Der Modeschöpfer Christian Lacroix über seine Liebe für die BühneNur keine Banalität!

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Themenschwerpunkt Musik & Mode

Christian Lacroix zählt zu den bedeutendsten Designern unserer Zeit.
Seit jeher gelangweilt vom Alltäglichen wurde er der Meister des ganz großen Kinos: auf der Bühne, auf dem Laufsteg – und im ganz normalen Leben.

CRESCENDO: Die Tragödie um Notre-Dame … Was empfinden Sie?
Christian Lacroix: Fatalismus. Es könnte auch ein Zeichen für Aufbruch sein. Die Zuversicht könnte wieder in unsere Seele, unseren Geist einziehen. In unserem Couture-Salon brach kurz vor der Eröffnung 1987 Feuer aus, nachdem die Dekorations- und Malerarbeiten fertiggestellt waren. Heute bin ich der Meinung, dass dies eine Art „Reinigung“ war. Vielleicht braucht die katholische Kirche mit all ihren Skandalen auch einen Wiederaufbau. Notre-Dame war nicht unbedingt meine Kirche, und ich bin nicht so oft dort gewesen, ab und an zu den prächtigen Orgelkonzerten, die es dort jeden Samstag gab. Ich mag eher archaische, herbe, einfache Kapellen.
Gar nicht herb: Ihr „Notre-Dame“, ein Hotel am Saint Michel, das Sie 2010 neu ausstatteten mit barocken, bunten und opulenten Stoffen. Das hätte wahrscheinlich auch dem Sonnenkönig Ludwig XIV. gefallen.
Ich liebe den Ort mit dem herrlichen Blick auf die Seine und auf die Kathedrale. Für die Lobby fand ich sogar eine aus Holz geschnitzte Uhr aus dem 19. Jahrhundert in Form einer Notre-Dame-Kathedrale!
Woher der extravagante Geschmack, dieser Sinn für Opulenz? Vom exzentrischen Großvater vielleicht oder der Großtante, von der Sie eine Haarsträhne mit sich tragen?
Wenn Sie nach ihnen fragen, bedeutet das, dass Sie bereits etwas über beide gelesen haben!!! Es gäbe so viel zu erzählen!! Beide waren sehr streng und fordernd, aber zugleich liebevoll. Durch sie bekam ich so etwas wie eine „Wirbelsäule“. Er war der Vater meiner Mutter, und sie war meine Tante. Sie hatten einen Sinn für natürliche Eleganz. Sie waren beide stolz, aber nicht nachtragend – stark und zart. Er hatte sehr viel Humor und führte am Sonntagabend immer eine Art Charade vor, indem er sich über aktuelle Dinge lustig machte mit Kostümen und Perücken vom Dachboden. Seine Anzüge hatten immer grünes Seidenfutter, und er ließ sein Fahrrad in Gold lackieren. Sie waren beide sehr mutig, vor allem meine Tante, die sich der Gestapo widersetzte. Mein Großvater weigerte sich, während des amerikanischen und englischen Bombardements im August 1944, in den Bunker zu gehen. Er schaute sich die „Show“ lieber aus einer kleinen Höhle am Flussufer an und beobachtete, wie die Brücken zusammenstürzten, um dann die toten Fische einzusammeln. Ihr Haus war fast völlig zerstört. Dennoch wollte er, dass die Großmutter, die verzweifelt aus dem Bunker zurückkehrte, die Fische kochte. Möbel sollte sie verbrennen, um die elf Gäste zu bewirten, die er zum Abendessen eingeladen hatte. Die Familie väterlicherseits kam aus einer anderen Schicht. Man war sich nicht so nah, schätzte sich aber.
Welche Rolle spielte die Musik?
Ich hörte als Kind Beethovens Fünfte und natürlich Bizets Carmen, die Lieblingswerke der Südländer. Und das klassische Radioprogramm am Sonntagmittag. In der damals sehr berühmten Debatte um Maria Callas und ihre Rivalin Renata Tebaldi stand mein Großvater auf der Seite der Tebaldi. Auf mich aber hatte die Stimme der Callas tiefgreifenden Einfluss; wie auch Bachs Toccaten und Fugen und die Brandenburgischen Konzerte, der ganze Chopin. Aber auch englische Barockmusik wie Purcell, da Alfred Deller oft nach Arles kam, wo ich aufwuchs. Ich war fasziniert. Bis heute bedauere ich sehr, dass ich kein Instrument spielen kann. Aber ich fürchte, ich habe kein Ohr. Unvergesslich für mich, wie mein Großvater zu Weihnachten Gounods Ave Maria sang mit seiner damals sehr alten Mutter, die Tränen in die Augen bekam.
Woher die Liebe zum Theater?
Ich war immer auf der Suche nach etwas, was größer ist als das Leben. Ich war gelangweilt vom alltäglichen, normalen Leben, vielleicht hatte ich nur Angst davor. Ich bevorzugte die Illusion des Theaters, der Fantasie. Bücher, Musik, Stimmen – diese spirituelle andere Welt inspirierten mich. Filme übrigens auch. Ich war glücklich, wenn man mich ins Theater, ins Kino oder in die Oper mitnahm. Dort konnte man so viel Ungewöhnliches erleben.
Jeder spricht von Individualität. Trotzdem laufen alle gleich herum. Warum?
