Dirigent Luis Schmidt
Royalist mit Taktgefühl
von Barbara Schulz
28. September 2026
Dirigent zu werden erfordert neben Talent viel Fleiß. Ein Orchester im schottischen Edinburgh zu gründen, dazu braucht es Mut. Von alledem hatte der heute 22-jährige Münchner Luis Schmidt genug und leitet nun „seine“ Capella Edina. Chronologie eines so ungewöhnlichen wie visionären Werdegangs.
Crescendo: Herr Schmidt, Sie sind 22 Jahre jung und haben vor drei Jahren ein Orchester in Edinburgh gegründet. Mal abgesehen davon, warum gerade Edinburgh – Ihre musikalische Karriere muss buchstäblich in Ihrer Wiege gelegen sein.
Luis Schmidt: Nein, ganz im Gegenteil. Mein Elternhaus war an klassischer Musik überhaupt nicht interessiert, um nicht zu sagen: unmusikalisch. Es gab nur einen Großonkel, dessen Mutter in einer Instrumentenmanufaktur gearbeitet und von dort ab und zu B‑Ware mit nach Hause gebracht hat – Waldhorn, Tenorhorn und so. Das fand ich damals schon sehr faszinierend. Und er hat mir ein paar Noten beigebracht, die ich darauf spielen konnte.
Das war also der Grund, dass Sie Trompete gelernt haben?
Nun, Blechinstrumente haben mir immer irgendwie gefallen. Als ich dann aber per Los im Gymnasium in die Bläserklasse kam – und ich hatte mich nur beworben, weil alle Freunde da reinwollten –, wollte ich zunächst gar nicht, weil ich der Einzige war, der eine Platz bekommen hatte. Nachdem wir die Noten gelernt hatten, konnten wir uns ein Instrument aussuchen, und meine erste Wahl war natürlich die Trompete. Wir hatten Gruppenunterricht zu viert. Viel Zeit habe ich nicht aufs Üben „verschwendet“, weil ich ja eigentlich nur per Zufall in der Bläserklasse war.
Und was hat Sie umgestimmt?
Der Zusammenhalt, der sehr schnell da war in dieser Klasse. Dazu kamen die Aufenthalte im Schullandheim, außerdem das geniale Projekt der Münchner Philharmoniker. Die kamen zu uns in die Schule, und man hat sogar schauspielerisch noch etwas erarbeitet. Und schließlich durften wir mit einem Teil der Philharmoniker im Carl-Orff-Saal im Gasteig spielen. Dieses Projekt war schon sehr prägend, hat allerdings die Frequenz meiner Übungsstunden nicht wesentlich in die Höhe getrieben.
Aber irgendwann muss es doch dann mal klick gemacht haben …
Das kann ich Ihnen genau sagen: Ich war 14, es war der zweite Samstag im Juni, und im Fernsehen wurde Trooping the Colour übertragen, die traditionelle Geburtstagsparade in London, damals noch für die Queen. Und ich war tief beeindruckt. Zum einen, was da musikalisch alles passiert, vor allem aber auch von dieser unglaublichen Präzision. Ich hatte immer ein Faible für Organisation und Struktur. Auch bei mir zu Hause muss alles in Reih und Glied sein. Ordnungsfanatiker ist wohl das richtige Wort.
Dann hat Sie also vor allem das Militärische gefesselt?
Nicht nur, aber ja, schon. Das erklärt ja auch ein bisschen, warum ich bereits während der Schulzeit ausschließlich Sakko und Krawatte getragen habe. Mein Urgroßvater war ja Schneider, und diese Kunst hat mich immer fasziniert. Weil es darum geht, dass die Form passen muss. Stimmt ein Detail nicht, gerät alles aus der Balance. Das ist in der Musik nicht anders …
Gleichzeitig war es diese Tradition, die hinter solchen Militärparaden steht – diese roten Uniformen mit Gold bis zum Gehtnichtmehr. Ich hatte wirklich einen Narren daran gefressen. Also habe ich mich damit befasst und schlaugemacht. Irgendwann war ich so weit: Ich will auch so eine Uniform haben. Also habe ich an das britische Militär geschrieben, was ich tun müsse, um dort Militärmusiker zu werden. Antwort: Man muss 16 Jahre alt sein und britischer Staatsbürger. Sprich: Ich muss fünf Jahre im UK leben.
