Luis Schmidt

Dirigent Luis Schmidt

Roya­list mit Takt­ge­fühl

von Barbara Schulz

28. September 2026

Dirigent zu werden erfordert neben Talent viel Fleiß. Ein Orchester im schottischen Edinburgh zu gründen, dazu braucht es Mut. Von alledem hatte der heute 22-jährige Münchner Luis Schmidt genug und leitet nun „seine“ Capella Edina. Chronologie eines so ungewöhnlichen wie visionären Werdegangs.

Crescendo: Herr Schmidt, Sie sind 22 Jahre jung und haben vor drei Jahren ein Orchester in Edin­burgh gegründet. Mal abge­sehen davon, warum gerade Edin­burgh – Ihre musi­ka­li­sche Karriere muss buch­stäb­lich in Ihrer Wiege gelegen sein.

Luis Schmidt: Nein, ganz im Gegen­teil. Mein Eltern­haus war an klas­si­scher Musik über­haupt nicht inter­es­siert, um nicht zu sagen: unmu­si­ka­lisch. Es gab nur einen Groß­onkel, dessen Mutter in einer Instru­men­ten­ma­nu­faktur gear­beitet und von dort ab und zu B‑Ware mit nach Hause gebracht hat – Wald­horn, Tenor­horn und so. Das fand ich damals schon sehr faszi­nie­rend. Und er hat mir ein paar Noten beigebracht, die ich darauf spielen konnte.

Das war also der Grund, dass Sie Trom­pete gelernt haben?

Nun, Blech­in­stru­mente haben mir immer irgendwie gefallen. Als ich dann aber per Los im Gymna­sium in die Bläser­klasse kam – und ich hatte mich nur beworben, weil alle Freunde da rein­wollten –, wollte ich zunächst gar nicht, weil ich der Einzige war, der eine Platz bekommen hatte. Nachdem wir die Noten gelernt hatten, konnten wir uns ein Instru­ment aussu­chen, und meine erste Wahl war natür­lich die Trom­pete. Wir hatten Grup­pen­un­ter­richt zu viert. Viel Zeit habe ich nicht aufs Üben „verschwendet“, weil ich ja eigent­lich nur per Zufall in der Bläser­klasse war.

Und was hat Sie umge­stimmt?

Der Zusam­men­halt, der sehr schnell da war in dieser Klasse. Dazu kamen die Aufent­halte im Schul­land­heim, außerdem das geniale Projekt der Münchner Phil­har­mo­niker. Die kamen zu uns in die Schule, und man hat sogar schau­spie­le­risch noch etwas erar­beitet. Und schließ­lich durften wir mit einem Teil der Phil­har­mo­niker im Carl-Orff-Saal im Gasteig spielen. Dieses Projekt war schon sehr prägend, hat aller­dings die Frequenz meiner Übungs­stunden nicht wesent­lich in die Höhe getrieben.

Aber irgend­wann muss es doch dann mal klick gemacht haben …

Das kann ich Ihnen genau sagen: Ich war 14, es war der zweite Samstag im Juni, und im Fern­sehen wurde Troo­ping the Colour über­tragen, die tradi­tio­nelle Geburts­tags­pa­rade in London, damals noch für die Queen. Und ich war tief beein­druckt. Zum einen, was da musi­ka­lisch alles passiert, vor allem aber auch von dieser unglaub­li­chen Präzi­sion. Ich hatte immer ein Faible für Orga­ni­sa­tion und Struktur. Auch bei mir zu Hause muss alles in Reih und Glied sein. Ordnungs­fa­na­tiker ist wohl das rich­tige Wort.

Dann hat Sie also vor allem das Mili­tä­ri­sche gefes­selt?

