Bunraku

»Hört her, hört her, alle im Osten und im Westen!«

von Ruth Renée Reif

9. Oktober 2017

Das japanische Puppentheater Bunraku ist eine faszinierende Kunst, die Meisterschaft fordert, der es jedoch an Nachwuchs und künstlerischer Erweckung fehlt.

Schwei­gend zieht der junge Tokubei den Fuß der Kurti­sane Ohatsu über seinen Hals. Mit dieser zarten Geste antwortet er auf ihre leiden­schaft­liche Frage, ob er bereit sei, mit ihr zu sterben. Noch in derselben Nacht nehmen die beiden Liebenden Abschied von der Welt und begeben sich in den Hain von Sonezaki. Es ist die Voll­kom­men­heit, die aus einem Weniger entsteht. Sie zeichnet die japa­ni­sche Kunst aus und bildet auch ein Merkmal des Puppen­thea­ters Bunraku. Drei künst­le­ri­sche Tradi­tionen fügten sich in ihm zu neuer Voll­endung zusammen, das Puppen­spiel, das singende Erzählen und das Spiel auf der drei­sai­tigen Laute Shamisen. So stand es an der Spitze der japa­ni­schen Bühnen­künste. Seine erst inspi­rierten das Schau­spie­ler­theater zu lite­ra­risch anspruchs­vollen, drama­tisch durch­ge­stal­teten Auffüh­rungen.

Trailer vom Natio­nalen Bunraku-Theater in

„Tozai! Tozai!“ – „Hört her, hört her, alle im Osten und im Westen!“, ruft ein Puppen­spieler zu Beginn der Auffüh­rung. Der Shamisen-Spieler bereitet das Publikum auf das Stück vor, dann setzt der Erzähler ein. Mit kräf­tiger, rauer Stimme beschreibt er das Geschehen sowie die Gefühle der Figuren. Für jede, ob jung oder alt, weib­lich oder männ­lich, findet er einen eigenen Klang. Die Puppen­spieler bleiben stumm und ihre Mienen unbe­wegt. Die Puppen führen sie offen und, wenn es eine Haupt­figur ist, zu dritt, was eine perfekte Koor­di­na­tion erfor­dert. Der 1995 verstor­bene briti­sche Schau­spieler David Warrilow war nach einer Bunraku-Auffüh­rung tief bewegt: „Diese Liebe und dieses Mitleid, die der Puppen­spieler für das Wesen zu empfinden schien, das er in der Hand hielt, und dieses Bedürfnis, Leben zu schenken. Es war, als brachte er in jedem Augen­blick etwas zur Welt.“

Sich wie ein Flaschen­kürbis von der Strö­mung dahin­treiben lassen

Die Wurzeln der singenden Erzähl­kunst reichen zurück zu den buddhis­ti­schen Geschichten, die Ende des ersten Jahr­tau­sends zur Missio­nie­rung einge­setzt wurden. Um 1600 bildete die Rezi­ta­tion märchen­hafter Stoffe mit Shamisen-Musik und Puppen­spiel bereits eine Einheit. Ihre große Blüte erlebte die neue Kunst in den städ­ti­schen Vergnü­gungs­vier­teln während der Edo-Zeit. Neue wohl­ha­bende städ­ti­sche Bevöl­ke­rungs­schichten schufen eine leben­dige Frei­zeit­kultur mit Künsten, Lite­ratur, Freu­den­häu­sern und Restau­rants. „Nur für den Augen­blick leben“, beschrieb der Roman­cier Asai Ryōi das dama­lige Lebens­ge­fühl, „Wein trinken, die Dich­tung und schöne Frauen lieben und sich wie ein Flaschen­kürbis von der Strö­mung dahin­treiben lassen.“

Anmutig und gebildet, genossen Kurti­sanen hohes Ansehen. Anders als die Geishas boten sie Geschlechts­ver­kehr gegen Bezah­lung an. Doch mussten sie zuvor lange umworben werden. Liebende Kurti­sanen gehören zu wich­tigen Figuren des Puppen­thea­ters. Der Drama­tiker , der häufig aktu­elle Ereig­nisse aufgriff, schil­derte in seinem Stück Der Freitod aus Liebe in Sonezaki den Doppel­selbst­mord eines Ölhänd­ler­ge­hilfen und seiner Kurti­sane. Es war von 15 bürger­li­chen Dramen, die er 1703 für das Puppen­theater des Rezi­ta­tors in Osaka verfasste. Als ein weiteres Puppen­theater eröff­nete, führte der Wett­streit zu immer komple­xeren und spiel­tech­nisch schwie­ri­geren Stücken. Doch markierte diese Über­stei­ge­rung zugleich das Ende. Beinahe drohte die Tradi­tion unter­zu­gehen, bis im 19. Jahr­hun­dert Uemura Bunra­kuken in Osaka erneut ein Puppen­theater schuf, dessen Name seither dem gesamten Genre als Bezeich­nung dient.

Museale Erstar­rung

Bunraku ist eine Kunst, die höchste Meis­ter­schaft verlangt, und der Weg zum Meister ist hart und lang. Viele Jahre dauert es, bis allein die Stan­dard­be­we­gungen erlernt sind. Die Künstler am Natio­nalen Bunraku-Theater in Osaka werden immer weniger und älter. Es mangelt an Nach­wuchs. Vor allem aber scheint es an künst­le­ri­schen Impulsen zu fehlen, um das Puppen­theater aus seiner musealen Erstar­rung zu lösen und wieder zu einer leben­digen Kunst­form werden zu lassen. Die Inspi­ra­tion, die es im Laufe seines Bestehens anderen Künsten schenkte, wünscht man ihm heute zurück.

Fotos: Japanische Fremdenverkehrszentrale