Sie waren 14 …
Ja, kurz nachgerechnet hieß das aber: Mit Aufnahmetest und Mitgliedschaft hätte das alles zu lang gedauert. Also lag der Gedanke an ein Musikstudium nahe. Beruflich waren die Alternativen Pfarrer oder Lehrer für Latein und Musik.
Der Sprung von „Eigentlich gehe ich mal in die Bläserklasse, obwohl ich gar keine Lust habe“ zu „Ich will Musik studieren“ ist aber schon weit …
Nun, es lag zum einen am Militär. Das hat mich wirklich angefixt. Ich wollte wissen, wie diese Märsche entstehen. Also habe ich alles Mögliche darüber gelesen und Videos dazu angeschaut. Und dann eben angefangen, Arrangements zu erstellen. Zum anderen aber lag es an einem Musiklehrer im Gymnasium, Ralf Ebner. Er war ja Oboist der Camerata Salzburg gewesen, hatte am Mozarteum gelehrt und immer wieder mit dem BRSO gespielt. Er hat wirklich anspruchsvollen Unterricht gemacht und wohl gemerkt, dass ich interessiert bin. Also hat er mich gefragt, ob ich ihm nicht für das Sommerkonzert an der Schule ein Arrangement schreiben könne. So ging das alles los. Das Interesse fürs Dirigieren war eigentlich unausweichlich: Als Trompeter im Schulorchester zählt man ja hauptsächlich Pausen. Also hab ich geschaut, was der da vorne so macht, und das hat mir gefallen – außerdem hat bei Bläserensembles, vor allem beim Militär, der Dirigent immer die ausgefallenste Uniform an.
„Analyse, Struktur, Strategie. Das war genau meins!“
Auf die Gefahr hin, doch zu biografisch zu werden: Das war der Beginn Ihrer Dirigierkarriere, Grundstock für das Orchester in Edinburgh?
Ja, Ralf Ebner gab mir den Tipp, mich an Bruno Weil zu wenden, den ehemaligen Professor für Orchesterdirigieren am Mozarteum, er kannte ihn aus dieser Zeit. Ich schrieb ihn an, er antwortete, ich könne mal vorbeikommen, aber eigentlich wolle er die Verantwortung, meine künstlerische Karriere zu begleiten, nicht übernehmen. Ich besuchte ihn in Augsburg, man trank Kaffee miteinander, arbeitete ein paar Stunden, und das war der Anfang einer sehr langen künstlerischen Lehr- und Lernphase. Vielleicht hat das so wunderbar gepasst, weil die Methode von Bruno Weil stark geprägt war von der Methodik seines Professors, des österreichischen Dirigenten Hans Swarowsky: Analyse, Struktur, Strategie. Das war genau meins! Dazu ein bisschen Schlagtechnik und wie man das Handgelenk locker macht.
Das Handwerkszeug hatten Sie dann also. War Ihr Faible für Großbritannien und seine Paraden immer noch ungebrochen?
Nun, das mit dem Militär hatte ich schon abgeschrieben, das hätte mir zu lang gedauert. Aber meine Affinität zu England war immer noch da. Immerhin hatte ich ja auch eine jahrelange Brieffreundschaft mit Alastair Bruce, Governor von Edinburgh und Kommentator der Militärparaden für Sky. Dem hatte ich vor langer Zeit einfach mal geschrieben, und daraus hatte sich bereits ein guter Kontakt entwickelt.
Also haben Sie sich an englischen Universitäten beworben?
Ja, aber Newcastle hatte mir bereits in der elften Klasse ein Stipendium angeboten. Das war insofern eine Riesenchance, weil es die einzige britische Universität war, die nach dem Brexit noch Stipendien an EU-Angehörige vergab. Und da das Studium in Birmingham 24.000 Euro p. a., in Oxford sogar 28.000 Euro gekostet hätte, war die Sache relativ klar. Und das Argument, ich könne ja auch in München studieren, vom Tisch.
