Anke Engelke verkörpert in der Netflix-Serie tragikomischen „Das letzte Wort“ an der Seite von Thorsten Merten eine Frau, die einen Weg sucht, den plötzlichen Tod ihres Ehemannes zu bewältigen und Trauerrednerin wird. Bei einem Kaffee erzählt sie von der Kraft, die Musik und Kunst für die Ewigkeit haben können und von ihrem Glauben an ein Jenseits.

CRESCENDO: In Ihrer Netflix-Serie „Das letzte Wort“ spielen Sie eine Trauerrednerin, die selbst den Tod ihres Mannes zu bewältigen hat. Macht das ein bisschen Angst, wenn man so intensiv in das Thema „Sterben“ eintauchen muss?
Anke Engelke:
Total berechtigte Frage. Aber meine Antwort ist: Nein! Obwohl das Thema so schwer ist, war mit der Vorbereitung und dem Dreh der Serie eine solche Leichtigkeit verbunden. Die intensive Zusammenarbeit hat mich dem Team näher gebracht, auch privat. Gestern war ich zum Beispiel mit meiner Co-Darstellerin Nina Gummich etwas essen und trinken. Das ist normalerweise nicht der Fall. Durch „Das letzte Wort“ bin ich, glaube ich, positiver gestimmt: Jetzt erst recht das Leben genießen, jetzt erst recht mit vollem Bewusstsein durch den Tag latschen, anstatt zu denken „Lohnt sich nicht, ist eh bald alles vorbei“. Ich habe offenbar an Zuversicht gewonnen.

Hatten Sie diese Wirkung erwartet?
Das ist vielleicht ein Geschenk im Beruf der SchauspielerInnen, dass man nicht weiß, wohin die Reise geht. Ich will es mir auch nicht vorstellen. Dafür muss man keine Mystery-Serie mit Drachen oder Krimis mit Schießereien und Verfolgungsjagden drehen. Gefühle allein reichen schon aus, um die Welt auf den Kopf zu stellen. Natürlich kannte ich den Inhalt bis auf den letzten Satz. Ich habe ja die Drehbücher gelesen. Aber die emotionale Reise stand nicht auf dem Ticket.

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Um es plakativ zu formulieren: Sie haben dem Tod ins Auge geschaut und dadurch das Leben mehr schätzen gelernt.
Wenn Sie es so formulieren, klingt es fast ein bisschen kitschig. Aber klar, so ist es. Ich möchte nur aufpassen, dass ich nicht in einen Kalenderspruchschnack verfalle (beginnt zu singen): „Genieße das Leben, du hast nur eins, lass es nicht vorbeizieh’n, es gibt nämlich keins, das du wiederholen kannst …“

Was im Grunde sachlich nicht falsch ist…
Ja, aber man hat so einen Kitschdetektor, und dann macht man zu. Es gibt Momente bei jedem Menschen, da wird man plötzlich weich und ist empfänglich für so etwas. Aber eigentlich möchte man das nicht sein und sagt sich „Das ist mir zu triefig, ich tue mir so eine Schnulze nicht an.“ Andererseits, was ist der Unterschied zwischen Schlagern und zum Beispiel Lately von Stevie Wonder oder Sometimes it Snows in April von Prince? Das sind Lieder, bei denen ich innerlich weine, vielleicht auch manchmal richtig. Wenn man diese Texte auf Deutsch übersetzt, gibt es aber vielleicht ein böses Erwachen und ich merke, „Alter, da ist ganz viel Pathos und Kitsch drin.“ Wenn ich die deutsche Übersetzung als Poster an die Wand hänge, würden sich Schlagerfans vielleicht davor auf die Knie werfen.

Anke Engelke als Trauerrednerin der Netflix-Serie "Das letzte Wort"
„Lasst uns nach draußen gehen und in die Welt hinausrufen, von was für einem wunderbaren Menschen wir uns heute verabschieden!“ – Anke Engelke als Traurrednerin in „Das letzte Wort“
(Titelfoto des Beitrags und Foto: © Frederik Batier / Netflix)

Welche Musikstücke haben für Sie denn bleibende Qualität? Welche begleiten Sie Ihr Leben lang?
Das hat oft etwas zu tun mit der musikalischen Sozialisation, oder? Wann war man das erste Mal auf einem Pop- oder Rockkonzert? Welche Einflüsse hatten ein Musiklehrer, ein Chorleiter oder das Elternhaus? Diese Eindrücke bleiben. Jeder, der 40 oder 50 ist, weiß, dass er von bestimmten Liedern von früher berührt wird, und er schämt sich dessen nicht mehr. In den 80ern habe ich zu Sachen getanzt, die ich heute einerseits nicht mehr gut finde, aber die trotzdem noch etwas in mir triggern. Kürzlich habe ich wieder etwas von dem Funk-Musiker Roger Troutman gehört, der mit einer so genannten Talkbox Gesang und Keyboard-Spiel vermischt hat. Heute klingt das total out, weil es so viele neue Soundeffekte gibt. Aber damals war es das erste Mal, dass ich eine verfremdete Stimme hörte und mir dachte: Wow.

