Paula Bosch probiert

Ziem­lich heißer Stoff

von Paula Bosch

10. Dezember 2020

Weine aus Vulkangegenden sind anders – um es kurz zu machen. Ein guter Rat von Sommelière Paula Bosch: Unbedingt probieren – es lohnt sich!

Ein Tanz auf dem Vulkan gilt gemeinhin als nicht empfeh­lens­wert. Man ist aber ange­sichts der Weine, die in Vulkan­nähe gedeihen durchaus versucht, ihn aufzu­führen. Denn die Qualität verur­sacht selbst bei Kennern leiden­schaft­liche Ausbrüche in wahre Begeis­te­rungs­stürme.

Der Vulkan Pico auf der gleichnamigen Azoren-Insel
Der Vulkan Pico auf der gleich­na­migen Azoren Insel
(Foto: © José Luís Ávila Silveira/​Pedro Noronha e Costa)

Wo auch immer auf der Welt Wein­reben gepflanzt werden – für die Qualität der Trauben sind natür­liche Faktoren wie Klima, Geologie, Boden­typen und Lage des Wein­berges von entschei­dender Bedeu­tung. Die unter­schied­li­chen Boden­arten zum Beispiel werden grob in drei Typen unter­schieden: sedi­men­täre Böden, meta­mor­phes Gestein und Vulkan­böden. Bedeu­tende Weine von Vulkan­böden kommen von aktiven Vulkan­in­seln wie vom Ätna, Santorin, Lanza­rote oder den Azoren, aber auch vom Fest­land wie der Basi­li­kata, dem Kaiser­stuhl oder aus dem .

Durch den anhal­tenden Trend zu biody­na­misch ange­bauten Weinen finden unter­schied­liche Boden­typen viel Beach­tung, und bei Winzern wie Wein­freunden sind diese Weine derzeit gefragt wie nie. Daraus ergeben sich Fragen wie: Wo wachsen die attrak­tivsten Weine, welche Charak­te­ristik in Duft und Geschmack zeichnet sie aus? Schme­cken sie anders als Weine von Löss­böden, Schiefer, Granit oder Kalk? Kurze Antwort vorab: Ja, sie sind anders, sind auch im Charakter eigen. Doch das Wie sollte ein Wein­freund unbe­dingt selbst erfahren – eine analy­ti­sche Erklä­rung ist hier nicht ziel­füh­rend.

DAS WEINGUT CANTINE DEL NOTAIO IN RIONERO

Der Vulkan Vulture
Blick auf den erlo­schenen Vulkan Vulture, zu dessen Füßen sich das Weingut Cantine del Notaio befindet

Die 1998 gegrün­dete Cantine del Notaio liegt in Vulture, im grünen Herzen der Basi­li­kata am Fuße eines inak­tiven Vulkans. Der Inhaber Gerardo Giuratra­boc­chetti hat sich bei seinen 30 Hektar Reben von Anfang an für biody­na­mi­schen Wein­anbau entschieden.

Der Winzer Gerardo Giuratrabocchetti und seine Mitarbeiter
Der Winzer Gerardo Giuratra­boc­chetti inmitten seiner Mitar­beiter auf seinem Weingut

Die Namen mancher Weine – La Firma, La Stipula, Il Sigillo – gehen auf nota­ri­elle Tätig­keiten der Familie zurück.

