Daniel Grossmann möchte jüdische Gegenwartskultur auf höchstem künstlerischen Niveau erfahr- und erlebbar machen. Seit 2005 ist er Künstlerischer Leiter des Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM). Im Gespräch setzt er sich mit Fragen der Identität, dem Verhältnis von Musik und Ideologie und der besonderen Beziehung der Deutschen zum Judentum auseinander.

Ich möchte die jüdische Kultur in die Öffentlichkeit bringen!“, wünscht sich Daniel Grossmann, Künstlerischer Leiter des Jewish Chamber Orchestra Munich, voll Begeisterung. „Menschen können völlig unkompliziert zu uns kommen. Sie kaufen sich eine Karte, kommen ins Konzert, erfahren etwas über das Judentum, und es hat ihnen gefallen oder nicht. Fertig! Man muss sich nicht viele Gedanken machen, wie man zu allem steht.“

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Daniel Grossmann am Pult des von ihm gegründeten und geleiteten Jewish Chamber Orchestra bei der Aufführung von Paul Ben-Heims Music for Strings

Warum Grossmann sein Projekt so wichtig findet? In Deutschland wird aus seiner Sicht alles, was das Judentum betrifft, stark auf die Shoa verengt. „Ich verstehe das und finde das auch wichtig“, betont der 42 Jahre alte deutsche Musiker und Dirigent. „Aber wenn ich mir anschaue, wie frei in anderen Ländern wie Amerika mit dem Thema umgegangen wird, da gäbe es hier einen Riesen-Aufschrei!“ Als Beispiel nennt er den Humor in Die Simpsons, die er gerade mit seinen Kindern anschaut. In Deutschland gibt es zwar nicht viele, aber doch etliche Juden – in München etwa 10.000 –, von deren lebendiger Kultur man jedoch nichts sieht. „Zum Beispiel weiß kein Mensch etwas über jüdische Feste“, beobachtet Grossmann. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand in London, New York oder Paris übersehen kann, wenn zum Beispiel gerade jüdisches Neujahrsfest ist. Es muss ja nicht extrem sein, aber ich möchte die jüdische Kultur wenigstens ein bisschen in die Öffentlichkeit bringen!“ 

Dabei geht Grossmann nicht zu verkopft, sondern vom Gefühl her vor. Bei der Auswahl der Werke und der Vergabe von Auftragskompositionen folgt er deshalb auch keinem strengen Katalog: „Zentral ist nicht, ob jemand jüdisch ist oder nicht, sondern ob sich jemand mit Dingen auf eine Art und Weise beschäftigt, die mich interessiert.“ Jüdische Identität bedeutet für ihn eine Mischung aus Religion, aber auch aus Kultur unterschiedlicher Ausprägung. 

Daniel Grossmann: »Ich identifiziere mich sehr mit der deutschen Kultur. Trotzdem ist mir bewusst, ich gehöre nicht zur christlichen Tradition dieses Landes.«

Immer dann, wenn man denkt, etwas würde nicht mehr zum jüdischen Themenkosmos gehören, entdeckt man die spannendsten Dinge. Etwa beim Komponisten Alexander Zemlinsky, der mit seinem Judentum wenig am Hut hatte und zum Protestantismus übertrat. „Aber sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen, ist unglaublich interessant“, wirbt Grossmann. Sein Vater ist zum Judentum übergetreten, seine Mutter war halb Jüdin, halb Muslima, und sie gehörten zur sephardischen Gemeinde in Wien. Oder Viktor Ullmann, der auch zum Protestantismus übergetreten ist und fanatischer Anhänger der Anthroposophie war, im Konzentrationslager Theresienstadt dann aber plötzlich wieder damit anfing, sich mit seiner jüdischen Herkunft zu beschäftigen. „Solche Themen interessieren mich in der vollen Bandbreite“, erklärt Grossman „Dazu gehören jüdische Traditionen und jüdische Komponisten, aber auch nichtjüdische Komponisten, die sich explizit mit jüdischen Themen auseinandersetzen. Das können auch Händels Vertonungen aus dem Alten Testament sein, die natürlich aus einer sehr christlichen Sicht vertont sind. Trotzdem ist es das Alte Testament, das wir dann mit weiteren Texten anreichern und einen jüdischen Blick darauf werfen.“

