Die Frist ist um…“ und nach sieben Jahren segelt Jan Philipp Glogers Bayreuther Inszenierung von Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ dem Himmel abgespielter Produktionen entgegen.

So wirk­lich schwer will einem der Abschied nicht wer­den, gestal­tet sich doch an die­sem Abend – außer den höl­li­schen Tem­pe­ra­tu­ren im bekann­ter­ma­ßen nicht kli­ma­ti­sier­ten Fest­spiel­haus – alles etwas lau. Zwar gelingt Glo­gers Über­füh­rung der Hol­län­der-Geschich­te in eine moder­ne Welt des Kapi­ta­lis­mus und der Digi­ta­li­sie­rung schlüs­sig: Daland und Hol­län­der tref­fen im Innern einer Art über­di­men­sio­nier­ten Schalt­raums auf­ein­an­der, sind in einem „Daten­meer“ Gestran­de­te. Da wirkt es nur kon­se­quent, dass Daland – der öko­no­mi­schen Ver­su­chung erlie­gend – in die­ser Hoch­ge­schwin­dig­keits­welt bin­nen weni­ger Minu­ten dem Frem­den sei­ne Toch­ter als Braut ver­scha­chert. Auch dass die sum­men­den Räd­chen der Spinn­stu­be bei Glo­ger zu denen einer Ven­ti­la­to­ren­fa­brik wer­den (übri­gens erfreut allein deren Anblick den bei 39°C dahin­kö­cheln­den Fest­spiel­gast), fügt sich bruch­los. Die Arbei­te­rin­nen rackern dort zur finan­zi­el­len Beglü­ckung ihrer Liebs­ten im Akkord.

In die­ser Hoch­ge­schwin­dig­keits­welt ver­scha­chert Daland bin­nen weni­ger Minu­ten dem Frem­den sei­ne Toch­ter als Braut.“

Alter­na­ti­ve zum küh­len Kom­merz
Sen­ta wid­met sich sys­temun­kon­form der Bild­haue­rei, labo­riert an einer eini­ger­ma­ßen scheuß­li­chen Holz­schnit­ze­rei, die ihre Idee des „Hol­län­ders“ reprä­sen­tiert. Die­se sym­bo­li­siert trotz aller Häss­lich­keit eine immer­noch erstre­bens­wer­te Alter­na­tiv­welt zur durch Tech­no­lo­gie emo­tio­nal erkal­te­ten Rea­li­tät. Sen­ta will erlöst wer­den, eigent­lich ziem­lich egal von wem.

In die­ser erbar­mungs­lo­sen Kapi­ta­lis­mus­welt scheint selbst der fina­le Dop­pel­selbst­mord des Prot­ago­nis­ten­paa­res als Aus­bruch aus öko­no­mi­scher Gefan­gen­heit nach­voll­zieh­bar. – als Schluss-Gag wird selbst die­ser tra­gi­sche Tod unmit­tel­bar kom­mer­zia­li­siert: Statt Ven­ti­la­to­ren fer­tigt die Fabrik von nun an elek­tro­ni­sche Sen­ta-Hol­län­der-Figu­ren.

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Trotz oder gera­de wegen der Schlüs­sig­keit die­ses Insze­nie­rungs­an­sat­zes mit durch­aus gele­gent­li­chen komi­schen Ele­men­ten – wie dem zwi­schen Über­dreht­heit und Büh­nen-Free­ze chan­gie­ren­den Damen­chor–, will er nicht so wirk­lich über­sprin­gen, der Lei­den­schafts­fun­ke, wirkt die Pro­duk­ti­on stre­cken­wei­se leb­los und kon­flikt­frei.

Im Ensem­ble über­zeugt beson­ders Peter Rose als Daland mit gro­ßer Unmit­tel­bar­keit und Stimm­stär­ke, auch die bei­den Tenö­re – Tomis­lav Mužek als Erik und, neu dabei!, Rai­ner Trost als kraft­vol­ler Steu­er­mann – las­sen auf­hor­chen. John Lundgren als Hol­län­der fehlt es etwas an Dämo­nie, Ricar­da Mer­beth als Sen­ta an stimm­li­cher und kör­per­li­cher Beweg­lich­keit. Dif­fe­ren­ziert und mit alle schwül­nis­b­ding­te Träg­heit ver­trei­ben­den Tem­pi lei­tet Diri­gent Axel Kober das Fest­spiel­or­ches­ter. Der Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor der Deut­schen Oper am Rhein über­nahm die Pro­duk­ti­on 2016 von Chris­ti­an Thie­le­mann.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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