„La Stipula“ Spum­ante Mille­si­mato 2013 Brut

La Stipula Spumante Millesimato

Der Spum­ante „La Stipula“ ist ein sorten­reiner Aglia­nico del Vulture, in tradi­tio­neller Flaschen­gä­rung auf der Hefe gereift und in Tuffstein­grotten bis zum Degor­gieren gela­gert. Stroh­gelbe Farbe, das Aroma von Muskat­blüten, Ginster, dunklem Honig wird durch einen würzigen Gaumen ergänzt. Kaum schmeck­bare Säure, dafür eine Spur Gerb­stoff der Aglia­nico. Der stof­fige, unge­wöhn­lich sanfte Spum­ante gilt als Rarität, da aus der Rebsorte in der Regel alko­hol­reiche und säure­be­tonte Rotweine produ­ziert werden

Zu beziehen unter: www​.supe​riore​.de
Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut unter: www​.canti​ne​del​no​taio​.it

DIE AZORES WINE COMPANY AUF DER AZOREN-INSEL PICO

Weinbau auf den Azoren
Weinbau inmitten vulka­ni­schen Gesteins auf den Azoren

Die Insel­welt der Azoren ist in jeder Hinsicht ein impo­santer Platz für den Anbau von Reben. Ihre über­wäl­ti­gend schöne Natur, die noch im Gleich­ge­wicht scheint, ermög­licht Wein­anbau bis kurz vor die Wasser­grenze, was einen Kontakt der Pflanzen mit dem Meer­wasser oft nicht ausschließt.

Azores Wine Company
Der Winzer Antonio Maça­nita inmitten seiner Mitar­beiter Paulo Machado und Filipe Rocha in seinem Wein­berg am Fuße des Vulkans Pico

Salzige Gischt kommt von oben, salziges Grund­wasser von unten. Dazu die Vulka­nerde, die das Wachstum der Pflanze erschwert. Keine einfache Ange­le­gen­heit – doch hat Antonio Maça­nita, ein vino­philer, weit gereister Tausend­sassa, es 2014 mit zwei Freunden gewagt, die Azores Wine Company zu gründen. Die Insel Pico hat es dem Wein­vi­sionär beson­ders angetan.

Verdelho „Original“ 2018

Verdelho Original

Hier produ­ziert man aus heimi­schen Rebsorten, u. a. auch der Verdelho, einzig­ar­tige Weine. Bestes Beispiel: der 2018er „Original“. Der vom Jod geprägte Weiß­wein präsen­tiert nicht nur einen vom Meer­wasser leicht salzigen Charakter auf den Lippen, sondern rollt mühelos mit seiner zitrigen Säure und erfri­schendem Geschmack über den Gaumen. Mit vege­ta­bilen frischen Noten ruft er unmiss­ver­ständ­lich nach Meer.

Zu beziehen unter: www​.gute​-weine​.de
Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut unter: azores­winecom­pany

DAS WEINGUT VON STELLA HATZIDAKIS AUF SANTORIN

Hatzidakis Weinkeller
Blick in den Wein­keller des Wein­guts von Stella Hatzidakis auf der grie­chi­schen Insel Santorin

Die grie­chi­sche Insel Santorin ist Teil eins alten Vulkans. Auf dieser wunder­schönen Insel gedeiht die auto­chthone Rebsorte Assyr­tiko beson­ders gut. Die trocken ausge­bauten Weiß­weine sind voll mine­ra­li­scher Würze, im Duft wie am Gaumen, manchmal streng, teils mit stei­nigen Anklängen und stets mit markanter Säure, die ihrer Sorte eigen ist.

Santorini Familia

Assyr­tiko „Familia“ 2018

Der Hatzidakis „Familia“ hat dazu Austern­schale, Jodtinktur, Meer­salz, Lorbeer, verpackt im cremigen, perfekt balan­cierten Körper. Tochter Stella führt nach dem Tod des Inha­bers 2017 den kleinen Fami­li­en­be­trieb mit sicherer Hand weiter.

Zu beziehen unter: www​.grie​chi​scher​-wein​ver​sand​-vindusud​.de
Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut unter: www​.hatzida​kis​wines​.gr

DAS WEINGUT PASSO­PI­SCIARO AM ÄTNA

Weinbau auf den Hängen des Ätna: Andrea Franchetti
Weinbau an den Hängen des Ätna: das Weingut Passo­pi­sciaro von Andrea Fran­chetti

Andrea Fran­chetti, Besitzer des toska­ni­schen Topwein­gutes Trinoro, war an den Hängen des Ätna einer der Ersten, die hier in den Weinbau inves­tierten. Der Wein­keller von Passo­pi­sciaro wurde in einem antiken Gehöft auf etwa 800 Metern inte­griert.

