Daniel Hope trifft Philip Krippendorff Der Ton ist rauer geworden

Steckt die klassische Musik in einer Krise? Oder haben sich nur die Wege geändert, für Hörer und Künstler? Daniel Hope im Gespräch mit Philip Krippendorff, Leiter der Agentur „for artists“.

Daniel Hope: Oscar Wilde soll einmal gesagt haben „Es ist schlimm, wenn alle über einen reden, aber es ist noch schlimmer, wenn keiner über einen redet.“ Wie wahr ist das heutzutage?

Phil­ip Krip­pen­dorff: Gute Fra­ge! Ich glau­be, das ist heu­te sehr viel dif­fi­zi­ler als noch vor ein paar Jah­ren. Die Medi­en­land­schaft hat sich so sehr ver­än­dert, dass man das nicht in einem Satz beschrei­ben kann. Ich wür­de Oscar Wil­de hin­sicht­lich tra­di­tio­nel­ler Medi­en recht geben. Aber der Soci­al-Media-Bereich hat sich stark ent­wi­ckelt und ist unglaub­lich schwer zu kon­trol­lie­ren. Inso­fern bin ich vor­sich­tig, das zu beja­hen.

Deine Agentur for artists, die du mit Maren Borchers führst, liest sich wie ein „Who’s who“ der klassischen Musik. Ihr habt viele etablierte Künstler unter Vertrag, aber auch Vertreter der jüngeren Generation. Was sagst du einem Künstler, der fordert, er hätte gern mehr Publizität?

Unse­re Arbeit ist nicht ein­fach nur Presse­arbeit in dem Sin­ne, dass wir Jour­na­lis­ten anru­fen und Ter­mi­ne durch­ge­ben. Unse­re Arbeit ist es, Geschich­ten zu ent­de­cken. Die kann es schon geben, aber sie sind noch nicht erzählt, oder aber sie wer­den mit den Künst­lern erst noch ent­wi­ckelt. Und das hat letzt­lich nichts damit zu tun, ob der Künst­ler eta­bliert oder noch jung ist.

Die gro­ßen Musik­kri­ti­ker ster­ben aus und es gibt wenig Nach­wuchs“

Hat sich die Medienlandschaft in den letzten fünf Jahren radikal verändert?

Ja. Zwar ist die Situa­ti­on in Deutsch­land immer noch luxu­ri­ös, weil wir rela­tiv vie­le Musik­ma­ga­zi­ne haben. Doch der Markt ist geschrumpft. Die gro­ßen Musik­kri­ti­ker ster­ben aus und es gibt wenig Nach­wuchs. Das hat natür­lich auch mit der Leser­schaft zu tun – der Bedarf hat sich ver­än­dert.

Wie beurteilst du das Phänomen, dass Künstler nur über das Internet bekannt werden? Wird sich der Trend halten?

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Jeder Zugang zur klas­si­schen Musik ist mir recht. Wenn es ein Publi­kum gibt, das sei­ne Infor­ma­ti­on haupt­säch­lich über das Inter­net speist, habe ich nichts dage­gen. Wich­tig wäre die Fra­ge: Wie ver­knüpft man das media­le Inter­es­se mit Kon­zer­ten? Kom­men die Zuschau­er, die sich Infor­ma­tio­nen aus dem Inter­net holen, auch in die Kon­zer­te?

Ich glaube, nur teilweise. Es gibt Instagram-Künstler, die über eine Million Follower haben. Die nehmen sie natürlich immer mit – rein virtuell. Im Konzertsaal aber sind die kaum präsent.

Das stimmt. Aber es gibt auch die gegen­teiligen Bei­spie­le, bei denen Künst­ler ihre Fol­lo­wer nur anstup­sen müs­sen, und schon kom­men die ins Kon­zert. Die­ses Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel kann viel effek­ti­ver sein.

Die Medi­en ste­hen enorm unter Druck, was Zuhö­rer und Zuschau­er angeht“

Wir sind hier auf Schloss Neuhardenberg, wo ich eine einwöchige Music Academy für junge Künstler veranstaltet habe. Der jüngste Teilnehmer ist 13, der älteste 27. Du hast für sie gestern einen fast dreistündigen Workshop gehalten. Wie ist dein Gefühl für die kommende Generation? Ist sie bereit mitzugehen, hat sie Chancen?

Es gehört mehr dazu als zu sagen, dass die klas­si­sche Musik in der Kri­se steckt und dass es nur noch ein paar Jah­re dau­ert … Das glau­be ich nicht. Ich glau­be, dass sich die Wege ändern. Nicht nur die Rezi­pi­en­ten ver­än­dern sich in ihrer Art und dar­in, wie sie Musik anneh­men. Auch die Musi­ker ent­de­cken ganz ande­re Wege, weil sie aus der­sel­ben Genera­ti­on sind. Ich hab da sehr gro­ße Hoff­nun­gen. Es gibt unter­schied­lichs­te Vari­an­ten zum klas­si­schen Kon­zert und für Musi­ker, sich zu pro­fi­lie­ren und auch hier neue Zuschau­er zu fin­den. Ich bin opti­mis­tisch, glau­be aber, es wird ein rela­tiv lan­ger Pro­zess sein, bis sich die­ser neue Weg tat­säch­lich eta­bliert.

Ich habe neulich zufällig eine Aufnahme des Sibelius-Violinkonzerts im Radio gehört, die Kritiker „blind“ besprechen sollten. Sie wurde zerrissen, ohne zu wissen, wer spielt. Es war die legendäre Aufnahme einer sehr berühmten Geigerin. Als die Kritiker das erfuhren, gingen sie teils noch härter mit ihr ins Gericht. Ist der Ton rauer geworden?

Die Medi­en ste­hen enorm unter Druck, was Zuhö­rer und Zuschau­er angeht. Das ist ja nicht nur in der Kul­tur so, son­dern auch in der Poli­tik und ande­ren Berei­chen. Es geht immer öfter dar­um, laut und pro­vo­kant zu sein, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen.

Menahem Pressler hat mir gesagt: Eine gute Kritik – frame it, eine schlechte – burn it. And don’t believe either. Was rätst du, wie Künstler mit Kritik umgehen sollen?

Das sind Erfah­run­gen, die Künst­ler selbst machen müs­sen. Fragt mich ein Künst­ler, sage ich immer: Lies kei­ne Kri­ti­ken! Die kön­nen immer in bei­de Rich­tun­gen los­ge­hen. Mei­ne Emp­feh­lung: Nimm dir jeman­den, der für dich die Kri­ti­ken liest und sie dir dann wei­ter­gibt. Das hat nichts mit Zen­sur zu tun, son­dern mit Schutz. Die Künst­ler soll­ten sich einen Bereich auf­bau­en, der wirk­lich nur krea­ti­ver Frei­raum ist und nicht von äuße­ren Impul­sen beein­flusst wird.

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