Caruso

Die geschmei­digste aller Stimmen

von Helmut Krausser

14. Juli 2021

Caruso wurde zum Synonym für alle großen Tenöre. Mit seiner Stimme entfachte er Leidenschaften und rührte sogar Bühnenkollegen zu Tränen. Am 2. August 2021 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Das Leben Carusos wurde des Öfteren verfilmt – und fast immer verkitscht. Dabei böte der Stoff so etli­ches Neben­ein­ander von Triumph und Tragik. Ein großes Schicksal schien dem Jungen nicht in die Wiege gelegt. Sein erster Gesangs­lehrer sprach ihm gar jegli­ches Talent ab und unter­rich­tete ihn nur unter der – doch arg dubiosen – Bedin­gung, der Schüler müsse ihm 25 Prozent seiner Einnahmen abgeben, falls er über­ra­schend doch einmal Karriere machen sollte. Derselbe Gesangs­lehrer riet ihm, den eigent­li­chen Vornamen Errico in das geläu­fi­gere und fein­tö­nen­dere „Enrico“ zu tauschen. Carusos Geschichte ist die eines lange unter­schätzten, willens­starken und flei­ßigen Empor­kömm­lings, der seine als herab­las­send empfun­dene Geburts­stadt so sehr gehasst hat, dass er schwor, niemals in ihr zu singen. Diesen Schwur hielt er bis zum Schluss.

Caruso singt in einer Aufnahme aus dem Jahr 1904 die Arien Una furiva lagrima aus Gaetano Doni­zettis Oper L’elisir d’amore.

Ja, wenn es jemanden gäbe, der diese Stimme glaub­haft imitieren könnte, wäre das ein bunter bis präch­tiger Film­stoff – auf allen Ebenen: Acht Jahre lebte Caruso unver­hei­ratet mit der Opern­sän­gerin Ada Giachetti zusammen, mit der er auch zwei Söhne hatte, Rodolfo und Enrico. Entgegen heutiger Vorstel­lung war das zwar ein Skandal, aber ein über­schau­barer, vor allem in Künst­ler­kreisen. Es folgte ein spek­ta­ku­lärer Twist. Ada verließ ihren immer erfolg­rei­cheren – angeb­lich oft untreuen – Lebens­ge­fährten und brannte mit dessen Chauf­feur durch, was viele Sorge­rechts­pro­zesse zur Folge hatte.

Caruso mit seiner Familie
Caruso mit seiner Familie im Jahr 1919
(Foto: © Library of Congress Washington)

Caruso trös­tete sich mit Adas Schwester Rina, eben­falls Sängerin, bis er – der kaum ein Wort Englisch sprach, nur ein paar auswendig gelernte Phrasen – verblüf­fen­der­weise eine ameri­ka­ni­sche Millio­närs­tochter heira­tete, Dorothy Park Benjamin. Im Alter von 45 Jahren wurde Caruso Vater einer Tochter, Gloria. Er war auf dem Gipfel seiner Karriere, war ein gemachter Mann, auf allen Ebenen. Was sich auch herum­sprach: Aufgrund seines Reich­tums soll es die „Schwarze Hand“, eine Vorgän­ger­or­ga­ni­sa­tion der Mafia, auf den Sänger abge­sehen haben. In Kuba entging er nur mit viel Glück einem Bomben­at­tentat.

Caruso als karikaturist
Caruso war auch ein talen­tierter Kari­ka­tu­rist. Hier zeichnet er bei einer Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tung.
(Foto: © Library of Congress Washington)

Caruso war berühmt für seine Groß­zü­gig­keit und seinen etwas jugend­li­chen Humor, der bis hin zu derben Späßen führte, etwa, wenn er den Ärmel eines Mantels zunähte, den ein Kollege in La Bohème auf der Bühne anziehen musste, oder als er Wasser in den Hut füllte, den sich jemand aufzu­setzen hatte. Talent zeigte er auch als Kari­ka­tu­rist, der binnen Sekunden Künst­ler­kol­legen mit dem Zeichen­stift aufspießen konnte, oft tref­fend, manchmal gar schmer­zend, weshalb einige versuchten, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Was natür­lich nichts half: Er zeich­nete auch aus dem Gedächtnis – einem Gedächtnis, das fabel­haft genannt werden muss. Hatte er eine Rolle einmal gelernt – sein Reper­toire umfasste 67 Partien! –, kannte er nicht nur seinen eigenen Text, sondern auch den aller Kollegen und Kolle­ginnen, die zeit­gleich mit ihm auf der Bühne standen. Und behielt ihn im Kopf, ohne je auffri­schen zu müssen. Niemand kann das nach­prüfen.

