Interview Can Cakmur
Brillanz mit Kopf und Herz
von Barbara Schulz
5. Mai 2026
Der 1997 in Ankara geborene Pianist Can Çakmur wurde mit Preisen überhäuft. Soeben erschien das sechste Album seiner Schubert-Gesamtaufnahme. Ein Gespräch über Schubert, die vermeintliche Unantastbarkeit von Kompositionen, bildungsbürgerliche Ansprüche an die Musik und ihre Funktion als Lebenshilfe …
Herr Çakmur, Sie waren mit gerade mal 17 Jahren, also sehr früh, international auf der Bühne.
Ja, damals hatte meine Karriere schon begonnen und sie lief – nach ein paar coronabedingt ruhigen Jahren – eigentlich durchgehend weiter. Nicht ideal, aber so war es eben.
Es ging Ihnen also alles ein wenig zu schnell. Fühlen Sie sich immer noch so?
Nein, jetzt fühle ich mich mit meinem eigenen Spiel und meinen eigenen künstlerischen Ansichten wohl auf der Bühne. Vermutlich wäre das ohne die Erfahrung nicht möglich gewesen. Aber damals fühlte es sich immer ein wenig an wie das Imposter-Syndrom.
Woher nimmt man in so jungen Jahren die Tiefe für Schumann, für Schubert …?
Nun, die Komponisten waren ja selbst oft noch sehr jung, als sie diese Stücke geschrieben haben. Ich glaube, es hat damit zu tun, was man aus verschiedenen Quellen weiß, was man gelesen hat oder natürlich auch, was man im privaten Rahmen erlebt hat. Wie setzt man das am Ende um? Und natürlich sind Menschen einfach unterschiedlich veranlagt. Ich würde das gar nicht positiv oder negativ bewerten. Es gibt die, die andere unterhalten, und das machen sie gut. Ich bin froh um sie, denn man braucht Freude im Leben. Aber daneben gibt es eben auch jene, die von Natur aus melancholischer sind. Und die Musik solcher Komponisten verlangt eher nach dieser melancholischen Veranlagung.
Und Sie zählen sich zu den Melancholikern?
Auf jeden Fall. Ich bin im Grunde ein negativer Mensch.
Jetzt werten aber Sie.
Ja, aber nicht im schlechten Sinne. Es geht eher um diese gewisse Unzufriedenheit mit dem, was ist. Ich glaube, daher kommt auch dieser musikalische Hintergrund.
Viele Künstler versuchen ja, ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln. Arbeiten Sie an etwas? Oder haben Sie es schon gefunden?
Eine gute Frage. Ich glaube aber, sobald man das bewusst verfolgt, wirkt es – vorsichtig gesagt – etwas absurd. Ein wenig aufgesetzt und karikaturhaft. Deshalb kann ich das nur schwer beantworten. Aber vielleicht so: Ich versuche, nicht intellektuell oder elitär zu sein, aber dennoch den Inhalt zu bewahren.
Es gibt Musiker, die mehr oder weniger dasselbe Repertoire spielen wie ich, bei denen man manchmal den Eindruck hat, sie würden in einer anderen Sphäre schweben. Genau das versuche ich zu vermeiden. Vielmehr möchte ich, dass die Gefühlswelt und die Zugänglichkeit ganz unmittelbar da sind. Ich hoffe, das gelingt.
Die Frage ist doch: Inwiefern haben wir ein vollständiges Werk vor uns, wenn wir ihm begegnen?
Ich stelle diese Frage deshalb, weil ich gelesen habe, Sie würden Kompositionen mitunter wie Improvisationen spielen.
Ja, das ist ganz interessant und hat etwas mit Musikphilosophie zu tun. Die Frage ist doch: Inwiefern haben wir ein vollständiges Werk vor uns, wenn wir ihm begegnen? Beim Einstudieren eines Stücks nehmen wir ja meist an, es existiere bereits als Ganzes – man denkt Anfang und Ende gleichzeitig. Mit diesem Wissen bin ich aufgewachsen, und so habe ich studiert.
Irgendwann aber bin ich auf die Beiträge der Philosophin und Musikwissenschaftlerin Lydia Goehr und des Musikwissenschaftlers Richard Taruskin gestoßen. Beide gehen davon aus, dass man, wenn man ein Stück hört, eigentlich gar nicht weiß, wohin es geht. Es zählt nur der aktuelle Moment, und der Mythos vom großen Spannungsbogen wird erst nachträglich hinzugefügt. Und je mehr ich überprüft habe, was die Komponisten tatsächlich notiert haben, umso mehr habe ich das auch bemerkt: Sie haben oft gar nicht so einheitlich gedacht.