Viele koppeln Individualität an Egoismus oder Egozentrik. Dabei ist sie Freiheit. Doch dazu braucht man Charakterstärke. Soziale Medien haben einen erschreckenden Einfluss. Schüchternen und unsicheren Menschen wird ein Allerweltstil auferlegt, damit man ja nur im globalen Dorf bleibt. Wie in einer Sekte. Sneakers, Jogginghosen, T‑Shirts, Parkas!!! Alles furchtbar. Natürlich ist alles etwas komplizierter, aber dafür bräuchte ich Stunden, um dies zu erklären.
Warum begnügen sich die meisten Menschen mit Banalität?
Soziale Medien, Fernsehen, Instagram beeinflussen das Leben.
Viele leben ihr Leben durch das Leben anderer. Sie folgen Bloggern, Influencern, Rap-Sängern, Sportlern, schönen Mädchen, die alle, dank plastischer Chirurgie, gleich aussehen. Exzentrizität ist zur Fiktion geworden. Sie starren alle auf ihr iPhone oder iPad und haben Angst, anders zu sein.
Sie aber wollten kein banales Leben.
Nein, auf keinen Fall! Als Kind träumte ich vom Theater. Später wollte ich Museumskurator werden, studierte an der Sorbonne Kunstgeschichte und wollte Ende der 1970er-Jahre über die Kleidung in Gemälden des 17. Jahrhunderts promovieren. Es kam anders.
Ihre Frau, die bei Hermès arbeitete, brachte Sie mit der Modebranche in Kontakt. Sie fingen dort als Zeichenassistent an, von 1981 bis 1987 entwarfen Sie die Haute-Couture-Kollektion des Hauses Jean Patou. Gibt es einen Unterschied zwischen einem Haute-Couture-Kleid und einem Opernkostüm?
Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre war die Welt ohnehin so theatralisch wie eine Oper. Insofern hatte ich kein Problem mit dem Wechsel. Eine Couture-Kundin bestellt ein einzigartiges Kleid für einen besonderen Anlass. Nicht nur ihre Silhouette, sondern auch ihre Einstellung und ihr Temperament werden das prägen, was sie anhat. Ähnlich geschieht das bei einer Operndiva oder einer Ballerina. Der einzige Unterschied ist: Haute Couture muss – aus der Nähe betrachtet – schön sein. Ein Bühnenkostüm aber muss von Weitem „sprechen“ und wirken.
Stört Sie das als detailversessener Mensch, der man ja als Designer sein muss?
Es ist keine Frage der Details, sondern des Maßstabs. Bühnengewänder brauchen größere Stickereien, längere Bänder usw. Alles, was zu raffiniert oder subtil ist, würde auf den großen Bühnen der Bastille- oder Garnier-Oper verloren gehen. Aber die Opéra-­Comique oder Comédie Française sind klein. Die meisten dieser wunderbaren Häuser nicht nur in Paris, sondern auch in Berlin, Frankfurt, München, Wien, oder Graz haben Ateliers wie Couture- Häuser und das Personal dazu wie Schuhmacher, Weißnäherinnen, Modisten, Friseure, Maskenbildner.
Was ist wichtiger: der Charakter der Opernrolle oder der des Interpreten?
Man kann erst mit dem Entwerfen beginnen, wenn man die Besetzung kennt. Ich erinnere mich an eine Così-Produktion am La Monnaie in Brüssel. Der Regisseur schwärmte davon, dass die Teenager Fiordiligi und Dorabella halbnackt am Strand von Neapel liegen. Das war eine sehr schlechte Idee. Denn die Sänger, die zur Verfügung standen, waren nicht mehr so jung, auch nicht so dünn, und nicht bereit, ihren Körper so zu zeigen.
Was war die Herausforderung bei den Kostümen zu Debussys Pelléas et Mélisande, einem symbolistischen Drama mit wenig Action, in dem mehr angedeutet als gesagt wird?
Eric Ruf wünschte sich eine sehr dunkle, von der Sonne und dem Planeten vergessene Welt. Mélisande kommt im leichten „Klimt-Look“, in einem mit goldenen Pailletten und Spitzen auf hellem Tüll gearbeiteten Kleid, in dem sich das Licht spiegelt. Und einem Rüschenkleid, in dem bestimmt 30 Meter Stoff verarbeitet wurden. Die anderen Sänger haben lange bestickte Mäntel aus Navy-Stoff an in verschiedenen Schwarztönen, aber auch Matrosenpullover und Hosen, teilweise von Teer und Schlamm beschmutzt. Ein großes Lob an die Mitarbeiter des Klagenfurter Stadttheaters, die alle Kostüme genäht haben!
Sie sind oft von Schönheit umgeben. Was verstehen Sie darunter?
Schönheit ist, wenn man sich mit dem Universum verbunden fühlt, mit einem Lächeln im Herzen. KEIN Wort ist stark genug, dies zu beschreiben. Wahre Schönheit macht sprachlos. Schönheit ist nicht Perfektion. Sie kann auch etwas Seltsames, Bizarres, Unerwartetes enthalten. Perfektion hingegen fühlt sich leer an.
Ihre nächsten Projekte?
Mozarts Nozze unter der Regie des amerikanischen Filmregisseurs James Gray am Théâtre des Champs-Elysées im November, Falstaff in Lille unter der Leitung von Denis Podalydès.

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„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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