Einfühl­same Inbrunst

Seine intel­li­gente, äußerst ökono­mi­sche Stimm­füh­rung kannte keine billigen Affekte und Hervor­he­bungen, er sang jede Note eines Liedes, einer Arie mit demselben Respekt, derselben Sorg­falt, ohne Hier­ar­chien zu setzen oder Kraft für beson­ders wirk­same Stellen zu sparen. Man möchte, wenn man seine bari­to­nale Stimme hört, mit der er zur Not sogar Bassa­rien singen konnte, poetisch reagieren, von vorsich­tiger, ja einfühl­samer Inbrunst spre­chen, von graziöser, manchmal fast flat­ter­hafter Leiden­schaft, die indes nie die Boden­haf­tung verliert, nie außer Kontrolle gerät oder in Bemüht­heit oder selbst­ver­liebte Hybris driftet. Man hört oft reden von der geschmei­digsten, schmei­chelndsten aller Stimmen, die wie Öl an einem glatten Baum herunter‑, aber im nächsten Moment eben auch wieder hinauf­rinnt, scheinbar befreit von allen Zwängen der Gravi­ta­tion.

Caruso als Manrico
Caruso als Manrico in Giuseppe Verdis Il trova­tore
(Foto: © Archive of Princeton Univer­sity)

Vergleiche mit späteren großen Tenören hinken schon aufgrund der unter­schied­li­chen Aufnah­me­qua­lität und dem damit verbun­denen Reichtum an Ober­tönen: Die Trich­ter­schall-Aufnah­me­technik war Frauen nicht wohl­ge­sonnen, ihre Ober­töne wurden, im Gegen­satz zu denen der Männer, quasi außen vor gelassen. Das sollte man wissen, hört man sich die großen Sopra­nis­tinnen der Nuller­jahre an und wundert sich. Im Netz finden sich auch noch etliche Caruso[1]Aufnahmen, deren Tempo nicht nach­jus­tiert wurde, oft sind sie drei bis sieben bpm [beats per minute, Schläge pro Minute, Anm.d.Red.] zu langsam.

Melo­dra­ma­ti­sche Verzweif­lung

Carusos Vortrag hat erstaun­lich wenig Patina ange­setzt. Natür­lich könnte man manches, wie zum Beispiel den Schluss von E lucevan le stelle aus Puccinis Tosca, heute wohl nicht mehr so singen, wie es damals Konven­tion war, mit all dem Herz­schmerz und der melo­dra­ma­ti­schen Verzweif­lung, die uns etwas fremd-schäm-schluchz-winselnd anmutet, zu ihrer Zeit aber ganze Opern­häuser für Minuten lahm­legen konnte, weil viele Mitwir­kende in Tränen ausbra­chen – doku­men­tiert zum Beispiel während einer Auffüh­rung der Manon Lescaut in 1903, als der Diri­gent abbre­chen musste.

Caruso mit Lina Cavalieri
Caruso mit der Sopra­nistin Lina Cava­lieri
(Foto: © Archive of Princeton Univer­sity)

Einem solchen Moment allge­meiner Über­wäl­ti­gung haben wir den angeb­lich ersten Bühnen­kuss über­haupt zu verdanken. Es war die Sopra­nistin Lina Cava­lieri – damals wurde ihr von den Maga­zinen der Titel „Die schönste Frau der Welt“ verliehen –, die von Carusos Stimme so hinge­rissen war, dass sie ihn plötz­lich auf offener Bühne umarmte und küsste, etwas, das mit tiefem Neid und Eifer­sucht erfüllte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Caruso als Dick Johnson
Caruso als Dick Johnson an der Seite von Emmy Destinn in Giacomo Puccinis Oper La fian­ciulla del West
(Foto: © Archive of Univer­sity of Princeton)

Die Freund­schaft Carusos zu Puccini hat sich direkt in der Geschichte der Oper nieder­ge­schlagen. Puccini kompo­nierte mehrere Partien explizit für Caruso, so vor allem natür­lich den Dick Johnson in La fanciulla del West, 1910 in der Metro­po­litan Opera, , ein fast beispiel­loser Triumph – nur Manon Lescaut, 1893, und La Rondine, 1917, wurden ähnlich beju­belt – für beide, den Sänger wie den Kompo­nisten. Wenig bekannt dürfte eine andere Klammer sein. Sybil Seligman, die Londoner Bankiers­frau, Freundin und Muse Puccinis von 1903 bis zu seinem Tod 1924, war zugleich die beste Freundin Carusos – ein Verhältnis, das man einmal unter die Lupe nehmen sollte. Wie man heute weiß, war Sybil schwer koka­in­süchtig, in der dama­ligen Gesell­schaft keine Selten­heit. Wie man auch weiß, versorgte sie Puccini anläss­lich der Ameri­ka­reise 1910 mit etli­chen Portionen des weißen Pulvers. Wenn ihn, dann auch den Sänger? Die Frage bleibt wohl für ewig Speku­la­tion, aber inter­es­sant in Bezug auf Carusos Gesund­heit.