Nicht nur, aber ja, schon. Das erklärt ja auch ein biss­chen, warum ich bereits während der Schul­zeit ausschließ­lich Sakko und Krawatte getragen habe. Mein Urgroß­vater war ja Schneider, und diese Kunst hat mich immer faszi­niert. Weil es darum geht, dass die Form passen muss. Stimmt ein Detail nicht, gerät alles aus der Balance. Das ist in der Musik nicht anders …
Gleich­zeitig war es diese Tradi­tion, die hinter solchen Mili­tär­pa­raden steht – diese roten Uniformen mit Gold bis zum Geht­nicht­mehr. Ich hatte wirk­lich einen Narren daran gefressen. Also habe ich mich damit befasst und schlau­ge­macht. Irgend­wann war ich so weit: Ich will auch so eine Uniform haben. Also habe ich an das briti­sche Militär geschrieben, was ich tun müsse, um dort Mili­tär­mu­siker zu werden. Antwort: Man muss 16 Jahre alt sein und briti­scher Staats­bürger. Sprich: Ich muss fünf Jahre im UK leben.

Sie waren 14 …

Ja, kurz nach­ge­rechnet hieß das aber: Mit Aufnah­me­test und Mitglied­schaft hätte das alles zu lang gedauert. Also lag der Gedanke an ein Musik­stu­dium nahe. Beruf­lich waren die Alter­na­tiven Pfarrer oder Lehrer für Latein und Musik.

Der Sprung von „Eigent­lich gehe ich mal in die Bläser­klasse, obwohl ich gar keine Lust habe“ zu „Ich will Musik studieren“ ist aber schon weit …

Nun, es lag zum einen am Militär. Das hat mich wirk­lich ange­fixt. Ich wollte wissen, wie diese Märsche entstehen. Also habe ich alles Mögliche darüber gelesen und Videos dazu ange­schaut. Und dann eben ange­fangen, Arran­ge­ments zu erstellen. Zum anderen aber lag es an einem Musik­lehrer im Gymna­sium, Ralf Ebner. Er war ja Oboist der Came­rata Salz­burg gewesen, hatte am Mozar­teum gelehrt und immer wieder mit dem BRSO gespielt. Er hat wirk­lich anspruchs­vollen Unter­richt gemacht und wohl gemerkt, dass ich inter­es­siert bin. Also hat er mich gefragt, ob ich ihm nicht für das Sommer­kon­zert an der Schule ein Arran­ge­ment schreiben könne. So ging das alles los. Das Inter­esse fürs Diri­gieren war eigent­lich unaus­weich­lich: Als Trom­peter im Schul­or­chester zählt man ja haupt­säch­lich Pausen. Also hab ich geschaut, was der da vorne so macht, und das hat mir gefallen – außerdem hat bei Bläser­en­sem­bles, vor allem beim Militär, der Diri­gent immer die ausge­fal­lenste Uniform an.

„Analyse, Struktur, Stra­tegie. Das war genau meins!“

Auf die Gefahr hin, doch zu biogra­fisch zu werden: Das war der Beginn Ihrer Diri­gier­kar­riere, Grund­stock für das Orchester in Edin­burgh?

Ja, Ralf Ebner gab mir den Tipp, mich an Bruno Weil zu wenden, den ehema­ligen Professor für Orches­ter­di­ri­gieren am Mozar­teum, er kannte ihn aus dieser Zeit. Ich schrieb ihn an, er antwor­tete, ich könne mal vorbei­kommen, aber eigent­lich wolle er die Verant­wor­tung, meine künst­le­ri­sche Karriere zu begleiten, nicht über­nehmen. Ich besuchte ihn in Augs­burg, man trank Kaffee mitein­ander, arbei­tete ein paar Stunden, und das war der Anfang einer sehr langen künst­le­ri­schen Lehr- und Lern­phase. Viel­leicht hat das so wunderbar gepasst, weil die Methode von Bruno Weil stark geprägt war von der Methodik seines Profes­sors, des öster­rei­chi­schen Diri­genten : Analyse, Struktur, Stra­tegie. Das war genau meins! Dazu ein biss­chen Schlag­technik und wie man das Hand­ge­lenk locker macht.