Das heißt, Newcastle war Ihr Sprungbrett nach Edinburgh, was Sie aber selbst noch gar nicht geahnt hatten?
Im Grunde ja! Zunächst hatte ich ja viel Glück in Newcastle: eine schöne und bezahlbare Wohnung, eine Hospitanz beim dort ansässigen Kammerorchester, der Royal Northern Sinfonia, und einen Stundenplan, der mir Zeit für all meine Projekte ließ – Komponieren, Arrangieren, Notensatz … Aber ich spürte auch, dass es irgendwie weitergehen musste mit dem Dirigieren. Der einhellige Rat meiner Mentoren Bruno Weil und Ralf Ebner war, Musiker zu suchen und selbst ein Ensemble zusammenzustellen, um das Dirigieren zu üben, das sei einfach Learning by Doing.
Das war die Idee zum Orchester. Nicht einfach, zumal Sie ja vermutlich das britische Rechtssystem nicht kannten.
Ja, aber ich holte mir Unterstützung. Ich hatte während meiner Hospitanz in Newcastle den Dirigenten Robert Ames kennengelernt, der 2008 das London Contemporary Orchestra gegründet hatte. Er wusste also, wovon er sprach und meinte, ich könne ihn jederzeit um Rat fragen. Auch Alastair Bruce stand mir zur Seite. Er war es auch, der mir erzählte, dass Edinburgh zwar das Scottish Chamber Orchestra, das Royal Scottish National Orchestra aber seinen Sitz in Glasgow habe. Auch die BBC mit dem Scottish Symphony Orchestra war nur zwei Jahre in Edinburgh gewesen und ist 1937 nach Glasgow gegangen – es war günstiger und zu der Zeit viel hipper. Also klaffte in Edinburgh eine Lücke. Auch wenn ich bis heute nicht nachvollziehen kann, warum ein Staatsorchester nicht in der Hauptstadt sitzt. Aber ja, natürlich war das meine Chance.
„Ich musste Sponsoren finden und Musiker, die bereit waren, sich auf ein Abenteuer einzulassen.“
Trotz aller Hilfe mussten Sie aber bei null anfangen. Sie kannten ja vermutlich auch kaum Musiker …
Genau! Die Phase der ganzen administrativen Aufgaben war wahnsinnig anstrengend, zigtausend Mails und Meetings, aber auch spannend. Ich habe mich wegen Vertragsangelegenheiten an die Musikergewerkschaft gewandt, es mussten Sponsoren gesucht werden und eben auch Musiker, die bereit waren, sich auf das Abenteuer mit einem 19-jährigen Deutschen einzulassen – das war schon eine wilde Kombination. Aber es gab eine Professorin an der Uni, die mich gecoacht hat und die mich letztlich auch mit einem ihrer Verwandten, Chris Bruerton, vernetzt hat. Er war Bariton bei The King’s Singers, die sich sehr darum bemühen, ein neues Publikum an die Musik heranzuführen. Und das war ja auch meine Idee. Ich konnte ihm in Sachen Notensatz helfen, er wiederum half mir mit den rechtlichen Dingen.
Und woher kamen am Ende die Musiker?
Die Gewerkschaft darf keine direkten Kontakte von Musikern weitergeben, aber es gibt in den britischen Orchestern sogenannte Stewards, die Ansprechpartner für die Orchesterleute sind. Und weil die meisten Orchester dort nur Teilzeitverträge haben, waren viele Musiker durchaus interessiert, noch Extra-Konzerte zu spielen. Das Vertrauen war anfangs natürlich noch nicht da, aber für sie war es einen Versuch wert. Glück war auch, dass ich inzwischen mit der Stadtverwaltung im Kontakt war und die wunderschöne und akustisch phänomenale Usher Hall, die Stadthalle von Edinburgh, gefunden und für drei Termine gebucht hatte, der erste im Januar 2024. Weil der Januar aber in Schottland für Musiker eher ruhig ist, hatten einfach mehr als erwartet von ihnen Zeit. Darüber hinaus war mir auch wichtig, Nachwuchsmusiker vom Konservatorium zu beschäftigen, um ihnen den Sprung ins Berufsleben zu erleichtern. Heute hat die Capella Edina einen Pool aus rund 300 ProfimusikerInnen. Das Schöne ist, dass die Besetzung bei den Konzerten zu 85 Prozent dieselben MusikerInnen sind. Das wirkt sich natürlich positiv auf den Orchesterklang aus.