Daniel Grossmann und das JCOM in Augsburg
Daniel Grossmann und das Jewish Chamber Orchestra beim Neujahrskonzert in Augsburg
(Foto © Robert Brembeck)

Grossmann selbst lebt überhaupt nicht religiös. Er wurde atheistisch erzogen und würde sich auch als solches definieren, weshalb die Religion für ihn schon einmal nicht der entscheidende Punkt ist. Trotzdem spricht er bei sich von einer starken jüdischen Identität. „Ich frage mich oft, ob das auch so gewesen wäre, wenn es die Shoa nicht gegeben hätte, und ich gebe offen zu: Ich bin nicht sicher!“ In den 20er- und 30er-Jahren haben sich die Juden in Europa stark assimiliert. Die Katastrophe hat die jüdischen Familien wieder auf ihre Herkunft hingestoßen: „Egal, wie sehr man sich assimiliert und mit der Kultur des Landes, in dem man lebt, identifiziert – wenn es hart auf hart kommt ist man doch ‚nur‘ ein Jude! Deshalb gibt es so viele jüdische Musiker, Künstler und Schriftsteller, die sich damit auseinandersetzen, was jüdische Kultur eigentlich ist, ohne religiös zu sein. Und durch die vielfältige Herkunft bedeutet es für jede Familie etwas anderes.“

Die Diaspora ist ein weiterer Aspekt: In einer fremden Kultur zu sein, sich mit dieser Kultur aber doch stark zu identifizieren! Und trotzdem zu wissen: Man gehört hier nicht zur Mehrheitskultur. „Ich identifiziere mich sehr mit der deutschen Kultur“, verrät Grossmann „Und mir ist trotzdem sehr bewusst, ich gehöre nicht zur christlichen Tradition dieses Landes. Etwas unterscheidet mich davon. Und was bedeutet das für mich?“

Daniel Grossmann: »Ich kann nicht ausklammern, dass es in Richard Wagners Kompositionen antisemitische Themen, Tendenzen und Gefühle gibt. Ebenso wenig kann ich ausblenden, dass mich seine Musik extrem berührt.«

Jüdische Musik ist für Grossmann im engen Sinne nur die rein vokale Musik der Synagoge, insbesondere die osteuropäische synagogale Musik. Die Musik, die in Deutschland entstand, etwa von Louis Lewandowski, sei zu stark geprägt von der christlichen Musik. „Ich erkenne da nicht das jüdische Element!“ Insbesondere viele israelische Komponisten sind wiederum von der synagogalen Musik beeinflusst. „Da könnte man schon wieder fragen, ist das jüdische Musik oder israelischer Stil?“ Grossmann findet es schwierig, dass alles, was ein jüdischer Komponist schreibt, per se jüdische Musik ist – genauso ist nicht jede von einem Christen geschriebene Musik christlich.

Einen Lieblingskomponisten hat Grossmann nicht, er liebt Beethoven und Mozart ebenso wie Bach und Wagner, aber auch die Musik von weniger bekannten Komponisten wie Paul Ben-Haim oder Alexander Zemlinsky. Dabei fasziniert ihn die Beschäftigung mit dem immer Neuen: „Im Gegensatz zu vielen anderen Dirigenten, dirigiere ich permanent Musik, die ich nicht kenne. Es gibt nur selten Werke, die ich mehrmals aufführe!“

Daniel Grossmann und das JCOM
Daniel Grossmann und das Jewish Chamber Orchestra bei der Aufführung von Georg Friedrich Händels Oratorium Jeftah in der Allerheiligen-Hofkirche München 1996
(Foto: © Thomas Dashuber)

