Die Pianistin Schaghajegh Nosrati
Zwischen den Welten
6. August 2026
Pianistin Schaghajegh Nosrati über Bach als inneren Kompass, kulturelle Prägung und Musik als Raum des Denkens
„Es geht um die Musik, nicht um die InterpretInnen“
Frau Nosrati, Ihr Spiel wird oft als besonders klar und natürlich beschrieben. Was bedeutet Musik für Sie?
Musik bedeutet mir alles, sie ist mir geradezu heilig, und ich bin dankbar, zum Erhalt dieser (aus meiner Sicht) großartigsten menschlichen Kunstform beitragen zu dürfen. Für mich steht die Musik immer an erster Stelle, nicht die InterpetInnen. Deshalb finde ich es wichtig, so zu spielen, dass man dem jeweiligen Werk und der Stilistik so gut wie möglich gerecht wird. Diese Ästhetik steht in gewissem Widerspruch zum heutigen Zeitgeist, in dem der Personenkult vorherrscht und eine Kommerzialisierung und Verwässerung der klassischen Musik zugunsten größerer Ticketverkäufe und Klickzahlen auf Social Media erfolgt. Meiner Meinung nach Bedarf gute Musik keiner Popularisierung, um fortzubestehen; vielmehr sollten wir eine Kultur des ernsthaften und ehrlichen Musizierens pflegen und darauf vertrauen, dass gute Musik unmittelbar zu den Menschen spricht und sie innerlich bereichert.Bach als Ausgangspunkt
Sie sind früh mit der Musik von Johann Sebastian Bach in Berührung gekommen. Welche Rolle spielt sie heute?
Eine sehr zentrale. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Bach immer präsent war. Diese Musik ist für mich so etwas wie ein inneres Koordinatensystem geworden. Sie gibt Orientierung, ohne einzuengen. Von dort aus erschließe ich mir andere Klangwelten. Ich habe einmal gesagt, wenn man viel Bach gespielt hat, kann man alles andere spielen. Spätere Musik erscheint auf den ersten Blick vielleicht virtuoser, vollgriffiger und/oder schneller, aber tatsächlich gibt es kaum etwas schwierigeres, als ein mehrstimmiges Werk von Bach zu spielen. Dafür benötigt man ein ausgeprägtes strukturelles, harmonisches, melodisches und rhythmisches Verständnis, Klangsinn, gute Koordination… all dies sind Fertigkeiten, die einem auch bei der Interpretation anderer Musikstile zugutekommen.
Prägung und Entwicklung
Ihr internationaler Durchbruch kam relativ früh. Welche Begegnungen waren entscheidend?
Der Bach-Wettbewerb in Leipzig 2014 war natürlich ein wichtiger Moment. Mein Erfolg bei diesem Wettbewerb hat dazu geführt, dass ich Sir András Schiff vorgestellt worden bin, und diese Begegnung hatte etwas geradezu Schicksalhaftes. Herr Schiff hat mich in einer entscheidenden Lebensphase sehr gefördert, sowohl künstlerisch, als auch im beruflichen Werdegang. Er ist für mich ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man auch eine große Karriere haben kann, wenn man künstlerisch integer bleibt und sich nicht allen scheinbaren Erfordernissen des Marktes unterwirft.
Zwischen den Kulturen
Sie haben persische Wurzeln und sind in Deutschland aufgewachsen. Spiegelt sich das in Ihrer Musik?
Nicht im Sinne eines Programms, aber als eine innere Selbstverständlichkeit. Im Joolaee Trio, mit Misagh Joolaee und Sebastian Flaig, wird das am deutlichsten hörbar. Dort begegnen sich unterschiedliche Klangtraditionen ganz organisch. Die persische Musik war zwar nicht Teil meiner eigenen musikalischen Ausbildung, aber sie ist mir dennoch sehr nah; glücklicherweise durfte ich im Zuge meiner mittlerweile über 20-jährigen Lebenspartnerschaft mit Misagh Joolaee tiefere Einblicke in diese große Musiktradition gewinnen.
Neugier auf das Unbekannte
Sowohl auf Ihrer zuletzt veröffentlichten CD (April 2026) als auch auf einem früheren Album aus dem Jahr 2019 widmen Sie sich der Klaviermusik von Charles-Valentin Alkan – ein eher ungewöhnliches Repertoire.
Ja, Alkan ist ein faszinierender Komponist. Seine Musik ist extrem komplex, technisch anspruchsvoll, aber vor allem inhaltlich sehr vielschichtig. Mich interessiert weniger die Virtuosität als solche, sondern die Struktur und die Klangvorstellung dahinter. Seine Musik ist oft orchestral gedacht, obwohl sie für Klavier geschrieben ist. Und sie führt die InterpretInnen wie auch die Zuhörerschaft immer wieder an ihre Grenzen.
Musik und Welt
Sie betonen häufig, dass musikalische Entwicklung nicht nur im Übungsraum stattfindet.
Das ist mir sehr wichtig. Musik steht nie für sich allein, ebenso wenig wie die KünstlerInnen. Es bedarf eines fruchtbaren Nährbodens. Literatur, Philosophie, gesellschaftliche Entwicklungen – all das beeinflusst, wie wir hören, verstehen und musizieren. Ich lese viel, von Dostojewski über Hafis bis zu zeitgenössischer Literatur. Gleichzeitig brauche ich auch die Nähe zur Natur und liebe es, im Garten zu arbeiten und daraus Ruhe und Kraft zu schöpfen.
Ein Ort der Begegnung
Mit der Klosterhof Schubertiade haben Sie ein eigenes Festival gegründet. Was war die Idee dahinter?
Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Musik in einem anderen Kontext erlebt werden kann – konzentrierter, unmittelbarer. Inspiriert von der historischen Schubertiade geht es darum, Verbindungen herzustellen, etwa zwischen Musik und Literatur. Ein Programm mit Werken von Johann Wolfgang von Goethe, Hafis und Franz Schubert, wie wir es bei der letzten Schubertiade hatten, ist dafür ein Beispiel. Aber es soll auch größtmögliche Nähe zwischen KünstlerInnen und Publikum ermöglicht werden- dafür eignet sich der Konzertsalon geradezu ideal.
„Reife braucht Zeit“
Was ist Ihnen heute als Künstlerin besonders wichtig?
Dass man sich Zeit nimmt. Für die Musik, aber auch für alles, was darüber hinausgeht. Künstlerische Reife entsteht nicht durch Geschwindigkeit oder Sichtbarkeit, sondern durch Erfahrung und Auseinandersetzung.
Die nächste Klosterhof Schubertiade findet vom 18. bis 20. März 2027 statt. Für Schaghajegh Nosrati ist sie mehr als ein Festival – sie ist eine Fortsetzung ihres Denkens in einem anderen Format: als Raum des Zuhörens, der Begegnung und der Verbindung zwischen den Welten.