Daniel Grossmann

Raus aus der Unsicht­bar­keit!

von Maria Goeth

7. Februar 2021

Daniel Grossmann, der Gründer und Künstlerische Leiter des Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM), möchte jüdische Gegenwartskultur auf höchstem künstlerischen Niveau erfahr- und erlebbar machen.

„Ich möchte die jüdi­sche Kultur in die Öffent­lich­keit bringen!“, wünscht sich , Künst­le­ri­scher Leiter des , voll Begeis­te­rung. „Menschen können völlig unkom­pli­ziert zu uns kommen. Sie kaufen sich eine Karte, kommen ins Konzert, erfahren etwas über das Judentum, und es hat ihnen gefallen oder nicht. Fertig! Man muss sich nicht viele Gedanken machen, wie man zu allem steht.“

Daniel Gross­mann am Pult des von ihm gegrün­deten und gelei­teten Jewish Chamber Orchestra bei der Auffüh­rung von Paul Ben-Heims Music for Strings

Warum Gross­mann sein Projekt so wichtig findet? In wird aus seiner Sicht alles, was das Judentum betrifft, stark auf die Shoa verengt. „Ich verstehe das und finde das auch wichtig“, betont der 42 Jahre alte deut­sche Musiker und Diri­gent. „Aber wenn ich mir anschaue, wie frei in anderen Ländern wie mit dem Thema umge­gangen wird, da gäbe es hier einen Riesen-Aufschrei!“ Als Beispiel nennt er den Humor in Die Simp­sons, die er gerade mit seinen Kindern anschaut. In Deutsch­land gibt es zwar nicht viele, aber doch etliche Juden – in etwa 10.000 –, von deren leben­diger Kultur man jedoch nichts sieht. „Zum Beispiel weiß kein Mensch etwas über jüdi­sche Feste“, beob­achtet Gross­mann. „Ich glaube nicht, dass irgend­je­mand in London, oder Paris über­sehen kann, wenn zum Beispiel gerade jüdi­sches Neujahrs­fest ist. Es muss ja nicht extrem sein, aber ich möchte die jüdi­sche Kultur wenigs­tens ein biss­chen in die Öffent­lich­keit bringen!“ 

Dabei geht Gross­mann nicht zu verkopft, sondern vom Gefühl her vor. Bei der Auswahl der Werke und der Vergabe von Auftrags­kom­po­si­tionen folgt er deshalb auch keinem strengen Katalog: „Zentral ist nicht, ob jemand jüdisch ist oder nicht, sondern ob sich jemand mit Dingen auf eine Art und Weise beschäf­tigt, die mich inter­es­siert.“ Jüdi­sche Iden­tität bedeutet für ihn eine Mischung aus Reli­gion, aber auch aus Kultur unter­schied­li­cher Ausprä­gung. 

Daniel Gross­mann: »Ich iden­ti­fi­ziere mich sehr mit der deut­schen Kultur. Trotzdem ist mir bewusst, ich gehöre nicht zur christ­li­chen Tradi­tion dieses Landes.«

Immer dann, wenn man denkt, etwas würde nicht mehr zum jüdi­schen Themen­kosmos gehören, entdeckt man die span­nendsten Dinge. Etwa beim Kompo­nisten , der mit seinem Judentum wenig am Hut hatte und zum Protes­tan­tismus über­trat. „Aber sich mit seiner Herkunft zu beschäf­tigen, ist unglaub­lich inter­es­sant“, wirbt Gross­mann. Sein Vater ist zum Judentum über­ge­treten, seine Mutter war halb Jüdin, halb Muslima, und sie gehörten zur sephar­di­schen Gemeinde in . Oder , der auch zum Protes­tan­tismus über­ge­treten ist und fana­ti­scher Anhänger der Anthro­po­so­phie war, im Konzen­tra­ti­ons­lager dann aber plötz­lich wieder damit anfing, sich mit seiner jüdi­schen Herkunft zu beschäf­tigen. „Solche Themen inter­es­sieren mich in der vollen Band­breite“, erklärt Grossman „Dazu gehören jüdi­sche Tradi­tionen und jüdi­sche Kompo­nisten, aber auch nicht­jü­di­sche Kompo­nisten, die sich explizit mit jüdi­schen Themen ausein­an­der­setzen. Das können auch Händels Verto­nungen aus dem Alten Testa­ment sein, die natür­lich aus einer sehr christ­li­chen Sicht vertont sind. Trotzdem ist es das Alte Testa­ment, das wir dann mit weiteren Texten anrei­chern und einen jüdi­schen Blick darauf werfen.“