Caruso mit dem Phonographen
Als Hoch­zeits­ge­schenk hatte Caruso einen Phono­gra­phen erhalten.
(Foto: © Library of Congress Washington)

Für das Aller­meiste aus Carusos musi­ka­li­schem Nach­lass gilt, dass es die Moden und Jahr­zehnte gut über­standen hat und eben nicht schmalzig-fettig wirkt. Es ist unnötig zu sagen, dass er kein Über­ir­di­scher war, dass seine Vereh­rung und Verklä­rung ein gewisses Maß von Unge­rech­tig­keit zeitigt gegen­über vielen anderen, auch sehr großen, nach­fol­genden Kollegen. Selbst­ver­ständ­lich spielt das Zeit­ko­lorit eine Rolle. Caruso wuchs in eine Phase des Fort­schritts hinein, die ein Wunder bereit­hielt, nämlich die Möglich­keit, mensch­liche Stimmen zum ersten Mal in anhör­barer Qualität auf Tonträger bannen, sie so dem Vergessen entreißen zu können. Das ist ein Vorteil, den nach ihm niemand mehr haben wird.

Caruso beim Angeln
Caruso beim Angeln
(Foto: © Library of Congress Washington)

Caruso fehlte nur eines zur höchsten Stufe der Ikonen. Er war kein Beau, sah lange nicht so gut aus, wie er sang, war stämmig, von eher kleinem Wuchs, und er trug lange einen Schnauz­bart, der zu seiner Zeit ein Synonym für Männ­lich­keit war, heut­zu­tage aber eher derb oder drollig wirkt. Man wird einwenden, dass das irrele­vant sei für die Biografie eines heraus­ra­genden Sängers. Ja und nein. Tatsache ist, dass Caruso darunter litt, seiner äußeren Erschei­nung nach eher als – sagen wir mal – netter Onkel wahr­ge­nommen zu werden. Wie so viele Künstler wurde er süchtig nach dem Beifall des Publi­kums, ein Umstand, der an sich nichts Beson­deres darstellt, in seinem Fall aber schon, allein durch die unglaub­liche Anzahl seiner Enga­ge­ments.

863 Auftritte an der Metro­po­litan Opera

So sehr er sich termin­lich veraus­gabte – bis heute hält er viele Rekorde mit allein 863 Auftritten an der Met! – und auch vermark­tete, sind meines Wissens niemals Beschwerden laut geworden, wonach er, abge­sehen von schwan­kender Tages­form, jemals Dienst nach Vorschrift abge­lie­fert hätte. Sein Wille, immer alles zu geben, könnte ihn schließ­lich auch das Leben gekostet haben. Es ist – mir wenigs­tens – kein anderer Fall bekannt, in dem ein Sänger darauf besteht, seine Rolle, nämlich die des Éléazar in La Juive von Jacques Fromental Halévy, zu Ende zu singen, obschon er auf der Bühne Blut spuckt und sich an seiner Part­nerin fest­halten muss, um nicht umzu­fallen. Dies geschieht an Heilig­abend 1920.

Carusos Beerdigung
Nach seinem Tod wurde Caruso wurde in der könig­li­chen Kirche San Fran­cesco di Paola in Neapel aufge­bahrt.
(Foto: © Archive of Univer­sity of Princeton)

Wie so oft ist es eine Krank­heit (Rippen­fell­ent­zün­dung), die, recht­zeitig behan­delt, meist harmlos ausfällt. Caruso weigert sich jedoch lange, zu lange, gegen jeden Arzt­be­such, fügt sich schließ­lich, weil es nicht anders geht, in einen Kurauf­ent­halt, erholt sich an der Küste von Sorrent und plant bereits neue Auftritte, als es zu einem Rück­fall kommt. Am 2. August 1921 stirbt er mit nur 48 Jahren, wird einbal­sa­miert und neun Jahre lang in einem Glas­sarg ausge­stellt, bevor seine Witwe dem ein Ende setzt.

Die Marke Caruso

Er hinter­ließ ein schier unglaub­li­ches Vermögen von sieben Millionen Dollar, das entspricht heute in etwa 170 Millionen. Diese Infor­ma­tion ist beileibe kein biogra­fi­sches Beiwerk, sie ist wichtig, um zu verdeut­li­chen, welcher Wert hinter der Marke Caruso lag und wie klug der Sänger sein Talent versil­bert hat. Ein legen­därer Marke­ting­coup war die Aufnahme des fünf­mi­nü­tigen, nicht unter­bro­chenen Sextetts (Finale Zweiter Akt) aus Doni­zettis Lucia di Lammer­moor. Wer die Platte haben wollte, musste sieben Dollar dafür hinlegen, umge­rechnet 170 Dollar in heutiger Kauf­kraft – und die Platte wurde ein Renner!

Ihm gehörten unzäh­lige Anwesen und Häuser in und ganz Europa, dazu Hunderte von Anzügen samt passender Lack­schuhe sowie – Ergebnis seiner heim­li­chen Leiden­schaft – eine bedeu­tende Samm­lung seltener Münzen. Natür­lich ist das alles nichts, vergli­chen mit dem, was er sonst noch hinter­ließ: 247 Aufnahmen seiner Stimme, die oft mit dem Einsetzen eines warmen Orgel­klanges beschrieben wurde.

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Fotos: Library of Congress Washington