Das Hand­werks­zeug hatten Sie dann also. War Ihr Faible für Groß­bri­tan­nien und seine Paraden immer noch unge­bro­chen?

Nun, das mit dem Militär hatte ich schon abge­schrieben, das hätte mir zu lang gedauert. Aber meine Affi­nität zu England war immer noch da. Immerhin hatte ich ja auch eine jahre­lange Brief­freund­schaft mit Alas­tair Bruce, Governor von Edin­burgh und Kommen­tator der Mili­tär­pa­raden für Sky. Dem hatte ich vor langer Zeit einfach mal geschrieben, und daraus hatte sich bereits ein guter Kontakt entwi­ckelt.

Also haben Sie sich an engli­schen Univer­si­täten beworben?

Ja, aber Newcastle hatte mir bereits in der elften Klasse ein Stipen­dium ange­boten. Das war inso­fern eine Riesen­chance, weil es die einzige briti­sche Univer­sität war, die nach dem Brexit noch Stipen­dien an EU-Ange­hö­rige vergab. Und da das Studium in Birmingham 24.000 Euro p. a., in Oxford sogar 28.000 Euro gekostet hätte, war die Sache relativ klar. Und das Argu­ment, ich könne ja auch in München studieren, vom Tisch.

Das heißt, Newcastle war Ihr Sprung­brett nach Edin­burgh, was Sie aber selbst noch gar nicht geahnt hatten?

Im Grunde ja! Zunächst hatte ich ja viel Glück in Newcastle: eine schöne und bezahl­bare Wohnung, eine Hospi­tanz beim dort ansäs­sigen Kammer­or­chester, der Royal Nort­hern Sinfonia, und einen Stun­den­plan, der mir Zeit für all meine Projekte ließ – Kompo­nieren, Arran­gieren, Noten­satz … Aber ich spürte auch, dass es irgendwie weiter­gehen musste mit dem Diri­gieren. Der einhel­lige Rat meiner Mentoren Bruno Weil und Ralf Ebner war, Musiker zu suchen und selbst ein Ensemble zusam­men­zu­stellen, um das Diri­gieren zu üben, das sei einfach Lear­ning by Doing.

Das war die Idee zum Orchester. Nicht einfach, zumal Sie ja vermut­lich das briti­sche Rechts­system nicht kannten.

Ja, aber ich holte mir Unter­stüt­zung. Ich hatte während meiner Hospi­tanz in Newcastle den Diri­genten Robert Ames kennen­ge­lernt, der 2008 das London Contem­po­rary Orchestra gegründet hatte. Er wusste also, wovon er sprach und meinte, ich könne ihn jeder­zeit um Rat fragen. Auch Alas­tair Bruce stand mir zur Seite. Er war es auch, der mir erzählte, dass Edin­burgh zwar das Scot­tish Chamber Orchestra, das Royal Scot­tish National Orchestra aber seinen Sitz in Glasgow habe. Auch die BBC mit dem Scot­tish Symphony Orchestra war nur zwei Jahre in Edin­burgh gewesen und ist 1937 nach Glasgow gegangen – es war güns­tiger und zu der Zeit viel hipper. Also klaffte in Edin­burgh eine Lücke. Auch wenn ich bis heute nicht nach­voll­ziehen kann, warum ein Staats­or­chester nicht in der Haupt­stadt sitzt. Aber ja, natür­lich war das meine Chance.