Daniel Grossmann und das JCOM in Augsburg
Daniel Gross­mann und das Jewish Chamber Orchestra beim Neujahrs­kon­zert in
(Foto © Robert Brem­beck)

Gross­mann selbst lebt über­haupt nicht reli­giös. Er wurde athe­is­tisch erzogen und würde sich auch als solches defi­nieren, weshalb die Reli­gion für ihn schon einmal nicht der entschei­dende Punkt ist. Trotzdem spricht er bei sich von einer starken jüdi­schen Iden­tität. „Ich frage mich oft, ob das auch so gewesen wäre, wenn es die Shoa nicht gegeben hätte, und ich gebe offen zu: Ich bin nicht sicher!“ In den 20er- und 30er-Jahren haben sich die Juden in Europa stark assi­mi­liert. Die Kata­strophe hat die jüdi­schen Fami­lien wieder auf ihre Herkunft hinge­stoßen: „Egal, wie sehr man sich assi­mi­liert und mit der Kultur des Landes, in dem man lebt, iden­ti­fi­ziert – wenn es hart auf hart kommt ist man doch ‚nur‘ ein Jude! Deshalb gibt es so viele jüdi­sche Musiker, Künstler und Schrift­steller, die sich damit ausein­an­der­setzen, was jüdi­sche Kultur eigent­lich ist, ohne reli­giös zu sein. Und durch die viel­fäl­tige Herkunft bedeutet es für jede Familie etwas anderes.“

Die Diaspora ist ein weiterer Aspekt: In einer fremden Kultur zu sein, sich mit dieser Kultur aber doch stark zu iden­ti­fi­zieren! Und trotzdem zu wissen: Man gehört hier nicht zur Mehr­heits­kultur. „Ich iden­ti­fi­ziere mich sehr mit der deut­schen Kultur“, verrät Gross­mann „Und mir ist trotzdem sehr bewusst, ich gehöre nicht zur christ­li­chen Tradi­tion dieses Landes. Etwas unter­scheidet mich davon. Und was bedeutet das für mich?“

Daniel Gross­mann: »Ich kann nicht ausklam­mern, dass es in Richard Wagners Kompo­si­tionen anti­se­mi­ti­sche Themen, Tendenzen und Gefühle gibt. Ebenso wenig kann ich ausblenden, dass mich seine Musik extrem berührt.«

Jüdi­sche Musik ist für Gross­mann im engen Sinne nur die rein vokale Musik der Synagoge, insbe­son­dere die osteu­ro­päi­sche synago­gale Musik. Die Musik, die in Deutsch­land entstand, etwa von Louis Lewan­dowski, sei zu stark geprägt von der christ­li­chen Musik. „Ich erkenne da nicht das jüdi­sche Element!“ Insbe­son­dere viele israe­li­sche Kompo­nisten sind wiederum von der synago­galen Musik beein­flusst. „Da könnte man schon wieder fragen, ist das jüdi­sche Musik oder israe­li­scher Stil?“ Gross­mann findet es schwierig, dass alles, was ein jüdi­scher Kompo­nist schreibt, per se jüdi­sche Musik ist – genauso ist nicht jede von einem Christen geschrie­bene Musik christ­lich.