Und er mag wirklich Richard Wagner? Kann man Musik und Ideologie trennen? „Natürlich hätte ich es lieber gehabt, wenn Richard Wagner kein Antisemit gewesen wäre“, betont Grossmann „Nun war er nun mal Antisemit, und ich kann das nicht ausklammern, und ich kann auch nicht ausklammern, dass es in seinen Kompositionen antisemitische Themen, Tendenzen und Gefühle gibt. Ebenso wenig kann ich ausblenden, dass mich seine Musik extrem berührt.“ Thematisieren sollte man Wagners Haltung trotzdem, denn Grossmanns Erfahrung nach hat kaum jemand Wagners Schrift Das Judenthum in der Musik wirklich gelesen, nach deren Lektüre man erst das Ausmaß seiner Gesinnung erkennt. Die Debatte, ob Wagner überhaupt aufgeführt werden sollte, versteht Grossmann aus deutscher Sicht trotzdem nicht, in Israel sei das etwas anderes: „Dort sollen die Holocaust-Überlebenden davor geschützt werden, Flashbacks oder traumatische Erinnerungen zu haben. Das ist aber eine Debatte, die in Israel geführt werden muss, da mische ich mich nicht ein.“

Wo man die Grenze zieht zwischen fragwürdiger Ideologie eines Menschen und trotzdem guter Kunst, ist bis heute schwierig. Darf man Werke eines Künstlers aufführen, der ein unglaublicher Macho ist, die eines Antisemiten jedoch nicht? Daniel Grossmann setzt den großen Bruch 1933 an. Auch wenn Wagner den Antisemitismus ideologisch vorangetrieben hat, was nicht zu verharmlosen ist, macht es einen Unterschied, ob man die Urkatastrophe, das echte Zum-Täter-Werden bewusst miterlebt hat oder nicht. Grossmann dazu: „Wenn sich heute jemand unerträglich antisemitisch oder auf sonstige Weise rassistisch äußert oder Verschwörungstheorien in die Welt setzt, spricht er in vollem Bewusstsein dessen, wozu das führen kann. So ähnlich ist es jetzt nach #MeToo auch. Nachdem klar wurde, wie Frauen aufs Übelste sexuell angegangen wurden, ist es etwa anders zu sagen: Ey, habt euch nicht so!“

Zum Festjahr #2021 JLID – Jüdisches Leben in Deutschland plant das Jewish Chamber Orchestra zwei große Projekte: Am 19. Juli 2021 soll es in der Philharmonie am Gasteig in München ein Festkonzert mit einem Querschnitt durch die jüdische Musikkultur in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert geben. Außerdem will Grossmann die Synagogentournee durch Bayerische Landsynagogen wieder aufnehmen, mit der das Orchester bereits 2019 losstartete. Damit soll Jüdisches Leben in diese Synagogen zurückgebracht werden, die aktuell zwar als Kulturräume, aber nicht explizit als jüdische Kulturräume genutzt werden.

Für das Festjahr wünscht sich Grossmann, dass es mehr sichtbares jüdisches Leben in Deutschland gibt. Aber wirklich als Leben! „Nicht wieder so ein Kreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit, das hat so etwas Bemühtes! Ich wünsche mir mehr lockere, witzige, unbeschwerte Projekte!“

Website des Jewish Chamber Orchestras: www.jcom.de
YouTube-Kanal des Jewish Chamber Orchestras: www.jcomtv.de

Foto Titelbild: Thomas Dashuber

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Als Fünfjährige schockverliebte sie sich in den Klang einer Mozart-Kassette. Seit dem brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und schlüpfte dort schon in fast jede erdenkliche Rolle: Sie wirkte als Dramaturgin, Kuratorin und Konzertdesignerin, aber auch als Regisseurin, Sprecherin und Musikmanagerin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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