„Ich musste Spon­soren finden und Musiker, die bereit waren, sich auf ein Aben­teuer einzu­lassen.“

Trotz aller Hilfe mussten Sie aber bei null anfangen. Sie kannten ja vermut­lich auch kaum Musiker …

Genau! Die Phase der ganzen admi­nis­tra­tiven Aufgaben war wahn­sinnig anstren­gend, zigtau­send Mails und Meetings, aber auch span­nend. Ich habe mich wegen Vertrags­an­ge­le­gen­heiten an die Musi­ker­ge­werk­schaft gewandt, es mussten Spon­soren gesucht werden und eben auch Musiker, die bereit waren, sich auf das Aben­teuer mit einem 19-jährigen Deut­schen einzu­lassen – das war schon eine wilde Kombi­na­tion. Aber es gab eine Profes­sorin an der Uni, die mich gecoacht hat und die mich letzt­lich auch mit einem ihrer Verwandten, Chris Bruerton, vernetzt hat. Er war Bariton bei The King’s Singers, die sich sehr darum bemühen, ein neues Publikum an die Musik heran­zu­führen. Und das war ja auch meine Idee. Ich konnte ihm in Sachen Noten­satz helfen, er wiederum half mir mit den recht­li­chen Dingen.

Und woher kamen am Ende die Musiker?

Die Gewerk­schaft darf keine direkten Kontakte von Musi­kern weiter­geben, aber es gibt in den briti­schen Orches­tern soge­nannte Stewards, die Ansprech­partner für die Orches­ter­leute sind. Und weil die meisten Orchester dort nur Teil­zeit­ver­träge haben, waren viele Musiker durchaus inter­es­siert, noch Extra-Konzerte zu spielen. Das Vertrauen war anfangs natür­lich noch nicht da, aber für sie war es einen Versuch wert. Glück war auch, dass ich inzwi­schen mit der Stadt­ver­wal­tung im Kontakt war und die wunder­schöne und akus­tisch phäno­me­nale Usher Hall, die Stadt­halle von Edin­burgh, gefunden und für drei Termine gebucht hatte, der erste im Januar 2024. Weil der Januar aber in Schott­land für Musiker eher ruhig ist, hatten einfach mehr als erwartet von ihnen Zeit. Darüber hinaus war mir auch wichtig, Nach­wuchs­mu­siker vom Konser­va­to­rium zu beschäf­tigen, um ihnen den Sprung ins Berufs­leben zu erleich­tern. Heute hat die Capella Edina einen Pool aus rund 300 Profi­mu­si­ke­rInnen. Das Schöne ist, dass die Beset­zung bei den Konzerten zu 85 Prozent dieselben Musi­ke­rInnen sind. Das wirkt sich natür­lich positiv auf den Orches­ter­klang aus.

Ihr Debüt­kon­zert mit Ihnen ja noch unbe­kannten Musi­ke­rInnen war nicht weniger als Bruck­ners Sechste …

Ja, es war ein Herzens­pro­jekt von mir, weil ich sie rhyth­misch für die span­nendste seiner Sinfo­nien halte. Und ich hielt sie für machbar im Hinblick auf die Beset­zung. Aber tatsäch­lich war das in mehr­fa­cher Hinsicht span­nend: Die Briten haben zum einen ein Problem mit Bruckner! Keiner von ihnen hatte das Werk je gespielt. Und wir hatten nur zwei Proben­tage. Erschwe­rend kam hinzu, dass ich nicht wusste, welchen Spieler ich wo einsetzen kann. Aber der Konzert­meister hat mir dahin gehend viel geholfen, er kannte viele von den Musi­kern. Und es ist unglaub­lich, wie gut sie vom Blatt spielen. Was natür­lich auch daher kommt, dass viele von ihnen Frei­be­rufler sind und in vielen verschie­denen Ensem­bles und Orches­tern spielen.

Aber sicher gab es auch eine Idee hinter der Grün­dung Ihres neuen Orches­ters.

