Paula Bosch probiert

Einfach mal anhalten!

von Paula Bosch

26. August 2021

Warum kennt man eigentlich das Trentino immer nur vom Durchfahren? Sommelière Paula Bosch empfiehlt einen kleinen Zwischenstopp für echte Perlen, die selbst Weinkenner überraschen.

Wein­freunden und all jenen, die glauben, es gäbe für sie nichts mehr zu entde­cken, empfehle ich einen Abste­cher ins Tren­tino, anstatt einfach immer nur stur die Ab-in-den-Süden- oder Ab-nach-Hause-Route durch­zu­bret­tern. Und auf alle Fälle noch ein Plätz­chen im Koffer­raum frei­zu­lassen. Denn ein Besuch bei der Königin des Terol­dego, Elisa­betta Fora­dori, beschert einem nicht nur ihren welt­weit geschätzten Granato, sondern auch ihren heim­li­chen Weiß­wein­star aus der auto­chthonen Rebsorte Nosiola. Unweit entfernt davon liegt außerdem ein völlig unbe­kanntes kleines Wein­juwel mit promi­nenter Verbin­dung zu , der Palazzo Lodron in Noga­redo.

Meine persön­liche Über­ra­schung kommt von einem ganz großen, stets leise­tre­tenden Vertreter der großen Rotwein­blends à la , der Tenuta San Leonardo. Obwohl ich den Topwein San Leonardo jahre­lang serviert habe, ist meine Entde­ckung in diesem Jahr ein anderer – der sorten­rein ausge­baute Carmenère 2016 ist eine Reise ins Tren­tino wert.

DIE AZIENDA AGRI­COLA FORA­DORI IN MEZZO­LOM­BARDO

Mit Fonta­na­s­anta geht Elisa­betta Fora­dori, die Grande Dame des einst rusti­kalen Terol­degos, mit ihren Söhnen Emilio und Theo neue Wege, während Tochter Myrtha eine Gemü­se­farm betreibt.

Elisabetta Foradori und ihre Kinder
Elisa­betta Fora­dori mit ihren Söhnen Emilio und Theo sowie ihrer Tochter Myrtha
(Foto: © Azienda Agri­cola Fora­dori)

Ihre Vorsätze auf dem Weingut, mit den Weinen, der Natur und dem Menschen die größt­mög­liche Harmonie und Quelle der Energie zu errei­chen, scheinen erfüllt, wenn auch mit natur­naher Bewirt­schaf­tung ein Ende nie erreichbar ist. Natür­lich kennt jeder Wein­freund den gran­diosen Granato. Beim weißen Fonta­na­s­anta bin ich stets auf der Suche.

Weitere Infor­ma­tionen zur Azienda Agri­cola Fora­dori unter: www​.agri​co​la​fo​ra​dori​.com

Fonta­na­s­anta Nosiola 2019

Die Rebsorte Nosiola hat es mir schon lange angetan. Sie begeis­tert mich mit ihrem ganz eigenen Charakter, welcher irgendwo zwischen Pinot Bianco und Pinot Grigio liegt. Vom Weiß­bur­gunder hat er die blumigen Noten, ein Strauß voller weißer und gelber Blüten, und vom Grau­bur­gunder präsen­tiert er in der Haupt­sache seine Hasel­nuss- und geschmol­zene Butter­noten mit einem Twist Oran­gen­schale. Dieser rein­sor­tige, jugend­lich frische, konzen­trierte Nosiola gärt auf den Beeren­schalen im Holz­fass und wird danach in der Amphore ausge­baut. Neben jeder Menge Wiesen­blumen, Früh­lings­kräu­tern und Apfel­kom­pott, präsen­tiert er zitrige Aromen, Blüten­honig im Duft nebst salzigen Noten auf den Lippen. Seine erfri­schende Frucht­säure löscht dank der Leich­tig­keit des Weines (10,5 Prozent) problemlos den entste­henden Durst. Voraus­set­zung ist aller­dings, dass man genü­gend Flaschen von der kleinen Produk­tion ergat­tern konnte und das große Reife­po­ten­zial vergisst. Neben dem Flagg­schiff Granato ein Tipp für jeden Wein­freak. Unbe­dingt dekan­tieren!

Zu beziehen unter: www​.gute​-weine​.de, www​.koelner​-wein​keller​.de, www​.wein​fu​rore​.de

DAS WEINGUT PALAZZO LODRON IN NOGA­REDO

Das nur drei Hektar kleine Weingut Palazzo Lodron, das seit 400 Jahren im Besitz der Familie Volpini de Maestri ist, liegt im Vallaga­rina in einem char­manten Dorf nahe dem Gardasee.

