Mit geballter Emotion auf dem Weg ins Erwachsenenleben: Phil (Lukas Sandmann), Kat (Elvin Karakurt) und Nicholas (Fabian Koller).

Uraufführung in Linz

„Die Mitte der Welt“ liegt im Herzen

von Dorothea Walchshäusl

9. Februar 2026

Der Erfolgsroman „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel hat am Landestheater in Linz als Musical seine umjubelte Uraufführung erlebt.

Wo liegt sie verborgen, die ganz persön­liche Mitte der Welt? Was ist es, wofür es sich zu leben und zu lieben lohnt? Und wie findet man seinen eigenen Weg inmitten der Erwar­tungen der anderen? Das Buch „Die Mitte der Welt“ von Andreas Stein­höfel hat eben diesen Fragen in einer span­nenden Coming-of-Age-Geschichte nach­ge­spürt und wurde ein Riesen­er­folg, der seinen Weg bereits in die Kinos fand. Am Linzer Landes­theater wurde nun die erste Musi­cal­ver­sion der turbu­lenten Story auf die Bühne gebracht (Insze­nie­rung: Karo­line Gables, Drama­turgie und Produk­ti­ons­lei­tung: Arne Beeker) und vom Publikum in der Black Box mit Stan­ding Ovations gefeiert.

Geschaffen wurde das Musical von Texter Niklas Wagner und Kompo­nistin Sarah Taylor Ellis, die mit inten­siven Dialogen und eindring­li­chen Songs im Indie-Folk-Stil und im Wechsel aus Rück­blenden und aktu­ellen Szenen den Fami­li­en­kosmos des Jugend­li­chen Phil greifbar machen. Phil (Lukas Sand­mann) lebt mit seiner Zwil­lings­schwester Dianne (Patrizia Unger) und seiner unkon­ven­tio­nellen Mutter Glass (Sanne Mieloo) in einem alten Haus am Rande einer Klein­stadt. Von den Menschen in der Stadt werden sie gemieden und verhöhnt, einzig Theresa (Astrid Nowak), eine enge Freundin der Mutter, und Phils beste Freundin Kat (Elvin Karakurt) aus der Schule, halten zu ihnen. Im Laufe der Jahre verän­dert sich die Bezie­hung zwischen Diane und der Mutter, was der düstere Grund dafür ist, erfährt Phil erst spät. Außerdem verliebt er sich in seinen Mitschüler Nicholas (Fabian Koller) mit dem er zwar die erste körper­liche Nähe erlebt, der sich ihm aber doch nie ganz öffnet. Es sind drama­ti­sche Wendungen und emotio­nale Stürme, die Phil auf seinem Weg ins Erwach­se­nen­da­sein durch­lebt, immer auch geprägt von seiner Sehn­sucht nach einem Vater, von dem ihm seine Mutter nichts erzählen möchte.

Was nach einem Jugend­stoff anmutet, geht durch die emotio­nale Tiefe und die exis­ten­zi­ellen Fragen, die hier aufge­worfen werden, weit darüber hinaus. Wohl jeder mag die Wucht der ersten Liebe, die Suche nach der eigenen Iden­tität und die ebenso prägende wie auch lähmende Kraft der Familie schon einmal erlebt haben – in dem eindring­lich insze­nierten Ensem­ble­stück in werden all diese Facetten der Selbst­fin­dung thema­ti­siert.
Auch wenn Phil im Zentrum der Geschichte steht – alle weiteren Figuren sind glei­cher­maßen wichtig und heraus­ra­gende Solo­num­mern gibt es entspre­chend selten. Statt­dessen ist im intimen Rahmen der Black Box ein maximal inten­sives Kammer­spiel zu erleben, bei dem die Darsteller mit großer Spiel­freude und Präsenz nicht nur auf der Bühne, den verschie­denen Stegen und dem Balkon darüber agieren (Bühnen­bild von Eleanor Bull), sondern oft auch inmitten der Zuschauer. Links auf der Bühne ist das Live-Orchester plat­ziert (Leitung: Raban Brunner), das die fast durch­ge­henden Kompo­si­tionen von Ellis mal balla­den­haft, mal impuls­stark ausge­staltet. Die Vorge­schichte der Hand­lung wird von den drei Kinder­dar­stel­lern erzählt (Antonin Stamm als Phil, Muriel Sophie Nova als Dianne und Moritz Schmu­ckermair als Nicholas), die mit großer Sicher­heit und Spiel­ta­lent faszi­nieren.

Ganz am Ende bricht Phil auf. Er verlässt das enge und belas­tete Leben in der Klein­stadt und startet mit seinem Cousin Gable (Chris­tian Fröh­lich) auf dessen Schiff nach Amerika. Ein offener, doch hoff­nungs­voller Schluss, der die bewegten Zuschauer entlässt in ihre ganz eigene Suche nach der Mitte der Welt in ihrem Leben.

Fotos: Reinhard Winkler