Nun, in Groß­bri­tan­nien kennt man so ein Konzept der Jugend­kon­zerte wie das der Münchner Phil­har­mo­niker nicht. Dabei wäre es so einfach. Man probt ja ohnehin, dann könnte man eine von den Proben für junge Leute öffnen. Das ist umso inter­es­santer, weil die Aufmerk­sam­keits­spanne der Menschen so abge­nommen hat, was sich natür­lich während der Corona-Zeit noch mal inten­si­viert hat. Und für mich war das damals bei den Jugend­kon­zerten eine echte Berei­che­rung, auch wenn die Mode­ra­tion immer ein wenig gewöh­nungs­be­dürftig war. Aber sie nimmt viele Leute mit, weil sie so ein Verbund­ele­ment ist – sie durch­bricht diese vierte Wand und öffnet den Raum zum Publikum, wie das schon wollte, das ist ja alles nicht neu. Es war also die Frage bezie­hungs­weise war das die Idee, wie wir zugäng­li­cher werden für Leute meiner Gene­ra­tion. Und wieder war es Chris Bruerton, der das bei The King’s Singers mit einer thema­ti­schen Programm­ge­stal­tung schon lange verfolgte. Sie kombi­nieren beispiels­weise ein Werk von mit irgend­etwas aus Disney und ziehen so ein sehr diverses Publikum an, weil es an ganz unter­schied­liche Genres heran­ge­führt wird. Das war auch der Gedanke hinter der Kombi­na­tion aus Bruck­ners Sechster und Star Wars als Kontrast.

„Es gibt nichts Lang­wei­li­geres, als über Lebens­daten und Geschicht­li­ches zu dozieren.“

Was dann eine wirk­lich gute Mode­ra­tion erfor­dert, die das Konzept erklärt.

Das ist richtig. Und klar ist es nichts Neues, Konzerte zu mode­rieren. Aber es gibt nichts Lang­wei­li­geres, als über Lebens­daten und Geschicht­li­ches zu dozieren. Nein, ich wollte von der Bühne mode­rieren und erzählen, was inter­es­sant ist, worauf die Zuhö­re­rInnen achten sollten. Niemand hat das genialer gemacht als Bern­stein mit seinen Young People’s Concerts. In diesem Gedanken habe ich versucht, zwischen Bruckner und Star Wars einige Paral­lelen hervor­zu­heben, zum Beispiel diesen Anfangs­rhythmus. Und das kam sehr gut an beim Publikum. Und damit war dann auch klar, wir würden ein weiteres Konzert geben.

Nun müssen so ein Orchester und die Konzerte ja auch finan­ziert werden, und das in einer Stadt, die finan­ziell eher klamm dasteht. Über die Tickets lässt sich das vermut­lich nicht einspielen?

Nein, wir brau­chen Spon­soren. Glück­li­cher­weise hatte ich bereits Kontakt zur deut­schen Gene­ral­kon­sulin, außerdem zum Bürger­meister von Edin­burgh, der beim ersten Treffen schon faszi­niert war von unserer Idee und meinte, wir müssten die rich­tigen Leute einladen, natür­lich in der Absicht, sie als Spon­soren zu gewinnen. Aber Spon­soren zu finden ist natür­lich lang­wierig. Man schickt Mails an die „Sunday Times Rich List“ von Edin­burgh und wartet ab, was passiert. Tatsäch­lich haben sich nach dem Antritts­kon­zert auch zwei, drei Leute gemeldet, die gespendet haben. Einen davon, einen Hote­lier und Freund des Bürger­meis­ters, lernte ich kennen, als es darum ging, dass wir zur 900-Jahr-Feier von Edin­burgh ein Konzert spielen sollten. Es war klar, dass das nur mit Spenden möglich wäre. Aufgrund der Kürze der Zeit verwarf er dann aber die erste Idee eines von ihm finan­zierten Fund­rai­sing-Dinners mit den entspre­chenden Leuten in seinem Hotel. Statt­dessen sagte er, er würde mir das Geld, das ich bräuchte, komplett zur Verfü­gung stellen, wir sollten dafür aber die Tickets kostenlos vergeben.

