Opera 4.0

Mozart auf Malle

von Guido Krawinkel

28. September 2017

Mal ehrlich: Wer hat ausgerechnet Mallorca auf dem Schirm, wenn es um Oper geht? Kultur dürfte bei der Wahrnehmung der Insel eine ziemlich untergeordnete Rolle spielen.

Mal ehrlich: Wer hat ausge­rechnet Mallorca auf dem Schirm, wenn es um Oper geht? Hier wälzen sich wahre Touris­ten­ströme durch über­füllte histo­ri­sche Dörfer, saufen außer Kontrolle gera­tene Massen am Baller­mann Sangria aus 10-Liter-Eimern und schießen die Immo­bi­li­en­preise in schwin­del­erre­gende Höhen. So jeden­falls lauten die land­läu­figen Vorur­teile gegen­über der liebsten Insel der Teutonen. Kultur und gar ein vermeint­lich so elitäres Genre wie Oper dürften bei der Wahr­neh­mung der größten der Balearen-Inseln eine ziem­lich unter­ge­ord­nete Rolle spielen.

Und dennoch war die Insel nun Schau­platz einer im besten Sinne denk­wür­digen Auffüh­rung von Wolf­gang Amadeus Mozarts Oper Le Nozze die Figaro. Auch dies klingt nicht unbe­dingt rekord­ver­dächtig, zählen Kompo­nist und Werk doch zum Stan­dart­re­per­toire aller Opern­häuser. Was diese Auffüh­rung aber so beson­ders machte, war die Tatsache, dass sie alles andere als bloßer Stan­dard war. Inmitten des schmuck­losen Beton-Audi­to­riums in millio­nen­schwerer bester Lage direkt am Hafen von Palma leitete die italie­ni­sche Diri­gentin Giuliana Retali eine Auffüh­rung der Oper, von der sich manch arri­viertes große deut­sche Haus eine dicke Scheibe abschneiden könnte – und zwar eine ganz dicke.

Das erstaun­liche dabei: fast alle der betei­ligten Musiker kamen von der Insel. Die Mitglieder der Came­rata Mallor­quina ebenso wie der Chor, nur die Solisten wurden einge­flogen. Seit einigen Jahren arbeitet Retali bereits mit dem Orchester zusammen und hat es von einem zusam­men­ge­wür­felten Haufen freier Musiker zu einem sehr homo­genen Klang­körper mit einem ausge­zeich­neten, sehr ausge­gli­chenen Ensem­ble­klang geformt. Vor allem hat sie die Mitglieder ganz auf ein Ziel fokus­siert: sich in den Dienst des Gesamt­kunst­werkes Oper zu stellen, den Sängern in dienender Funk­tion zur Seite zu stehen, ohne dabei jedoch die eigene Bedeu­tung zu vernach­läs­sigen. Muster­gültig hat sie dies schon in mehreren konzer­tanten Projekten reali­siert, Mozarts Figaro war nun die erste komplette szeni­sche Reali­sie­rung ihres „Opera 4.0“ getauften Konzeptes. Das hört sich revo­lu­tionär an, zumal sich Retali explizit auf voran­ge­gan­gene Opern-„Revolutionen“ durch Monte­verdi, Gluck oder Verdi bezieht.

Wert auf sprach­liche und gesangs­tech­ni­sche Tugenden

Im Grunde ist ihr Projekt aber nichts weiter als eine Rück­be­sin­nung auf das Wesent­liche, auf das Drama und die Sprache als wesent­liche Elemente, in deren Diensten auch die Musik steht. „Die Sänger müssen danach streben, den Sinn dessen zu erfassen, was sie zu singen haben, beson­ders wenn sie solo singen, damit sie dadurch, dass sie dies selbst verstehen und sich zu eigen machen, es ihren Zuhö­rern zum Verständnis bringen können.“ Besser als Ottavio Durante es im Jahre 1608 beschrieben hat, könnte man es auch heut­zu­tage nicht ausdrü­cken. Retali legt wieder Wert auf sprach­liche und gesangs­tech­ni­sche Tugenden, die in Zeiten riesiger Opern­häuser, wach­sender Orches­ter­ap­pa­rate und zuneh­mender sänge­ri­scher Eitel­keiten mehr und mehr verschüttet wurden. Das und die Tatsache, dass die Auffüh­rung im Audi­to­rium von Palma auch musi­ka­lisch in jeder Hinsicht ein großer Genuss war, das sind die eigent­li­chen Verdienste Retalis. Wahr­lich keine geringer Verdienst, gerade in Zeiten, in denen Star-Beset­zungen oftmals für wich­tiger erachtet werden als die musi­ka­li­schen Quali­täten derselben.