Das Weingut Passopisciaro
Das Weingut Passo­pi­sciaro in einem antiken Gehöft, das auch ein Wein­keller einge­baut wurde

Die 25 Hektar Rebfläche sind größ­ten­teils mit Char­donnay und Nerello Masca­lese bepflanzt, letz­terer oft 100 Jahre und älter und wurzel­echt. Der aufwendig erst im Edel­stahl, dann im Beton-Ei und danach im Holz ausge­baute Char­donnay ist eine ganz beson­dere Inter­pre­ta­tion eines Vulkan­weins, wobei die Rebsorte durch die gewal­tige mine­ra­li­sche Aromatik schwer erkennbar ist.

Passo­bi­anco Char­donnay 2017

Passobianco

Der Duft ist berau­schend. Manda­rine, Glera, Galia­me­lone, reife Ananas, ein Touch Akazi­en­honig, Erdnuss, braune Butter, Toast. Im Mund über­zeu­gende Mine­ra­lität und Salzig­keit, voll, reich, fast sahnig, dabei doch frisch. Mit irrer Kraft, viel Druck und Länge präsen­tiert sich der perfekt gestylte Abgang.

Zu beziehen unter: wein​han​dels​haus​.at
Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut unter: www​.vinif​ran​chetti​.com

DAS WEINGUT TASCANTE AN DEN HÄNGEN DES ÄTNA

Tenuta Tascante
Die Wein­berge von Tascante an den Hängen des Ätnas

Eindeutig im Trend liegen derzeit die sizi­lia­ni­schen Weine des Ätna, vor allem die Rotweine aus der spät­rei­fenden dünn­scha­ligen Nerello Masca­lese. Beste Bedin­gungen findet die Rebsorte in höheren Lagen, wo kühle Tempe­ra­turen bei Nacht für den Erhalt ihrer Säure sorgen und damit ihre Frische konser­vieren.

Alberto und Giuseppe Tasca
Kulti­vieren 25 Hektar Wein­berg am Ätna: die Brüder Alberto und Giuseppe Tasca

Die Geschwister Alberto und Giuseppe Tasca vom gran­diosen Weingut Tenuta Rega­leali nahe haben vor knapp 15 Jahren auch die Bedeu­tung des Wein­an­baus am Ätna erkannt, inves­tiert und zählen heute zu den glück­li­chen Besit­zern von 25 Hektar Wein­bergen, die bis auf über 600 Meter ü.M. liegen. Ihre Lage am Nord-Ost-Abhang des Vulkans zählt zu den besten. Die Charak­te­ristik der Weine wird in erster Linie durch die verschie­denen Böden und deren Zusam­men­set­zung erreicht. Contrada nennt man hier Einzel­lagen, Blöcke mit terras­sierten Reban­lagen, wenn man so will.

Contrada Rampante 2016

Contrada Rampante Tascante

Rampante ist 2016 ein beson­deres Kunst­werk an Finesse, Eleganz und deli­kater Textur. Feinste Hibis­kus­noten, Prei­sel­beer, Wasser­me­lone, aber auch dunkle Gewürze wie Pfeffer, Wacholder, Kümmel­samen. Der sanfte, reife Trink­fluss am Gaumen und seine seidigen Tannine sorgen für ein außer­ge­wöhn­li­ches Trinkerlebnis.

Zu beziehen unter: www​.supe​riore​.de
Weitere Infor­ma­tionen zum Weingut unter: www​.tasca​dal​me​rita​.it

Fotos: José Luís Ávila Silveira_Pedro Noronha e Costa