„In der heutigen Zeit hat jeder Mensch ein Recht darauf, die heilende Kraft der Musik zu spüren.“

Da hat einer den Charity-Gedanken aber mal richtig ernst genommen …

Tatsäch­lich gibt es in Edin­burgh einen Wohl­tä­tig­keits­verein, den OneCity Trust, Schirm­herr ist der Bürger­meister. Dieser Verein bemüht sich darum, in der Stadt gleiche Chancen für alle zu schaffen. Denn auch wenn Edin­burgh ein großes Finanz­zen­trum und ein schi­ckes Viertel für die Touristen hat, on top den royalen Touch, gibt es halt auch die Kehr­seite: Um die Ecke liegen krasse Armuts­viertel. Und so war der Gedanke des Spon­sors, genau die Leute einzu­laden, die von diesem Trust unter­stützt werden. Inner­halb von sechs Wochen hatten wir 1.500 Zusagen. Und ja, man hat gespürt und gesehen, dass die meisten zum ersten Mal in einem Konzert waren. Viele von ihnen haben das auch geschrieben und sich bedankt, es sei unglaub­lich toll gewesen. Woraufhin der Hote­lier meinte, wir müssten das wieder­holen. Und so haben wir jetzt im September wieder ein Konzert für alle gespielt. Mit mehr als 2.200 Menschen im Publikum war die Usher Hall in ihrer Kapa­zität fast schon über­for­dert. Das ist umso groß­ar­tiger, als es im UK außer den BMW Clas­sics des London Symphony Orchestra auf dem Trafalgar Square keine kosten­losen phil­har­mo­ni­schen Konzerte gibt. Und es ist mir einfach wichtig, weil ich finde, in der heutigen Zeit, wo da draußen so viel passiert, hat es jeder Mensch verdient und ein Recht darauf, einfach mal abzu­schalten und die heilende Kraft der Musik zu spüren.

Ein schöner Gedanke, die Musik zu den Menschen zu bringen. Der zudem die DNA der Stadt auch verän­dern könnte, die so lange kein eigenes Orchester hatte.

Ja, dieses Verbun­den­heits­ge­fühl, gemeinsam etwas Schönes zu erleben, wenn man schon ständig mit schlechten Nach­richten bombar­diert wird. Wir sind deshalb auch eine Part­ner­schaft mit einer Schule in Edin­burgh einge­gangen und halten unsere Proben dort ab. Und anstatt die Jugend­li­chen ein Instru­ment lernen zu lassen, bringen wir sie erst mal in Kontakt mit der Musik. Es hilft ja nichts, wenn ich den Schü­lern eine Geige in die Hand drücke, die sie zwei Jahre spielen können und danach wieder abgeben müssen. Die meisten Eltern können sich weder ein Instru­ment noch Stunden für ihre Kinder leisten, und auch die mentale Unter­stüt­zung fehlt da oft. So aber können wir Präsenz zeigen und nach und nach über Konzerte und Instru­ment­de­mons­tra­tionen eine Stabi­lität aufbauen.

Zurück zum kommenden Konzert: Was steht auf dem Programm?

Das Oboen­kon­zert von Vaughan Williams. Und spielen wird mein ehema­liger Lehrer Ralf Ebner. Ich bat ihn darum, weil es ein Stück ist, das er immer spielen wollte. Und weil wir in dieser Form noch nie zusammen auf der Bühne standen. Ich wollte unbe­dingt, dass er nach Edin­burgh kommt, immerhin würde ich ohne ihn heute nicht Musik machen, geschweige denn ein eigenes Orchester haben. Nach den Enigma-Varia­tionen von Elgar und dem Lieder­zy­klus A Knot of Riddles zum 50. Todestag von Arthur Bliss im Oktober letzten Jahres ein wunder­bares Konzert, das viel zu selten gespielt wird.