Olivia Maestri
Olivia Volpini de Maestri misst mit dem Refrak­to­meter die Oechs­le­grade
(Foto: © Palazzo Lodron)

Beschäf­tigt man sich mit seiner weit über 500-jährigen Historie, stößt man 1769 auf Wolf­gang Amadeus Mozart, der in diesem Jahr auf seiner Itali­en­reise im benach­barten in den Palästen sein Publikum zu begeis­tern wusste. 1776 schrieb er für Gräfin Antonia Lodron, deren Töchter er auch unter­rich­tete, ein paar Musik­stücke, so auch die Lodron’sche Nacht­musik mit dem Diver­ti­mento Nr. 10 KV 247. Das Palais Lodron ist heute die Univer­sität Mozar­teum. Diver­ti­mento No 10 ist eine Hommage an den hohen Besuch bei der Familie Lodron. Seit dem Jahr­gang 2015 werden die Weine unter Aufsicht des Önologen Walter Schul­lian produ­ziert, der in Kaltern selbst den heraus­ra­genden Wein Lacus keltert.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut Palazzo Lodron unter: www​.palaz​zo​lo​dron​.it

Diver­ti­mento No 10 2018

Diese Rotwein­cuvée aus Cabernet Sauvi­gnon – Cabernet Franc und Merlot weiß auf den ersten Blick mit ihrem tief­dunklen, strah­lenden Granatrot alle Blicke auf sich zu lenken. Der lupen­reine, blau- und schwarz­bee­rige Duft wird begleitet von pfeff­rigen Tönen, Gewürz­nelken, frisch­ge­gerbtem Leder, Kakao­pulver und Scho­ko­pra­linen. Aber nicht nur das, er spielt seine Klaviatur perfekt bis zum Ende mit seinen gereiften, fein­struk­tu­rierten Tanninen, einer köst­li­chen, anhal­tenden Frische, die bis zum wohl­klin­genden, lang­an­hal­tenden Abschluss im Gaumen schwingt.

Zu beziehen unter: mysom​me​lier​.at und wein​diele​.com

Flaminia Rosato

Seine rosé­far­bene Schwester Flaminia Rosato ist übri­gens ein köst­li­cher Rosé, der nach roten Johan­nis­beeren, Hage­butten und Wald­erd­beeren duftet, total trocken schmeckt und nahezu jeden Rosé­wein­gegner zu über­zeugen mag – wetten?

Zu beziehen unter: wein​diele​.com

DIE TENUTA SAN LEONARDO IN AVIO

San Leonardo
Von Noga­redo bis nach Borghetto, quasi von Palazzo zu Palazzo, gelangt man nach ziem­lich genau 30 Kilo­me­tern ans Ziel, zur Tenuta San Leonardo.
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

San Leonardo ist seit mehr als 300 Jahren die Resi­denz der Familie Marchesi Guer­rieri Gonzaga. Aber erst Marchese Carlo Guer­rieri Gonzaga hat vor knapp fünfzig Jahren dem Weingut frischen Wind einge­haucht und eine neue Quali­täts­stra­tegie gestartet. Unter­stützt von seinem Sohn Anselmo, führt er das vermut­lich schönste Weingut in Italien.

Der Marchesi mit seinem Sohn und dem Direktor des Weinguts
Marchese Carlo Guer­rieri Gonzaga mit seinem Sohn Anselmo (links) und Luigino Tinelli (rechts), dem Direktor des Wein­guts
(Foto: © Tenuta San Leonardo)

Die von den Alpen geschützten Wein­gärten sind in der Tat Gärten, unzäh­lige Rosen und exoti­sche Blumen säumen nicht nur den gepflegten Rasen rund um die Tenuta. Hand­werk, Liebe, Leiden­schaft und kompro­miss­loses Tagwerk sind wohl die Geheim­nisse der Familie. Die 30 Hektar biolo­gisch bewirt­schaf­teten Wein­gärten sind eine Augen­weide. Der Keller, ein ganz beson­derer Ort mit einer eigenen Dynamik für die Reife der Weine, scheint mir einzig­artig zu sein. Und dann die Weine – das Flagg­schiff San Leonardo ist ein Bordeaux-Blend aus Cabernet Sauvi­gnon, Carmenère und Merlot.

Der Marchese hat eine tiefe Zunei­gung für Bordeaux­weine. Die Jahre 2010 und 2015 haben mich in ihrer ganzen Persön­lich­keit derartig über­zeugt, dass ich mir die Mühe machte, die Entwick­lung beider Jahr­gänge aus den geöff­neten Flaschen zwei Monate im Keller zu verfolgen. Unbe­schä­digt, ohne Falten, gereift, aber dennoch frisch, begrüßte mich jeder Schluck aufs Neue, eine kleine Sensa­tion.

Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut San Leonardo unter: www​.sanleo​nardo​.it

Carmenère 2016

Dieser Wein aus 35 bis 50 Jahre alten Reben, in fran­zö­si­schen Eichen­fässer erster Wahl gereift, ist für mich bis dato die Über­ra­schung des Jahres. Seine tief­dunkle, purpur­rote Farbe strahlt mit den Sternen um die Wette. Der einzig­ar­tige, gewürz­reiche Duft erin­nert nicht nur an einen orien­ta­li­schen Gewürz­basar. Er lenkt auch einfach um die Ecke in Mutters Küche, auf deren Herd Rind­fleisch und Geflügel geschmort, buntes Gemüse ange­braten wird. Flei­schig saftig passiert der Wein mit gereiften Tanninen den Gaumen, hinter­lässt eine schier endlose, sanfte Wein­spur, die man so gerne fest­halten möchte. 2016 ist mein unver­gess­li­ches Wein­erlebnis!

Zu beziehen unter: www​.sanleo​nardo​.it/​s​hop

Fotos: Tenuta San Leonardo