Südtiroler Bergkulisse bei I Suoni delle Dolomiti
Foto: Daniele Lira

Viele Musikfestivals verlegen Konzerte in luftige Höhen. Für das Publikum bedeutet das ein völlig neues Erlebnis, für Künstler und Veranstalter eine akustische Herausforderung.

Majes­tä­ti­sche Berg­land­schaf­ten haben so man­chen Kom­po­nis­ten zu gro­ßen Wer­ken inspi­riert. In Richard Strauss’ Alpen­sin­fo­nie hört man das Rau­schen eines Was­ser­falls, bevor der Wan­de­rer über blu­mi­ge Wie­sen und durch unweg­sa­mes Dickicht den Gip­fel erreicht und in ein Gewit­ter gerät. In sei­ner Ton­dich­tung ver­ar­bei­te­te Strauss Jugend­er­in­ne­run­gen an einen Auf­stieg auf den Heim­gar­ten, einen der Münch­ner Haus­ber­ge. In Toblach im Pus­ter­tal, wo er unter ande­rem sei­ne Neun­te Sin­fo­nie schrieb, schwärm­te Gus­tav Mah­ler beim Blick auf die Dolo­mi­ten: „Hier ist es wun­der­herr­lich und repa­riert ganz sicher Leib und See­le.“

Im Gegen­satz zu Strauss und Mah­ler kön­nen Gäs­te von Klas­sik­fes­ti­vals Musik im Gebir­ge heu­te nicht nur in der Fan­ta­sie erle­ben. Ver­an­stal­ter fol­gen dem weit ver­brei­te­ten Trend, Kon­zer­te an unge­wohn­te Orte zu ver­le­gen. Kul­tur und Tou­ris­mus för­dern sich dabei gegen­sei­tig. Beim Richard Strauss Fes­ti­val in Gar­misch-Par­ten­kir­chen beglei­ten in die­sem Som­mer ein Trom­pe­ter und ein Posau­nist eine Musik­wan­de­rung durch die Part­nach­klamm. Unter dem Mot­to „Von der Renais­sance zum Rosen­ka­va­lier“ lädt das Fes­ti­val außer­dem auf die Son­nen­alm ein, die mit der Wank­bahn oder zu Fuß zu errei­chen ist. Das Ensem­ble Munich Ope­ra, das aus den acht Hor­nis­ten des Baye­ri­schen Staats­or­ches­ters besteht, spielt auf einer Ter­ras­se vor der beein­dru­cken­den Kulis­se der Zug­spit­ze. Beim Oberst­dor­fer Musik­som­mer kann man Kam­mer­en­sem­bles auf dem Nebel­horn und bei Son­nen­un­ter­gang an der Gip­fel­sta­ti­on des Fell­horns lau­schen. Und der Süd­ti­ro­ler Berg­stei­ger­chor Cas­ti­on Faver singt an der Sta­ti­on Schlap­pold­see.

Im Gegen­satz zu Strauss und Mah­ler kön­nen Gäs­te von Klas­sik­fes­ti­vals Musik im Gebir­ge heu­te nicht nur in der Fan­ta­sie erle­ben“

Wäh­rend man auf dem Fell­horn ohne zu schwit­zen mit der Berg­bahn ans Ziel kommt, hat die sty­ri­ar­te in der öster­rei­chi­schen Stei­er­mark Wan­de­run­gen für kon­di­ti­ons­stär­ke­re Gäs­te im Pro­gramm. 600 Höhen­me­ter sind auf einer neun Kilo­me­ter lan­gen „Land­par­tie“ zu über­win­den, die wahl­wei­se früh­mor­gens oder am Nach­mit­tag durch den Natio­nal­park Gesäu­se führt. Zur Beloh­nung gibt es dann im Gebir­ge Live-Musik von Alp­horn­blä­sern, Flö­tis­tin­nen und einem Vokalt­rio.

ANZEIGE



Das Gstaad Menu­hin Fes­ti­val in der Schweiz fin­det in die­sem Jahr sogar unter dem The­men­schwer­punkt „Alpen“ statt. Inten­dant Chris­toph Mül­ler spricht in sei­nem Vor­wort von einer „magi­schen“ Anzie­hungs­kraft, die Ber­ge im Zeit­al­ter der Beschleu­ni­gung und welt­wei­ten Ver­net­zung auf Stress­ge­plag­te aus­üben. Die meis­ten Kon­zer­te fin­den aller­dings in Kir­chen und im Fes­ti­val­zelt statt. Anders als bei frü­he­ren Aus­ga­ben ist ein Glet­scher­kon­zert in die­sem Jahr nicht vor­ge­se­hen. Dafür tritt auf der Alp Züne­weid auf einer Höhe von rund 1.600 Metern ein Blech­blä­ser­quin­tett auf.

