Das hohe C des Tenors – Es scheint fern von allem Menschenmöglichen. Wie macht er das nur? Zum Glück mit weit geöffnetem Mund – eine Gelegenheit, einen Blick in dessen Innerstes zu werfen. 

Er war der allererste „Ritter vom hohen C“: Gilbert-Louis Duprez. Mit diesem Spitzenton läutete 1837 der Franzose in Rossinis Oper Wilhelm Tell eine neue Ära ein. Fortan war nicht nur dem hohen C, sondern auch dem Tenor eine erstaunliche Karriere beschieden, die sowohl Ton als auch Mensch in den musikalischen Olymp beförderte. Ein Mythos war geboren. 

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Ein Verschnitt aus Tenören und dem hohen C

Nicht nur der Tenorstimme, sondern dem Gesang überhaupt haftet seit jeher etwas Geheimnisvolles an. Gesang war schon immer nicht nur Kultur, sondern Kult und Kultus. Die Wissenschaft allerdings schreckt auch vor der Kunst nicht zurück, und die Stimmphysiologie hat sich daran gemacht, das Phänomen Gesang zu entzaubern. Nach umfangreichen Forschungen in Anatomie und Physiologie, also in Bau- und Funktionsweise des Stimmapparats, lautet die ernüchternde Feststellung: Tenöre sind durchaus von dieser Welt. Denn ihre Stimme funktioniert zunächst einmal nicht anders als bei jeder Sängerin und jedem Sänger, noch nicht einmal anders als überhaupt bei jedem Menschen. Egal, ob Profis oder Laien singen oder sprechen, Stimme entsteht dabei immer gleich.

Die Physiologie beschreibt diesen Vorgang, die Phonation, im bewährten Dreischritt-Modell: Erstens, die Atemluft bestimmt Tonstärke und Tonlänge. Zweitens, sie versetzt zudem die Stimmlippen im Kehlkopf in Schwingung, deren Geschwindigkeit über die Tonhöhe entscheidet. Drittens, seine endgültige Gestalt bekommt der Ton erst oberhalb der Stimmlippen in der Nasen‑, der Rachen- und der Mundhöhle, im Resonanzraum. Damit hört sich der Ton nach menschlicher Stimme beziehungsweise nach einer bestimmten Stimme an. Hier entsteht das Timbre, und hier bekommt jeder einzelne Klang seinen Charakter.

Hoch, laut, heroisch – ein hohes C versetzt das Publikum in Ekstase

Was eine Sprechstimme von der Singstimme unterscheidet, ist keine Frage der Physiologie, sondern der Absicht – ob man singen, sprechen oder sogar beides gleichzeitig will. Das Wunder „Stimme“ macht es möglich. Aber wie wird aus ihr ein Stimmwunder? Und mehr: Ein Tenor, der sogar einer Primadonna den Rang ablaufen kann? Hoch, laut, heroisch – so versetzt sein hohes C das Publikum in Ekstase und reißt es zu frenetischen Begeisterungsstürmen hin. Was dahinter steckt  ist Kunst und Können.

Das zweigestrichene C ist, wenn der Tonumfang von Tenören angegeben wird, in der Regel der höchste Ton. Akustisch gesehen, hat es eine Frequenz von 523 Hertz. Zum Vergleich: Beim Sprechen bewegen sich Männer stimmlich etwa bei 100 bis 150 Hertz. Ein Tenor singt also nicht nur höher als seine männlichen Sängerkollegen, sondern auch generell in der Regel höher, als „Mann“ spricht. Und spätestens mit dem hohen C begibt er sich gänzlich in andere Sphären. Wie er und wie gut er dahin kommt, ist eine Frage der Atmung und der Vorstellungskraft. Denn das komplexe Kehlkopfsystem aus Gelenken, Knorpeln und Muskeln, das über die Tonhöhe entscheidet, lässt sich nur indirekt steuern. Was beim Sprechen im Alltag automatisch und mühelos gelingt, erfordert beim hohen C viel Geschick und noch mehr Übung.