Ihr Debütkonzert mit Ihnen ja noch unbekannten MusikerInnen war nicht weniger als Bruckners Sechste …
Ja, es war ein Herzensprojekt von mir, weil ich sie rhythmisch für die spannendste seiner Sinfonien halte. Und ich hielt sie für machbar im Hinblick auf die Besetzung. Aber tatsächlich war das in mehrfacher Hinsicht spannend: Die Briten haben zum einen ein Problem mit Bruckner! Keiner von ihnen hatte das Werk je gespielt. Und wir hatten nur zwei Probentage. Erschwerend kam hinzu, dass ich nicht wusste, welchen Spieler ich wo einsetzen kann. Aber der Konzertmeister hat mir dahin gehend viel geholfen, er kannte viele von den Musikern. Und es ist unglaublich, wie gut sie vom Blatt spielen. Was natürlich auch daher kommt, dass viele von ihnen Freiberufler sind und in vielen verschiedenen Ensembles und Orchestern spielen.
Aber sicher gab es auch eine Idee hinter der Gründung Ihres neuen Orchesters.
Nun, in Großbritannien kennt man so ein Konzept der Jugendkonzerte wie das der Münchner Philharmoniker nicht. Dabei wäre es so einfach. Man probt ja ohnehin, dann könnte man eine von den Proben für junge Leute öffnen. Das ist umso interessanter, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen so abgenommen hat, was sich natürlich während der Corona-Zeit noch mal intensiviert hat. Und für mich war das damals bei den Jugendkonzerten eine echte Bereicherung, auch wenn die Moderation immer ein wenig gewöhnungsbedürftig war. Aber sie nimmt viele Leute mit, weil sie so ein Verbundelement ist – sie durchbricht diese vierte Wand und öffnet den Raum zum Publikum, wie das Bertolt Brecht schon wollte, das ist ja alles nicht neu. Es war also die Frage beziehungsweise war das die Idee, wie wir zugänglicher werden für Leute meiner Generation. Und wieder war es Chris Bruerton, der das bei The King’s Singers mit einer thematischen Programmgestaltung schon lange verfolgte. Sie kombinieren beispielsweise ein Werk von Thomas Tallis mit irgendetwas aus Disney und ziehen so ein sehr diverses Publikum an, weil es an ganz unterschiedliche Genres herangeführt wird. Das war auch der Gedanke hinter der Kombination aus Bruckners Sechster und Star Wars als Kontrast.
„Es gibt nichts Langweiligeres, als über Lebensdaten und Geschichtliches zu dozieren.“
Was dann eine wirklich gute Moderation erfordert, die das Konzept erklärt.
Das ist richtig. Und klar ist es nichts Neues, Konzerte zu moderieren. Aber es gibt nichts Langweiligeres, als über Lebensdaten und Geschichtliches zu dozieren. Nein, ich wollte von der Bühne moderieren und erzählen, was interessant ist, worauf die ZuhörerInnen achten sollten. Niemand hat das genialer gemacht als Bernstein mit seinen Young People’s Concerts. In diesem Gedanken habe ich versucht, zwischen Bruckner und Star Wars einige Parallelen hervorzuheben, zum Beispiel diesen Anfangsrhythmus. Und das kam sehr gut an beim Publikum. Und damit war dann auch klar, wir würden ein weiteres Konzert geben.
Nun müssen so ein Orchester und die Konzerte ja auch finanziert werden, und das in einer Stadt, die finanziell eher klamm dasteht. Über die Tickets lässt sich das vermutlich nicht einspielen?