Wie Mül­ler im Inter­view erklärt, sucht er neben den Haupt­spiel­stät­ten auch typi­sche Orte in der Regi­on aus, an denen die Ver­bin­dung von Natur und Musik am schöns­ten zum Aus­druck kom­me. Was die Akus­tik betrifft, so räumt er rasch ein, dass bei Frei­luft­kon­zer­ten Abstri­che gemacht wer­den müss­ten. „Man besucht sol­che Ver­an­stal­tun­gen ja nicht in ers­ter Linie wegen des Klang­er­leb­nis­ses. Dafür haben wir unse­re Kir­chen, die für ihre Akus­tik berühmt sind.“ Die Beson­der­heit der Kon­zer­te im Gebir­ge erkennt Mül­ler eher dar­in, dass die übli­che Tren­nung zwi­schen Büh­ne und Zuschau­er­raum auf­ge­ho­ben sei. „Die Hörer sind den Musi­kern ganz nah. In Wan­der­schu­hen und Sport­dress lässt es sich wun­der­bar mit­ein­an­der über Musik und die Welt dis­ku­tie­ren.“

In Wan­der­schu­hen und Sport­dress lässt es sich wun­der­bar mit­ein­an­der über Musik und die Welt dis­ku­tie­ren“

Und wie gehen die auf­tre­ten­den Musi­ker mit der unge­wohn­ten Situa­ti­on um? „Wer nicht bereit ist, sol­che Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen, spielt halt nicht dort“, sagt der Inten­dant, der von Haus aus Cel­list ist. „Gene­rell ver­spü­re ich bei Künst­lern aber eine gro­ße Offen­heit für sol­che For­ma­te.“ Die Gefahr, dass das Gebir­ge zu einer Event­ku­lis­se redu­ziert wird und die Natur dar­un­ter lei­den könn­te, schließt er bei sei­nem Fes­ti­val aus. „Wir ver­an­stal­ten die­se Kon­zer­te immer in sehr klei­nem Rah­men, mit 80 bis höchs­ten 150 Zuhö­rern. Andern­falls wür­de die beson­de­re Stim­mung gar nicht erst auf­kom­men.“

Mit dem Goe­the-Zitat „Über allen Wip­feln ist Ruh“ will das Davos Fes­ti­val in Grau­bün­den sei­ne Besu­cher zu einer Wan­der­tour ani­mie­ren, die vom Jakobshorn (2.590 m) berg­ab­wärts über die Cla­va­de­ler Alp (2.005 m) zur Kir­che Frau­en­kirch (1.505 m) führt. Zum Aus­gangs­punkt gelangt man mit einer Bahn. Die Kon­zer­te auf der tra­di­tio­nel­len Fes­ti­val­wan­de­rung, die jedes Jahr ihre Rou­te ändert, fin­den in Innen­räu­men statt. Im Restau­rant der Gip­fel­sta­ti­on singt zunächst der Kam­mer­chor des Fes­ti­vals, der die gesam­te Tour beglei­tet. Wie bei vie­len ande­ren Kon­zer­ten im Gebir­ge ist auch hier ein Blä­ser­en­sem­ble dabei, das im Kel­ler eines Käse­rei­ho­fes spielt, bevor der Aus­flug bei Musik in der Kir­che endet. Bei höchs­tens 50 bis 60 Zuhö­rern kann man auch hier nicht von einer Mas­sen­ver­an­stal­tung spre­chen.

Ein bewuss­tes und umwelt­ver­träg­li­ches Natur- und Musik­erlebnis in klei­nem Kreis bie­tet auch das Fes­ti­val Die Klän­ge der Dolo­mi­ten in Süd­ti­rol. Künst­ler und Publi­kum kom­men sich beim Wan­dern durch die male­ri­sche Berg­welt des Tren­ti­no näher als in jedem her­kömm­li­chen Kon­zert­saal. Albrecht May­er, Solo-Obo­ist der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, war im ver­gan­ge­nen Som­mer ganz unge­wohnt auf einer Berg­wie­se im Natur­schutz­park Ada­mel­lo-Bren­ta zu hören, beglei­tet von dem Kam­mer­mu­sik­ensem­ble Zan­do­n­ai aus Tren­to. In einem Video auf You­tube ist zu sehen, wie die Musi­ker, die sich durch Hüte vor Son­nen­stich schütz­ten, ein Pro­gramm aus Klas­sik, Film­mu­sik, Tan­go und Pop auf­füh­ren. Die Gei­ge­rin Isa­bel­le Faust nahm bereits an einer Trek­king-Tour durch die Ceve­da­le-Grup­pe teil, die bis auf über 3.000 Meter Höhe führ­te. Mit einer Son­nen­bril­le auf der Nase spiel­te sie vor schnee­be­deck­ten Gip­feln gemein­sam mit dem künst­le­ri­schen Fes­ti­val­lei­ter Mario Bru­nel­lo. Der Cel­list aus Vene­ti­en, der 1986 als ers­ter Ita­lie­ner den Tschai­kow­sky-Wett­be­werb in Mos­kau gewann, kennt die Ber­ge von klein auf wie sei­ne Wes­ten­ta­sche. Er ist davon über­zeugt, dass Musik und Natur für­ein­an­der geschaf­fen sei­en. „Das Pro­fil der Dolo­mi­ten ähnelt dem Noten­bild in einem Prä­lu­di­um von Bach“, schreibt Bru­nel­lo in sei­nem Buch „Fuo­ri con la musi­ca“ (Drau­ßen mit der Musik). Und den Klang sei­nes Instru­ments ver­glich er ein­mal mit der Son­ne, die früh­mor­gens über den Gip­feln sei­ner gelieb­ten Dolo­mi­ten auf­geht.

Vorheriger ArtikelDie außermusikalischen Klänge im Raum ?
Nächster ArtikelSinfonien aus Stein und Stahl
Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here