„Wir sind das Edin­burgh Orchestra. Entspre­chend müssen wir die Stadt reprä­sen­tieren.“

Sie fokus­sieren sich also auf die briti­schen Kompo­nisten …

Ja, ich finde sie einfach groß­artig und möchte den Fokus des Orches­ters darauf legen. Wir wollen damit jetzt auch auf Tour gehen. Nach dem letzten Jahr gab es Anfragen von Veran­stal­tern, vor allem aus der Schweiz. Geplant ist also, 2028 in verschie­denen Städten in der Schweiz, in Öster­reich und Deutsch­land zu spielen. Es wird ein schot­ti­sches Programm, unter anderem mit der Edin­burgh Ouver­türe von Arthur Bliss mit einer wunder­schönen Pavene, außerdem die Schot­ti­sche von Mendels­sohn sowie die Schot­ti­sche Fantasie von Bruch. Es wird auch Arran­ge­ments von Volks­lie­dern mit Dudel­sack geben, und wenn es nur für die erste Tournee ist. Wir sind das Edin­burgh Orchestra! Entspre­chend müssen wir das auch so verbreiten und die Stadt reprä­sen­tieren.

Eine Frage jenseits Ihrer Orches­ter­tä­tig­keit: Sie pendeln derzeit zwischen Zürich und Edin­burgh, weil Sie in Zürich promo­vieren. Wie kam es dazu?

Tatsäch­lich ist Zürich als nächster Lebens­stopp einfach so passiert. Nachdem ich in Newcastle meinen Bachelor abge­schlossen hatte, fragte mich einer der Profes­soren, ob ich nicht ein Doktorat bei ihm machen wolle. Eigent­lich brauche ich als Diri­gent aber keinen Doktor­titel, und es hätte nur weitere Studi­en­ge­bühren bedeutet, um den zunächst erfor­der­li­chen Master­ab­schluss zu bekommen. Da er mir aber anbot, ohne Master zu promo­vieren, kam ich ins Nach­denken und darüber auch auf ein Thema. Als ich dann per Zufall Ralf Weikert traf, der vor vielen Jahren in Zürich Gene­ral­mu­sik­di­rektor an der Oper war und mit Bruno Weil bei Swarowsky studiert hatte, und ihm erzählte, dass ich ein ehema­liger Schüler von Bruno war und nun über Bruckner promo­vieren wolle, riet er mir, dem Musik­wis­sen­schaftler in Zürich zu schreiben. Was ich umge­hend tat – vier Stunden später hatte ich die Antwort: Trotz verpasster Bewer­bungs­frist und der unbe­dingten Erfor­der­lich­keit eines Master­ab­schlusses würde er mich sehr gern betreuen. Es folgte der übliche Büro­kra­tie­wahn­sinn mit dem Ergebnis, dass die Fakultät eine Klausel in ihren Statuten fand, die ein Doktorat ohne Master möglich machte – erst­mals, soweit ich weiß.

Lassen Sie mich raten: Sie promo­vieren über Bruckner?

Ja, tatsäch­lich ist es sogar Bruck­ners Sechste. Bruckner lag mir musi­ka­lisch schon immer am Herzen, aber die Sechste eben auch wissen­schaft­lich: Es waren die vier Takte aus Wagners Liebestod aus Tristan und Isolde. Wenn ein Kompo­nist so ein Motiv direkt zitiert, dann muss es dazu doch Lite­ratur geben. Aber nichts! Das ließ mir keine Ruhe, und das fanden die Profes­soren offenbar auch inter­es­sant genug, mich auch ohne Master promo­vieren zu lassen.

Damit ist der Traum von einem Leben im UK ausge­träumt?

Das konnte ich mir nach dem Brexit und dem Kennen­lernen der musi­ka­li­schen Welten dort ohnehin nicht mehr vorstellen. Die Opern­land­schaft ist extrem karg, und auch die sinfo­ni­sche Musik hat eine völlig andere Tradi­tion. Vieles aus dem klas­si­schen Reper­toire gilt dort als schwere Kost. Da ist die Schweiz viel aufge­schlos­sener. Inso­fern sind die beiden Wohn­sitze schon ideal.

Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg für all Ihre weiteren Projekte und bedanke mich für das Gespräch.

Fotos: Euan Robertson