Nein, wir brauchen Sponsoren. Glücklicherweise hatte ich bereits Kontakt zur deutschen Generalkonsulin, außerdem zum Bürgermeister von Edinburgh, der beim ersten Treffen schon fasziniert war von unserer Idee und meinte, wir müssten die richtigen Leute einladen, natürlich in der Absicht, sie als Sponsoren zu gewinnen. Aber Sponsoren zu finden ist natürlich langwierig. Man schickt Mails an die „Sunday Times Rich List“ von Edinburgh und wartet ab, was passiert. Tatsächlich haben sich nach dem Antrittskonzert auch zwei, drei Leute gemeldet, die gespendet haben. Einen davon, einen Hotelier und Freund des Bürgermeisters, lernte ich kennen, als es darum ging, dass wir zur 900-Jahr-Feier von Edinburgh ein Konzert spielen sollten. Es war klar, dass das nur mit Spenden möglich wäre. Aufgrund der Kürze der Zeit verwarf er dann aber die erste Idee eines von ihm finanzierten Fundraising-Dinners mit den entsprechenden Leuten in seinem Hotel. Stattdessen sagte er, er würde mir das Geld, das ich bräuchte, komplett zur Verfügung stellen, wir sollten dafür aber die Tickets kostenlos vergeben.
„In der heutigen Zeit hat jeder Mensch ein Recht darauf, die heilende Kraft der Musik zu spüren.“
Da hat einer den Charity-Gedanken aber mal richtig ernst genommen …
Tatsächlich gibt es in Edinburgh einen Wohltätigkeitsverein, den OneCity Trust, Schirmherr ist der Bürgermeister. Dieser Verein bemüht sich darum, in der Stadt gleiche Chancen für alle zu schaffen. Denn auch wenn Edinburgh ein großes Finanzzentrum und ein schickes Viertel für die Touristen hat, on top den royalen Touch, gibt es halt auch die Kehrseite: Um die Ecke liegen krasse Armutsviertel. Und so war der Gedanke des Sponsors, genau die Leute einzuladen, die von diesem Trust unterstützt werden. Innerhalb von sechs Wochen hatten wir 1.500 Zusagen. Und ja, man hat gespürt und gesehen, dass die meisten zum ersten Mal in einem Konzert waren. Viele von ihnen haben das auch geschrieben und sich bedankt, es sei unglaublich toll gewesen. Woraufhin der Hotelier meinte, wir müssten das wiederholen. Und so haben wir jetzt im September wieder ein Konzert für alle gespielt. Mit mehr als 2.200 Menschen im Publikum war die Usher Hall in ihrer Kapazität fast schon überfordert. Das ist umso großartiger, als es im UK außer den BMW Classics des London Symphony Orchestra auf dem Trafalgar Square keine kostenlosen philharmonischen Konzerte gibt. Und es ist mir einfach wichtig, weil ich finde, in der heutigen Zeit, wo da draußen so viel passiert, hat es jeder Mensch verdient und ein Recht darauf, einfach mal abzuschalten und die heilende Kraft der Musik zu spüren.
Ein schöner Gedanke, die Musik zu den Menschen zu bringen. Der zudem die DNA der Stadt auch verändern könnte, die so lange kein eigenes Orchester hatte.
Ja, dieses Verbundenheitsgefühl, gemeinsam etwas Schönes zu erleben, wenn man schon ständig mit schlechten Nachrichten bombardiert wird. Wir sind deshalb auch eine Partnerschaft mit einer Schule in Edinburgh eingegangen und halten unsere Proben dort ab. Und anstatt die Jugendlichen ein Instrument lernen zu lassen, bringen wir sie erst mal in Kontakt mit der Musik. Es hilft ja nichts, wenn ich den Schülern eine Geige in die Hand drücke, die sie zwei Jahre spielen können und danach wieder abgeben müssen. Die meisten Eltern können sich weder ein Instrument noch Stunden für ihre Kinder leisten, und auch die mentale Unterstützung fehlt da oft. So aber können wir Präsenz zeigen und nach und nach über Konzerte und Instrumentdemonstrationen eine Stabilität aufbauen.
Zurück zum kommenden Konzert: Was steht auf dem Programm?
