Daniel Delang

71. ARD-Musikwettbewerb

Viel­ver­spre­chende Künstler und Mozart als Prüf­stein

von Klaus Kalchschmid

27. September 2022

Rückblick auf den 71. Internationalen Musikwettbewerb der ARD

Mit etwas Abstand erin­nert man sich nur noch an das Schöne, Span­nende und Erhel­lende, das der ARD-Musik­wett­be­werb als erstes Groß­ereignis der klas­si­schen Musik in München zu Beginn des Herbstes jedes Jahr bietet, und man freut sich, dass das Publikum, letztes Jahr pande­mie­be­dingt erst ab den Semi­fi­nal­runden zuge­lassen, nun wieder den Wett­be­werb ab der ersten Runde in Präsenz verfolgen konnte, das auch ausgiebig tat und wie in früheren Jahren mit Feuer­eifer dabei war.

Quartet Integra
Gewann den zweiten Preis und den Publi­kums­preis im Fach Streich­quar­tett: das Quartet Integra

Vergessen sind die Mühen, die ein exzes­siver Besuch auch bedeutet, dauert doch ein Semi­fi­nale im Fach Streich­quar­tett, wie in diesem Jahr, schon mal netto sechs Stunden. Aber wann je hört man so viele span­nende Werke manchmal unmit­telbar neben­ein­ander in verschie­denen Inter­pre­ta­tionen junger, oft viel­ver­spre­chender Künstler, die für ihre Sache brennen. Und nach der „Pflicht“ des Wett­be­werbs klingt mancher Vortrag in der „Kür“ bei einem der drei Preis­trä­ger­kon­zerte sogar noch besser und gereifter!

Die Gewinner des ersten Preises im Fach Streich­quar­tett: das Barbican Quartet

Unter­schied­li­cher konnten die Fächer dieses Jahr nicht sein. Sie waren schon 2020 geplant, als der ARD-Musik­wett­be­werb ausfallen musste und wurden nun nach­ge­holt. Erst­mals in der Geschichte wurde damit die Alters­be­gren­zung ausge­setzt, um allen, die vor zwei Jahren hätten dabei sein können, auch diesmal die Teil­nahme zu ermög­li­chen: Einer­seits war dies das zarte Holz­blas­in­stru­ment der hellen Flöte, auch wenn die mitt­ler­weile aus Metall ist, und die mäch­tige Posaune. Nur fünf Teil­neh­me­rinnen standen hier 54 Männern gegen­über, während bei der Flöte die Geschlechter zu glei­chen Teilen ange­treten sind. Dazu das univer­selle Klavier und die Königs­dis­zi­plin der Kammer­musik: das Streich­quar­tett. Während das Solo- und Konzert­re­per­toire bei Flöte und Posaune reich­lich über­schaubar ist, stellt die Auswahl der Wahl­pflicht­stücke die beiden lang­jäh­rigen künst­le­ri­schen Leiter des Wett­be­werbs, Meret Forster und Oswald Beau­jean, bei Klavier und Streich­quar­tett vor die Qual der Wahl, ist doch das Reper­toire von der Klassik bis ins 21. Jahr­hun­dert über­reich.

Die Fina­listen im Fach Klavier: Johannes Ober­meier (dritter Preis), Lukas Ster­nath (erster Preis und Publi­kums­preis) und Junhyung Kim (zweiter Preis)

Aller­dings gibt es in beiden Fällen für das Semi­fi­nale den abso­luten Prüf­stein Mozart, und so wählten dieses Jahr aus den Opera KV 414, 415, 459 und 488 gleich drei Pianisten Letz­teres, während die sieben Quar­tett-Ensem­bles von den zehn späten Mozart-Quar­tetten, die zur Auswahl standen, sechs verschie­dene wählten (KV 421, 428, 499, 575, 589 und 590). Was für ein schönes Spek­trum, das einem sonst nur ein Streich­quar­tett-Festival beschert!

Die Preis­träger im Fach Flöte: Leonie Virginia Bumüller, die neben dem dritten Preis auch den Publi­kums­preis gewann, Mario Bruno (zweiter Preis) und Yubeen Kim

Wohl kein Mittel­satz eines Klavier­kon­zerts von Wolf­gang Amadé Mozart ist ausdrucks­voller als das fis-Moll-Adagio seines KV 488 in A‑Dur. Schon das unge­wöhn­lich langsam im wiegenden Sici­liano-Rhythmus solis­tisch vorge­tra­gene Thema entführt in andere Sphären. Der Koreaner Junhyung Kim, zweiter Preis­träger im Fach Klavier des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs, spielte es im zweiten Preis­trä­ger­kon­zert im Prinz­re­gen­ten­theater zu Tränen rührend. Damit knüpfte er unmit­telbar an das G‑Dur-Klavier­kon­zert von an, das er im Finale des Wett­be­werbs eben­falls solis­tisch mit wenigen Takten charis­ma­tisch eröff­nete. Wie ausge­lassen lebens­froh er dann mit dem bestens gelaunten Münchener Kammer­or­chester das Mozart-Finale zum fröh­li­chen Kehraus machte, war das perfekte Gegen­stück und nicht minder über­zeu­gend.

Gewann den ersten Preis im Fach Flöte: Yubeen Kim im Herku­les­saal der Münchner Resi­denz

Manchmal wird im Wett­be­werb kein erster Preis vergeben, da die Gewinner die abso­lute Podi­um­s­reife beweisen sollen, mithin eine Karriere in den Konzert­sälen vorge­zeichnet sein müsste. Dass dem auch bei ersten Preis­trä­gern oft nicht der Fall ist, aber Künst­le­rInnen, die noch nicht mal das Finale erreichten – im Fach Gesang ist das oft so – heute wohl bekannt sind, so die Sopra­nistin Siobhan Stagg, die gerade mit Ravel bei den BR-Sympho­ni­kern gastiert, um nur ein Beispiel zu nennen, wirft dann doch Fragen auf. Und noch ein Novum gab es dieses Jahr. Den Sonder­preis für die beste Inter­pre­ta­tion des Auftrags­werks, das extra für den Wett­be­werb kompo­niert wird und von allen Semi­fi­na­listen gespielt werden muss, bekam, und das ist keines­falls immer so, stets der jewei­lige erste Preis­träger.

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Weitere Informationen zum 72. Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München, der vom 28. August bis 15. September 2023 in den Fächern Viola, Kontrabass, Klaviertrio und Harfe stattfindet, auf: www.br.de