Wie zeigt sich das konkret?
Es gibt sehr viele Wiederholungen in den Stücken, die – scheinbar völlig willkürlich – anders geschrieben oder anders gestaltet sind. Die Frage eines Urtext-Verlegers oder historisch bewussten Interpreten ist dann die, ob man das nicht lieber angleichen sollte. Dieser Fall taucht ja bei Aufnahmen ziemlich oft auf.
Zum Beispiel kann ein Motiv in der Exposition vier Takte dauern, in der Reprise sind es dann plötzlich fünf. Soll man das angleichen, also aus vier Takten jeweils fünf machen, oder soll man es so lassen?
Meiner Meinung nach gibt es aber einen großen Unterschied zwischen dem, was man ex tempore macht, und dem, was ausgeschrieben ist. Tatsächlich spielt man anders, wenn man so denkt. Wenn ich also nicht an die nächste große Einheit denke, an die nächsten fünf, sechs Minuten, sondern nur an das, was unmittelbar vor mir liegt, also die nächsten vier oder acht Takte. Dann ist es ohnehin unmöglich, im Kopf zu behalten, ob dieselbe Phrase fünf Minuten zuvor einen Takt mehr oder weniger hatte. Das gilt natürlich auch fürs Zuhören.
Auf ähnliche Weise improvisiere ich: Ich bin dann bei diesem einen Akkord, den ich gerade spiele, und muss zum nächsten gehen – vielleicht habe ich vier Takte Zeit dafür. Das sind meine Bezugspunkte. Und so versuche ich auch, geschriebene Werke zu spielen: als würden sie hier und jetzt entstehen.
Das klingt anstrengend …
Nein, ich glaube, wenn man es einmal kapiert hat, also diese mentale Umstellung geschafft hat, dann ist es sogar einfacher.
Aber verstehe ich Sie richtig? Sie spielen zwar großteils die Noten, wie sie geschrieben sind, aber eben nicht immer?
Genau, nicht immer. Es gibt einiges, was man interpretieren soll, und es gibt anderes, das bereits vollständig ist.
Entscheidend ist doch, dass ich das Gefühl habe, dass bei jeder Wiederholung etwas Neues entsteht.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir das vierte Album meiner Schubert-Reihe: Ich habe das Fantaisie-Impromptu von Chopin hinzugefügt. In diesem Stück wird das Thema im Mittelteil dreimal wiederholt, und ich spiele dreimal unterschiedliche Noten. Ich weiß nicht, ob dreimal das Gleiche so spannend wäre. Selbst wenn die Noten gleich wären, könnte man sie auf unterschiedliche Weise spielen – mal langsamer, mal schneller, mal kräftiger, mal weicher; dann vielleicht an bedeutsamen Stellen verweilender und mal eilender …
Es gibt Belege dafür, dass das historisch korrekt ist, aber das ist für unseren Diskurs eigentlich zweitrangig. Entscheidend ist doch, dass ich das Gefühl habe, dass bei jeder Wiederholung etwas Neues entsteht. Die Frage ist: Welche Mittel stehen mir dafür zur Verfügung?
Aber wäre nicht genau das Ihr Alleinstellungsmerkmal?
Nein, denn in meiner Generation geschieht das öfter. Es gibt phänomenale Kollegen, die auf allerhöchstem Niveau arbeiten: Dmitry Ablogin, Alexander Gadjiev und viele andere.
Ja,aber die tun das sehr bewusst und machen ihre Improvisationen auch als solche deutlich. Das tun Sie ja nicht …
Nicht unbedingt. Ich habe den Mut noch nicht und in dieser Hinsicht einfach zu wenig Selbstbewusstsein, um mit der Ankündigung auf die Bühne zu gehen, dass ich jetzt improvisieren werde. Noch brauche ich diese Schutzsphäre, in der die Improvisation nicht mit einem geschriebenen Werk konkurrieren muss.
Und das Publikum merkt nichts?
Meistens nicht. Und das ist gut. Das heißt, ich habe alles richtig gemacht.
Wären die Komponisten damit einverstanden?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht wären. Eher glaube ich, dass das von Interpreten fast erwartet wurde und wird. Ich arbeite viel mit zeitgenössischen Komponisten – keiner von ihnen hatte bisher ein Problem damit, dass man eigene Interpretationen einbringt. Ganz im Gegenteil. Komponisten sind meist viel offener, ich würde sogar sagen unbekümmerter, als man denkt. Und das freut mich natürlich.
