­zes­ses waren Maß­nah­men gegen sexu­el­le Beläs­ti­gung ange­kün­digt wor­den, es gab eine anony­me Befra­gung sämt­li­cher Stu­den­ten sowie des Hoch­schul­per­so­nals zum The­ma. Irgend­wann kam von der Hoch­schul­lei­tung dann die omi­nö­se Nach­richt, man wür­de zu „gege­be­ner Zeit“ auf die Aus­wer­tung die­ser sicher­lich bri­san­ten Umfra­ge zu spre­chen kom­men, das geschah aller­dings nie (Stand 29.4.2017). Ver­än­de­rung sieht anders aus. Mün­chen ist aber ganz sicher nicht die ein­zi­ge Musik­hoch­schu­le, die die­ses Pro­blem hat. Über­haupt: Ver­än­de­rung!

Woher könn­te Ver­än­de­rung in der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te kom­men? Gäbe es dort kei­ne Gene­ral­se­krä­te­rin und Mit­ar­bei­te­rin­nen wür­de man dort über­haupt kei­ne Frau­en zu Gesicht bekom­men, schon gar nicht in der Musik­ab­tei­lung. Es gibt weib­li­che Mit­glie­der von Pro­mi­nenz, die haben aber anschei­nend rela­tiv wenig Lust, an den halb­jähr­li­chen Her­ren­kränz­chen teil­zu­neh­men. Denn die­se Her­ren­run­den sind – zumin­dest offi­zi­ell, wofür ich mich als eben­falls alter Herr in Grund und Boden schä­me – zu „99% soli­da­risch“ mit einer Hal­tung, die man auch ein­fach mit „Man wird ja mal noch grap­schen dür­fen“ umschrei­ben könn­te.

„Das wird man ja noch mal sagen dür­fen“ und „Da wird man ja wohl noch grap­schen dür­fen“ sind übri­gens gar nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt. Bei­de Hal­tun­gen lie­gen dem Trug­schluss auf, dass die eige­ne Mei­nungs­frei­heit wich­ti­ger als die Wahr­heit und die eige­ne Geil­heit wich­ti­ger als der grund­sätz­li­che Anstand ande­ren Men­schen gegen­über sind.
Womit wir wie­der beim The­ma wären. Dür­fen Künst­ler alles?
Nein.
Nur in der Kunst.

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Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

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