Fünf Formanten formen den Klang der Stimme

Den nötigen „Wums“ bekommt das hohe C mit der Lautstärke. Vorher tief Luft zu holen, reicht bei weitem nicht. Was wir als laut empfinden, ist vor allem der Durchschlagkraft der Stimme geschuldet, mit der sie sich erfolgreich gegen ein großes Orchester in einem noch viel größeren Saal behaupten kann. Tragfähig wird ein Ton im Resonanzraum, und tatsächlich hat diese Eigenschaft auch viel mit seinem Klang zu tun. Je nach Stellung von Lippen, Zunge, Gaumensegel, Kiefer und Kehlkopf hört sich der Ton mal warm, mal metallisch, mal dunkel, mal hell an. Das hängt damit zusammen, dass der Resonanzraum je nach Form und Größe andere Teilbereiche des Klangs verstärkt. Diese Bereiche werden Formanten genannt und insgesamt fünf machen die menschliche Stimme klanglich zu dem, was sie ist. Das Geheimnis hinter ihrer Tragfähigkeit liegt bei den Formanten Nummer drei bis fünf. Auf deren Wirkung greift ein Tenor, beziehungsweise jeder männliche Sänger, nicht nur zurück, sondern vervielfacht sie. Denn je geschickter er den Resonanzraum von den Lippen bis zum Kehlkopf formt, desto näher rücken diese drei Formanten zusammen und potenzieren so die Strahlkraft des Tons, der dann mit durchschlagendem Erfolg auch den Zuhörer in der letzten Reihe umwirft.

Stimmtechnische Sensation oder Schrei eines sterbenden Kapauns?

Fehlt nur noch eins: das Heroische beim hohen C. Die Geburtsstunde dieses sagenumwobenen Tons fällt nicht zufällig ins 19. Jahrhundert. Während bis dahin ein leichtes Klangideal bei der Stimme vorherrscht, wird nun zunehmend nach einem neuen voluminöseren Stimmtypus verlangt. Von nun an wird bis heute – auch wenn das nicht mehr ganz state of the art ist – vor allem zwischen lyrischen und dramatischen Stimmen unterschieden. Auch beim Tenor – und das hat die alles entscheidende Auswirkung auf das hohe C. Wer schon einmal versucht hat, eine Tonleiter von unten nach oben zu singen, hat wahrscheinlich den „Bruch“ bemerkt – schon lange vor dem hohen C. Hier geht natürlicherweise die schwerere Brust- in die leichtere Kopfstimme über, was der geübte Sänger unmerklich mit dem sogenannten Passagio ausgleicht.

Für einen lyrischen Tenor ist deshalb das hohe C (fast) kaum der Rede wert, weil er es „natürlich“ mit einem hohen Kopfstimmenanteil singt. Das klingt zweifelsohne toll – allerdings ganz und gar nicht heldenhaft. Was Gilbert-Louis Duprez in Paris präsentiert hatte, ist bis heute eine stimmtechnische Sensation und Maßstab für jeden Heldentenor: ein hohes C in der Bruststimme. Wem das gelingt, der wird mitsamt Ritterschlag schnurstracks in den Sängerhimmel katapultiert. Dramatischer Klang und exorbitante Höhe – wir verstehen: Hier wird die Stimmphysiologie auf mythische Weise (fast) außer Kraft gesetzt.

Ob Können auch Kunst ist, ist aber manchmal doch Ansichtssache. Denn was dem einen die Stimme entgrenzt, sprengt dem anderen das Ohr. Duprez’ stimmlicher Exkurs erinnerte Rossini damals an den „Schrei eines Kapauns, dem die Kehle durchgeschnitten wird“ – nicht unbedingt das, was „Mann“ von sich in der Zeitung lesen will.

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