In jedem Fall sollte man der Musik gegenüber – vor allem jener lebender Komponistinnen und Komponisten – respektvoll sein. In der Regel gewinnt sie dadurch, und ich finde es in ethischer Hinsicht wichtig, die Kreationen anderer lebender Menschen nicht zu verzerren.
Zu Ihrem Werdegang: Sie sind ja über Ihr Stipendium nach Deutschland gekommen.
Genau. Es war ein türkisches Stipendium, geleitet von Güher und Süher Pekinel, dem bekannten Pianistinnen-Zwillingspaar. Als ich dafür ausgewählt worden war, rieten sie mir, in Deutschland zu studieren.
Und warum gerade Weimar?
Wegen Professor Grigory Gruzman! Er ist ein phänomenaler Lehrer und ein wunderbarer Mensch. Und Weimar war fürs Studium perfekt – die Mieten sind günstig, das Leben ist überschaubar.
Derzeit unterrichten Sie aber auch in London?
Ja, ich habe nach dem Studium eine Stelle in London am Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance bekommen, und so teile ich meine Zeit zwischen London, Weimar und Tourneen auf. Ich versuche, während der Semester zweimal im Monat in London zu sein – viel weniger, als ich gern würde. Aber in Großbritannien gibt es Probleme im Hochschulsystem, die leider die Situation der Studierenden betreffen: hohe Studiengebühren, Universitäten, die sich hauptsächlich um ihre Finanzen kümmern müssen und deshalb wenig Flexibilität in der Lehre haben – genau die Flexibilität, die man für ein Eins-zu-eins-Studium eigentlich bräuchte.
Es war mein Traum, auf Hochschulniveau unterrichten zu dürfen.
Lohnt sich das für Sie?
Bei der London-Stelle geht es nicht ums Geld. Unterrichten ist eine Leidenschaft von mir: Es war mein Traum, auf Hochschulniveau unterrichten zu dürfen. Deshalb – und weil ich London trotz der Schwierigkeiten liebe – habe ich die Aufgabe übernommen. Mein Lebensstandard ändert sich dadurch nicht wesentlich.
Sie spielen häufig in Japan und geben auch Kurse. Ist es dort anders?
Durchaus. Allein in Tokio soll es über 500 Konzertsäle geben, inklusive Salons und ähnlichen Locations. Außerdem sind dort zwölf professionelle Orchester ansässig. Doch auch Japan erlebt gerade eine Wirtschaftskrise. Die Auswirkungen sind spürbar, die Löhne sind gesunken. Und ich nehme auch dort eine gewisse Zukunftsangst wahr, selbst wenn derzeit alles noch gut scheint. Die Infrastruktur – Säle, Hochschulen, Instrumente – ist allerdings hervorragend.
Gutes Stichwort: Sie sind ja sozusagen Botschafter für den Flügel der Firma Kawai, den Shigeru.
Ja, ich habe den Shigeru-Flügel damals beim Wettbewerb in Japan kennengelernt und war sofort begeistert. Der Shigeru ist ein relativ junges Instrument, es gibt ihn erst seit etwa 25 Jahren. Aber es ist phänomenal, was Kawai in diesem Zeitraum erreicht hat.
Was genau fasziniert Sie so an diesem Flügel?
Der Anschlag ist sehr angenehm und präzise. Mein Spiel leidet, wenn mir das Instrument Widerstand entgegensetzt. Ich lege beim Klavierspiel großen Wert auf Effizienz. Bei Kawai erzeugen selbst kleine Änderungen in der Spielweise große Unterschiede. Außerdem gefällt mir das Klangbild: Es ist in allen Registern sehr durchsichtig.

Foto: Martin Teschner
Kommen wir zu Ihrer Schubert-Gesamtaufnahme. Warum Schubert?
Ich bin mit Schubert aufgewachsen. Und irgendwie hatte ich immer einen emotionalen Zugang zu ihm. Hinzu kommt, dass mein Label BIS noch keinen vollständigen Schubert im Katalog hatte.
Was war Ihr erster Zugang?
Ganz eindeutig: Dietrich Fischer-Dieskau. Immer! Ich hätte ihn so gern kennengelernt.
Schubert + heißen die einzelnen Alben der Gesamtaufnahme, da Sie um Schubert herum auch andere Komponisten gruppieren. Warum haben Sie sich gegen eine ausschließlich Schubert gewidmete Einspielung entschieden?
Ich denke, das macht die Alben besser durchhörbar – wie ein Rezital, das man von Anfang bis Ende hören kann. Die Idee kam mir tatsächlich im Konzert, als ich zwei Schubert-Stücke direkt hintereinander gespielt und gemerkt habe, dass beim zweiten die Konzentration des Publikums stark nachließ.