Die Insze­nie­rung von Deda Chris­tina Colonna beschränkte sich auf das Wesent­liche: Bis auf ein paar Strand­liegen, Sonnen­schirme und einen Sessel ist die Bühne leer. Doch das reichte aus, um alles Wesent­liche anzu­deuten, um Räume und räum­liche Verhält­nisse zu verdeut­li­chen. Die Kulisse wird durch groß­for­ma­tige Projek­tionen gebildet, zumeist Natur­auf­nahmen von Mallorca, was der Auffüh­rung auch etwas Lokal­ko­lorit verleiht, zuweilen auch kurze Anima­tionen. Die Kostüme sind dezent histo­ri­sie­rend, ohne dabei jedoch zu sehr ins Detail zu gehen. Insge­samt ist das alles sehr sparsam dosiert. Man vermisste aber nichts, da jedes Detail mit Bedacht plat­ziert ist und die Aufmerk­sam­keit auf das Eigent­liche fokus­siert wird: die Geschichte.

Bis auf ein paar Strand­liegen, Sonnen­schirme und einen Sessel ist die Bühne leer

Die wird von den Sängern mit außer­or­dent­li­cher Eindring­lich­keit erzählt: hinrei­ßend und poin­tiert gespielt, mit viel Sinn für Situa­ti­ons­komik und eine effekt­volle aber nie aufge­setzt wirkende, komi­sche wie heikle Situa­tionen stets drama­tur­gisch befeu­ernde Atmo­sphäre. Das ist in Deda Chris­tina Colonnas Insze­nie­rung alles wunderbar stimmig. Hinzu kam die musi­ka­li­sche Kompo­nente, denn auch dies­be­züg­lich war die Auffüh­rung in der sänger­freund­li­chen Akustik des Audi­to­riums von Palma in jeder Hinsicht ausge­zeichnet.

Heraus­ra­gende Sänger­leis­tungen gab es an diesem Abend viele: Fabio Capi­tanucci etwa, der als Conte über eine vokal und szenisch wahr­lich außer­ge­wöhn­liche Präsenz verfügte und Retalis Konzept mit seiner unglaub­lich präzisen sprach­li­chen Diktion in ideal­ty­pi­scher Weise umsetzte. Oder Paola Gardina, die den Cheru­bino mit stimm­li­cher und schau­spie­le­ri­scher Bril­lanz verkör­perte. Aber auch Gian­luca Paso­lini als Don Basilio bzw. Curzio mit seiner unglaub­lich wand­lungs­fä­higen Stimme, Ales­sandro Luongo als ebenso viriler wie laus­bü­bi­scher Figaro und Maya Boog (Cont­essa), Juanita Lascarro (Susanna), Valen­tina Pennino (Barba­rina), Nicolò Bartoli (Antonio), Agata Bien­kowska (Marcel­lina) und Pablo López (Bartolo) gaben ein insge­samt erst­klas­siges und sehr spiel­freu­diges Ensemble ab.

Auch der ausge­zeichnet klin­gende Chor Aquat­re­veus aus dem mallor­qui­ni­schen Artà, ein Jugend­chor der zum ersten Mal über­haupt auf der Opern­bühne stand, erwies sich als Glücks­griff. Hier passte musi­ka­lisch und szenisch wirk­lich alles zusammen. Völlig egal, ob man das nun Oper 4.0 nennt oder als Revo­lu­tion bezeichnet, wenn Oper mit einer solchen Leiden­schaft, Bril­lanz und Konse­quenz gemacht wird, wenn Musik, Insze­nie­rung und darstel­le­ri­sche Leis­tung wie hier derart Hand in Hand gehen – und zwar auf einem quali­tativ in jeder Hinsicht ausge­zeich­neten und profes­sio­nellen Niveau – dann ist das schlichtweg sensa­tio­nell. Leider war die Insze­nie­rung vorerst nur eine einma­lige Ange­le­gen­heit. Fort­set­zung unbe­dingt erwünscht!

Fotos: Susana Condensa