Das Oboenkonzert von Vaughan Williams. Und spielen wird mein ehemaliger Lehrer Ralf Ebner. Ich bat ihn darum, weil es ein Stück ist, das er immer spielen wollte. Und weil wir in dieser Form noch nie zusammen auf der Bühne standen. Ich wollte unbedingt, dass er nach Edinburgh kommt, immerhin würde ich ohne ihn heute nicht Musik machen, geschweige denn ein eigenes Orchester haben. Nach den Enigma-Variationen von Elgar und dem Liederzyklus A Knot of Riddles zum 50. Todestag von Arthur Bliss im Oktober letzten Jahres ein wunderbares Konzert, das viel zu selten gespielt wird.
„Wir sind das Edinburgh Orchestra. Entsprechend müssen wir die Stadt repräsentieren.“
Sie fokussieren sich also auf die britischen Komponisten …
Ja, ich finde sie einfach großartig und möchte den Fokus des Orchesters darauf legen. Wir wollen damit jetzt auch auf Tour gehen. Nach dem letzten Jahr gab es Anfragen von Veranstaltern, vor allem aus der Schweiz. Geplant ist also, 2028 in verschiedenen Städten in der Schweiz, in Österreich und Deutschland zu spielen. Es wird ein schottisches Programm, unter anderem mit der Edinburgh Ouvertüre von Arthur Bliss mit einer wunderschönen Pavene, außerdem die Schottische von Mendelssohn sowie die Schottische Fantasie von Bruch. Es wird auch Arrangements von Volksliedern mit Dudelsack geben, und wenn es nur für die erste Tournee ist. Wir sind das Edinburgh Orchestra! Entsprechend müssen wir das auch so verbreiten und die Stadt repräsentieren.
Eine Frage jenseits Ihrer Orchestertätigkeit: Sie pendeln derzeit zwischen Zürich und Edinburgh, weil Sie in Zürich promovieren. Wie kam es dazu?
Tatsächlich ist Zürich als nächster Lebensstopp einfach so passiert. Nachdem ich in Newcastle meinen Bachelor abgeschlossen hatte, fragte mich einer der Professoren, ob ich nicht ein Doktorat bei ihm machen wolle. Eigentlich brauche ich als Dirigent aber keinen Doktortitel, und es hätte nur weitere Studiengebühren bedeutet, um den zunächst erforderlichen Masterabschluss zu bekommen. Da er mir aber anbot, ohne Master zu promovieren, kam ich ins Nachdenken und darüber auch auf ein Thema. Als ich dann per Zufall Ralf Weikert traf, der vor vielen Jahren in Zürich Generalmusikdirektor an der Oper war und mit Bruno Weil bei Swarowsky studiert hatte, und ihm erzählte, dass ich ein ehemaliger Schüler von Bruno war und nun über Bruckner promovieren wolle, riet er mir, dem Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in Zürich zu schreiben. Was ich umgehend tat – vier Stunden später hatte ich die Antwort: Trotz verpasster Bewerbungsfrist und der unbedingten Erforderlichkeit eines Masterabschlusses würde er mich sehr gern betreuen. Es folgte der übliche Bürokratiewahnsinn mit dem Ergebnis, dass die Fakultät eine Klausel in ihren Statuten fand, die ein Doktorat ohne Master möglich machte – erstmals, soweit ich weiß.
Lassen Sie mich raten: Sie promovieren über Bruckner?
Ja, tatsächlich ist es sogar Bruckners Sechste. Bruckner lag mir musikalisch schon immer am Herzen, aber die Sechste eben auch wissenschaftlich: Es waren die vier Takte aus Wagners Liebestod aus Tristan und Isolde. Wenn ein Komponist so ein Motiv direkt zitiert, dann muss es dazu doch Literatur geben. Aber nichts! Das ließ mir keine Ruhe, und das fanden die Professoren offenbar auch interessant genug, mich auch ohne Master promovieren zu lassen.
Damit ist der Traum von einem Leben im UK ausgeträumt?
Das konnte ich mir nach dem Brexit und dem Kennenlernen der musikalischen Welten dort ohnehin nicht mehr vorstellen. Die Opernlandschaft ist extrem karg, und auch die sinfonische Musik hat eine völlig andere Tradition. Vieles aus dem klassischen Repertoire gilt dort als schwere Kost. Da ist die Schweiz viel aufgeschlossener. Insofern sind die beiden Wohnsitze schon ideal.
Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg für all Ihre weiteren Projekte und bedanke mich für das Gespräch.