Einen Lieb­lings­kom­po­nisten hat Gross­mann nicht, er liebt Beet­hoven und Mozart ebenso wie Bach und Wagner, aber auch die Musik von weniger bekannten Kompo­nisten wie oder Alex­ander von Zemlinsky. Dabei faszi­niert ihn die Beschäf­ti­gung mit dem immer Neuen: „Im Gegen­satz zu vielen anderen Diri­genten, diri­giere ich perma­nent Musik, die ich nicht kenne. Es gibt nur selten Werke, die ich mehr­mals aufführe!“

Daniel Grossmann und das JCOM
Daniel Gross­mann und das Jewish Chamber Orchestra bei der Auffüh­rung von Georg Fried­rich Händels Orato­rium Jeftah in der -Hofkirche München 1996
(Foto: © Thomas Dashuber)

Und er mag wirk­lich ? Kann man Musik und Ideo­logie trennen? „Natür­lich hätte ich es lieber gehabt, wenn Richard Wagner kein Anti­semit gewesen wäre“, betont Gross­mann „Nun war er nun mal Anti­semit, und ich kann das nicht ausklam­mern, und ich kann auch nicht ausklam­mern, dass es in seinen Kompo­si­tionen anti­se­mi­ti­sche Themen, Tendenzen und Gefühle gibt. Ebenso wenig kann ich ausblenden, dass mich seine Musik extrem berührt.“ Thema­ti­sieren sollte man Wagners Haltung trotzdem, denn Gross­manns Erfah­rung nach hat kaum jemand Wagners Schrift Das Juden­thum in der Musik wirk­lich gelesen, nach deren Lektüre man erst das Ausmaß seiner Gesin­nung erkennt. Die Debatte, ob Wagner über­haupt aufge­führt werden sollte, versteht Gross­mann aus deut­scher Sicht trotzdem nicht, in Israel sei das etwas anderes: „Dort sollen die Holo­caust-Über­le­benden davor geschützt werden, Flash­backs oder trau­ma­ti­sche Erin­ne­rungen zu haben. Das ist aber eine Debatte, die in Israel geführt werden muss, da mische ich mich nicht ein.“

Wo man die Grenze zieht zwischen frag­wür­diger Ideo­logie eines Menschen und trotzdem guter Kunst, ist bis heute schwierig. Darf man Werke eines Künst­lers aufführen, der ein unglaub­li­cher Macho ist, die eines Anti­se­miten jedoch nicht? Daniel Gross­mann setzt den großen Bruch 1933 an. Auch wenn Wagner den Anti­se­mi­tismus ideo­lo­gisch voran­ge­trieben hat, was nicht zu verharm­losen ist, macht es einen Unter­schied, ob man die Urka­ta­strophe, das echte Zum-Täter-Werden bewusst miter­lebt hat oder nicht. Gross­mann dazu: „Wenn sich heute jemand uner­träg­lich anti­se­mi­tisch oder auf sons­tige Weise rassis­tisch äußert oder Verschwö­rungs­theo­rien in die Welt setzt, spricht er in vollem Bewusst­sein dessen, wozu das führen kann. So ähnlich ist es jetzt nach #MeToo auch. Nachdem klar wurde, wie Frauen aufs Übelste sexuell ange­gangen wurden, ist es etwa anders zu sagen: Ey, habt euch nicht so!“

Zum Fest­jahr #2021 JLID – Jüdi­sches Leben in Deutsch­land plant das Jewish Chamber Orchestra zwei große Projekte: Am 19. Juli 2021 soll es in der Phil­har­monie am Gasteig in München ein Fest­kon­zert mit einem Quer­schnitt durch die jüdi­sche Musik­kultur in Deutsch­land seit dem 19. Jahr­hun­dert geben. Außerdem will Gross­mann die Synago­gen­tournee durch Baye­ri­sche Land­syn­agogen wieder aufnehmen, mit der das Orchester bereits 2019 losstar­tete. Damit soll Jüdi­sches Leben in diese Synagogen zurück­ge­bracht werden, die aktuell zwar als Kultur­räume, aber nicht explizit als jüdi­sche Kultur­räume genutzt werden.

Für das Fest­jahr wünscht sich Gross­mann, dass es mehr sicht­bares jüdi­sches Leben in Deutsch­land gibt. Aber wirk­lich als Leben! „Nicht wieder so ein Kreis für christ­lich-jüdi­sche Zusam­men­ar­beit, das hat so etwas Bemühtes! Ich wünsche mir mehr lockere, witzige, unbe­schwerte Projekte!“

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Website des Jewish Chamber Orchestras: www.jcom.de
YouTube-Kanal des Jewish Chamber Orchestras: www.jcomtv.de

Fotos: Thomas Dashuber