Daniel Hope trifft Philip Krippendorff

Der Ton ist rauer geworden

von Daniel Hope

6. Dezember 2018

Steckt die klassische Musik in einer Krise? Daniel Hope im Gespräch mit Philip Krippendorff, Leiter der Agentur „for artists“.

Steckt die klas­si­sche Musik in einer Krise? Oder haben sich nur die Wege geän­dert, für Hörer und Künstler? Daniel Hope im Gespräch mit Philip Krip­pen­dorff, Leiter der Agentur „for artists“.

Daniel Hope: Oscar Wilde soll einmal gesagt haben „Es ist schlimm, wenn alle über einen reden, aber es ist noch schlimmer, wenn keiner über einen redet.“ Wie wahr ist das heut­zu­tage?

: Gute Frage! Ich glaube, das ist heute sehr viel diffi­ziler als noch vor ein paar Jahren. Die Medi­en­land­schaft hat sich so sehr verän­dert, dass man das nicht in einem Satz beschreiben kann. Ich würde Oscar Wilde hinsicht­lich tradi­tio­neller Medien recht geben. Aber der Social-Media-Bereich hat sich stark entwi­ckelt und ist unglaub­lich schwer zu kontrol­lieren. Inso­fern bin ich vorsichtig, das zu bejahen.

Deine Agentur for artists, die du mit Maren Borchers führst, liest sich wie ein „Who’s who“ der klas­si­schen Musik. Ihr habt viele etablierte Künstler unter Vertrag, aber auch Vertreter der jüngeren Genera­tion. Was sagst du einem Künstler, der fordert, er hätte gern mehr Publi­zität?

Unsere Arbeit ist nicht einfach nur Presse­arbeit in dem Sinne, dass wir Jour­na­listen anrufen und Termine durch­geben. Unsere Arbeit ist es, Geschichten zu entde­cken. Die kann es schon geben, aber sie sind noch nicht erzählt, oder aber sie werden mit den Künst­lern erst noch entwi­ckelt. Und das hat letzt­lich nichts damit zu tun, ob der Künstler etabliert oder noch jung ist.

„Die großen Musik­kri­tiker sterben aus und es gibt wenig Nach­wuchs“

Hat sich die Medi­en­land­schaft in den letzten fünf Jahren radikal verän­dert?

Ja. Zwar ist die Situa­tion in immer noch luxu­riös, weil wir relativ viele Musik­ma­ga­zine haben. Doch der Markt ist geschrumpft. Die großen Musik­kri­tiker sterben aus und es gibt wenig Nach­wuchs. Das hat natür­lich auch mit der Leser­schaft zu tun – der Bedarf hat sich verän­dert.

Wie beur­teilst du das Phänomen, dass Künstler nur über das Internet bekannt werden? Wird sich der Trend halten?

Jeder Zugang zur klas­si­schen Musik ist mir recht. Wenn es ein Publikum gibt, das seine Infor­ma­tion haupt­säch­lich über das Internet speist, habe ich nichts dagegen. Wichtig wäre die Frage: Wie verknüpft man das mediale Inter­esse mit Konzerten? Kommen die Zuschauer, die sich Infor­ma­tionen aus dem Internet holen, auch in die Konzerte?

Ich glaube, nur teil­weise. Es gibt Insta­gram-Künstler, die über eine Million Follower haben. Die nehmen sie natür­lich immer mit – rein virtuell. Im Konzert­saal aber sind die kaum präsent.

Das stimmt. Aber es gibt auch die gegen­teiligen Beispiele, bei denen Künstler ihre Follower nur anstupsen müssen, und schon kommen die ins Konzert. Dieses Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel kann viel effek­tiver sein.

„Die Medien stehen enorm unter Druck, was Zuhörer und Zuschauer angeht“

Wir sind hier auf Schloss Neuhar­den­berg, wo ich eine einwö­chige Music Academy für junge Künstler veran­staltet habe. Der jüngste Teil­nehmer ist 13, der älteste 27. Du hast für sie gestern einen fast drei­stün­digen Work­shop gehalten. Wie ist dein Gefühl für die kommende Genera­tion? Ist sie bereit mitzu­gehen, hat sie Chancen?

Es gehört mehr dazu als zu sagen, dass die klas­si­sche Musik in der Krise steckt und dass es nur noch ein paar Jahre dauert … Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass sich die Wege ändern. Nicht nur die Rezi­pi­enten verän­dern sich in ihrer Art und darin, wie sie Musik annehmen. Auch die Musiker entde­cken ganz andere Wege, weil sie aus derselben Genera­tion sind. Ich hab da sehr große Hoff­nungen. Es gibt unter­schied­lichste Vari­anten zum klas­si­schen Konzert und für Musiker, sich zu profi­lieren und auch hier neue Zuschauer zu finden. Ich bin opti­mis­tisch, glaube aber, es wird ein relativ langer Prozess sein, bis sich dieser neue Weg tatsäch­lich etabliert.

Ich habe neulich zufällig eine Aufnahme des Sibe­lius-Violin­kon­zerts im Radio gehört, die Kritiker „blind“ bespre­chen sollten. Sie wurde zerrissen, ohne zu wissen, wer spielt. Es war die legen­däre Aufnahme einer sehr berühmten Geigerin. Als die Kritiker das erfuhren, gingen sie teils noch härter mit ihr ins Gericht. Ist der Ton rauer geworden?

Die Medien stehen enorm unter Druck, was Zuhörer und Zuschauer angeht. Das ist ja nicht nur in der Kultur so, sondern auch in der Politik und anderen Berei­chen. Es geht immer öfter darum, laut und provo­kant zu sein, um Aufmerk­sam­keit zu erregen.

Menahem Pressler hat mir gesagt: Eine gute Kritik – frame it, eine schlechte – burn it. And don’t believe either. Was rätst du, wie Künstler mit Kritik umgehen sollen?

Das sind Erfah­rungen, die Künstler selbst machen müssen. Fragt mich ein Künstler, sage ich immer: Lies keine Kritiken! Die können immer in beide Rich­tungen losgehen. Meine Empfeh­lung: Nimm dir jemanden, der für dich die Kritiken liest und sie dir dann weiter­gibt. Das hat nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Schutz. Die Künstler sollten sich einen Bereich aufbauen, der wirk­lich nur krea­tiver Frei­raum ist und nicht von äußeren Impulsen beein­flusst wird.

Fotos: privat