Die Frage war also: Wie kann ich Programme, vor allem mit frühen Schubert-Werken, interessanter gestalten? Wie finde ich für jedes Stück einen guten Platz?
Wie Bilder den Raum schmückt die Musik die Zeit.
Ist diese Vorgehensweise auch für Ihre Konzerte angedacht?
Ja, unbedingt. Ich bin mittlerweile kein großer Fan mehr davon, große Sonaten oder ganze Zyklen hintereinander zu spielen. Es muss auch Stücke geben, die leichter zu hören sind und die Konzentration des Publikums nicht permanent fordern. Durch Vielfalt gewinnen die großen Werke sogar an Bedeutung. Wie Bilder den Raum schmückt die Musik die Zeit. Die vermeintliche philosophische Schwere ist nur ein kleiner Teil dessen, was Musik ist.
Das ist Neuland für Sie?
Ja. Bisher habe ich Salonstücke und Werke außerhalb des klassischen Kanons eher vermieden. Das würde ich in Zukunft gern ändern.
Gilt das auch für Ihr nächstes Album?
Ja, auf Schubert + Vol. 6, das gerade erschienen ist, habe ich Schumann-Stücke dazugenommen – die Waldszenen, also neun kleine Stücke und drei Fantasiestücke. Sie sind jeweils nicht länger als zwei Minuten. In der Mitte steht dann Schubert als zentrales Werk – rund 40 Minuten.
Spüren Sie einen Wunsch im Hinblick auf die klassische Musik allgemein?
Unbedingt. Ich wünsche mir, dass klassische Musik ein lebendigerer Teil des Lebens der Menschen wird – mehr als nur ein einzelner Konzertabend oder bloße Hintergrundmusik. Dass sie uns je nach Lebensumständen begleitet. Für mich war das so. Und es hat mir enorm viel gegeben, wunderbare Werke als Lebensbegleitung zu haben. Diese Freude wünsche ich allen Menschen.
Nun waren Sie ja – im guten Sinn – vorbelastet: Ihre Eltern haben klassische Musik gehört. Die große Frage ist doch die, wie die Menschen, die nie mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind, an die richtige kommen?
Das hat mehrere Ebenen. Zunächst einmal: Wie nehmen wir klassische Musik überhaupt wahr? Viele Menschen haben davon einen extrem sportlichen Eindruck – als hörten sie olympischen Athleten zu. Und dass in den Medien die Leistungsaspekte so stark betont werden, hilft nicht wirklich weiter. Das ist alles beeindruckend, aber handwerkliche Leistung ist nicht das, was Musik im Kern ausmacht. Entscheidend ist die emotionale Verbindung. Was wir also zusätzlich leisten müssten, ist zu zeigen, dass diese Musik lebt und bestimmten Lebensumständen entspricht.
Handwerkliche Leistung ist nicht das, was Musik im Kern ausmacht.
Gibt es ein Beispiel aus Ihrem eigenen Leben?
Ja! Als ich als Teenager verliebt war, diese Liebe aber nicht erwidert wurde, habe ich Die schöne Müllerin gehört. Das war wie ein Ventil. Aus der Popmusik kennen wir dieses menschliche Nachvollziehen sehr gut – aus der klassischen Musik leider weniger. Ich habe oft das Gefühl, dass dort der Verstand über das Herz gewinnt. Wie oft hört man den Satz: „Ich kenne mich mit der Musik nicht aus, aber es hat mir gefallen“ – als müsste man sich entschuldigen, nicht intellektuell genug zu sein.
Sie schreiben auch darüber, wie Ihr Zugang zu den Stücken ist.
Ja, das war neu. Ich habe es für meine letzte Japan-Tournee vorbereitet. Dort gibt es eine ausgeprägte Blog-Kultur. Ich habe ein kleines Programmheft geschrieben, das mein Team vorab ins Japanische übersetzt und online gestellt hat. Tausende Menschen haben diesen Text gelesen. Natürlich habe ich dort nicht geschrieben: „Die Waldsteinsonate wurde dann und dann komponiert …“, sondern davon, wie ich zu dem Stück gekommen bin und was mich daran besonders fasziniert.
Dennoch kommen noch immer wenig junge Menschen in die Konzerte …
Ich selbst finde es auch sehr schwierig, Konzerte live zu besuchen. Sosehr ich Musik liebe, empfinde ich viele Räumlichkeiten als klaustrophobisch. Ich kann mich dort kaum auf die Musik konzentrieren. Insofern habe ich große Sympathie für Menschen, denen es ähnlich geht. Wir müssten Alternativen schaffen, Musik anders zu genießen.