So viel zum Thema Dance Music. Wie ist es mit traurigen Musikstücken?
Ich war in den 80ern bei einem Konzert von Ryūichi Sakamoto in der Tonhalle in Düsseldorf, und da habe ich Rotz und Wasser geheult. Wenn ich diese Musik heute höre, fange ich sofort an zu flennen – ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht weil ich mich damals bei einem bestimmen Zustand oder einer Lebensphase befunden habe. Ich liebe die Pavane für eine tote Prinzessin von Ravel, bei der ich jedes Mal losweine. In der Klassik gibt es außerdem Kompositionen von Brahms, die bei mir einen ganz festen Platz haben. Und einer meiner ewigen Favoriten bleibt Prince. Sometimes It Snows in April habe ich schon erwähnt. Er ist vor vier Jahren im April gestorben, und ich bin traurig und höre das Stück heute anders als vor 35 Jahren. Was mich dann zu seinen musikalischen Wegbegleiterinnen Wendy & Lisa bringt. Wenn ich deren Musik höre, dann bin ich im Kopf sofort wieder in Kalifornien. Als ihre erste Platte 1987 herauskam, war ich dort und habe die auf einem gelben Sony-Walkman beim Joggen gehört – der wog gefühlt 20 Kilo. All diese Impressionen werden bleiben. Interessanterweise haben die sehr viel mit Jugend und Adoleszenz zu tun.

Wenn die Wirkung von Kunst und Kultur so lange anhält, ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass es eine Art von Unsterblichkeit gibt?
Hui, gute Frage, aber das betrifft wohl eher Jahrhundertkünstler, oder? In der Liga spiele ich ja gar nicht: Was ich mache, ist in 100 Jahren vergessen.

Doch Sie haben ja selbst ausgeführt, wie lange die Wirkung von kreativem Schaffen anhalten kann.
Das stimmt schon. Man geht ins Museum, steht vor einem Bild und glotzt es an und denkt: ‚Das kann doch nicht wahr sein, dass es mich so umhaut. Was hat das für eine Kraft?’

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich mag zum Beispiel ganz viele Arbeiten von Louise Bourgeois. Bei einigen ihrer sehr feministischen Skulpturen und zärtlichen Zeichnungen denke ich oft: Das müssen bitte alle auf der Welt sehen. Vielleicht begreifen wir dann etwas. Also, ja, Kunst kann eine solche Kraft haben, dass sie für die Ewigkeit ist, auch wenn viele Künstler zu Lebzeiten ja gar nicht wissen konnten, dass sie sich unsterblich machen. Wenn ich an Malerinnen und Maler denke, die für die Kunst lebten, aber nichts zu fressen hatten, weil sie alles Geld für Farben  ausgeben mussten. Es ist eine interessante Vorstellung, wenn man ihnen hätte sagen können, was aus ihrem Werk wird. Wenn man zum Beispiel zu van Gogh gegangen wäre und ihm erklärt hätte: „Deine Bilder werden irgendwann Millionen einbringen und der Menschheit viel bedeuten.“ Wie hätte der wohl auf so einen Besuch aus der Zukunft reagiert? Aber das ist ein eigenes Thema.

Glauben Sie denn, dass es noch irgendetwas jenseits der Grenze des Todes gibt?
Es ist nicht aus und vorbei. Auf keinen Fall. Mir passiert es regelmäßig, dass ich innehalte und zum Beispiel einen Satz nicht beende, weil ich irgendetwas gespürt habe. Ich denke mir: Was war das jetzt? Ich kann es aber nicht erklären. Dabei bin ich nicht esoterisch oder religiös, höchstens spirituell. Aber da ist ganz viel. Es kann nicht sein, dass Seelen verschwinden. Das kann mir keiner erzählen.

Die Netflix-Serie „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke, Thorsten Merten, Nina Gummich, Johannes Zeiler, Aaron Hilmer, Claudia Geisler-Bading, Gudrun Ritter, Juri Winkler u.a. Das Drehbuch schrieben Aron Lehmann und Carlos V. Irmscher. Die Regie teilten einander Aron Lehmann (1. bis 3. Folge) und Pola Beck (4. bis 6. Folge). Zu sehen ab 17. September 2020. Weitere Informationen unter: [www.netflix.com](http://www.netflix.com)